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Smartphones Alternative zu Android: Huawei umgarnt die App-Entwickler

Huawei will sich von den USA und Google emanzipieren. Entwicklern in Europa bietet der Konzern Subventionen an. Die reagieren jedoch zögerlich.
14.01.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Smartphones: Huawei umwirbt immer mehr App-Entwickler in Europa Quelle: Bloomberg
Huawei Mate 30

Auf dem Top-Smartphone von Huawei laufen keine Apps vom Google App Store.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf Eine Kamera mit Ultraweitwinkel und Tele-Zoom, ein randloses Display mit abgerundeten Ecken, 14 Antennen für den Mobilfunkempfang, dazu ein großer Akku: Das Mate 30 ist ein Smartphone der Superlative. Trotzdem verzichtet Hersteller Huawei auf eine breite Einführung. Das Gerät wird seit kurzem „in einer limitierten Auflage“ im Online-Shop von Media Markt für 1099 Euro verkauft – sonst nirgendwo.

Der Grund für die Zurückhaltung liegt nicht in der Hardware, sondern in der Software. Seit die USA Sanktionen gegen Huawei erlassen haben, dürfen amerikanische Unternehmen mit dem chinesischen Hersteller nur unter strengen Auflagen Geschäfte machen. Die Dienste von Google samt dem Play Store fehlen daher auf dem Smartphone, und damit Apps von Whatsapp bis zum Abholkalender der Stadtwerke. Für viele Käufer dürfte das Gerät somit nicht in Frage kommen.

Mit dieser Situation will sich Huawei nicht zufriedengeben. Der zweitgrößte Smartphone-Hersteller der Welt, der den Markt in China dominiert und in Europa eine der großen Marken ist, investiert massiv in den Aufbau seiner eigenen Plattform App Gallery.

Seit einigen Wochen umwirbt er die Anbieter wichtiger Apps – auch mit Subventionen. Weltweit stehen drei Milliarden Dollar zur Verfügung, in Deutschland 20 Millionen Euro, zudem sind die Gebühren beim Verkauf von Programmen und Inhalten im Vergleich zur Konkurrenz niedrig.

Einige bekannte deutsche Unternehmen sind bereits dabei, darunter Lufthansa, Pro7, Otto und GMX. Eine Handelsblatt-Recherche zeigt jedoch, dass Skepsis beträchtlich ist, viele bekannte Apps fehlen – von der Deutschen Bahn mit ihrem DB Navigator bis Blinkist mit Buchzusammenfassungen. Und für amerikanische Firmen ist es aufgrund des Embargos ohnehin schwierig, ihre Programme anzubieten. „Es ist nicht so einfach, einen App Store aufzubauen“, sagt Alexander Trommen, Chef der Digitalagentur Appsfactory. „Huawei hat nur eine Chance, das hinzukriegen – eine zweite wird es nicht geben.“

Erste Smartphones ohne US-Komponenten

Huawei ist, je nach Lesart, entweder eine Gefahr für die nationale Sicherheit oder ein Kollateralschaden im Handelskonflikt zwischen den USA und China. Die Regierung von Donald Trump hält dem Elektronikhersteller Industriespionage vor, Huawei bezeichnet diese Vorwürfe als falsch und politisch motiviert.

So oder so: Unternehmen, die in den USA ansässig sind oder Produkte zu einem wesentlichen Teil dort entwickeln, dürfen mit dem Hersteller nur noch eingeschränkt Geschäfte machen, bei Netzwerktechnik wie auch bei Smartphones.

Die Lösung des Konflikts steht aus, das chinesische Vorzeigeunternehmen arbeitet unterdessen an Alternativen. Bei der Hardware gibt es diese offenbar, mit dem Mate 30 und dem Y9 Prime kommen Medienberichten zufolge erste Modelle ohne amerikanische Zulieferer aus. Bei der Software ist das ungleich schwieriger: Das Betriebssystem Android kann der Hersteller weiter nutzen – der Kern steht aufgrund einer Open-Source-Lizenz frei zur Verfügung –, nicht aber die Dienste von Google wie der Play Store und Google Maps.

