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Start-ups Studie zeigt: Europas Tech-Wissen fließt seltener in die USA ab

Wenn europäische Start-ups in die USA expandieren, bleibt die Entwicklung immer in der Heimat. Eine Analyse zeigt gleich mehrere Vorteile Europas.
23.09.2020 - 00:00 Uhr Kommentieren
Die Bedingungen in Europa haben sich verbessert, Tech-Neugründungen wandern seltener sämtlich in die USA ab. Quelle: dpa
Start-up-Konferenz

Die Bedingungen in Europa haben sich verbessert, Tech-Neugründungen wandern seltener sämtlich in die USA ab.

(Foto: dpa)

Hamburg Europas Tech-Gründer werden selbstbewusster: Laut einer neuen Studie streben sie zwar weiterhin meist eine Expansion in die USA an – allerdings immer seltener, um dort Entwickler einzustellen. In der Mehrzahl der Fälle geht es darum, Technik „100 Prozent made in Europe“ in den USA zu vermarkten.

„Vor 15 Jahren war es noch extrem schwer, in Europa ein bedeutendes Tech-Unternehmen aufzubauen“, erläutert Danny Rimer, Partner bei Index Ventures. Fachkräftemangel und Kapitalnot hätten die Gründer oft gezwungen, die Entwicklung in die USA zu verlagern. „Die Bedingungen sind heute völlig andere“, sagt er.

Der Investor Index Ventures hat 275 europäische Start-ups untersucht, die in den vergangenen zehn Jahren in die USA expandiert haben. Das Ergebnis der Studie, die am Mittwoch veröffentlicht wird: Nur 50 davon haben überhaupt Entwickler in den Vereinigten Staaten angestellt.

Ein Beispiel für das neue Selbstbewusstsein bietet Adrien Nussenbaum. Er hat vor acht Jahren das Start-up Mirakl mitgegründet, das Kunden wie Best Buy und Conrad Electronic mit Software für ihre Online-Marktplätze versorgt. Vor fünf Jahren ist der Franzose von Paris nach Boston gezogen.

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    In dieser Woche kann er vermelden: Mirakl wird jüngstes europäisches Mitglied im Klub der „Einhörner“, der Start-ups, die rechnerisch mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet sind. Eine Finanzierungsrunde über 300 Millionen Dollar, angeführt vom britischen Finanzinvestor Permira, treibt den Unternehmenswert auf mehr als 1,5 Milliarden Dollar. „Ohne die Präsenz auf dem US-Markt hätten wir das nicht geschafft. Allerdings auch nicht, ohne dass einer der beiden Gründer in die USA gegangen wäre“, sagte Nussenbaum dem Handelsblatt.

    Für Firmenkunden sei die Herkunft eines Unternehmens weniger entscheidend als das klare Bekenntnis zum US-Markt – durch Teams vor Ort, die für Fragen jederzeit zur Verfügung stehen, bestätigt Index-Ventures-Manager Dominic Jacquesson. Wichtig seien für die Überzeugungskraft des Vertriebs zudem US-Pilotkunden und idealerweise international orientierte Geldgeber hinter dem Start-up – wie Permira.

    Mehr Kontinuität am Arbeitsmarkt

    Unwesentlich für den Erfolg sei hingegen, das Produkt in den USA zu entwickeln. Auch das spiegelt eine Veränderung im Selbstbewusstsein der europäischen Tech-Szene wider. „Vor zehn bis 15 Jahren hatten wir in Europa einen Minderwertigkeitskomplex: Wir glaubten, dass wir zwar in der Grundlagenforschung gut sind, aber nicht in der digitalen Welt“, erklärt Nussenbaum. Die Erfolge europäischer Gründungen wie Spotify bewiesen aber das Gegenteil.

    Hinzu kommen gewachsene Unterschiede am Arbeitsmarkt. „In den USA wechseln Tech-Talente alle sechs Monate den Arbeitgeber, weil sie meinen, das nächste Google gefunden zu haben. In Europa können wir viel stabilere Teams aufbauen“, meint Nussenbaum. Sein Unternehmen hat zwar ein weiteres Entwicklerbüro außerhalb von Paris aufgebaut – doch das liegt in Bordeaux. Sein Mitgründer, der von Paris aus die Entwicklung steuert, hat so einfachen Zugriff auf die Entwickler dort, während das Team in Boston die Technik „made in Europe“ in den USA vermarktet.

    Zugleich gibt es in Europa inzwischen mehr ausgebildete Softwareentwickler: Laut „Stack Overflow“ sind es sechs Millionen hier, 4,3 Millionen in den USA. Dort machen zudem finanzkräftige Konzerne den Start-ups Konkurrenz. In der Folge liegen die Tech-Löhne in San Francisco 42 Prozent über denjenigen im bereits teuren London. Auch das Kostenargument spricht somit für Entwicklerzentren in Europa. Die deutschen Erfolgsbeispiele Teamviewer und Celonis etwa entwickelten überwiegend hier.

