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Reinhard Ploss im Interview „Die USA versuchen, China auf Abstand zu halten“ – Infineon-Chef warnt vor weltweitem Tech-Konflikt

Der Infineon-Chef erklärt, weshalb der Streit zwischen den USA und China ein Kampf um die technologische Führungsrolle ist – und wie Europas Antwort aussehen sollte.
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Infineon-Chef Reinhard Ploss warnt vor weltweitem Tech-Konflikt Quelle: Reuters
Infineon

„Deutschland sollte definieren, welche Technologiefelder für die hiesige Wirtschaft in Zukunft wichtig sein werden.“

(Foto: Reuters)

München In der Auseinandersetzung zwischen den USA und China geht es nicht nur um Zölle, Handel und Jobs. Immer stärker rückt der Kampf um die technologische Vorherrschaft ins Zentrum. Die USA sorgen sich um ihre bisherige Führungsrolle, die China ihnen streitig machen will, sagt Infineon-Chef Reinhard Ploss im Interview mit dem Handelsblatt. „Die USA versuchen jetzt, China auf Abstand zu halten. Damit ist der Handelskonflikt eigentlich ein Technologiekonflikt.“

Auch auf politischer Seite wächst die Sorge. „Wir können die Globalisierung nicht einfach zurückfahren“, mahnt das Auswärtige Amt. Als Exportnation profitiere gerade Deutschland vom Welthandel. Doch die Lieferketten der IT-Industrie geraten unter Druck.

Infineon-Chef Ploss befürchtet gar die Spaltung der Welt in zwei Technologie-Sphären: „Dann müssen Hersteller wegen unterschiedlicher Vorgaben und Gesetze für US-Kunden die Technologie X einbauen und für China die Technologie Y. Und Europa steht dazwischen.“ Gerade Europa müsse aufpassen, „in dem Wettstreit um die Technologieführerschaft zwischen den USA und China nicht zerrieben zu werden“, warnt Ploss.

Die Bundesregierung ist sich zumindest der Gefahr bewusst. Das Wirtschaftsministerium hebt daher Initiativen zur Sicherung der „technologischen Führungsposition“ Europas hervor, insbesondere Versuche, die Batteriezellfertigung in Deutschland anzusiedeln und die Entwicklung Künstlicher Intelligenz voranzutreiben.

„Der globale Machtkampf wird nicht mehr nur militärisch und wirtschaftlich ausgetragen“, betont Kaan Sahin, Reserach Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). „Neue Technologien sind dabei zu einem übergeordneten Konfliktfeld geworden.“

Hier lesen Sie das ganze Interview mit dem Infineon-Chef:

Herr Ploss, der Handelskonflikt zwischen China und den USA spitzt sich immer weiter zu und erreicht fast im Wochentakt neue Eskalationsstufen. Werden Sie langsam unruhig? 
Natürlich ist es eine schwierige Situation. Aber unruhig werde ich nicht so schnell. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass die handelnden Personen die drohenden Folgen dieses Konflikts für die Weltwirtschaft erkennen und umsteuern werden.

Danach sieht es nicht aus. US-Präsident Trump erhöht den Druck – Peking bewegt sich kaum. 
Das stimmt. Aber sobald der Konflikt – vor allem in den USA – auf die Wirtschaft durchschlägt, wird sich das wahrscheinlich schnell ändern. 

Was bedeutet der Konflikt für die deutsche Wirtschaft? 
Es kann sein, dass sich die Dinge hier noch weiter abkühlen, auch eine Rezession ist in Deutschland nicht ausgeschlossen. Aber um die langfristigen Folgen des Konflikts zu verstehen, müssen wir uns mit seinen Ursachen beschäftigen.

Die da wären? 
Die USA haben seit Jahrzehnten eine technologische Führungsrolle, in die China sich entwickeln will. Die USA versuchen jetzt, China auf Abstand zu halten. Die Volksrepublik hat sich zum Beispiel bei Künstlicher Intelligenz (KI) beeindruckend entwickelt. Dass sich die USA um ihre Spitzenposition sorgen, ist nachvollziehbar. Damit ist der Handelskonflikt eigentlich ein Technologiekonflikt. 

Übersehen Sie da nicht einen wichtigen Teil? Trump geht es auch um die US-Landwirtschaft und Industriejobs. 
Sicher ist das auch ein Aspekt, aber wir sehen eine zunehmende Digitalisierung weiter Teile unseres Lebens, auch dieser Wirtschaftsbereiche. Arbeitsplätze mit der notwendigen Produktivität zu sichern oder neu zu schaffen setzt immer stärker technisches Know-how voraus.

