Schnellballeffekt für Unwahres Lügen verbreiten sich auf Twitter schneller als die Wahrheit

Falschmeldungen verbreiten sich über Twitter schneller und erreichen mehr Menschen als richtige Informationen. Forscher haben das anhand von Millionen Tweets nachgewiesen.
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Lügen verbreiten sich auf Twitter schneller als die Wahrheit Quelle: Reuters
Wo Lügen gestreut werden

Ein unwahrer Inhalt hat der Studie zufolge eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, weiterverbreitet zu werden.

(Foto: Reuters)

CambridgeMit gezogener Waffe stürmt im Dezember 2016 ein Mann in eine kleine Pizzeria in der US-Hauptstadt Washington. Er will dort einen Kinderpornoring ausheben, in den angeblich Hillary Clinton verwickelt ist. Doch der vermeintliche Pornoring entpuppt sich als Falschmeldung – weit gestreut auch via Twitter.

US-Forscher haben sich jetzt genauer mit der Verbreitung unwahrer Inhalte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter beschäftigt. Ergebnis: Solche Behauptungen und Nachrichten verbreiten sich schneller und erreichen mehr Menschen als richtige Informationen. Das berichtet ein Team um Sinan Aral vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Fachjournal „Science“.

In einem aufwendigen Verfahren untersuchten sie in der bisher größten Langzeitstudie dieser Art die Verbreitung von rund 126.000 englischsprachigen Storys via Twitter zwischen 2006 und 2017. Unabhängige Faktenchecker hatten sie zuvor überprüft und als „wahr“ oder „falsch“ eingruppiert. Die untersuchten Inhalte hatten drei Millionen Menschen in insgesamt 4,5 Millionen Tweets verbreitet.

Wenn Fakten keine Rolle spielen
Merkel im Visier der Fake-News-Produzenten
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Zwei Monate vor der Bundestagswahl steigt bei Parteien die Angst Falschinformationen im Internet. Das ist nicht unbegründet, wie eine Analyse der Online-Plattform Buzzfeed zeigt. Die Digitalexperten haben die Merkel-Artikel untersucht, die tagtäglich bei Facebook gepostet werden. Das Ergebnis: Die populärsten Meldungen basieren häufig auf Falschmeldungen oder Satire. Ein Überblick.

„Merkel will in Afrika für Einwanderung nach Deutschland werben“
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Die „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ veröffentlichten 2015 einen Artikel mit der Überschrift „Merkel will in Afrika für Einwanderung nach Deutschland werben“. Was die Überschrift nicht verrät: In dem Podcast, auf den sich der reißerische Titel bezieht, sprach die Bundeskanzlerin über gezielte Immigration junger Afrikaner, die in Deutschland unbesetzte Arbeitsstellen füllen könnten. Die Überschrift erzeugt allerdings den Eindruck, als würde Merkel mehr Flüchtlinge nach Europa holen wollen. Offenbar ging es dem Autor darum, möglichst viele Leser auf den Artikel aufmerksam zu machen – was mit 82.000 Interaktionen auf Facebook durchaus gelungen ist.

„EILMELDUNG! Angela Merkel kündigt Rücktritt an!“
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Ebenfalls 82.000 Interaktionen erreichte eine Meldung über den angeblichen Rücktritt der Kanzlerin, die das Portal „kulturstudio.wordpress.com“ im April 2015 verbreitete. Dass es sich bei der Seite um ein Satire-Portal handelt, war offenbar nicht allen Facebook-Nutzern bekannt.

