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Programmpaket S/4 Hana Warum viele Kunden bei SAPs Kernprodukt noch zögern

Auch sechs Jahre nach der Einführung haben viele SAP-Kunden Vorbehalte gegen die Geschäftssoftware S/4 Hana. Zwei Beispiele zeigen Stärken und Schwächen.
12.01.2021 - 17:41 Uhr Kommentieren
Noch muss der Konzern viel Überzeugungsarbeit für S/4 Hana leisten. Quelle: AFP
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Noch muss der Konzern viel Überzeugungsarbeit für S/4 Hana leisten.

(Foto: AFP)

Düsseldorf Für SAP ist es ein Prestigeerfolg: Der Onlinehändler Zalando hat in den vergangenen Monaten trotz der Pandemie das Programmpaket S/4 Hana eingeführt – und zwar ohne größere Probleme.

Es ist eine der weltweit größten Installationen des Systems, mit dem Unternehmen betriebswirtschaftliche Prozesse vom Finanzwesen bis zur Lieferkette steuern, was im Fachjargon ERP genannt wird. Viele IT-Chefs dürften das Projekt nun genau studieren.

Derartige Beispiele kann SAP gut gebrauchen: Der Softwarehersteller muss für sein Kernprodukt sechs Jahre nach der Einführung immer noch Überzeugungsarbeit leisten.

Zwar hat er bis Ende September vergangenen Jahres 15.100 Verträge für das 2015 gestartete Programmpaket abgeschlossen, darunter zwischen 30 und 40 Prozent Neukunden, 8100 Organisationen nutzen zumindest Teile davon im Produktbetrieb. Viele der 35.000 Unternehmen, die die Vorgängerversion nutzen, zögern aber noch.

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Standort erkennen

    „Bestandskunden tun sich nach wie vor schwer, den Wert von S/4 Hana zu erkennen“, erklärt das Beratungsunternehmen Gartner. Die Plattform sei zwar modern und leistungsfähig, SAP habe es aber versäumt, Argumente für die Einführung darzulegen. Durch die Coronakrise seien zudem weniger Unternehmen bereit, neue Projekte zu beginnen, die Millionen von Euro kosten und sich nur langfristig bezahlt machen.

    Das ist ein Problem für SAP und Konzernchef Christian Klein: S/4 Hana ist das wichtigste Produkt des Softwareherstellers. Nur wenn die Akzeptanz steigt, wird der Dax-Konzern bis 2025 das Ziel von 36 Milliarden Euro Umsatz erreichen können, wovon 22 Milliarden Euro aus dem Cloud-Computing kommen sollen.

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    „2020 haben viele SAP-Kunden Projekte aufgeschoben, das wird höchstwahrscheinlich auch 2021 so sein“, sagt Holger Schmidt, Analyst beim Bankhaus Metzler. Mittelfristig erwartet er jedoch einen Schub für S/4 Hana: „Die Unternehmen müssen sich für die neue Arbeitswelt aufstellen, ein modernes ERP-System ist dabei ein Faktor.“

    SAP müsse den Kunden und IT-Dienstleistern aber bessere Werkzeuge an die Hand geben, um die Migration zu vereinfachen und zu beschleunigen. Darum habe sich der Konzern erst in den vergangenen zwei Jahren verstärkt gekümmert.

    Bei SAP ist das Problem bekannt. „Wir arbeiten daran mit Hochdruck“, ist in Konzernkreisen zu hören. Hohe Priorität hat für Produktvorstand Thomas Saueressig beispielsweise, das monolithische Programm zu verkleinern und eine modulare Installation zu ermöglichen.

    Konzernchef Klein avisierte im Herbst zudem neue Angebote, mit denen Kunden ihre Geschäftsprozesse analysieren und verbessern können – wodurch sich die Investitionen eher rechnen. Mit weiteren Initiativen ist in diesem Jahr zu rechnen.

    Zwei Beispiele zeigen, was schon gut läuft und wo SAP noch nachbessern muss.

    „Migration ohne echte Überzeugung“: Das Beispiel Etex

    Skepsis herrscht zum Beispiel beim belgischen Baustoffhersteller Etex, der in Deutschland mit der Marke Eternit bekannt ist. „Wir sind ein traditionelles SAP-Haus“, sagt IT-Chef Dirk Altgassen. Ein Großteil des Umsatzes in Höhe von drei Milliarden Euro läuft über die Programme des Softwareherstellers. „Aber die Migration zu S/4 Hana gehen wir bisher ohne echte Überzeugung an.“

    Etex nutzt seit 20 Jahren das SAP-System, um den Verkauf von Faserzement und Fassadenplatten zu steuern sowie die Finanzdaten aus 90 Tochtergesellschaften in der Zentrale zu konsolidieren.

