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Risikokapital Krisenjahr 2020 endet mit Rekorden für die Start-up-Szene

Der europäische Fonds Highland hat 700 Millionen Euro eingesammelt. Nicht nur das zeigt: Ein Start-up-Sterben bleibt aus, die Rekordjagd geht weiter.
07.12.2020 - 07:00 Uhr Kommentieren
Das Unternehmen zählt zu den Hoffnungsträgern der europäischen Start-up-Szene. Quelle: Wolt
Lieferdienst Wolt

Das Unternehmen zählt zu den Hoffnungsträgern der europäischen Start-up-Szene.

(Foto: Wolt)

Hamburg Fergal Mullen will nicht auftrumpfen. „Es fällt mir persönlich schwer, das zusammenzubringen: Für uns ist 2020 ein sehr erfolgreiches Jahr der Rekorde. Andererseits ist uns natürlich bewusst, wie viel Leid das Jahr bringt“, sagt der Gründer von Highland Europe.

Der Wagniskapital-Investor mit Sitz in Genf steht hinter deutschen Erfolgsgeschichten wie Finanzcheck, Adjust und GetYourGuide und europäischen Hoffnungsträgern wie dem Lieferdienst Wolt und dem Neo-Food-Hersteller Huel. Sein jüngster, gut 700 Millionen Euro Fonds ist gefüllt, erklärt Mullen gegenüber dem Handelsblatt – nach nur neun Wochen Geldgebersuche. Er legt damit einen der größten europäischen Fonds des Jahres auf.

Und der Investor hat noch mehr Erfolgsmeldungen zu bieten. Sieben neue Investments mit insgesamt 200 Millionen Euro hat er 2020 getätigt, so viel wie in keinem Jahr zuvor. Zudem haben seine Bestandsunternehmen im Portfolio 730 Millionen Euro Zuflüsse von weiteren Geldgebern bekommen.

Noch im Frühjahr, zu Beginn der Coronakrise, hätte niemand in der Start-up-Szene auf solch einen Jahresverlauf gehofft. Doch die gesamte Gründerszene blickt nun auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Derzeit stellen mehrere europäische Investoren aus Daten des Dienstleisters Dealroom ihre jeweiligen Jahresstatistiken für die Branche zusammen.

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    Einhelliges Ergebnis: 2020 hat bei den Finanzierungsrunden für europäische Start-ups wieder die Vorjahresrekorde gebrochen. Laut der Prognose des Datenanbieters Pitchbook fließen in diesem Jahr mindestens 38 Milliarden Euro in europäische Start-ups – wahrscheinlich sogar mehr. Damit wird die Summe zum Jahresende mindestens leicht über dem Vorjahresniveau liegen, das bei 37,2 Milliarden Euro auf einem Höchststand lag.

    „Nuklearer Winter ist nicht eingetreten“

    Die Erleichterung in der Szene ist groß. „Der nukleare Winter, den viele im Frühjahr befürchtet haben, ist bei der Start-up-Finanzierung nicht eingetreten“, sagt Uwe Horstmann vom Berliner Frühphaseninvestor Project A. Wie fast alle seiner Mitstreiter ist er für 2021 optimistisch. „Trotz Corona ist und bleibt die europäische Start-up-Szene klar in einer Aufwärtsspirale“, sagt Horstmann.

    Beflügelt wird der Optimismus der Start-up-Finanzierer von den guten Aussichten für Exits, wenn sie zum Ende der Fondslaufzeit ihre Unternehmensanteile weiterverkaufen oder an die Börse bringen. Sie erwarten, dass die Bewertungen weiterhin steigen – und damit ihr potenzieller Gewinn.

    Die eine Milliarde Euro schwere Übernahme des Getränkelieferanten Flaschenpost durch die Oetker-Gruppe hat erst vor wenigen Wochen gezeigt, dass selbst sehr traditionelle Familienunternehmen inzwischen bereit sind, Start-ups für viel Geld zu kaufen, sogar wenn diese noch hohe Anlaufverluste schreiben. Und der Aufstieg der Berliner Gründung Delivery Hero in den Dax beweist, dass die deutsche Börse inzwischen Perspektiven für mit Risikokapital gegründete Unternehmen bietet.