„Manipulation: Merkel verhängt Zensur über die ARD-Tagesschau“
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Auch der Artikel mit der Überschrift „Manipulation: Merkel verhängt Zensur über die ARD-Tagesschau“ geht auf das Konto der „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“. In dem Text, der im Mai 2015 veröffentlicht wurde, geht es um den Besuch einer Schülergruppe im Bundeskanzleramt und eine anschließende Fragerunde mit Merkel. Im Rahmen dieser Fragerunde sei es zu einer „klassischen Zensur“ gekommen, indem den anwesenden Tagesschau-Reportern angeblich die Berichterstattung über einige Fragen verboten wurde. Wie das Portal Buzzfeed in seiner Analyse berichtet, war eine vollständige TV-Aufzeichnung der Fragerunde tatsächlich nicht erwünscht, allerdings habe das Bundeskanzleramt oder die Bundeskanzlerin zu keinem Zeitpunkt die Arbeit der Tagesschau-Reporter behindert oder Zensur geübt. Auf Facebook sammelte der Artikel 83.000 Interaktionen.

„Angela Merkel wurde bei einem Verkehrsunfall überfahren“
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Ein weiterer Fall von Satire war die Meldung, die das Portal „debeste.de“ im Februar 2015 veröffentlichte. Die Überschrift des Artikels lautete: „Angela Merkel wurde bei einem Verkehrsunfall überfahren“. Im Folgenden schreibt die Satire-Seite: „...und kommt direkt in den Himmel. Dort trifft sie den Engel Gabriel.“ Über 88.000 Interaktionen zog diese Meldung bei Facebook nach sich – die meisten Nutzer dürften jedoch spätestens nach dem zweiten Satz verstanden haben, dass es sich um Satire handelt.

„Merkel ist Wahnsinnig | Kanadisches Fernsehen liefert Beweise“
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Mit der Überschrift „Merkel ist Wahnsinnig | Kanadisches Fernsehen liefert Beweise“ ging im März 2016 ein Video von dem kanadischen Rechtspopulisten Ezra Levant online. Das Video erreichte bei Facebook 98.900 Interaktionen und ist somit der vierterfolgreichste Nachrichtenbeitrag über Angela Merkel in dem Sozialen Netzwerk. Buzzfeed zählt das Video zu den Falschmeldungen, weil im Video falsche Tatsachen über Flüchtlinge behauptet werden.

„Merkel möchte allen Flüchtlingen schnellstmöglich Wahlrecht geben“
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Auf dem zweiten Platz der erfolgreichsten Facebook-Artikel bei Facebook landet eine Satiremeldung des Online-Portals „eine-zeitung.net“, welche über 148.000 Interaktionen hervorrief. Die Überschrift „Merkel möchte allen Flüchtlingen schnellstmöglich Wahlrecht geben“ basiert nicht auf echten Aussagen der Bundeskanzlerin, sondern ist Satire. Laut Buzzfeed haben zahlreiche Facebook-Nutzer dies jedoch nicht verstanden und kommentierten den Artikel mit Beschimpfungen und Hasstiraden in Richtung Merkel und der „Lügenpresse“. Auch mehrere rechtspopulistische Facebook-Seiten haben den Satire-Artikel als vermeintlich wahre Nachrichtenmeldung geteilt.

Den Forschern zufolge hat ein unwahrer Inhalt – ein Bild, eine Behauptung oder ein Link zu einem Onlineartikel – eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, weiterverbreitet zu werden. Ob die untersuchten unwahren Behauptungen und Nachrichten mit Absicht verbreitet wurden, nahm die Studie nicht unter die Lupe.

In allen Sparten verbreiteten sich unwahre Inhalte, am häufigsten jedoch waren politische Themen betroffen. Mit deutlichem Abstand folgten Tweets oder Retweets zu modernen Mythen (urban legends), und dann mit weiterem Abstand solche zu Wirtschaft, Terrorismus, Wissenschaft, Unterhaltung und Naturkatastrophen. Der Schnellballeffekt für Unwahres nahm mit der Zeit zu und war in den US-Wahlkampfjahren 2012 und 2016 besonders stark.

Unwahres wirkt oft spannender

Ein wichtiger Punkt, der offenbar zum Weiterleiten anregt: Unwahre Inhalte wirken den Forschern zufolge oft spannender und neuartiger auf die Twitter-Nutzer. Ihre Antworten darauf zeigen größere Überraschung, stärkere Angst und mehr Ekel. Wahre Nachrichten hingegen lösten öfter traurige Reaktionen aus, aber auch Vorfreude und Vertrauen.

