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Soziale Netzwerke Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales startet Facebook-Konkurrenz ohne Werbung

Das spendenfinanzierte Netzwerk „WT.social“ soll dem Social-Media-Platzhirsch auf den Leib rücken. Selten standen die Chancen so gut für ein Gelingen.
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Der Wikipedia-Mitgründer will Facebook Konkurrenz machen. Quelle: dpa
Jimmy Wales

Der Wikipedia-Mitgründer will Facebook Konkurrenz machen.

(Foto: dpa)

Köln Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales will noch einmal ein weltweit bedeutsames Netzwerk erschaffen. Ähnlich wie Facebook soll es sein – und doch ganz anders.

Auf „WT.social“ sollen Nutzer vor allem Nachrichten diskutieren. „Das Ziel ist, den Leuten Informationen mit Qualität zu liefern, statt Informationen, die sie einfach nur zum Weiterklicken animieren“, sagt Wales dem Handelsblatt. Um Hetze, Bots und Fake News fernzuhalten, setzt er auf Spenden statt auf Werbefinanzierung, die für ihn der Ursprung allen Übels ist.

Wales’ nachrichtenfokussiertes Netzwerk ist fast zeitgleich mit Facebooks Nachrichtenbereich „News Tab“ gestartet, der zunächst in den USA verfügbar ist. In der Rubrik werden Nutzern journalistische Inhalte präsentiert, die das ganze Meinungsspektrum abdecken sollen.

Das Versprechen: Um gut informiert zu sein, muss man Facebook nicht mehr verlassen. Für die Inhalte bezahlt Facebook ausgewählte Medien zwar. Aber die sind sich uneins, ob das ein guter Deal oder ein Pakt mit dem Teufel ist.

Denn die Macht von Facebook ist vielen Internetnutzern, Politikern und Behörden ungeheuer geworden. 2,2 Milliarden Nutzer sind täglich auf einem von Zuckerbergs Diensten Facebook, WhatsApp, Instagram und Messenger aktiv. Damit ist Facebook eine der wichtigsten Plattformen für Einzelhändler, Arbeitgeber, Politiker und Medien. Das Problem: Facebook bestimmt wie ein Monopolist die Regeln der Information, Kommunikation und Werbung. Deshalb fordern Kritiker die Zerschlagung.

Wales glaubt indes weiter an den Wettbewerb. Tatsächlich könnte die Zeit gekommen sein, in der neue Plattformen eine Chance haben, die mit dem Versprechen starten, Nutzerdaten zu schützen und niemals zu verkaufen. „Facebook steckt in einer Krise“, konstatiert Wales, „die Leute glauben und vertrauen Facebook nicht.“

Wales kritisiert auch werbefinanzierten Journalismus

Die Idee, eine Alternative zu Facebook zu bieten, hatten schon andere vor Wales. Doch Netzwerke wie Ello und Diaspora konnten sich nur in der Künstler- und Entwicklernische durchsetzen.

Wales selbst kritisiert mehr das System als einzelne Unternehmen. Die anteilige Werbefinanzierung habe auch dem Journalismus geschadet, weil sie die falschen Anreize setze. „In vielen Publikationen werden Journalisten dadurch eher angetrieben, Klicks als Substanz zu generieren“, findet Wales. Je länger und aktiver die Leser auf den Nachrichtenseiten unterwegs sind, desto eher ist das Online-Nachrichtengeschäft ertragsreicher. Mit zehn Tipps oder Produkten ließe sich mehr Geld verdienen als mit einer aufwendig recherchierten Geschichte.

Eine alternative Medienseite zu etablieren, hat Wales bereits versucht. Das Projekt „WikiTribune“ ist allerdings gescheitert, unter anderem wegen hoher Personalkosten. „WT.social“ entsteht aus deren Überresten.

Die falschen Anreize bestünden laut Wales nicht nur bei den Nachrichtenproduzenten, sondern noch stärker bei den Distributoren, die sich nur durch Werbung finanzierten: „Inhalte, aus denen man etwas lernt unterscheiden sich stark von Inhalten, die Leute kommentieren und über die sie streiten wollen“, sagt der Wikipedia-Mitgründer.

Wie Wikipedia soll das neue Netzwerk nun mithilfe von Spenden finanziert werden. Die Online-Bibliothek lebt von Millionen an Kleinspenden pro Jahr. Erste Spenden bei „WT.social“ laufen derzeit auch deshalb schon ein, weil neue Mitglieder zunächst auf eine Warteliste gesetzt werden. Wer spendet, wird bevorzugt behandelt.

Mehr als 200.000 Mitglieder hat „WT.social“ bereits

Von 400 Mitgliedern Ende Oktober ist Wales’ Netzwerk schnell auf mehr als 200.000 Mitglieder gewachsen. Allerdings sagt die Zahl wenig über den Erfolg von „WT.social“ aus. Viele Menschen melden sich an, um das Netzwerk auszuprobieren. Wie viele dauerhaft aktiv bleiben werden, ist noch abzuwarten.

Optisch erinnert „WT.social“ derzeit mehr an das Layout von Wikipedia als an Facebook oder Twitter, etwa wie eine Beta-Version. Nutzer können Links posten und kommentieren und ihre Beiträge wie in der Online-Enzyklopädie gegenseitig editieren, wobei frühere Versionen nachvollziehbar bleiben. Im Newsfeed stehen die neuesten Beiträge oben, ansonsten ist die Sache recht unübersichtlich. Wenn sich die Plattform gut entwickelt, könnte es der Online-Lesekreis für politisch Interessierte unter den Sozialen Netzwerken werden.

Wales, der sich selbst als „pathologisch optimistisch“ beschreibt, ist ganz bewusst mit einem Netzwerk-Rohbau gestartet: Er will die Plattform von Anfang an in der realen Welt testen. Ein Motto unter den Entwicklern von freier Software lautet, man soll früh und oft veröffentlichen. Das hat sich auch Wales zum Prinzip gemacht. Vielleicht kommt dabei irgendwann wirklich eine Alternative zu Facebook herum.

Mehr: Mit mehr als vier Millionen Nutzern gehört die Video-App TikTok zu den wichtigsten Plattformen in Deutschland. Dabei wird offenbar zensiert, was Peking nicht gefällt.

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