Studie: Anteil von Frauen in Tech-Berufen in Europa könnte weiter zurückgehen
Allein in Deutschland fehlen 780.000 Arbeitskräfte im Technologieumfeld. Auch weil sich nur wenige Frauen für Jobs in Tech-Branchen entscheiden.
Foto: Tetra images/Getty ImagesBerlin. Bereits jetzt wird nur etwas mehr als jede fünfte Stelle in einem Technologie-Unternehmen innerhalb der Europäischen Union von Frauen besetzt. Dieser Anteil könnte noch zurückgehen. Zu diesem Schluss kommt die Wirtschaftsberatung McKinsey in ihrer jüngsten Analyse zu Frauen in Tech-Jobs.
Ohne Gegenmaßnahmen könne die Frauenquote wegen des rückläufigen Anteils von Absolventinnen in technischen Berufen auf 21 Prozent sinken, heißt es. Hinzu kommt, dass die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) trotz sehr guter Jobperspektiven deutlich gesunken ist.
„Der Mangel an Geschlechterdiversität in Europas Technologielandschaft führt zu erheblichen Nachteilen für Beschäftigte, Innovation und die gesamte europäische Gesellschaft“, sagt einer der Studienautoren, Sven Blumberg. Allein in Deutschland fehlten 780.000 Arbeitskräfte im Technologieumfeld. Der Bedarf könne durch den männlich geprägten Talentpool nicht gedeckt werden.
Die McKinsey-Studie macht großes wirtschaftliches Potenzial aus, sollte es gelingen, in den EU-Mitgliedstaaten den Frauenanteil in Tech-Berufen wie Produktentwicklung, Datenanalyse oder Programmierung bis 2027 auf 45 Prozent zu verdoppeln: Dann könnte das Bruttoinlandsprodukt um 260 bis 600 Milliarden Euro steigen.
Melanie Krawina, McKinsey-Beraterin und Co-Autorin der Studie, sagt: „Unternehmen mit mehr Frauen in Tech-Jobs sind finanziell erfolgreicher, innovativer und agieren nachhaltiger.“ Zudem gebe es Umfragen, entsprechend derer sich Menschen in diversen Teams wohler fühlten.
Wenige Frauen wählen MINT-Studienfächer
„Während der Grund- und Sekundarschulbildung gibt es keine Hinweise darauf, dass Jungen besser in Mathe oder Informatik sind als ihre Klassenkameradinnen“, sagt Krawina. Und trotzdem interessierten sie sich nach der Schule selten für MINT-Berufe.
Vor allem in Deutschland wählen besonders wenige Frauen Studiengänge in einem der MINT-Fächer. Der Frauenanteil bei Bachelorabschlüssen in Technikfächern liegt der Analyse zufolge bei 22 Prozent und damit zehn Prozentpunkte unter dem EU-Schnitt.
Laut Expertin Krawina werden Mädchen seltener relevante Fähigkeiten für Technik- und naturwissenschaftliche Branchen zugesprochen als Jungen, es mangelt an weiblichen Vorbildern und der Unterstützung durch Eltern und Lehrer. „Wir arbeiten immer noch mit Stereotypen und kultureller Befangenheit“, fügt McKinsey-Partner Henning Soller hinzu.
Lesen Sie dazu hier: So lassen sich mehr Frauen für MINT-Berufe gewinnen
Die McKinsey-Studie, die auf Daten zur schulischen und akademischen Bildung der EU-Mitgliedstaaten sowie einem umfangreichen Datensatz der Plattform Eightfold.AI basiert, macht vier Handlungsfelder aus, um das Ungleichgewicht zu reduzieren. Es gelte, Vorbilder aufzubauen, flexible Arbeitsmodelle und Kinderbetreuung zu schaffen, um mehr Frauen anzulocken – und Frauen stärker an Unternehmen zu binden.
Aktuell kehrten viel häufiger Frauen der Tech-Branche den Rücken als Männer. Deswegen schlagen die Autoren vor, die Bindung weiblicher Talente als einen wichtigen Leistungsindikator für die Bewertung von Führungskräften einzuführen. „Wenn Führungskräfte beim Besetzen neuer Stellen erklären müssen, warum den Job keine Frau ausüben kann, können neue Fakten geschaffen werden“, sagt Soller.
Eine weitere Maßnahme könnte der Studie zufolge darin liegen, Frauen aus artverwandten Talentpools zu rekrutieren, diese für Technologiepositionen auszubilden und ihre technologischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Außerdem müsse daran gearbeitet werden, dass weniger Frauen ihr MINT-Studium abbrechen.
Dies könne über mehr und bessere Praktika, Mentoring und Coaching von Frauen passieren. Oder über die aktive Rekrutierung von Frauen für die Arbeit an innovativen Projekten in Führungspositionen.
Europaweites Netzwerk für Frauen in Tech-Führungspositionen
Karla Schönicke gründete vor einigen Jahren ein europaweites Netzwerk, dem mittlerweile mehr als 300 weibliche Technikchefs (CTOs) angehören. „Alle Frauen, die ich ins Netzwerk hole, sind total überrascht, dass ich so viele andere weibliche CTOs gefunden habe. Sie selbst kennen meist eine oder keine andere und fühlen sich als halbe Alien“, sagt Schönicke.
Hauptzweck der regelmäßigen virtuellen Treffen sei der Austausch. Gleichzeitig gehe es um Sichtbarkeit. Schönicke sagt: „Alle in dem Netzwerk wissen, dass man ein dickes Fell benötigt, damit man als Frau in der Tech-Industrie trotz der Alltagsdiskriminierung bleibt und aufsteigt. In den Gesprächen geht es auch viel um konkrete Führungsfragen.“