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Report „Hamburg ist Meister der Selbsttäuschung“ – Gründerszene rechnet mit Start-up-Metropole ab

Berlin und München laufen Hamburg als Gründerstandort den Rang ab. Auch, weil die Politik vor Ort Fehler gemacht hat. Der Unmut bei den verbliebenen Start-ups wächst.
15.04.2020 - 15:55 Uhr 3 Kommentare
In Hamburg fehlt Tech-Unternehmen vor allem der Zugang zu Fachkräften. Quelle: AFP
Hamburger Hafen

In Hamburg fehlt Tech-Unternehmen vor allem der Zugang zu Fachkräften.

(Foto: AFP)

Hamburg Es war alles bereitet für das typische Hamburger Eigenlob: ein Veranstaltungsraum mit Blick über die Alster und die fünf Hauptkirchen, Mini-Burger und Fritz-Kola, dazu eine bunte Präsentation. Doch die letzte Start-up-Veranstaltung der Wirtschaftsförderer von Hamburg Invest und dem lokalen Büro der Beratung PwC geriet kurz vor dem Corona-Shutdown zur Abrechnung der versammelten Gründerszene mit ihrem Standort.

„Hamburg ist Meister der Selbsttäuschung, was das Tech-Umfeld angeht“, wetterte der Gründer des Navigationssoftware-Anbieters Wunder Mobility, Gunnar Froh. „Das fängt schon bei dem peinlichen Regionalflughafen an.“ Froh ist nicht irgendein frustrierter Gründer, sondern Chef eines der größten und am schnellsten wachsenden Vorzeige-Start-ups der Stadt.

Seine These: Die Stadt ignoriere die Fakten. Es fehlten nachweisbare Erfolge wie große Exits von Gründern. Stattdessen viel „PR-Sprech und Zuckerguss“, auch in der eben erst vorgestellten PwC-Studie. „Ich bin mit meinem Unternehmen nur noch aus privaten Gründen in Hamburg“, sagte Froh.

In der ersten Welle der Internet-Gründungen um das Jahr 2000 galt Hamburg als Deutschlands Internet-Hauptstadt – mit einst klingenden Namen wie Kabel New Media, Pixelpark und Netzpiloten, dazu etwa die Deutschlandzentrale von AOL. Der Höhepunkt dieser ersten, vor allem von Werbern vorangetriebenen Welle ist 20 Jahre her.

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    Die Statistiken zu Investitionen und Neugründungen zeigen, dass Hamburg im aktuellen Boom von Software- und Tech-Start-ups im Deutschland-Vergleich weit abgeschlagen hinter Berlin und München zurückliegt. Zu vielen in der Stadt ist die neue Wirklichkeit noch nicht durchgedrungen.

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    Doch das wäre notwendig, um den Anschluss nicht vollends zu verlieren. Bei den Koalitionsverhandlungen, die Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) in Kürze mit den Grünen beginnen will, dürfte das Thema allenfalls eine Nebenrolle spielen. Auch bei den aktuellen Corona-Hilfen verweist das Rathaus beim Thema Start-ups bislang auf die Bundeshilfen und denkt lieber über Maßnahmen für Musikklubs und Schausteller nach.

    „Bei der Zahl der Neugründungen liegen wir auf Augenhöhe mit Berlin“, sagte Tschentscher erst im Februar im Handelsblatt-Interview. „Hamburg hat im Bundesvergleich immer noch die meisten IT-Beschäftigten, auch wenn einzelne Entscheidungen nicht in unserem Sinn sind.“

    Tatsächlich aber verliert die Stadt sichtbar an Zugkraft – zumindest, wenn es nicht um die reine Zahl von Unternehmensgründungen von der Eisdiele bis zur Autowerkstatt geht, sondern um Start-ups. Laut dem Start-up-Monitor der Beratung EY sank der Zufluss von Risikokapital nach Hamburg im abgelaufenen Jahr gegen den Bundestrend um 54 Prozent auf 254 Millionen Euro.

    „Wir zehren in Hamburg noch sehr von dem, was vor zehn oder 15 Jahren entstanden ist und halten uns kleine Fortschritte zugute. Doch selbst deutlich kleinere Städte wie Riga haben sich deutlich schneller voran entwickelt“, sagt Daniel Barke, Gründer des Freelancer-Vermittlers WorkGenius.