    „S/4 Hana kann nicht so viel mehr“, ist IT-Manager Altgassen überzeugt. Zumal SAP einige Dinge in der neuen Version nur gegen Aufpreis anbietet, etwa weiter gehende Funktionen für Planung und Einkauf. „Ich muss noch Münzen einwerfen, um weitere Funktionalitäten anzuknipsen.“

    Den Wechsel geht Altgassen gezwungenermaßen an: SAP lässt 2027 die reguläre Wartung für das alte Produkt auslaufen, Updates erhalten Kunden bis 2030 nur noch gegen Aufpreis, ab dann gar nicht mehr. Den deutschen Manager ärgert das. „Erst zahle ich mehrere Millionen Euro für Lizenzen, dann jedes Jahr 22 Prozent für die Wartung – und irgendwann ist das nichts mehr wert?“

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    Der CIO kalkuliert mit Kosten in einer Größenordnung von 30 Millionen Euro, wenn er das neue System in allen 90 Gesellschaften einführt. Danach erwartet er zwar einige Einsparungen, etwa in der Finanzabteilung oder im Einkauf, aber nicht in der Höhe. Sein Fazit: „Der Businesscase rechnet sich nicht.“ Und neue Geschäftsmodelle rund um Baustoffe gebe es nur bedingt, wenn man vom Onlinehandel absehe.

    Etex hat mit einem Beratungsunternehmen einen Zeitplan erarbeitet, nun verhandelt das Unternehmen mit SAP über Lizenzen für S/4 Hana. Bis das System läuft, wird es wohl noch einige Jahre dauern.

    Für Altgassen ist das eine missliche Situation: „Cloud-Anbieter wie Salesforce, Workday und Service Now sind sehr aggressiv, die machen in den Geschäftsbereichen tolle Verkaufsshows“, weiß der IT-Manager. „Aber über die Integration zum SAP-System wird nicht geredet.“ Darum muss sich im Zweifel die IT kümmern, wenn die Geschäftsbereiche die Software einkaufen.

    Für SAP heißt das: Bei Kunden wie Etex ist es schwierig, zusätzliche Produkte zu verkaufen, solange S/4 Hana nicht läuft.

    Projekt mit höchster Priorität: das Beispiel Zalando

    Zalando hat sich seit der Gründung 2008 innerhalb weniger Jahre von einem Start-up zu einem Konzern entwickelt – der größte europäische Onlinehändler für Mode gilt mittlerweile als Kandidat für die Aufnahme in den erweiterten Dax.

    Die IT spiele dabei eine zentrale Rolle, berichtet Yuriy Volosenko, der im Management für die Geschäftsanwendungen verantwortlich ist: „Zalando ist ein technologiegetriebenes Unternehmen.“ Ob bei der Plattform, über die inzwischen auch andere Modehäuser ihre Produkte verkaufen können, oder beim Algorithmus, der Kunden auf Basis früherer Bestellungen die passenden Größen vorschlägt.

    Das System für die Steuerung der Geschäftsprozesse rund um Finanzen, Personal und Waren, das seit zehn Jahren zum Einsatz kommt, ist jedoch nicht im gleichen Tempo mitgewachsen. „Die Geschäftsprozesse waren nicht so skalierbar und automatisierbar, wie wir es uns gewünscht hätten“, sagt Volosenko. Bei Monatsabschlüssen mussten die Mitarbeiter beispielsweise häufig manuell eingreifen und Daten zwischen verschiedenen Systemen abstimmen.

    Daher beschloss Zalando 2018, ein neues ERP-System einzuführen. Das war nicht einfach ein technisches Update, sondern ein strategisches Projekt. „Es ging darum, ein bestmögliches Fundament für die nächsten zehn bis 15 Jahre zu schaffen“, sagt Volosenko. Das heißt: für eine massive Automatisierung von Geschäftsprozessen und für Datenanalysen in Echtzeit.

    Die Wahl fiel auf S/4 Hana: Wegen der Innovationen, die das Programm bietet. Wegen der vielen IT-Dienstleister, die auf die Einführung spezialisiert sind. Aber auch wegen der internen Expertise – schon zuvor kam ein ERP-System von SAP zum Einsatz.

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    Damit die Umstellung gelang, arbeitete die IT eng mit Geschäftsbereichen wie der Finanzabteilung zusammen, bis zu 170 Leute waren beteiligt. „Es gab eine Vereinbarung auf höchster Managementebene, dass S/4 Hana absolute Priorität hat, direkt nach der Aufrechterhaltung des Betriebs“, betont der IT-Spezialist. Andere Aufgaben mussten erst mal warten.

