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Softwarekonzern Christian Kleins Coup: SAP stärkt Cloud-Geschäft mit einem Milliardendeal

Der Softwarekonzern will Kunden den Umstieg in die Cloud erleichtern. Der Kauf des Potsdamer Start-ups Signavio spielt eine Schlüsselrolle.
27.01.2021 - 17:12 Uhr 3 Kommentare
Es geht darum, sich gegen Microsoft und IBM, Salesforce und Workday bei den Kunden zu positionieren. Quelle: dpa
SAP-Chef Christian Klein

Es geht darum, sich gegen Microsoft und IBM, Salesforce und Workday bei den Kunden zu positionieren.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Hamburg Christian Klein gibt bei SAP ein enormes Tempo vor: Der Vorstandssprecher will den Softwarehersteller, der einst mit Programmen für Großrechner an den Markt ging, zu einem führenden Anbieter fürs Cloud-Computing umbauen. Doch viele Kunden zögern, besonders beim Programmpaket S/4 Hana, mit dem Organisationen Geschäftsprozesse steuern. Nur ein Bruchteil nutzt die Version aus der „Wolke“, die SAP seit 2017 anbietet.

Mit einem neuen Angebot will SAP den Umstieg beschleunigen: Unter dem Namen „Rise with SAP“ bündelt der Softwarehersteller mehrere Komponenten zu einem einheitlichen Preis, um die Einführung von S/4 Hana in der Cloud einfacher und günstiger zu machen. 130 Kunden hat der Konzern bereits vor der offiziellen Vermarktung gewonnen, darunter Siemens.

Anschub für das Projekt erhofft sich Klein durch einen Zukauf: SAP hat am Mittwoch die Übernahme des Start-ups Signavio angekündigt, das Abläufe im Unternehmen analysiert und grafisch verständlich macht.

Der Dax-Konzern will Kunden damit ermöglichen, ihr Geschäft effizienter zu organisieren und die digitale Transformation zu erleichtern – und so zusätzliche Argumente für das Kernprodukt liefern.

SAP zahlt für Signavio nach Handelsblatt-Informationen knapp eine Milliarde Euro. Bei einer Finanzierungsrunde vor zwei Jahren erreichte das Start-up noch eine Bewertung von 350 Millionen Euro. Es handelt sich um einen beachtlichen Erfolg für Gründer Gero Decker, der die Grundlagen als Doktorand am vom SAP-Gründer in Potsdam mitfinanzierten Hasso-Plattner-Institut legte.

Alles in die Cloud

Schon jetzt nennt sich SAP selbst eine „Cloud Company“. Im abgelaufenen Geschäftsjahr trugen Dienste, auf die Kunden übers Netzwerk zugreifen, mit 8,1 Milliarden Euro knapp ein Drittel zu den 27,3 Milliarden Euro Umsatz bei. Dazu trugen allerdings maßgeblich Zukäufe wie Ariba, Concur und Success Factors bei, die in einzelnen Geschäftsbereichen wie Beschaffung, Reiseplanung oder Personal zum Einsatz kommen.

Beim Kernprodukt S/4 Hana zögern viele Kunden jedoch noch. Nach Einschätzung des Marktforschers Gartner nutzten im Sommer 2020 nur fünf Prozent der Unternehmen, die die Software im Produktbetrieb einsetzen, die Cloud-Version. Die Zahlen mögen mittlerweile höher sein, da in der Coronakrise die Vorzüge von Diensten deutlich werden, die ortsunabhängig verfügbar sind. Doch für die Ansprüche in Walldorf ist das immer noch zu wenig.

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Dabei spielt die Cloud für SAP eine zentrale Rolle, gerade für das Kernprodukt: Der Softwarehersteller kann darüber regelmäßig Innovationen ausliefern, zudem ist die Integration der vielen Produkte im Portfolio über diese Infrastruktur einfacher – ein potenzieller Wettbewerbsvorteil des deutschen Konzerns gegenüber vielen Konkurrenten.

Nicht zuletzt gibt es in der IT-Branche eine tektonische Verschiebung: Die Investitionen in die Cloud steigen stetig und kräftig, besonders derzeit – hier muss SAP also präsent sein. „Wir brauchen Wachstum, damit SAP ein relevanter Akteur in der IT-Branche bleibt“, betont Klein. Das neue Produkt zeigt, wie der Manager, der seit April 2020 allein an der Konzernspitze steht, die strategische Neuausrichtung plant.