    Zu wenig Talente vor Ort

    Auch bei den großen Spielern aus den USA verliert die Stadt an Bedeutung: Google etwa, das seine offizielle Deutschlandzentrale mit vielen Werbevertrieblern seit vielen Jahren in der Hamburger ABC-Straße hat, stellt in seiner deutschen IT-Entwicklung weitere 1500 Menschen ein – allerdings in München, wo der Konzern ein weltweites Datenschutzcenter aufbaut.

    Auch Apple und Amazon stocken in Bayern und Berlin auf. Das zeigt selbst eine Zugfahrt: An den Gleisen Richtung Münchener Hauptbahnhof liegen die neuen Büros von Google, Scout24 und Citric nebeneinander aufgereiht, bei der Einfahrt nach Hamburg fällt der Blick vor allem auf Neubauwohnungen in der Hafencity.

    Das liegt nicht nur daran, dass Hamburg anders als Berlin und München bereits vor Jahrzehnten versäumt hat, Messe und Flughafen an den Stadtrand zu verlegen und Wirtschaftspolitik allzu oft mit Hafenförderung gleichsetzt. In Hamburg fehlt Tech-Unternehmen vor allem der Zugang zu Fachkräften, die in Berlin regelmäßig von Start-up zu Start-up wechseln und in München stets frisch von der TU kommen.

    „Wir finden kaum Talent vor Ort“, bestätigt Wunder-Gründer Froh. In Hamburg lebten überhaupt nur 5000 infrage kommende Programmierer, rechnet er vor – viel zu wenig. Die Folge: Von zehn Einstellungen im Monat müsse er acht aus dem Ausland locken. Das zeigt selbst die positiv gefärbte PwC-Umfrage unter Start-up-Gründern: „Jeder Dritte bezeichnet den Zugang zu qualifiziertem Personal in Hamburg als schlecht“, sagt PwC-Standortleiter Thorsten Dzulko.

    Eine der Ursachen: die schwache Position der Hamburger Hochschulen bei IT-Studiengängen. Unter den Top-10-Gründerhochschulen ist laut der PwC-Studie keine einzige aus Hamburg. Dafür belegen Hochschulen aus München und Berlin die Plätze eins, drei und vier.

    Dabei ist die Konkurrenz längst nicht nur national. „Unseren Wettbewerb um Talente führen wir nicht mit Berlin, sondern mit London und Amsterdam“, meint Froh. Die Talentsuche sei in Berlin auch deshalb einfacher, weil die Stadt inzwischen internationaler sei, pflichtet ihm WorkGenius-Gründer Barke bei: „In Berlin höre ich viele fremde Sprachen auf der Straße, in Hamburg kaum.“ Selbst zum Welcome Center des Einwohnermeldeamts müssten Mitarbeiter neue Leute ohne Deutschkenntnisse begleiten, um zu übersetzen.

    Die Stadt solle sich konkrete Ziele setzen, etwa die Zahl der Programmierer innerhalb von zehn Jahren zu verzehnfachen, fordert Froh: „Kapital muss nicht wirklich lokal sein. Aber es wäre schon schön, wenn Mitarbeiter öfter mal lokal zu finden wären.“

    Der Mangel führt zu ungewöhnlichen Schritten: Der Anbieter der Lieferantenplattform „Wer liefert Was“, Visable, hat sogar das Berliner Start-up Gebraucht.de gekauft – nicht wegen des Geschäftsmodells, sondern um mit eigenem Team in der Hauptstadt vertreten zu sein. Das soll dem einstigen Buchverlag nach einem Management-Buyout bei der Umwandlung in ein Digitalhaus helfen, indem er vor Ort Zugriff auf Talente und Netzwerke bekommt.

    Die hamburgische Politik hat das Problem des Fachkräftemangels zwar erkannt, aber Lösungen dauern. Das bereits 2017 angekündigte Programm „Ahoi Digital“ sollte 35 zusätzliche Informatik-Professuren schaffen sowie 1500 zusätzliche Studienplätze. Doch eine Kleine Anfrage der CDU-Opposition zeigte Ende 2019: Nur drei Professuren waren berufen, erst 190 Studienplätze entstanden, von 32,9 Millionen Euro zusätzlichem Geld erst fünf Millionen Euro abgerufen worden.