Auf diese kommt es jedoch an, zumindest in Europa (in China, wo Google nicht aktiv ist, sind zahlreiche Plattformen entstanden). Was nützt die beste Kamera, wenn man die Bilder nicht per Whatsapp weiterleiten oder bei Instagram posten kann? Und was hilft der brillante Bildschirm, wenn man sich beim Videoportal mangels App über den Browser anmelden muss? Und was ist mit den vielen anderen Helfern, die den Alltag erleichtern oder für Abwechslung sorgen?

Das Mate 30 steht dafür exemplarisch: Der Verkauf läuft in vielen Ländern schleppend an, wie Annette Zimmermann, Analystin beim Marktforscher Gartner, beobachtet. Bei künftigen Modellen werde die Vermarktung ebenfalls schwer: „Ohne die Google-Services werden die Verkäufe auf den internationalen Märkten wegbrechen“, prognostiziert sie. Derzeit seien Modelle wie das P30 noch beliebt, Huawei könne den Absatz mit Preissenkungen ankurbeln. „Im zweiten oder spätestens dritten Quartal wird es aber außerhalb von China zu einem Einbruch kommen.“

Günstige Konditionen für Entwickler

Um sich unabhängig von Google zu machen, baut Huawei die App Gallery aus. Eine Abteilung in der Konzernzentrale sowie zahlreiche Teams in verschiedenen Ländern sprechen Entwickler an – in Europa sind es nach Unternehmensangaben 100. In Deutschland geschehe das derzeit „in einem größeren Umfang“, wie Appsfactory-Chef Trommen berichtet. Das Unternehmen bietet neben technischer Unterstützung bei der Programmierung teilweise auch finanzielle Zuschüsse an.

Üblicherweise handle es sich dabei um mehrere tausend Euro, je nach Arbeitsaufwand, so Trommen. Zudem verspricht es günstige Konditionen. So fallen im ersten Jahr keine Transaktionsgebühren an, wenn Entwickler Apps oder Dienste verkaufen, in den folgenden Jahren steigen sie schrittweise auf 15 Prozent. Bei Spielen werden von vornherein 15 Prozent fällig. Zum Vergleich: Apple und Google behalten bis zu 30 Prozent ein.

Die Entwickler reagieren jedoch zurückhaltend. Blinkist steht dafür exemplarisch. „Wir richten uns nach Kunden und dem Innovationspotenzial, wir sind nicht dogmatisch“, sagt Mitgründer Niklas Jansen. Allerdings müsse das Unternehmen mit der Wissens-App nicht „First Mover“ sein, erklärt der Vorstandschef. Zumal es bisher kein Anzeichen dafür gebe, dass sich die Investition lohnen würde. Ähnlich klingt es bei anderen: Die Deutsche Bahn zum Beispiel, deren „DB Navigator“ Millionen von Reisenden nutzen, erklärt, dass es „keine konkreten Planungen für eine Zusammenarbeit“ gebe.

Noch fraglicher ist die Beteiligung amerikanischer Unternehmen: Diese fallen unter die Sanktionen der US-Regierung, sofern sie die Ausnahmeregelung nicht nutzen können. Facebook verbot Huawei im Sommer beispielsweise, die eigenen Apps vorzuinstallieren. Zum aktuellen Stand äußerte sich der Konzern auf Anfrage nicht. Huawei reagierte sich ausweichend: „Wir arbeiten proaktiv mit globalen Entwicklern und Partnern zusammen, um die Zufriedenheit der Nutzer zu gewährleisten.“

Woher rührt die Skepsis? Zum einen dürfte einige Unternehmen der Aufwand abschrecken. So können Entwickler eine Android-App nicht einfach hinüberkopieren. Zwar bietet gibt es einen Compiler, der den Quellcode neu übersetzt, trotzdem sind einige Anpassungen nötig.

„Der initiale Aufwand hängt davon ab, ob eine Applikation die Schnittstellen von Google nutzt“, erklärt Appsfactory-Chef Trommen. Den Bezahldienst des Internetkonzerns müssen Entwickler beispielsweise austauschen, ebenso das Kartenangebot oder Datenanalysesoftware.