Software-Roboter, die automatisch Tweets absetzen, treiben die Weiterverbreitung von Unwahrheiten dabei eindeutig an – aber: „Menschliches Verhalten trägt mehr zur unterschiedlichen Ausbreitung von Unrichtigem und Wahrheit bei als automatisierte Roboter“, schreiben die Forscher. Das solle man auch bei der Bekämpfung dieses Trends im Blick behalten.

Auch andere US-Experten glauben, dass man Mittel gegen die Ausbreitung von unwahren Behauptungen im Netz finden muss. Ob dies alleine durch Fakten-Checks gelingen kann, bezweifeln der Politikwissenschaftler David Lazer (North Eastern University) und mehr als ein Dutzend Kollegen in einem „Science“-Begleitartikel jedoch. Viele Menschen bevorzugten schlicht Informationen, die ihre vorhandenen Sichtweisen bestätigen.

Die Fachleute sehen deshalb vor allem die Anbieter Sozialer Medien in der Pflicht. „Die Plattformen könnten den Konsumenten Hinweise auf die Qualität der Quellen liefern.“ Auch könnten sie aus den sogenannten Trending-Themen die Aktivität von Bots herausfiltern.

Trotz erster derartiger Ansätze sollten Facebook, Twitter und Co. dabei mit unabhängigen Fachleuten zusammenarbeiten. „Wir müssen unser Informations-Ökosystem für das 21. Jahrhundert neu designen.“ Das könne aber nur interdisziplinär und in weltweiter Zusammenarbeit gelingen.

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  • dpa
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2 Kommentare zu "Schnellballeffekt für Unwahres: Lügen verbreiten sich auf Twitter schneller als die Wahrheit"

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  • Banale Erkenntnisse von Forschern „erforscht“ – lachhafter geht es kaum noch.

    Die menschliche Neugier ist immer die Triebfeder, sich „Neues“ oder vom üblichen Abweichendes anzusehen. Einfachstes Beispiel dafür sind Gaffer und ähnlich gestrickte Spezies bis hin zu den in Vergessenheit geratenen Klatschweibern „hast Du schon gehört?“

    Auch ich klicke hin wieder auf „Nachrichten“, bei deren Lesen sich allerdings auch mal erschließt, dass da Nonsens oder geistiger Müll verbreitet wird.

    Als Müll werte ich auch diesen Artikel. Denn im Ergebnis wäre es demnach ideal, wenn jeder am besten das Übliche konsumiert. Die riesige Gefahr, sich mit „Filterblasen“ weiter zu infizieren, ist nicht hinnehmbar.

    Ich jedenfalls suche mir weiter meine „Filterblasen“ und sondiere dabei nach harten Fakten und logischen Zusammenhängen.

  • Es stellt sich zunächst die Frage was wahr ist und was nicht.

    In der Vormerkelzeit hatten Behörden eine politische/ideologische Unabhängigkeit gewahrt und so entsprachen Behördenaussagen häufig bestem Wissen. Mit der Machtübernahme von Rot-Grün hatte BMU seinerzeit das Bundesamt für Strahlenschutz ideologisiert und Fachleute durch Ökologen, Landschaftsgärtner etc. ersetzt. Das Umweltbundesamt veröffentlicht Fantasieberichte von 1000enden Dieseltoten.

    Bis in die 80er Jahre hat das Staatsfernsehen den Anspruch erhoben die wahrheitsgemäss zu berichten. Mittlerweile ist das Staatsfernsehen ein Erweiterung des Merkelschen Politiksystems.

    Alternative Medien verfolgen mit ihrer Berichterstattung gleichfalls eigene Zwecke. Vieles ist wahr....anderes nicht.

    Ich denke, die Intention des Berichts ist das werben für die politische Zensur bzw. die Verbreitung der Regierungsmeinung als einziger Wahrheit.

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