Parag Agrawal: Twitter-CEO ist der schwierigste Job im Silicon Valley
Parag Agrawal ist seit mehr als zehn Jahren im Unternehmen und war CTO, bevor er im November zum Chef aufstieg.
Foto: imago images/ZUMA WireSan Francisco, New York. Auf den ersten Blick wirkt alles harmonisch. Mit freundlichen Worten begrüßt Twitter-Chef Parag Agrawal am Dienstag den Aufstieg von Tesla-Chef Elon Musk in den Verwaltungsrat der Plattform. Musk antwortet, er freue sich auf die Zusammenarbeit. Dabei dürfte die Zusammenarbeit alles andere als harmonisch verlaufen.
Als Twitter-Mitgründer Jack Dorsey im November den Chefposten an Agrawal übergeben hatte, reagierte Musk mit einem manipulierten Foto, bei dem der Kopf von Agrawal auf ein Bild von Diktator Josef Stalin gesetzt worden war. Am Dienstag kündigte Musk „signifikante Verbesserungen für Twitter innerhalb der kommenden Monate an“. Mehrfach warf Musk der Plattform vor, die Meinungsfreiheit einzuschränken.
Der 37 Jahre alte Agrawal steht für einen anderen Kurs. Er hatte Twitter einen Kurs vorgeschrieben, bei dem die Plattform entschieden gegen Falschinformationen vorgeht.
In einem Interview mit dem Magazin „MIT Technology Review“ hatte Agrawal gesagt: „Unsere Aufgabe ist es, für eine gesunde öffentliche Diskussion zu sorgen, und unsere Schritte spiegeln die Dinge wider, die unserer Meinung nach zu einer gesünderen öffentlichen Diskussion führen.“
Die Aufgabe von Twitter sei hingegen nicht, die volle Meinungsfreiheit aus der US-amerikanischen Verfassung zu garantieren, hatte Agrawal ausgeführt und damit Kritik gerade von konservativen Abgeordneten auf sich gezogen.
Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine hatte Agrawal seinen Kurs bekräftigt und ein striktes Vorgehen gegen Falschinformationen angekündigt. Dabei musste Twitter mehrfach zurückrudern, da Accounts von Analysten und Experten fälschlicherweise gesperrt worden waren, die über die Entwicklung des Krieges berichtet hatten.
Auch auf persönlicher Ebene sind Agrawal und Musk sehr unterschiedlich. Agrawal will eine neue Form von CEO eines US-Technologieunternehmens verkörpern. Als Konzerne wie Apple, Google oder Facebook eine Büropflicht für ihre Mitarbeitenden ankündigten, ging Agrawal genau den entgegengesetzten Weg. Er versprach, keinen Arbeitsort vorzuschreiben. „Ihr könnt dort arbeiten, wo ihr euch am produktivsten und kreativsten fühlt“, schrieb Agrawal an die Belegschaft.
20 Wochen bezahlte Elternzeit unabhängig vom Geschlecht
Agrawal ist verheiratet, seine Familie erwartet ihr zweites Kind. Agrawal hat bereits angekündigt, dann „einige Wochen“ in Elternzeit zu gehen. Twitter bietet seinen Angestellten 20 Wochen an bezahlter Elternzeit an, unabhängig vom Geschlecht, was in den USA eine Seltenheit darstellt.
Musk hingegen hatte in der Vergangenheit seine Rolle als Vater heruntergespielt. 2020, nach der Geburt seines Sohnes X Æ A-Xii, antwortete er auf die Frage, wie er in seinem Kalender Zeit für seine Kinder finde, seine Partnerin Grimes spiele „eine sehr viel größere Rolle“ in der Erziehung. „Aktuell kann ich nicht viel machen“, erklärte Musk in der „New York Times“: „Babys sind nur Essen- und Stuhlgang-Maschinen.“ Die Beziehung zur kanadischen Musikerin Grimes ging später auseinander.
Seine Rolle bei Twitter dürfte Musk dafür nutzen, sich in das laufende Geschäft einzuschalten, vermutete Daniel Ives, Managing Director bei der Vermögensverwaltung Wedbush Securities. Dass Musk direkt nach seinem Aufstieg zum größten Einzelaktionär der Posten im Verwaltungsrat angeboten wurde, sei als Versuch zu verstehen, ihn mit offenen Armen zu begrüßen, meinte Ives. „Jetzt ist es an der Zeit, das Popcorn herauszuholen und die Entwicklungen der kommenden Monate mit Musk im Vorstand zu beobachten“, sagte Ives.
