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Soziale Medien in den USA Warum es nach der Trump-Ära für Facebook, Twitter und Google noch schwieriger wird

Was die einen für legitime Eingriffe halten, damit kein rechtsfreier Raum entsteht, ist für andere Zensur: Trump-Anhänger verlassen die sozialen Netzwerke – und finden in Parler eine Alternative.
27.11.2020 - 11:24 Uhr 2 Kommentare
Mehrere Tweets des US-Präsidenten wurden von Twitter mit einem Warnhinweis versehen. Quelle: AFP
Trump-Tweets

Mehrere Tweets des US-Präsidenten wurden von Twitter mit einem Warnhinweis versehen.

(Foto: AFP)

Düsseldorf Vielleicht ist es bloß eine Drohung, aber vielleicht verlieren Twitter und Facebook tatsächlich Nutzer: „Bitte folgt mir auf Parler“, fordern derzeit viele Amerikaner ihre Kontakte auf den beiden Plattformen auf. „Je mehr wir weiterhin Twitter nutzen, umso mehr Geld machen sie mit der Zensur gegen uns“, schreibt eine weitere Nutzerin – und wirbt für den Wechsel. Mit „wir“ sind empörte Anhänger des Trump-Lagers gemeint. Es sei an der Zeit, es Twitter und Co. zu zeigen, „indem man sie verlässt“.

Für Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke ist es eine paradoxe Situation: Sie haben im Wahlkampf massive Manipulationen und aggressive Aufwiegelungen weitgehend verhindern können, anders als bei der Wahl 2016. Doch in der polarisierten Gesellschaft der USA ist ein Teil der Bürger mit der Moderation der Debatten nicht einverstanden und sucht nun andere Plattformen, die keine Regeln durchsetzen.

Der Konflikt zwischen den politischen Lagern in den USA hält damit bis weit über die Wahl hinaus an. Dem politischen Diskurs sei „fast jegliche Grundlage entzogen“, sagt Axel Bruns, Professor an der australischen Queensland University of Technology in Brisbane. In dieser neuen Realität haben die Plattformbetreiber einen entscheidenden Einfluss auf die Stabilität der Demokratie.

Noch vor vier Jahren konnte Russland über Facebook, Twitter, Instagram und Youtube Propaganda unbemerkt versenden. Die Plattformen hätten „verspätet und unkoordiniert“ reagiert, stellten Studien im Auftrag des US-Senats später fest. Dieses Mal waren sie vorbereitet und konnten solche Angriffe verhindern.

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    Auch für Probleme mit Wahlwerbung waren sie sensibilisiert. Aus 2016 hat die Welt gelernt, dass sich mit hochpersonalisierter Werbung jedem Internetnutzer andere Versprechen machen und Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzen lassen. Twitter und Tiktok stellten Wahlwerbung vor einem Jahr ein. Facebook zeigte zumindest kurz vor und nach der Wahl keine politischen Anzeigen mehr, um Desinformationskampagnen zum Wahlausgang zu unterbinden.

    Warnhinweis für Donald Trump

    Gegen sich aufgebracht haben die Netzwerke einen – vor allem republikanischen – Teil ihrer Nutzer mit Maßregelungen von Donald Trump. Als der scheidende US-Präsident im Wahlkampf Gewalt verherrlichte und log, reagierte Twitter zuerst. Im Mai erschien erstmals eine Warnung an einem Präsidenten-Tweet. Als er schließlich Wahlbetrug reklamierte, labelte das Netzwerk seine Aussagen als „umstritten“.

    Auch Facebook ergriff schließlich Maßnahmen. Zwar hat Konzernchef Mark Zuckerberg immer wieder betont, er wolle nicht Richter über die Wahrheit sein. Aber auch Facebook hat externe Faktenchecker beauftragt, die schließlich auch den Präsidenten prüfen durften: Insgesamt habe Facebook auf ihr Geheiß vom 1. März bis zum Wahltag 180 Millionen Inhalte mit Warnungen versehen, sagt Integritätschef Guy Rosen.

    Auf Googles Videoplattform Youtube konnten dagegen Tausende verfolgen, wie Trump-Anhänger dessen Wahlsieg verkündeten. Vor manchen dieser Clips lief sogar Werbung, Youtube verdiente damit also Geld. Das Portal versah lediglich pauschal alle Wahlvideos mit Warnungen und erntete dafür Kritik. Demokratische Senatoren hatten Youtube vor der Senatsstichwahl im Bundesstaat Georgia gedrängt, Videos mit Falschinformationen zu entfernen.