    Das geringe Tempo ist auch deshalb problematisch, weil öffentliche Initiative in Hamburg Lücken füllen muss, die etwa in Berlin private Akteure füllen. Während in der Hauptstadt Konzerne wie die Deutsche Telekom, Beratungen wie Roland Berger und Gründernetzwerke eigene Start-up-Zentren und Begegnungsplätze aufbauen, müssen in der Hansestadt öffentliche Akteure einspringen.

    In unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof bauen etwa Kräne derzeit den US-Pavillon von der Mailänder Weltausstellung Expo wieder auf. Das dort entstehende Projekt „Hammerbrooklyn“, benannt nach einem Hamburger Stadtteil, soll ebenfalls Start-ups und Konzerne vernetzen.

    Getragen wird das Projekt jedoch nicht von der Internet-Wirtschaft, sondern nach langwierigen Verhandlungen von einer Stiftung – mit dabei das Wirtschaftsinstitut HWWI und ein Immobilieninvestor sowie Roland-Berger-Digitalchef Björn Bloching und Werber Mathias Müller-Using. Zu den ersten Nutzern des Start-up-Gebäudes soll ausgerechnet der städtische U-Bahn-Betreiber Hochbahn gehören. Entsprechend luftig sind die Pläne noch.

    Coronakrise bedroht Hamburger Start-ups

    Doch solche optimistischen Initiativen, zu denen auch ein Hub für Logistik-Start-ups in einem alten Lagerhaus der Speicherstadt und die Ansiedlung eines Ablegers des Silicon-Valley-Accelerators Plug & Play gehören, sind trotzdem dringend nötig. Denn der Gründerszene mangelt es an Vernetzung. Kathrin Pietschmann vom Risikokapitalarm des örtlichen Brillenkonzerns Fielmann ist ernüchtert: „Es gibt hier keine Veranstaltung, bei der wir unser Netzwerk treffen“, sagt sie.

    Relevante Veranstaltungen wie die Berliner Internet-Konferenz Noah fehlten in Hamburg. Die in den letzten Jahren prächtig erblühte Veranstaltung Online Marketing Rockstars (OMR) richte sich eben vor allem an Werber, weniger an Tech-Leute und Venture-Kapitalisten. Wegen Corona fällt sie in diesem Jahr aus.

    Zugleich kommt die finanzielle Förderung nicht in Gang. Die Stadt hat vor eineinhalb Jahren den Hamburger Risikokapitalgeber Neumann Partners nach einer Ausschreibung als Partner für einen Hamburg-Fonds mit bis zu 100 Millionen Euro bestimmt. Bis zu zehn Millionen Euro sollen von der örtlichen Förderbank IFB kommen, die derzeit mit den Corona-Hilfen alle Hände voll zu tun hat.

    Das eigentlich für Ende 2019 angestrebte First Closing des Fonds bei 35 Millionen Euro hat mangels eingeworbenen Geldern noch nicht stattgefunden - und dürfte in der drohenden Rezession noch schwieriger werden. Andere wichtige Investoren wie der hochaktive Gründungskapitalgeber Eventures sind bereits vor Jahren nach Berlin abgewandert und treiben dort die Szene voran.

    In der Coronakrise könnte es für Hamburger Start-ups besonders eng werden. „Jetzt ist es wichtig, schnell Kontakt zu Investoren zu bekommen“, meint Froh. Doch die Berliner Gründer seien deutlich besser mit Geldgebern vernetzt. Zudem befürchtet er, dass viele aus dem Ausland angeworbene Mitarbeiter zunächst in ihre Heimat reisen könnten, sobald die Reisebeschränkungen fallen. Das würde den Mangel an Absolventen von norddeutschen Hochschulen verstärken.

    Ein erstes Corona-Opfer unter den Start-ups gibt es bereits: Wenige Tage vor Ostern kam das Aus für den Ferienhaus-Vermittler Casamundo. Vor zwei Jahren hatte der Berliner Konkurrent HomeToGo die Hamburger übernommen und eigentlich zugesagt, den Standort an der Elbe zu erhalten.

