Soziale Medien: Feindliches Kaufangebot: So könnte Elon Musk Twitter übernehmen
Der Tesla-Gründer will Twitter von der Börse nehmen.
Foto: APNew York. Elon Musk will den Kurznachrichtendienst Twitter übernehmen. Offiziell hat er hehre Ziele, Motiv sei nicht, „Geld zu verdienen“. Das erklärte Musk am Donnerstag. „Mein starkes intuitives Gefühl sagt mir, dass eine öffentliche Plattform, die maximales Vertrauen genießt und eine breite Öffentlichkeit einschließt, extrem wichtig ist.“ Es gehe um die Zukunft der Zivilisation, die wirtschaftlichen Aspekte seien völlig egal.
Den öffentlich postulierten Absichten des Milliardärs kann Glauben geschenkt werden oder nicht – Fakt ist, dass die kostenschwere Übernahme ohne die Erwägung „wirtschaftlicher Aspekte“ nicht zu stemmen sein wird. Schließlich geht es um 43 Milliarden Dollar, die Musk aufgeboten hat.
Selbst für den reichsten Menschen der Welt ist das eine hohe Summe: Das von Musk vorgeschlagene Barangebot zum Kauf von Twitter macht etwa ein Sechstel seines über 250 Milliarden Dollar schweren Vermögens aus. Der Großteil davon ist in Tesla-Aktien gebunden, deren Wert in den letzten zwei Jahren stark gestiegen ist.
Daraus ergeben sich folgende Finanzierungsmöglichkeiten für den Twitter-Übernahmeplan, risikofrei ist keine der beiden Optionen:
- Musk könnte einen Teil seiner Tesla-Aktien verkaufen. Derzeit verfügt er über rund drei Milliarden Dollar in bar oder in anderen liquiden Mitteln. 2,6 Milliarden Dollar hat er in den letzten Monaten bereits für einen früheren Kauf von Twitter-Aktien ausgegeben, um neun Prozent Anteil am Unternehmen zu erreichen. Das hat der Informationsdienst Bloomberg berechnet.
Damit Musk die zusätzlichen gut 37 Milliarden Dollar in bar aufbringen kann, die für den Kauf der restlichen Anteile erforderlich sind, müsste er etwa 36,5 Millionen Tesla-Aktien verkaufen, also mehr als ein Fünftel seines Anteils. Doch ein solcher Ausstieg könnte den Aktienkurs des Unternehmens ins Rutschen bringen und wichtiges Investorenvertrauen zerstören. - Musk könnte auch einen Kredit aufnehmen, um eine fremdfinanzierte Übernahme durchzuführen, möglicherweise mit externen Partnern. Hierfür könnte Musk seine Anteile an Tesla und am Weltraumunternehmen SpaceX beleihen. Laut Schätzungen von Bloomberg hat sich Musk bereits rund 20 Milliarden Dollar geliehen und dafür entsprechend eigene Aktien hinterlegt.
Bei der Beleihung gibt es selbst für den Multimilliardär Grenzen. So hatte Musk zum 30. Juni 2021 ganze 52 Prozent seiner Tesla-Aktien verpfändet, wie aus der letzten Tesla-Veröffentlichung hervorgeht. Gemäß einer Firmenrichtlinie können maximal 25 Prozent des Wertes der verpfändeten Aktien als Kredit aufgenommen werden.
Seitdem hat Musk seine Aktienanzahl durch die Ausübung von Optionen erhöht. Seine über 172 Millionen Aktien haben einen Wert von 170 Milliarden Dollar. Das bedeutet, dass er sich theoretisch 42,5 Milliarden Dollar leihen könnte, wenn er alle Aktien verpfänden würde.
Musk hatte im Dezember 2019 erklärt, dass er auch einige SpaceX-Aktien verpfändet habe. Sein Anteil von 47 Prozent an dem nicht börsengehandelten Unternehmen ist auf der Grundlage der letzten Finanzierungsrunde 47,5 Milliarden Dollar wert. Bei einer ähnlichen Beleihungsgrenze wie bei Tesla könnte Musk also durch die vollständige Verpfändung seiner SpaceX-Position weitere zwölf Milliarden Dollar aufbringen – wobei Banken bei nicht börsengehandelten Aktien aufgrund der mangelnden Liquidität sehr viel vorsichtiger vorgehen.
Zusätzlich hat Musk Tesla-Optionen im Wert von 54,1 Milliarden Dollar, die er möglicherweise beleihen könnte.