    Viel Ärger gab es auch um Facebooks Diskussionsgruppen, die das Netzwerk zuletzt stark beworben hatte. Dort können große Nutzergruppen oft unbemerkt Regeln verletzen und Fehlinformationen austauschen. Gruppen, die zum „Stopp des Stimmendiebstahls“ aufriefen, zählten bereits Hunderttausende Mitglieder, als Facebook sie löschte. Auch der verschwörungsideologischen Gruppe QAnon entzog es erst im Oktober nach monatelangen Kontroversen die Verbreitungsmöglichkeiten. Sie preist Trump als Kämpfer gegen eine satanistische Elite.

    Ist Parler eine „neutrale“ Plattform?

    Tatsächlich stehen die großen sozialen Netzwerke wegen ihrer Algorithmen schon lange in der Kritik. Denn sie haben zu der jetzt herrschenden Polarisierung beigetragen. Internetexperten wie Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales sehen die Werbefinanzierung als Wurzel des Übels: Damit Nutzer viele Anzeigen sehen, müssen sie lange online bleiben. Und das erreichen die Netzwerke am besten über Kontroversen. Die Algorithmen fördern daher polarisierende Inhalte zutage, sie funktionieren als Empörungsmaschinen.

    Warnhinweise sehen vor diesem Hintergrund bloß aus wie Pflaster. Nach Ansicht von Medienforscher Bruns sensibilisieren sie zwar eine „vermutete Mehrheit der Gesellschaft“ für Falschinformationen. Bei einer großen Minderheit trete jedoch der gegenteilige Effekt ein. Bei Verschwörungstheorien gelte: „Versucht man, sie zu berichtigen und zu unterdrücken, so sehen ihre Anhänger sich dadurch bestätigt.“ Im Fall der polarisierten USA machten die Warnungen kaum noch einen grundlegenden Unterschied.

    Und wenn es um die Verbreitung der nachweislich irreführenden Beiträge geht, mauert Facebook. Manager Guy Rosen sagte in einem Gespräch mit Journalisten auf Nachfrage bloß: Das Ziel sei es, Falschinformationen nicht von der Plattform zu löschen, sondern sicherzustellen, „dass Leute den richtigen Kontext haben und sie nicht viral gehen.“ Das ändere „einige der Dynamiken, ansonsten habe ich an diesem Punkt keine weiteren Kennzahlen zu teilen“, sagte Rosen.

    Über die Aussichten ist Medienwissenschaftler Bruns ohnehin skeptisch: „Diese Medien werden sicherlich nicht versuchen, Amerika im Alleingang und teils auch gegen seinen Willen zu einen.“ Und Facebook will seine Moderationsmaßnahmen nach den Wahlen auch wieder zurückfahren. Doch der als Versöhner antretende neue US-Präsident Joe Biden wird es ohne sie kaum schaffen.

    Viele Trump-Wähler werben in den USA für einen Wechsel zum Portal Parler. Quelle: AFP
    Parler

    Viele Trump-Wähler werben in den USA für einen Wechsel zum Portal Parler.

    (Foto: AFP)

    Was die einen für legitime Eingriffe halten, damit kein rechtsfreier Raum entsteht, stinkt den anderen allerdings nach Zensur. Deswegen fordern sie jetzt zum digitalen Umzug auf Parler auf. Das Netzwerk positioniert sich selbst als „neutrale“ Plattform.

    Parler-Nutzer sehen laut den Machern sämtliche Beiträge von Menschen, die sie abonniert haben. Wer Hassinhalte oder Pornografie vermeiden will, kann diese abschalten. Nur Spam, Gewaltandrohungen und illegale Inhalte werden von freiwilligen Moderatoren gelöscht. Vor allem Konservative, die dem „Free Speech“-Ideal anhängen, rufen die Plattform als Alternative zu Facebook und Twitter aus.

    Ob es ein Geschäftsmodell für den selbstbestimmten Nachrichtenkanal gibt, ist allerdings fraglich. Das „Streiten über die ideologischen Grenzen“ halte Nutzer aktiv, sagte Social-Media-Forscherin Shannon McGregor von der Universität North Carolina dem „Wall Street Journal“. Zudem gelte das Prinzip, Prominenten „nicht im gleichen Maß die lauteste Stimme geben wie algorithmischen Feeds“. Das macht das Netzwerk für Influencer weniger attraktiv, die wiederum auch viele Nutzer auf eine Plattform ziehen können.