    „Wegen der Coronakrise ist es nicht möglich, das Hamburger Büro weiter zu betreiben. Das ist sehr schade für uns“, sagt ein HomeToGo-Sprecher. Allerdings hatte der neue Eigner schon zuvor einige Casamundo-Funktionen nach Berlin verlagert. Nun bleibt nur die Marke von der Hamburger Gründung übrig.

    Barke von WorkGenius kritisiert seinen Standort inzwischen hart: „Wenn ich nochmal gründen würde, würde ich das nicht in Hamburg tun, sondern gleich in den USA.“ Sein Unternehmen suche seit dem Jahresbeginn jeweils zehn ITler in Hamburg und New York. In der US-Stadt seien bereits alle Stellen besetzt, in Hamburg nur zwei. Doch ein Umzug sei nicht möglich – schließlich hat er knapp 70 Mitarbeiter in Hamburg. Positive Beispiele als Inspiration fehlten, kritisiert Wunder-Gründer Froh.

    Das vielgepriesene Hamburger Einhorn About You mit einer Bewertung von über einer Milliarde Euro sei schließlich eigentlich eine Gründung des Otto-Konzerns. Und die Millionäre aus der ersten Hamburger Internet-Welle investierten heute lieber ins sichere Immobiliengeschäft als in neue Start-ups.

    Solche Fundamentalkritik entstammt auch enttäuschter Liebe zum Standort – und der leisen Hoffnung, dass die Stadt sich doch noch zu einer Aufholjagd durchringen könnte. „Die Grundvoraussetzungen sind da. Deshalb müssen wir jetzt den Finger in die Wunde legen“, sagt Barke.

    Schließlich sind in der Nische erfolgreiche Netzwerke entstanden – etwa in der Logistik, im Fintech- oder im Games-Bereich. „Wir sollten nicht versuchen, ein zweites Berlin oder ein zweites München zu werden, sondern ein Ökosystem mit eigenen Stärken aufbauen – zusammen mit den Hochschulen und den großen Unternehmen vor Ort“, mahnt Barke.

    Einen großen Vorteil für Hamburg sieht auch Wunder-Chef Froh: „Talente aus dem Ausland wollen bei uns bleiben, wenn ich ihnen einmal die Reeperbahn und die Lebensqualität an Alster und Elbe gezeigt habe.“

    Mehr: Ende der Spielereien – einige Zukunftslabore werden in der Coronakrise schließen müssen

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    • Danke schön für diesen lesenswerten Artikel über den Startup-Standort Hamburg. Ich finde die Kritik grundsätzlich berechtigt, möchte ihn anhand unseres eigenen Startups aber zumindest punktuell kontrastieren.

      Mit unserem EdTech-Startup www.MyGermanUniversity.com (MyGU GmbH), einer Ausgründung der Freien Universität Berlin, sind wir Anfang 2020 aus der Hauptstadt nach Hamburg umgezogen - weil wir in Hamburg eine öffentliche Förderung erhalten haben (InnoRampUp / 150K), die deutlich attraktiver war als die Berliner Angebote (GründungsBONUS, Pro FIT). Sowohl bei der IFB Innovationsstarter GmbH als auch Hamburg Invest haben wir uns sehr gut unterstützt gefühlt. Hierzu zählt auch das neue Format "StartAperitivo" (IFB Innovationsstarter), bei dessen Auftaktveranstaltung im Februar wir mit anderen ausgewählten Startups vor einer großen Runde von Business Angels pitchen konnten.

      Unser Fall ändert an den berechtigten Kritikpunkten (Mangel an IT-Kräften, ausbaufähige Vernetzung, Kapitalzufluss) nichts, zeigt aber, dass es im Einzelnen durchaus Gegenbeispiele gibt, die es weiter zu pflegen gilt...

    • Der in obigem Artikel Erwähnung findende Hamburger Risikokapitalgeber heißt übrigens Neuhaus Partners, benannt nach seinem Gründer Dr. Gottfried Neuhaus!

    • Der in obigem Artikel Erwähnung findende Hamburger Risikokapitalgeber heißt übrigens Neuhaus Partners, benannt nach seinem Gründer Dr. Gottfried Neuhaus!

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