    In den USA sei es zunehmend teuer und schwierig, Entwicklungszentren aufzubauen, meint Jacquesson. Zugleich biete Europa inzwischen Vorbilder wie den schwedischen Musikdienst Spotify und den niederländischen Bezahldienst Ayden, die beide über 50 Milliarden Dollar wert sind.

    Bei der Expansion hilft die Stärke auf dem Heimatmarkt. Nussenbaum schätzt den eigenen Marktanteil in Frankreich in seiner Nische auf 99 Prozent. „Ich habe beim Start in den USA vor allem aus den Fehlern gelernt, die ich bei der europäischen Expansion gemacht habe“, erläutert der Gründer. Zunächst schien die Expansion in Nachbarländer wie Großbritannien und Deutschland ein einfaches Unterfangen. „Es reicht aber nicht, da eine Person in ein Büro zu setzen“, hat Nussenbaum festgestellt. Das Team in Deutschland umfasst daher inzwischen zehn Personen und soll deutlich wachsen. „Wir haben erfahrene lokale Kräfte etwa von Amazon geholt“, erklärt der Unternehmensgründer.

    Mehr Zeit für Erfahrungen

    Die Studie zeigt ebenfalls: Das gewachsene Start-up-Ökosystem in Europa gibt Gründern die Chance, längere Zeit Erfahrungen auf dem Heimatkontinent zu sammeln, bevor sie in die USA gehen. Vor einem Jahrzehnt gingen noch 59 Prozent der Start-ups auf den US-Markt, bevor sie die erste größere Finanzierungsrunde (Serie A) bekamen – oder verlagerten gleich ihren Sitz ganz dorthin. In den vergangenen vier Jahren machte das nur noch ein Drittel der Start-ups zu einem solch frühen Zeitpunkt.

    „Bearbeitet die europäischen Märkte, bevor ihr in die USA geht. Das hilft euch, Erfahrungen und Detailkenntnisse zu erwerben – und ihr werdet in die Lage versetzt, das nötige Geld für die USA einzusammeln“, sagte Spotify-Chef Daniel Ek den Studienautoren. „In den USA wird der Wettbewerb zehnmal stärker sein als zu Hause, und ihr müsst dafür bereit sein“, warnte der Erfolgsgründer.

    Zugleich steht mehr Risikokapital bereit: Die Summe habe sich in den vergangenen vier Jahren auf zuletzt 34,3 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Das bezieht sich jedoch auf die Zeit vor der Coronakrise. Einerseits gibt es mehr lokale Investoren, die Geld geben. Selbst Ideen wie automatisierte Kräutergewächshäuser des Berliner Start-ups Infarm erhalten aktuell – und trotz Corona – große Geldbeträge. Andererseits machen es US-Geldgeber seltener zur Bedingung, dass Gründer den Sitz in die USA verlagern.

    Abhängig ist das jedoch auch vom europäischen Land. Der Gründer des Schweizer E-Bike-Start-ups Bond Mobility etwa verlegte den formalen Firmensitz in die USA. Der Grund: In der Schweiz seien Steuern fällig, sobald bei einer Finanzierungsrunde der Firmenwert steige, sagt Mitgründer Raoul Stöckle. Die Verlagerung des rechtlichen Sitzes geht jedoch seltener mit einer Verlagerung der Mehrzahl der Mitarbeiter einher als noch vor einem Jahrzehnt.

    Reisebeschränkungen bremsen

    Auch das Berliner Unternehmen Blacklane baut Strukturen in den USA auf. Wie bei Bond geht es dabei jedoch mehr um Finanzierung und Vertrieb als um die Entwicklung. Blacklane ist deutlich älter als Bond – und strebt perspektivisch an die Börse. Dabei könnte der US-Kapitalmarkt mehr Geld einspielen. Zugleich will Blacklane das Umsatzpotenzial für seinen Chauffeurdienst heben.

    Die Studienautoren sehen jedoch auch ein großes Hemmnis für den Erfolg europäischer Softwareunternehmen: Europäische Konzerne seien nach wie vor viel zurückhaltender beim Einkauf von Softwarelösungen. Demnach geben sie nur ein Viertel der Budgets der US-Großunternehmen frei. Der Markt für Business-Software sei daher in den USA mehr als doppelt so groß wie in ganz Europa. Entsprechend seien die Vertriebsteams europäischer Softwareanbieter in den USA oft größer als auf dem Heimatkontinent, warnen die Autoren.

    Verzögerungen bei der US-Expansion bringt auch die Coronakrise, etwa durch Reisebeschränkungen. „Ein Gründer wollte schon im Frühjahr mit seiner Familie nach New York ziehen. Das hat natürlich erst mal nicht geklappt“, sagt Index-Ventures-Experte Jacquesson mit Blick auf das eigene Portfolio. Immerhin: Die höhere Akzeptanz von Vertrieb per Videokonferenz erleichtert es Start-ups, mit kleineren US-Teams zu starten.

    Mehr: Start-ups arbeiten immer besser mit der klassischen Industrie zusammen.

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