Softwarehersteller: SAP verärgert Kunden mit Preiserhöhung für Cloud-Dienste
„Der Preis ist ein Hebel, aber nicht der einzige“, sagt Klein. Beispielsweise versuche SAP gleichzeitig, die Kosten zu senken.
Foto: dpaDüsseldorf. Die Inflation treibt die Kosten der Unternehmen auf Höchststände. Auch für viele SAP-Produkte müssen Manager künftig mehr einplanen: Der Softwarehersteller will für seine Cloud-Dienste eine automatische Preiserhöhung einführen. Die Gebühren sollen jedes Jahr um 3,3 Prozent steigen, wie es in Vertragsbedingungen heißt, die der Konzern vor einigen Wochen ohne Ankündigung veröffentlicht hat.
Das hört sich nach nicht viel an, summiert sich mit der Zeit aber zu einem erheblichen Aufschlag: Bei einem Fünf-Jahres-Vertrag sind es rund 18 Prozent. Eine Gebühr von jährlich 50.000 Euro steigt in diesem Zeitraum auf 59.000 Euro. Dazu kommen noch mögliche andere Listenpreiserhöhungen.
Damit zieht der Softwarehersteller den Ärger der Kunden auf sich. „Unternehmen müssen aufpassen, dass bei den Kosten für ihre SAP-Systeme nicht das böse Erwachen kommt“, sagte Thomas Henzler, Vorstandsmitglied der Kundenorganisation DSAG, dem Handelsblatt. Es brauche „verlässliche Mechanismen“ für die Preisentwicklung. „Wir erwarten, dass die Regelung rückgängig gemacht wird.“
Preiserhöhung kommt zum heiklen Zeitpunkt
Der Konzern begründete den Schritt mit der Inflation. „Die letzten zwei Jahre hat SAP keine generellen Preiserhöhungen vorgenommen, im Gegensatz zur Konkurrenz“, sagte SAP-Chef Christian Klein dem Handelsblatt.
Nun gebe es aber Kostensteigerungen, die man abfedern wolle, aber nicht in vollem Umfang weitergebe, wie Klein betont: „Der Preis ist ein Hebel, aber nicht der einzige.“ Beispielsweise versucht SAP gleichzeitig, die Kosten zu senken. „Wir können den Inflationsdruck nicht eins zu eins an die Kunden weitergeben.“
Der Manager verwies zudem darauf, dass der – größtenteils US-amerikanische – Wettbewerb ebenso verfahre: „Im Cloud-Markt ist es ganz normal, dass man mit jedem Release mehr Funktionalität bietet und über die Zeit die Preise anpasst. Das machen auch unsere Konkurrenten so. Wir wägen gerade ab, wie wir das genau umsetzen.“ Der Konzern ist deswegen mit der Nutzerlobby im Austausch.
Die Kontroverse kommt zu einem delikaten Zeitpunkt. SAP richtet das Geschäftsmodell unter Christian Klein auf die Cloud-Produkte aus, für die Börse sind diese mittlerweile entscheidend. Eine Preiserhöhung macht sich direkt beim Umsatz bemerkbar. Streitigkeiten, die den Verkauf erschweren, könnten aber das Geschäft erschweren.
Listenpreise werden regelmäßig geändert
Die Preisgestaltung von SAP ist eine Wissenschaft für sich. Der Softwarehersteller nutzt unterschiedliche Metriken wie die Nutzerzahl, den Umsatz und die Zugriffe auf einen Service. Zusätzliche Kosten können zudem anfallen, wenn Daten in das System eines anderen Softwareherstellers übertragen werden – indirekte Nutzung wird diese umstrittene Praxis genannt.
Die Listenpreise passt der Konzern regelmäßig an. „Das machen alle Softwarehersteller so“, erklärte DSAG-Vorstand Henzler, der hauptberuflich IT-Chef des Gebläse- und Kompressorenherstellers Piller Blowers & Compressors ist – beispielsweise auch Microsoft und Oracle. „Wenn es fair läuft, bildet dieser Mechanismus die Kostenentwicklung in der IT-Branche ab. Damit müssen wir uns abfinden.“
Erhebliche Preissprünge sind allerdings möglich. Das gilt für das weit verbreitete Programm S/4 Hana Cloud „Private Edition“, bei dem die Daten auf einer dedizierten Infrastruktur gespeichert sind.
Hier hat SAP zum Jahreswechsel die Gebührenstruktur geändert. Gerade Unternehmen mit wenigen Nutzern zahlen nun deutlich mehr, wie es bei der DSAG heißt. „Diese Anpassung führt sicherlich gerade im kleineren und mittleren Kundensegment zu komplexen Preisverhandlungen“, sagte DSAG-Vorstand Henzler. SAP verweist darauf, dass in diesem Segment die Marge schon vorher sehr niedrig gewesen sei.
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Nun will SAP zusätzlich bei neuen oder sich verlängernden Cloud-Verträgen die Gebühren jährlich erhöhen, und zwar automatisch – ähnlich wie bei einer Staffelmiete. In der Kundschaft ist das ein kontroverses Thema. „Die Sorge um Kostenstabilität ist in den vergangenen Jahren einer der größten Vorbehalte gegenüber der Cloud gewesen“, sagte DSAG-Vorstand Henzler.
In einer Umfrage der Organisation, in der mehr als 3800 Unternehmen im deutschsprachigen Raum organisiert sind, bezeichneten 45 Prozent der Mitglieder die Preisgestaltung des Dax-Konzerns als wenig bis überhaupt nicht transparent.
Ein Index als Grundlage für Preiserhöhungen?
Die Kundenlobby fordert, dass die Anpassung nicht fix 3,3 Prozent betragen, sondern sich an der Entwicklung der Lohnkosten orientieren soll. Ein Vorbild bietet der Dax-Konzern selbst: Bei der Wartung, die Kunden beim Kauf von Softwarelizenzen buchen müssen, werde in der Regel ein Lohnkostenindex zugrunde gelegt – erreiche er bestimmte Schwellenwerte, könne es eine Gebührensteigerung geben, berichtet die DSAG.
Anderswo dürften die Konditionen allerdings kaum besser sein: Viele Softwarehersteller machen es ähnlich wie SAP. „Diese jährlichen Preiserhöhungen sind in der Branche seit Langem üblich“, sagte Joshua Greenbaum, Gründer und Chef des Analysehauses EA Consult. Bei anderen Softwareherstellern seien teilweise Aufschläge von sieben Prozent oder die Kopplung an einen Preisindex Praxis.
„Die Preispolitik hat immer einen psychologischen Effekt“, sagte der Analyst. Allerdings seien die Lizenzgebühren nur ein Teil der Gesamtkosten. So bringe die Einführung und Integration von Systemen in die IT-Landschaft eines Unternehmens einen großen Aufwand mit sich. Unterstützung bei der Implementierung und dem Changemanagement seien im Zweifel wichtiger als die Gebühren – trotz aller Beschwerden.