Die vielen Baustellen des Elon Musk
Reicht das? Womöglich ist es Musk mit seinem Übernahmeplan doch nicht so ernst, wie der Milliardär vorgibt. Musks „bestes und endgültiges“, nicht bindendes Angebot in Höhe von 43 Milliarden Dollar ist an zahlreiche Bedingungen geknüpft, einschließlich der nötigen Finanzierung. Die Erfolgsaussichten seien daher gering, schrieben die Analysten von Bloomberg.
Ähnlich kritisch äußerten sich die Marktexperten der Deutschen Bank. „Unsere Skepsis gründet sich auf die Unverbindlichkeit des Angebots und den Bedarf an zusätzlicher Finanzierung in Verbindung mit Plänen, die Werbung zu reduzieren, was die Liste der finanzierungswilligen Partner einschränken könnte“, schreiben sie. Auch sei Musk schon in der Vergangenheit damit gescheitert, börsennotierte Unternehmen zu privatisieren. Etwa im August 2018, als er einen solchen Schritt für Tesla angekündigt hatte.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Lage sein werde, das Unternehmen zu übernehmen“, hatte Musk selbst am Donnerstag während einer TED-Veranstaltung zu seiner geplanten Twitter-Übernahme erklärt.
>> Lesen Sie hier: Vier Szenarien für die Twitter-Übernahme durch Elon Musk
Doch selbst wenn die Übernahme scheitert: Schon jetzt hat Musk mit dem Kauf seines 9,1-Prozent-Anteils an Twitter einen bedeutenden Schritt gemacht. Dieser stellt das bisher größte Investment außerhalb seines Tesla- und SpaceX-Universums dar. Beobachtern stellt sich daher die Frage, ob Musk sich mit dem neuen Engagement nicht endgültig verzettelt.
Schon heute ist Musk auf vielen Baustellen aktiv. Neben der Führung von Tesla ist er Chef von SpaceX, das eines Tages den Mars besiedeln soll. Außerdem ist er an der Tunnelbohrfirma The Boring Company beteiligt und am Gehirnchip-Start-up Neuralink. Den Solarzellenhersteller Solar City gliederte er 2016 in Tesla ein. Daneben stellt Musk immer wieder neue, „coole Ideen“ vor – etwa einen Flammenwerfer.
Viele Tesla-Aktionäre dürften daher aufatmen, wenn die Twitter-Übernahme scheitert. Der US-Wirtschaftssender CNBC verglich Musks Vorhaben, drei Milliardenfirmen gleichzeitig zu leiten, bereits mit dem Anspruch von Carlos Ghosn, als CEO an der Spitze der Autobauer Nissan und Renault zu stehen und gleichzeitig die Unternehmen AvtoVaz und Mitsubishi zu beaufsichtigen. Ghosn fiel tief und floh Ende 2019 vor der japanischen Justiz in seine Heimat, den Libanon.
Twitter wehrt sich
Twitter ist nicht bereit, die Attacke durch Musk einfach so hinzunehmen. Wie am Freitag bekannt wurde, hat Twitter mit JP Morgan offenbar eine zweite Investmentbank hinzugezogen, um auf das feindliche Übernahmeangebot zu reagieren. Dabei hat Twitter nach Angaben eines Insiders auch Interesse an einer Übernahme durch andere Parteien gezeigt, darunter die auf Technologie spezialisierte Private-Equity-Firma Thoma Bravo, wie die „New York Post“ am Donnerstag berichtete.
Mit JP Morgan arbeitet Twitter mit einer Bank zusammen, die den Konflikt mit Musk nicht scheut. JP Morgan und Tesla streiten sich seit Jahren vor Gericht wegen Aktientransaktionen.
Einige von diesen hängen mit Musks Tweet aus dem Jahr 2018 zusammen, in dem er erklärt hatte, dass er die Finanzierung für eine Privatisierung von Tesla gesichert habe. Das Vorhaben scheiterte Wochen später. Neben JP Morgan wird Twitter bereits von Goldman Sachs unterstützt. Die Konkurrenz von Morgan Stanley wiederum arbeitet mit Musk zusammen.
Twitter hatte am Freitag eine sogenannte „Giftpille“ verabschiedet, eine Maßnahme, die das Unternehmen davor schützen soll, dass Musk mehr Anteile am Unternehmen erwirbt. Der Schritt könnte dem Vorstand mehr Zeit verschaffen, um zu entscheiden, wie es weitergehen soll.
Mit Material von Bloomberg.