    Hauptgrund für das lockere Geld in der Start-up-Welt ist allerdings die generelle Geldschwemme im Niedrigzinsumfeld, die alternative Anlagen attraktiv macht. „Fundamental hat sich nichts geändert: Es ist weiterhin viel Liquidität bei den Investoren vorhanden“, sagt EY-Experte Thomas Prüver.

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    Dazu kommt: Anders als noch im Frühjahr befürchtet bleiben Investoren aus Asien und den USA in Europa trotz der Reiseeinschränkungen stark aktiv. Inzwischen sind Deals per Videokonferenz zur Regel geworden. „Die US-Investoren sind endgültig in Europa angekommen. Man spürt geradezu den Druck, Geld anzulegen. Das hat die Corona-Effekte zum Teil sogar überkompensiert“, sagt Project-A-Partner Horstmann.

    Dabei könnten europäische Investoren selbst im kommenden Jahr sogar verstärkt diejenige Lücke schließen, die sie bislang oft Geldgebern aus Nordamerika oder Asien überlassen haben: größere Finanzierungsrunden für das Wachstum.

    Der deutsche Investor HV Capital etwa hat den ehemaligen Delivery-Hero-Manager Alexander Joël-Carbonell neu ins Team geholt, um den Bereich Wachstumsfinanzierung mit aufzubauen. Der aus der Holtzbrinck-Gruppe hervorgegangene Investor will künftig nicht nur bei ganz jungen Gründungen einsteigen, sondern mit seinem gerade verkündeten 535 Millionen Euro schweren Fonds künftig auch in Wachstumsphasen neu einsteigen.

    Am Freitag kündigte auch der Berliner Investor Target Global einen neuen Fonds mit bis zu 400 Millionen Euro für Wachstumsfinanzierungen in Europa an. „Die Schockstarre ist längst überwunden, die Kreativität kehrt in die Gründerszene zurück. 2021 wird noch besser“, sagte Target-Chef Yaron Valler, der unter anderem bei Auto1 und Wefox investiert ist.

    Die steigenden Bewertungen der Start-ups sorgen ihn nicht: „Die hohen Bewertungen sind anhand der Fundamentaldaten gerechtfertigt. Es gibt keine Blase“, sagte er.

    Geld für den Digitalbestatter

    Highland-Chef Mullen ist auf den Bereich von Wachstumsrunden im zweistelligen Millionenbereich bereits seit Gründung 2007 fokussiert. Allerdings: Auch in den europäischen Fonds steckt ein großer Anteil von Geldern, die von anderen Kontinenten stammen. US-Pensionskassen, Stiftungen und Vermögensverwalter investieren über sie ihr Geld in europäische Start-ups.

    Bei Highland Europe stammt etwa ein Drittel nicht aus Europa. Dabei hilft: Die Firma kooperiert mit dem 1987 gegründeten US-Frühphaseninvestor Highland Capital Partners, der derzeit rund vier Milliarden US-Dollar verwaltet.

    Mullen konzentriert sich daher auf seinen Heimatkontinent: „Wir haben eine klare Strategie: Wachstumsinvestitionen in Techs in Europa“, sagt er. Er investiert sowohl in Business-Software als auch in Endverbraucher-Modelle. 2007 hat der Ire seine Firma in Genf gegründet, seit 2012 ist er auch in London vertreten. Der aktuelle Fonds ist der vierte in der Unternehmensgeschichte – und der größte.

    Den Bereich Technologie fasst Mullen dabei weit. Im Juli hat er beispielsweise Geld in das britische Start-up Farewill gesteckt. Dessen Chef Dan Garrett hat eine ungewöhnliche Mission: „Farewill wurde gegründet, um den Tod für jedermann einfacher zu machen“, heißt es auf der Website.

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    Farewill ist ein Digital-Bestatter: Vom Testament bis zur Beerdigung ist alles online zu Festpreisen buchbar. Der Deal sei allerdings nicht wegen der tödlichen Covid-19-Krankheit zustande gekommen, betont Mullen. Vielmehr sei Farewill ein Zeichen dafür, dass die Digitalisierung auch nach der Pandemie alle Lebensbereiche erreichen werde – bei Verbrauchern und in Unternehmen.

