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Start-ups in der Coronakrise Ein „Ommmmmm“ aus dem Keller – so lief das Gründerfrühstück von Bits & Pretzels

Die Konferenz Bits & Pretzels lädt zum virtuellen Treffen. Namhafte Sprecher wie Nico Rosberg, Kevin Spacey und Frank Thelen suchen nach Wegen durch die Coronakrise.
29.03.2020 - 16:16 Uhr Kommentieren
Der umstrittene US-Schauspieler präsentiert sich bei seinem Vortrag stilecht bayerisch mit Hirschhornknöpfen. Quelle: dpa
Kevin Spacey bei der virtuellen Bits & Pretzels

Der umstrittene US-Schauspieler präsentiert sich bei seinem Vortrag stilecht bayerisch mit Hirschhornknöpfen.

(Foto: dpa)

Hamburg Den Anfang macht Nico Rosberg. Der ehemalige Rennfahrer sitzt vor der Webcam – im Keller, damit die Kinder nicht unvermittelt hereinplatzen. „In schwierigen Zeiten lernt man am meisten über sich selbst“, kalendersprucht er. Die schwierige Zeit – das ist selbstredend die Coronakrise, die unvermittelte Naturkatastrophe, die selbst einen Weltmeister aus der Bahn werfen kann.

Rosberg hat sich daher ein Retro-Handy zugelegt, das tagsüber das Smartphone ersetzt. Er schirmt sich ab von den Breaking News, der Katastrophenmeldungen. E-Mails liest er nur noch zweimal am Tag, dafür meditiert er morgens. Das findet Rosberg selbst noch etwas ungewohnt, sicherheitshalber ruft er ein halbironisches „Ommmmmm“ in die Kamera.

Rosberg war am Sonntag der erste Speaker beim ersten virtuellen Gründer-Frühstück der Münchener Start-up-Konferenz Bits & Pretzels. Dreieinhalb Stunden Videostream füllten die drei Konferenz-Gründer. Der Versuch, die Tech-Konferenz aus der Messehalle ins Netz zu verlegen, zeigte: Die Start-up-Szene ist genauso ratlos wie der Neu-Investor Rosberg.

Dabei fuhren die Bits & Pretzels-Macher reichlich namhafte Sprecher auf – Investoren wie Frank Thelen, Experten aus Kanzleien und Beratung, Gründer wie Amorelie-Frontfrau Lea-Sophie Cramer. Als vermeintliches Highlight durfte sogar der in seinem Heimatland wegen in Ungnade gefallene US-Schauspieler Kevin Spacey darüber berichten, was er aus seinem abrupten Karriere-Ende gelernt hat.

Allein: In die Zukunft blicken kann auch die die Start-up-Branche nicht. So blieb vieles zwangsläufig vage, garniert mit dem szenetypischen Optimismus. Investor Thelen etwa verspricht, dass die Krise eben auch eine besondere Chance sei. Start-ups könnten sich viel schneller an neue Begebenheiten anpassen als Großkonzerne. „Ihr habt die Cloud, ihr habt 3D-Druck“, rief er. Und natürlich: „Ihr müsst jetzt agil handeln.“ „Thinking out of the box“ ist noch so ein Ratschlag von der Stange.

Ratschläge mit Bauchgefühl

Konkretere Einsichten als so ziemlich jeder Nutzer auf Twitter hat er natürlich auch nicht. „Mein Bauchgefühl sagt mir: Wir haben kein fundamentales Problem, sondern drücken nur den Pauseknopf“, ahnt er – und prognostiziert, dass größere Veranstaltungen mit mehr als hundert Teilnehmern noch bis Anfang 2021 abgesagt werden müssten. Trotzdem sollten Investoren dran bleiben – auch wenn nicht jedes Start-up gerettet werden könne: „Wir wollen nicht, dass durch eine Schieflage die Chinesen und Amerikaner noch stärker in unser Ökosystem eingreifen.“

Einig ist er sich mit Bits&Pretzels-Mann Felix Haas: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter eines Investors. Nutzt er die Schwierigkeiten seiner Gründer aus, um sich billig weitere Anteile zu sichern, oder ist er wirklich hilfreich? Klar ist für Haas aber auch: „Kein Gründer hat ein Anrecht darauf, dass seine Bewertung gehalten wird.“

Die Reaktion auf die Probleme teilt sich unter den Rednern grob in zwei Richtungen. Eine Fraktion predigt eine Art neuer Innerlichkeit. Neben Rosberg gehört dazu auch Amorelie-Chefin Cramer. Die Gründerin des Sextoy-Versands rät zu einer neuen Dankbarkeit, zur Milde gegenüber eigenen Fehlern, zum Handeln im Kleinen, und wenn es nur die Postkarte an die Oma ist.