    Laut Parler steht eine schnelle Profitabilität nicht im Vordergrund. Momentan sorgt vor allem die konservative Hauptinvestorin Rebekah Mercer für die Finanzierung. Die Tochter des Hedgefonds-Investors Robert Mercer und ihr Vater unterstützten einst auch die Datenfirma Cambridge Analytica.

    Expertengremien: So könnte die Regulierung aussehen

    Dabei geht es ausgerechnet um die skandalöse Firma im Epizentrum der Wahlmanipulationen 2016. Deren Ex-Mitarbeiter Christopher Wylie hat schließlich ausgepackt, um die Welt vor der gesellschaftlichen Zerstörungskraft der sozialen Netzwerke und ihrer intransparenten Algorithmen zu warnen.

    Wylie ist auch einer derjenigen, die sich mit den Maßnahmen im Wahlkampf 2020 nicht zufriedengeben wollen. Facebook jüngste Schritte gegen Falschinformation seien ein Versuch, „seinen algorithmischen Angriff auf die Demokratie vergessen“ zu machen, warnt er auf Twitter.

    Um tatsächlich Schaden von der Gesellschaft abzuwenden, braucht es aus seiner Sicht scharfe Regeln. Zusammen mit dem „Forum on Information and Democracy“ hat er kurz nach den Wahlen Ideen dazu vorgelegt. Angestoßen wurde die Initiative von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“.

    Im Kern sehen die 250 Vorschläge vor, dass soziale Netzwerke alle Schäden abwägen müssen, die sie verursachen könnten. Inhalte, die sich viral verbreiten, sollen gestoppt werden, bis der Wahrheitsgehalt überprüft worden ist.

    Zudem schlägt die Arbeitsgruppe vor, dass jeder Leser von Fehlinformationen benachrichtigt werden sollte, wenn unabhängige Faktenprüfer sie erst später entlarven. Die Personalisierbarkeit von Werbung sollte stark eingeschränkt werden. Und sie fordern Transparenzpflichten, damit alle Nutzer wissen, warum ihnen bestimmte Inhalte empfohlen werden.

    Die Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, um Empfehlungen für 38 Partnerländer zu erarbeiten, darunter Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. „Dieser Bericht ist der Beweis, dass eine strukturelle Lösung möglich ist, um das Informationschaos zu beenden, das eine tödliche Gefahr für unsere Demokratie darstellt“, sagte „Reporter ohne Grenzen"-Generalsekretär Christophe Deloire bei der Vorstellung.

    Alle Gesetzesinitiativen zu den Plattformen sollten sich von diesem Bericht leiten lassen - darunter der Digital Services Act der EU. Auch im "Aktionsplan für Demokratie in Europa" hätte die EU-Kommission die Gelegenheit dazu. Beide Initiativen sollen Anfang Dezember vorgestellt werden.

    Mehr: Google wehrt sich gegen EU-Regulierung – findet aber kaum Verbündete.

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    2 Kommentare zu "Soziale Medien in den USA: Warum es nach der Trump-Ära für Facebook, Twitter und Google noch schwieriger wird"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Analog für Deutschland: wenn es nur noch eine gleichgeschaltete Einheitspresse gibt (wegen einigen wenigen sehr fähigen Wirtschaftsjournalisten ist das HB die einzige deutsche Zeitung, die ich noch regelmäßig lese) und etwa linksextreme Meinungen und Hetze niemals zensiert werden, wandern die Leser, die diese Gleichschaltung erkennnen (das ist natürlich nicht die Masse, die sich z.B. auch weiterhin die üble Propaganda des klebrigen Claus anschaut), eben früher oder später dorthin ab, wo man noch freie Luft atmen kann und Meinungsvielfalt herrscht - wie beispielsweise viele deutsche Leser zur Schweizer NZZ - für mich die aktuell mit Abstand beste Zeitung Europas, und das selbstverständlich außerhalb der EU:
      "Geschäftsjahr 2019: „NZZ“ steigert Anzahl deutscher Abonnenten um 50 Prozent. (...) In Deutschland erfreut sich die Zeitung wachsender Beliebtheit."
      https://meedia.de/2020/03/20/geschaeftsjahr-2019-nzz-steigert-anzahl-deutscher-abonnenten-um-50-prozent/

    • Wenn dahin die ganzen Schreiber von Hasskommentaren und Verschwörungstheoretiker verschwinden, ist doch die Welt in Ordnung.

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