    Investitionsgelegenheiten gibt es also viele. „Diverse Sektoren haben von Corona sogar profitiert“, bestätigt Klaus Hommels, Gründer des Fonds Lakestar, der 2020 kurz vor Ausbruch der Pandemie seinen jüngsten Fonds über 680 Millionen Euro geschlossen hat. Denn: Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung.

    Die Megatrends sind intakt

    Die großen Investoren halten daher einhellig die Trends der Jahre 2019 und 2020 für stabil: So profitieren deutsche Anbieter von Management-Software für Unternehmen wie Signavio und Celonis. Der Bereich Digital Health wird vom neuen Gesundheitsbewusstsein gestützt.

    Daneben gelten weiterhin Fintechs, also Start-ups aus dem Finanzbereich, als aussichtsreich. Selbst die Mobilitätswende sei trotz derzeit leerer Flughäfen weiter zukunftsträchtig, meint EY-Experte Prüver. Auf Lufttaxis beispielsweise liege auch 2021 ein großer Fokus von Investoren, außerdem auf Themen wie Batterie und Ridesharing – auch vor dem Hintergrund des Klimaschutzes. „Start-ups, die vor Corona für eine Finanzierung interessant waren, bleiben es auch noch danach“, sagt Prüver.

    Die große Ausnahme im Portfolio von Highland Europe ist GetYourGuide. Der Vermittler von Reiseerlebnissen wurde durch die Reisebeschränkungen ausgebremst. Doch Mullen hält an dem Unternehmen fest und hat sich auch an einer aktuellen Wandelanleihe zur Zwischenfinanzierung beteiligt. „Es ist klar, dass die Covid-19-Krise endet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Wir sind aber mit unseren Fonds auf einen Zeitraum von vier bis sechs Jahren orientiert“, sagt er.

    Das Investment in den digitalen Bestatter wertet Investor Mullen als Zeichen dafür, dass die Digitalisierung auch nach der Pandemie alle Lebensbereiche erreichen wird. Quelle: Farewill
    Farewill-Gründer Dan Garrett

    Das Investment in den digitalen Bestatter wertet Investor Mullen als Zeichen dafür, dass die Digitalisierung auch nach der Pandemie alle Lebensbereiche erreichen wird.

    (Foto: Farewill)

    Ähnlich reagiert HV Capital, Investor etwa hinter Reiseanbietern wie dem Fernbusanbieter Flixbus und dem Kreuzfahrtportal Dreamlines. „Wir sehen in dem Bereich keinerlei strukturellen Probleme. Es gibt keine Gründe, warum eine Firma wie Flixbus nach der Pandemie nicht mindestens auf dem Niveau wie davor sein sollte“, hofft der neue HV-Partner Joël-Carbonell“, hofft der neue HV-Partner Joël-Carbonell.

    Die Überlebenskraft von stark getroffenen Start-ups wie GetYourGuide und Flixbus sehen viele sogar als Zeichen für die Widerstandskraft der europäischen Gründerszene. Investor Hommels, der sich seit Jahren für eine eigenständige europäische Tech-Szene starkmacht, erkennt im Erfolg von Instrumenten wie Kurzarbeit einen Pluspunkt für Europa. Ausgerechnet die aus den USA viel kritisierten Staatseingriffe gewährleisteten nun Stabilität, betont er.

    „Vor fünf Jahren wäre die Szene sicherlich noch kein Teil von Rettungspaketen gewesen“, meint auch Oscar Jazdowski, Deutschlandchef der Silicon Valley Bank. Das sei diesmal ganz anders – zumal 2021 auch der lange angekündigte Zukunftsfonds der Bundesregierung starten soll. Der Bund will zehn Milliarden Euro für Wachstumsinvestitionen in Start-ups bereitstellen. Seit dem Ende der Haushaltsberatungen vor wenigen Tagen gilt der Fonds als gesichert.

    Allerdings warnt Banker Jazdowski die Szene bereits vor zu viel Euphorie: 2021 könnten die Konzerne ihre Budgets für Softwareprojekte und Investments in Start-ups kürzen. Auch sei unklar, wie nachhaltig neue Präferenzen von Verbrauchern seien, die etwa mehr Lebensmittel online bestellt haben.

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