    Im Sommer 2020 hat Zalando die Umstellung vollständig vollzogen, und das während der Corona-Pandemie. „Wir sind sehr zufrieden mit der Einführung“, sagt Volosenko. Der Onlinehändler hat die Effizienz in rund 80 Geschäftsprozessen um 20 bis 25 Prozent gesteigert. So kann der Konzern Eingangsrechnungen nun deutlich schneller verarbeiten. Weitere Verbesserungen sind in Arbeit.

    Auf SAP allein verlässt sich Zalando jedoch nicht. Vertrieb und Marketing nutzen die Lösungen von Salesforce, die IT setzt bei neuen Projekten meist die Cloud-Dienste von AWS ein. „Bei SAP liegt unser primärer Fokus auf Finanzprozessen“, sagt Volosenko – Controlling, Buchhaltung und Finance wickelt Zalando mit S/4 Hana ab.

    „SAP muss mehr Unterstützung leisten“

    Wie viele SAP-Kunden nehmen die Sicht von Zalando ein, wie viele die von Etex? Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Lünendonk in Zusammenarbeit mit KPMG und Rödl & Partner, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, vermittelt ein Stimmungsbild.

    Als wichtigsten Grund für die Umstellung nennen 38 Prozent neue Geschäftsanforderungen, weitere 38 Prozent die Modernisierung der IT-Landschaft – aber auch 25 Prozent den Zeitdruck von SAP durch das Auslaufen der Wartung. Befragt wurden 100 Mittelständler und Konzerne.

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    „Gerade in den letzten zwölf Monaten unter Christian Klein hat SAP mehr Fokus auf das Produktportfolio und dagegen etwas weniger Fokus auf den Vertrieb gelegt, das macht sich inzwischen bemerkbar“, sagt Mario Zillmann, Partner bei Lünendonk. Aber es gebe immer noch Potenzial für Verbesserungen – über die konkreten Vorteile von S/4 Hana fühlen sich beispielsweise 29 Prozent der befragten Kunden immer noch schlecht informiert.

    Immerhin: Rund die Hälfte der Unternehmen hat die S-Klasse von SAP zumindest teilweise eingeführt oder mit der Implementierung begonnen. Eine besondere Dringlichkeit beobachtet Zillmann bei Unternehmen, die schnell digitale Absatzkanäle aufbauen mussten oder in denen die Kundenorientierung eine große Rolle spielt – das ERP-System sei dafür eine wichtige Infrastruktur. „Sonst funktionieren die alten Prozesse oftmals auch noch sehr gut.“

    Ein neuer Blick aufs Geschäft ist aus Sicht der Kundenorganisation DSAG bei der Einführung von S/4 Hana unumgänglich. Eine rein technische Umstellung auf die neue Software sei nicht sinnvoll, sagt der DSAG-Vorsitzende Jens Hungershausen: „S/4 Hana wird sich nur rechnen, wenn Unternehmen bei der Einführung die Prozesse schlanker machen.“

    SAP biete bereits gute Programme, um zum Beispiel Daten und Geschäftsprozesse ins neue System zu übertragen. „Doch bei der Transformation des Geschäftsmodells muss SAP noch mehr Unterstützung leisten“, sagt der Manager, der im Hauptberuf die IT beim Großhandelsunternehmen Mega eG leitet.

    Verbesserungen bescheinigt Hungershausen SAP bei der Kommunikation. „Christian Klein formuliert die Zeitpläne und die Strategie klar und eindeutig – das war in der Vergangenheit ein Problem. Um das Vertrauen der Kunden wiederzugewinnen, muss SAP aber jetzt konsistent sein.“

    Fazit:

    Was ergibt sich daraus für SAP? Die wichtigsten Punkte:

    • S/4 Hana ermöglicht es Unternehmen, ihre Prozesse deutlich effizienter zu machen und Daten für die Steuerung des Geschäfts in Echtzeit zu erhalten. Das lohnt sich besonders in Branchen, in denen sich viel verändert.

    • Einige Funktionen, die in alten Programmversionen enthalten sind, bietet SAP in S/4 Hana nicht mehr an – sie sind teils nur gegen Aufpreis erhältlich. Das sorgt unter Kunden für Unmut. Gerade die Cloud-Version verfügt noch über weniger Möglichkeiten.

    • Die Einführung ist aufwendig und beschäftigt große Teile des Unternehmens. So muss die IT eng mit den verschiedenen Geschäftsbereichen zusammenarbeiten. Zudem ist mit erheblichen Kosten zu rechnen.

    • Wenn Unternehmen mit der Einführung von S/4 Hana zögern, ist es für SAP schwierig, ergänzende Produkte zu verkaufen – Lösungen wie Success Factors, Ariba und Concur sind für das Zusammenspiel mit dem neuen System optimiert.

    Mehr: Was wäre, wenn Sie vor 20 Jahren 20 Aktien von SAP gekauft hätten?

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