Agrawal stammt aus Indien und hat in Stanford Computerwissenschaften studiert und anschließend promoviert. 2011 fing er als Softwareingenieur bei Twitter an. Als CTO verbesserte er die hauseigene Werbeplattform und verantwortete den Start neuer Dienste; als Vorstandschef verkündete er ein ambitioniertes Wachstumsprogramm.
Agrawal versprach nach seinem Antritt, die Entscheidungsfindung zu beschleunigen und zahlreiche neue Produkte auf die Plattform zu bringen. Twitter hat ambitionierte Wachstumsziele: So soll der Jahresumsatz bis Ende 2023 auf 7,5 Milliarden Dollar steigen (2021: 5,0 Milliarden Dollar), außerdem sollen sich dann täglich 315 Millionen Nutzer anmelden.
Aggressive Wachstumsziele
Klar erscheint schon heute: Die aggressiven Wachstumsziele werden das soziale Netzwerk verändern. Twitter funktioniert im Kern immer noch so wie beim Start 2006: Nutzer informieren sich und diskutieren miteinander auf Basis kurzer Textmitteilungen, fallweise ergänzt durch Links, Bilder und Videos. Die größte Veränderung der Plattform war das Anheben der Begrenzung von 140 auf 280 Zeichen je Tweet im Jahr 2017.
Zuletzt hatte Twitter 217 Millionen aktive Nutzer pro Tag, wobei die übergroße Mehrheit der Tweets von einer kleinen Minderheit geschrieben wird. Viele professionelle Twitter-Nutzer – darunter Manager, Politiker und Journalisten – schätzen den Fokus auf die Kernfunktionen, etwa im Vergleich zum über die Jahre aufgeblähten Facebook. Für Twitter ist das jedoch ein Problem: Die Nutzerzahl steigt seit Jahren nur noch langsam.
Agrawal begann schon als CTO damit, den Dienst durch weitere Funktionen zu ergänzen. So wurde ein „Super Follows“ genanntes Feature eingeführt, das manchen Nutzern ermöglicht, von ihren Fans Gebühren für Zusatzmaterial zu berechnen. 2021 startete der Bereich „Twitter Spaces“, ein Audioservice, bei dem Nutzer Livegespräche starten oder ihnen zuhören können – ähnlich zu der in der Coronapandemie gehypten App Clubhouse.
Für Aufsehen sorgte ein Hack im Juli 2020, bei dem 130 Profile von Prominenten kurzzeitig übernommen wurden, darunter jene von Elon Musk, Barack Obama und Bill Gates. Die Hacker nutzten deren Reichweite für unseriöse Werbung für Bitcoin-Investments.
Im Zuge der Coronapandemie erlebte Twitter einen Nutzeranstieg, zum anderen eine zunehmende Politisierung der Diskussionen auf der Plattform. Wiederholt wurde dem Unternehmen vorgeworfen, zu wenig gegen Falschinformationen und Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Pandemie und der Covidimpfung zu unternehmen. Twitter reagierte – und kündigte im März 2020 an, Tweets zu markieren, die Fehlinformationen enthalten. Diese wurden in der Folge zum Teil mit Links zu seriösen Covidinformationen versehen.
Twitter prüft nach eigenen Angaben eine Funktion zur nachträglichen Änderung von Tweets. Daran arbeite man schon seit vergangenem Jahr, teilte der Kurznachrichtendienst am Dienstag mit. Musk hatte am Vortag eine Umfrage unter Usern zur Frage gestartet, ob sie einen Redigier-Knopf wollten. Der Tesla-Chef traf einen Nerv, denn tatsächlich wünschen sich Nutzer diese Funktion schon seit langem.
Twitter betonte jedoch, dass die Idee zum Redigier-Knopf nicht auf Musks Umfrage zurückgehe. Die Funktion werde in den kommenden Monaten im Bezahldienst Twitter Blue getestet. Der Versuch solle der Firma dabei helfen, „in Erfahrung zu bringen, was funktioniert, was nicht, und was möglich ist“. Bis der Redigier-Knopf womöglich kommt, dürfte es also noch eine Weile dauern.
Mit Agenturmaterial