Kann die Strategie der Amerikaner funktionieren, Chinas technologische Ambitionen auf diese Weise einzubremsen? 
China kann nicht ewig nur die Werkbank der Welt bleiben. Das Land muss sich in Richtung Hochtechnologie weiterentwickeln. Aber ich mache mir Sorgen, dass Embargos und Beschränkungen dazu führen, dass die Volksrepublik noch viel schneller versucht, die technologische Souveränität zu erlangen. Das würde allen schaden. 

Was man gerade in der Chipindustrie sieht, wo die Chinesen Milliarden investieren, um unabhängig von Zulieferern aus den USA zu werden, weil die US-Regierung Chipherstellern untersagt, den chinesischen Konzern Huawei zu beliefern. 

Das Unternehmen ist bisher ein Einzelfall. Aber auch davon abgesehen: China hat praktisch keine andere Wahl. Nur wird durch Chinas Ambition, technologisch unabhängig zu werden, ein Überangebot an Technologie auf den Weltmärkten entstehen. Das kann dann zu deutlich sinkenden Preisen führen. Wir haben das gesehen, als in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts chinesische Unternehmen mit großen Investitionen in die Solarindustrie eingestiegen sind. 

Welche Folgen hat diese technologische Spaltung der Welt?
Die Komplexität steigt für alle. Dann müssen Hersteller wegen unterschiedlicher Vorgaben und Gesetze für US-Kunden die Technologie X einbauen und für China die Technologie Y. Und Europa steht dazwischen. 

Ist Europa in diesem Konflikt zu passiv? 
Europas Stärke ist auch seine Schwäche: Vielfalt. Wir sprechen zu wenig mit einer Stimme, zum Beispiel bei technischen Standards oder bei der öffentlichen Beschaffung. Und so schwächen wir auch unsere Position generell. 

Was meinen Sie damit? 
Europa muss aufpassen, in dem Wettstreit um die Technologieführerschaft zwischen den USA und China nicht zerrieben zu werden. Deutschland muss sich mit den europäischen Nachbarn auf strategische Schwerpunkte einigen, auf die wir dann in Zukunft gemeinsam setzen. 

Was wäre so ein Schwerpunkt? 
Zum Beispiel sollte sich Europa mehr darum kümmern, dass die industrielle Basis nicht verloren geht und dass sie sich vielmehr weiterentwickelt. Die Industrie steckt mitten in der digitalen Transformation. Diese Phase der Digitalisierung ist eine große Chance – aber auch ein großes Risiko. Wenn wir die Digitalisierung nicht schaffen, könnte nicht mehr viel bleiben. Um die Transformation erfolgreich zu nutzen, müssen die Unternehmen europaweit viel enger zusammenarbeiten – und sie müssen noch näher bei der Forschung zusammenrücken. Die Digitalisierung bietet auf vielen Feldern enorme Chancen. 

Und zwar? 
Zum Beispiel beim Umweltschutz. Fridays for Future und das Engagement vieler junger Menschen dafür finde ich gut. Europa könnte aus diesem Anforderungs- einen Stärkefaktor machen – und die nächste Generation an Technologien für den Klimaschutz entwickeln. Die könnte ein Exportschlager werden. Die nächste Generation nachhaltiger Technologien – davon bin ich überzeugt – muss dabei helfen, durch Digitalisierung und effizientere Produktion aus weniger mehr zu machen, um der wachsenden Zahl an Menschen auf diesem Planeten ein gutes Leben im Einklang mit der Natur zu ermöglichen. 

Der Handelskonflikt kommt aber auch bei Infineon an. Wie sehr treffen Sie eigentlich die Strafzölle? Immerhin produzieren Sie auch in China. 
Direkt treffen uns die Zölle wenig. Wir exportieren nicht allzu viele Produkte von China in die USA. Indirekt sind wir natürlich betroffen, wenn Elektronikprodukte aus chinesischer Fertigung in Amerika weniger verkauft werden. Auch die Exportkontrollvorschriften der USA können bremsen, wenn wir bestimmte Produkte nicht mehr an unsere Kunden nach China liefern dürfen, weil sie amerikanisches Know-how enthalten. Die gravierendsten Folgen aber hätte es, wenn die Wirtschaft durch den Konflikt weltweit schwächer wird.