„Rise with SAP“ soll den Umstieg mit mehreren Elementen erleichtern. Ein zentrales Element ist das, was SAP als „Business Process Intelligence“ vermarktet: Unternehmen sollen ihre Geschäftsprozesse analysieren und mithilfe von positiven Beispielen verbessern können – und zwar nicht nur, wie bislang üblich, bei der Einführung eines neuen Systems, sondern kontinuierlich. Die Technologie von Signavio soll dieses Angebot nach der Übernahme erweitern.

SAP zahlte für das Start-up knapp eine Milliarde Euro. Quelle: LightRocket/Getty Images
Signavio

SAP zahlte für das Start-up knapp eine Milliarde Euro.

(Foto: LightRocket/Getty Images)

Das Start-up hat Kunden wie die AOK und die europäischen Coca-Cola-Partner. Auch bei SAP selbst ist die Software seit Jahren im Einsatz und soll allen Mitarbeitern die Konzernziele verdeutlichen. Dabei profitiert der Anbieter von seinem vergleichsweise späten Start: Alle Systeme laufen in der Cloud, wie es heute Standard ist.

Einerseits können die Kunden mit dem Programmpaket ihren Betrieb effizienter gestalten, dank besserer Prozesse und Automatisierung. Das ist wichtig, um die Kosten zu senken: „Die Effizienz in Geschäftsprozessen lässt sich nach unserer Beobachtung um 20 bis 30 Prozent steigern, wenn man intelligente Technologien einsetzt“, sagt Rouven Morato, der bei SAP das Geschäftsfeld Business Process Intelligence leitet – zum Beispiel Robotic Process Automation (RPA) und maschinelles Lernen (ML).

Andererseits sollen Unternehmen organisatorische Veränderungen leichter umsetzen können. Um einen bestehenden Geschäftsprozess neu zu denken, müsse man die Veränderungen zunächst anhand der Daten modellieren, sagt Morato – beispielsweise, wenn man einen Onlineshop mit dem Abrechnungssystem und dem Lager verbindet, was in der Coronakrise an Bedeutung gewonnen hat. Dabei sollen alle Mitarbeiter Zugriff auf zentrale Kennziffern bekommen – auch um Probleme frühzeitig erkennen zu können.

„Rise with SAP“ bündele alles, was Kunden für eine „holistische Transformation ihres Geschäfts“ benötigten, sagt Vorstandschef Klein, und das mit einer schnellen Amortisation.

Positionieren gegen Microsoft und Salesforce

Gerade das ist für SAP wichtig. „Neue Formen der Automatisierung und das Wissen über die darunterliegenden Prozesse sind der Schlüssel für die digitale Transformation“, schreibt das Marktforschungsunternehmen Gartner.

Das Unternehmen will ein Partner für die Digitalisierung sein – und nicht lediglich der Anbieter einer Infrastruktur, die im Hintergrund läuft. Es geht also darum, sich gegen Microsoft und IBM, Salesforce und Workday bei den Kunden zu positionieren.

„Rise with SAP“ ist nach Einschätzung von Analysten ein richtiger Schritt. Der Softwarehersteller mache damit die Cloud-Version von S/4 Hana deutlich attraktiver, urteilt etwa Holger Müller, Analyst bei Constellation Research. „Mit diesem Produkt kann man kontinuierlich die Geschäftsprozesse analysieren – nicht nur alle paar Jahre im Hauruckverfahren bei der Einführung eines neuen SAP-Systems.“ Das sei nur in der Cloud möglich.

Gleichzeitig will SAP mit den selbst entwickelten und zugekauften Produkten mehrere Disziplinen abdecken, denen Marktforscher großes Potenzial zusprechen, von der Prozessanalyse bis zur Automatisierung – in der Summe handelt es sich um einen milliardenschweren Markt.

Der Deal sei ein Eingeständnis, dass der Dax-Konzern diese Entwicklung teilweise verpasst habe, sagt Analyst Müller: „Das ist eine Technologie, die ein Unternehmen wie SAP eigentlich selbst entwickeln muss.“ Zu den Konkurrenten zählen Software AG und Celonis – das aufstrebende Münchener Unternehmen ist eigentlich auf Kurs Richtung Börse, könnten nun aber stärker unter Druck kommen.

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Die Analyse der Geschäftsprozesse soll Kunden ermöglichen, die Vorteile von S/4 Hana Cloud genau auszunutzen. SAP verspricht zudem, mit dem neuen Programmpaket den Umzug reibungslos und kostengünstig zu gestalten. Die Übertragung der Daten in die Cloud geschehe hochautomatisiert und fast ohne Betriebsunterbrechungen, erklärt der Softwarehersteller. Zudem kommt ein einheitliches Datenmodell zum Einsatz, damit die verschiedenen Programme reibungslos zusammenarbeiten.