Regelmäßige Kosten durch Updates

Bei einer komplexen App, die drei Google-Dienste nutzt, rechnet Trommen mit einem Aufwand von 15 bis 30 Manntagen, womit sich allein der Arbeitsaufwand auf 10.000 bis 20.000 Euro summiert. Dabei bleibt es jedoch nicht: Hinzu kommen die Anpassungen, die bei jedem Update erforderlich sind. „Jede neue Version muss getestet werden“, nennt der Unternehmer ein Beispiel. Dafür braucht es Entwicklerkapazitäten, und die sind notorisch knapp.

Zumal die Kompilation nicht der ideale Weg ist. Der Aufwand scheine zwar minimal, die Software von Huawei sei derzeit aber instabil und funktioniere nur in seltenen Fällen, sagt Panos Meyer, Chef der Digitalagentur Cellular. Eine baldige Verfügbarkeit sei nicht wahrscheinlich. Ohnehin werde eine Anwendung am besten an das Nutzererlebnis einer Plattform angepasst – „nur so ist eine einfache und stringente Bedienung möglich“. Der Erfolg von Android-Apps auf Harmony OS ist aus Sicht des Digitalspezialisten daher fragwürdig.

Nicht zuletzt ist der Ertrag ungewiss. Damit sich die Entwicklung lohnt, müssen die Anbieter eine gewisse Nutzerschaft erreichen – ob bei werbefinanzierten Apps oder dem Verkauf von Inhalten. Auch das ist in der App Gallery bislang schwierig, die Plattform enthält international bislang mehr als 50.000 Anwendungen – zum Vergleich: der Play Store von Google zählt 2,8 Millionen Programme.

Brancheninsider schätzen, dass Huawei innerhalb einiger Monate mindestens 10.000 Apps zusammenbekommen muss, die verschiedene Zielgruppen abdecken – „sonst merken die Leute, dass es keinen vollwertigen App Store gibt“, erklärt Appsfactory-Chef. Und damit es sich für die Entwickler lohnt, sollten mindestens eine Million Nutzer die Plattform regelmäßig verwenden.

Wie schwierig das ist, zeigen einige Beispiele. Microsoft versuchte vergeblich, Windows Mobile zur dritten Plattform neben iOS und Android aufzubauen – der Konzern entwickelt die Software nicht mehr weiter, vor einigen Tagen hat er das letzte Update geliefert. Auch Blackberry und Nokia scheiterten damit, eigene Betriebssysteme samt Ökosystem aufzubauen. Und Samsung betreibt weiterhin den Galaxy Store, dieser ist jedoch nur eine Ergänzung zum Play Store von Google.

Wie also sind die Aussichten? Huawei habe einige Voraussetzungen, um ein weiteres Ökosystem aufbauen, meint Cellular-Chef Panos Meyer. Der Konzern „verfügt über die Mittel und hat einen ausreichend großen Marktanteil, um den nächsten Schritt zu gehen“ – und durch die politische Situation gebe es nun auch einen Auslöser. Trotzdem seien die Hürden und das Risiko groß.

Der Chef eines großen deutschen Internetunternehmens, der nicht namentlich genannt werden möchte, ist sehr skeptisch, dass Huawei mit der App Gallery Erfolg haben wird. „Das Smartphone ist so ein essenzieller Teil des Lebens geworden, dass Nutzer auf bestimmte Apps auf keinen Fall verzichten wollen“, sagt er. „Das Problem: Es handelt sich nicht bei jedem Nutzer um die gleichen Lieblings-Apps.” Ohne ein breites Angebot sei die Plattform daher nicht konkurrenzfähig.

Dass Huawei die Lücken schnell genug schließen kann, hält er für unwahrscheinlich. In den Plänen seines Unternehmens spielt die App Gallery deswegen keine Rolle. Stattdessen diskutieren die Entwickler, ob sie eine Version für den Windows Store anbieten. Der ist auf mehr als 900 Millionen PCs und Tablets in aller Welt installiert – davon ist Huawei noch weit entfernt.

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