Die zweite Fraktion stürzt sich mehr denn je ins Handeln. Zarah Brunn, Dauergast bei Konferenzen als Gründerin des Sozialunternehmens Social Bee, das Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren will, hat in beeindruckender Geschwindigkeit Partner zusammengebracht, die eine neue App programmieren. In wenigen Tagen soll „Bring and Ring“ praktische Nachbarschaftshilfe für Risikogruppen ermöglichen: Senioren etwa können dann Listen für Einkäufe online stellen, die ein Nachbar besorgt. Sponsoren wie Alexander Samwer hat Brunn schon an Bord, einen Payment-Spezialisten sucht sie noch, damit die bargeldlose Zahlung auch noch klappt.

Ähnlich reagiert Christian Vollmann, Gründer von Nebenan.de. Unter anderem mit der Telekom hat er eine kostenlose Hotline für Senioren gestartet. So eingegangene Hilfewünsche können Nachbar online sehen und beantworten. 3000 Anrufe seien bereits eingegangen, Rückmeldequote 90 Prozent, sagt Vollmann. Er profitiert auch geschäftlich: Sein kommerzielles Nachbarschaftsportal verzeichnet in der Krise fünfmal mehr Neuanmeldungen.

Einmaliger Gastauftritt für Spacey

Den Abschluss macht Schauspieler Spacey. „Es ist lange her, dass ich vor so vielen Leuten geredet habe“, sagt der einstige House-of-Cards-Superstar angesichts von bis zu 35.000 Zuschauern im Stream. 2017 brach seine Karriere nach mehreren Belästigungsvorwürfen zusammen. „Ich kann nachvollziehen, was es heißt, wenn die Welt plötzlich zusammenbricht und man die Kontrolle verliert“, sagt Spacey.

Erfolgsmenschen wollten immer weiter aufs Gas drücken, das Auto vorantreiben, ohne den Reifendruck zu messen und den Ölstand kontrollieren. Bei einem Motorschaden wüssten sie dann nicht mehr, wo und wer sie sind, metaphert er. „Ich habe mich über meine Arbeit definiert. Plötzlich musste ich mir die Frage stellen: wer bin ich jetzt?“, sagt er. „Du kannst dabei einen neuen Teil von Dir entdecken der darum gebettelt hat, gehört zu werden“, sagte Spacey, der erst nach den Vorwürfen öffentlich über seine Homosexualität sprach. Seine hoffnungsfrohe Botschaft: „Es wird besser!“

Dass der Auftritt von Spacey heikel ist, war den Bits&Pretzels-Gründern offenbar bewusst. Schließlich sind die Prozesse gegen ihn zwar im Sande verlaufen, die Belästigungsvorwürfe wurden aber nicht widerlegt. Mehrfach erklärten die drei Organisatoren, warum der Schauspieler zugeschaltet werde: Seit einem Auftritt bei der Konferenz in München seien sie in Kontakt, Spacey sei inzwischen ein wahrer Krisen-Experte.

Ursprünglich sollte Spacey 2017 kurz vor dem Bekanntwerden der Belästigungsvorwürfe sogar bei der Konferenz als Partner einsteigen. Jetzt soll es dazu allerdings nicht mehr kommen. Der Auftritt sei eine einmalige Sache, teilte eine Konferenz-Sprecherin auf Anfrage mit.

Keine einmalige Sache hingegen soll das virtuelle Gründerfrühstück bleiben. Haas und seine Partner Andreas Bruckschlögl und Bernd Storm wollen an einem der kommenden Wochenenden wieder vor die Kameras. Dann haben ihre zugeschalteten Experten wohl noch mehr konkret hilfreiche Informationen über die Beantragung von Kurzarbeit, Zuschüsse aus den Rettungsschirmen und die Details der KfW-Kredite.

Im Netz gab es viel Zuspruch für die auch dank Sponsoren kostenlose Konferenz – bei einigen Detailvorschlägen. Die Vorträge seien ja interessant, bemängelten Nutzer auf Twitter, doch die Veranstaltung ziehe sich etwas. Gereicht hätte das Programm in der Tat wohl für zwei virtuelle Konferenzen.

Denn, auch das ist eine Erkenntnis des engagierten Versuchs: Bei solch einer virtuellen Konferenz fehlt der Plausch auf den Gängen. Das improvisierte Business-Meeting, der schnelle Austausch mit potenziellen Investoren entfallen. Doch das ist ja mindestens die Hälfte des Benefits der realen Bits & Pretzels-Konferenz zur Oktoberfest-Zeit. Diskussionsangebote für kleine Teilnehmergrüppchen auf Zoom und Google Hangouts konnten das nicht ersetzen.

Dennoch: Die virtuelle Konferenz könnte einer der positiven Überbleibsel aus der Corona-Zeit sein, wenn der Virus besiegt sein wird. Denn auf positive Effekte hofften die Konferenz-Teilnehmer ganz unbedingt. „Es ist nur schwer zu sagen, welche gute Vorsätze wie weniger zu fliegen wir am Ende wirklich beibehalten“, sagte Investorin Ophelia Brown von Blossom Capital. Das virtuelle Gründer-Frühstück könnte jedoch dazugehören.

Mehr: „Alle Augen auf Cash“ – Geldgeber warnen Start-ups vor Finanzklemme

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