Außerdem enthält das Paket zusätzliche Produkte – eine Basisversion der Beschaffungsplattform Ariba, die Kunden die Steuerung der Lieferkette erleichtern soll, zählt ebenso dazu wie auch eine Lösung zur Messung des CO2-Fußabdrucks von Produkten. Beides sind Themen, die derzeit viele Unternehmen beschäftigen.

Die Kosten für die Entwicklung und Markteinführung beziffert SAP nicht. Es handle sich um eines der wichtigsten Projekte für Vorstandschef Klein, heißt es in Konzernkreisen. Von dem dreistelligen Millionenbetrag, den der Softwarekonzern für den Umbau des Geschäftsmodells einplant, dürfte ein beträchtlicher Teil in das neue Produkt fließen.

Einerseits fallen Investitionen beispielsweise für Softwareentwicklung und Cloud-Infrastruktur an, andererseits kostet die Umstellung auf ein Abomodell zunächst.

„Die wirtschaftliche Betrachtung zählt“

Kundenvertreter reagierten positiv. Die Anwendervereinigung DSAG erklärte, dass sie die Unterstützung bei der Einführung von S/4 Hana Cloud befürworte, gerade wenn es darum gehe, Systeme mit vielen Anpassungen zu überführen.

Am Ende zähle jedoch die betriebswirtschaftliche Betrachtung, erklärte DSAG-Technikvorstand Steffen Pietsch – „derzeit liegen jedoch noch zu wenige Informationen vor, um die Tragfähigkeit des Rise-Modells bewerten zu können“. Konkrete Preise nennt SAP bislang nicht, lediglich, dass es sich um ein „wirtschaftlich attraktives“ Angebot handle.

Die Cloud spielt für SAP eine zentrale Rolle, gerade für das Kernprodukt S/4 Hana. Quelle: dapd
Rechenzentrum

Die Cloud spielt für SAP eine zentrale Rolle, gerade für das Kernprodukt S/4 Hana.

(Foto: dapd)

Die Gestaltung dürfte einen wichtigen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg haben. Eine genaue Prognose gibt SAP dazu nicht ab. Es werde einige Zeit dauern, bis das Paket signifikant zum Umsatz beitrage, sagte Vorstandschef Klein. Er erwarte aber in den nächsten Jahren eine „weitere Beschleunigung“ des Cloud-Geschäfts, wozu dieses Angebot beitragen soll – der Ausblick sieht vor, dass der Cloud-Umsatz bis 2025 auf 22 Milliarden Euro wächst.

Auch Analysten und Aktionäre dürften sich die Ankündigungen genau ansehen. Als SAP-Chef Klein im Oktober eine strategische Neuausrichtung mit höheren Investitionen zeitgleich mit einer niedrigeren Prognose ankündigte, stürzte der Kurs massiv auf bis zu 90 Euro ab.

Der Abwärtstrend ist gestoppt, die Aktionäre scheinen aber noch vorsichtig zu sein, obwohl die meisten Analysten das Papier weiterhin zum Kauf empfehlen. Derzeit notiert SAP bei 110 Euro. Die Ankündigung könnte neue Impulse geben.

Mehr: Warum viele Kunden bei SAPs Kernprodukt noch zögern

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3 Kommentare zu "Softwarekonzern: Christian Kleins Coup: SAP stärkt Cloud-Geschäft mit einem Milliardendeal"

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  • Das sehe ich, mit Verlaub, anders als Herr Müller: Eine florierende Startup-Szene in Deutschland liefert immer wieder neue technologische und kaufmännische Ansätze wie in diesem Fall Signavio. Es ist eine Stärke von gut geführten Unternehmen, solche Trends in der Startup-Welt zu erkennen und passende Startups zu kaufen. Dadurch wiederum stärkt man das Startup-Ökosystem in Deutschland. Der Ehrgeiz, alles selbst zu entwickeln, ist mEn. ein Management-Rezept der 1990er Jahre.

  • Leider vergisst SAP bei S/4 HANA die Branche Krankenhäuser/Sozialwirtschaft. Diejenigen, die das Modul IS-H nutzen, haben derzeit keine Lösung dafür.

  • Umstieg inne Klaud? Ist das wie Atomkraft ja bitte? Also wenn da nicht ständig einer Typ verrückter Wissenschaftler drumherumgeiert, ereignet sich der niemals nie eintretende größte anzunehmende Unfall. Und wenn doch - dann trotzdem.

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