Aus der Autoindustrie kommen derzeit vor allem schlechte Nachrichten, die Zulieferer revidieren reihenweise ihre Prognosen. Infineon macht einen Großteil seines Umsatzes mit Halbleitern für die Branche. Wie blicken Sie ins nächste Geschäftsjahr, das am 1. Oktober beginnt? 
Wir geben für das nächste Geschäftsjahr immer im November bei Vorlage der Jahresbilanz unsere Prognose, deswegen kann ich jetzt noch nichts sagen. Allerdings hängen wir auch von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab, und für die erwarten die Konjunkturexperten der großen Institutionen erst für 2020 eine Erholung. 

Große Autozulieferer wie Bosch haben jüngst den Abbau von Jobs angekündigt. Wie reagiert Infineon auf die trübe Stimmung?
Wir sehen derzeit tatsächlich in Teilen unserer Produktion eine größere Unterauslastung. Das führt zu Leerstandskosten und belastet unser Ergebnis. Grund dafür ist ein Wachstumseinbruch. Wir wachsen weiter, nur langsamer. Einen Umsatzeinbruch für den Konzern sehen wir bis jetzt nicht. Aktuell kommen wir daher mit üblichen Maßnahmen aus, zum Beispiel Leiharbeitsverträge nicht zu verlängern oder neue Maschinen später in Betrieb zu nehmen.

Ist Kurzarbeit ein Thema?
Derzeit nicht. Wir müssen auch aufpassen, die Balance zu wahren. Wir müssen heute bremsen, aber gleichzeitig darauf vorbereitet sein, dass die Nachfrage schnell wieder anzieht. Die Krise beim Auto trifft uns im Übrigen auch nicht so hart wie viele andere Zulieferer.

Wieso das? 
Wir merken zwar, dass die Zahl der verkauften Autos sinkt. Produkte wie die Motorsteuerung für den Fensterheber oder der Auslöser für Airbags hängen im Wesentlichen an der Menge der produzierten Fahrzeuge. Gleichzeitig profitieren wir aber von der stark wachsenden Nachfrage nach Komfortfunktionen, etwa Assistenzsysteme zum Einparken oder für das Fahren in Staus.

Neben den politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen steckt auch Ihre Branche in einem tief greifenden Wandel. Eine schwierige Zeit – auch für Sie als CEO. Nun haben Sie vor wenigen Tagen mit 63 Jahren Ihren Vertrag vorzeitig bis Ende 2022 verlängert. Warum tun Sie sich das an? 
Wir haben gerade angekündigt, für neun Milliarden Euro den US-Chiphersteller Cypress kaufen zu wollen. Das Volumen des Deals entspricht fast der Hälfte unserer Marktkapitalisierung. Mitten in der Phase einer solchen Akquisition und der dann notwendigen Integration von Bord zu gehen wäre unverantwortlich gewesen. 

Aber 2022 ist dann endgültig Schluss? 
Die Integration haben wir bis dahin erfolgreich geschafft, davon gehe ich aus. Ich werde dann 67 sein – und niemand ist unentbehrlich. Dann wird auch der richtige Moment sein, um über mögliche Veränderungen im Konzern nachzudenken. 

Inwiefern? 
Die heutige Organisation passt zur Größe, Aufgabenstellung und in gewisser Weise zu mir und dem Rest des Vorstands. Das Unternehmen wird nach der Integration von Cypress aber deutlich größer und mit dem Schritt zu Systemlösungen auch komplexer sein. Da ist es logisch, sich nach erfolgreicher Integration Gedanken über die Strukturen zu machen. 

Wie soll Infineon aussehen, wenn Sie in drei Jahren abtreten? 
Aus meiner Sicht ist es das Wichtigste, dass Infineon die Fähigkeit hat, sich ständig zu wandeln. Heute die richtige Technologie zu haben heißt noch nicht, dass man damit auch in zehn Jahren noch erfolgreich ist. Infineon wird etwa in Zukunft nicht mehr so viele einzelne Komponenten verkaufen, sondern seinen Kunden komplette Systemlösungen anbieten. Nehmen wir das einfache Beispiel einer Waschmaschine: Da braucht man Leistungselektronik, damit der große Motor die Trommel dreht. Ein Mikrocontroller regelt das. Und eine Menge Sensorik überwacht, ob alles richtig läuft. Heute muss sich der Kunde das selbst zusammensuchen, morgen integrieren wir das in einen oder zwei Bausteine, haben die passende Software dazu – und schon ist das fertig.

„Ich schlucke doch keine Giftpillen“
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