Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Tech-Messe Web Summit Wer bekommt die Oberhand über das Netz?

Die Technologie-Branche diskutiert mit der Politik über Regulierung und Innovation. Auf dem Web Summit geht das bedachter als im Wahlkampf oder auf Twitter.
Kommentieren
Die EU-Wettbewerbskommissarin setzt sich seit Jahren für Regeln im Internet ein. Quelle: AP
Margrethe Vestager

Die EU-Wettbewerbskommissarin setzt sich seit Jahren für Regeln im Internet ein.

(Foto: AP)

Lissabon Ein Internet mit fairen Regeln muss her. Dafür setzt sich die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager seit Jahren ein. Zum einen sollen viele Firmen dadurch die Möglichkeit bekommen, im Netz Geld zu verdienen. Zum anderen sollen dadurch die Daten der Nutzer geschützt werden.

Nun ist sie nach Lissabon gereist, um über solche Regeln mit Vertretern der Branche zu diskutieren. Dass die Reguliererin bei der internationalen Technologiemesse Web Summit das letzte Wort bekommt, ist eine Botschaft an sich. Bei der Messe tauschen sich kleine und große Technologieunternehmen mit traditionellen Konzernen und der Politik aus – ohne, den Druck von Wahlkampf und Massenpublikum. Vestager sagte vor ihrem Auftritt, dies sei eine Gelegenheit, in eine offene Diskussion über Ideen und Gedanken zu treten, "die nicht in Regularien gehämmert“ werden müssten, die aber eine neue Gemeinschaft ermöglichen könnten.

Es geht weniger um Produktjubel als um technologische bis philosophische Fragen wie folgende: Ist das Netz ein gefährlicher Ort? Ist Datenschutz wichtiger als Strafverfolgung? Wie können Menschen und Gesellschaften vor Manipulation geschützt werden? Vor allem aber stellt sich die Frage: Löst die Tech-Szene ihre Probleme selbst oder übernimmt nun die Politik die Oberhand über das Netz?

Auch für Energieunternehmen wie Shell sind das wegweisende Fragen. Auf der Technologiemesse spricht der Chefstratege Ed Daniels über verschiedene Zukunftsszenarien. Die aktuellen Entwicklungen könnten demnach zu einer Welt digitaler Inseln führen, in der die Globalisierung zurückgedreht ist, zu einer autoritären Welt, in der Regierungen und Tech-Unternehmen gemeinsam das Netz kontrollieren oder zu einer stark vernetzten Welt offener Plattformen, auf denen internationale Werte gelebt werden.

„Wir müssen auf jede dieser alternativen Zukunftsszenarien vorbereitet sein“, sagt Daniels dem Handelsblatt. „Wir nutzen diese Szenarien deshalb, wo und wie wir investieren.“

Es ist jedoch umstritten, ob Regierungen oder Unternehmen persönliche Daten besser schützen und im Interesse der Nutzer handeln können sowie ob mehr Regulierung zu zu starker Überwachung führt. Edward Snowden misstraut beiden Seiten. Um Menschen vor datensammelnden Unternehmen und Behörden zu warnen, hat er seine persönliche Freiheit aufgegeben. „Das Geschäftsmodell von Google, Amazon und Facebook an sich ist Missbrauch“, sagte der Whistleblower zum Auftakt der Messe und mahnte: Wo auch immer Daten gespeichert werden, werden sie irgendwann auch geleakt.

Ein am Mittwoch bekanntgewordener Fall bestätigte ihn: Die saudische Regierung soll US-Staatsanwälten zufolge zwei Twitter-Mitarbeiter für Spionage angeheuert haben. Das Königreich habe Informationen über Regierungskritiker einholen wollen, heißt es in einer Beschwerde, die bei einem Bezirksgericht in San Francisco eingereicht wurde. Ziel sei es gewesen, Tausende Twitter-Konten auszuspähen.

Kritik zeigt langsam Wirkung

Snowden beobachtet, dass sich mittlerweile ein Problembewusstsein für solche Fälle entwickelt. Das liegt auch an Politikern und Vertretern mächtiger Institutionen weltweit, die in Parlamenten und noch lauter auf Twitter fordern, die Tech-Riesen zu zerschlagen oder mit weiteren Gesetzen einzuschränken. Plötzlich ist Datenschutz nicht mehr langweilig, Datenschutz wird existenziell für die Internetunternehmen.

Facebook-Manager Jay Sullivan berichtete beim Web Summit, wie das Unternehmen mit dem FBI und Kinderschutzorganisationen über die Verschlüsselung seiner Nachrichtendienste berät und betonte zugleich, dass Facebook Behörden „kein Hintertürchen“ offenlassen wolle, wenn die Verschlüsselung all seiner Dienste eingeführt wird.

Kritikern reichen solche Ansätze nicht. Wenn die Tech-Riesen jetzt Datenschutz geloben, scheint das vielen scheinheilig. Amazon, Facebook und Google hatten Jahre Zeit, herauszufinden, wie ihre Nutzer ticken und wer, wie, wo und wann ihre Dienste nutzt. Europäische Unternehmen wie die Deutsche Telekom versuchen inzwischen, Datenschutz zum entscheidenden Kundenargument im internationalen Wettbewerb zu machen, zum Beispiel bei Smarthome-Geräten.

„Menschen sollten wählen können, an wen ihre Daten verkauft werden, zu welchem Zweck sie genutzt werden.“ Quelle: AFP
Brittany Kaiser

„Menschen sollten wählen können, an wen ihre Daten verkauft werden, zu welchem Zweck sie genutzt werden.“

(Foto: AFP)

Brittany Kaiser kennt die Macht der Daten. Bevor sie zur Whistleblowerin wurde, war sie Mitarbeiterin bei Cambridge Analytica, jener Analyse-Firma, die in den Facebook-Datenskandal verwickelt war. Damals entwickelte sie selbst Kampagnen mit, bei denen unterschiedliche Werbebotschaften an spezifische Wählergruppen gesendet wurden.

Auf dem Web Summit lobte sie Twitter-Chef Jack Dorseys „heldenhafte“ Entscheidung, künftig keine politische Werbung mehr in seinem Nachrichtendienst zuzulassen. Es sei traurig, dass politische Werbung verboten werden müsse, damit Menschen nicht manipuliert werden – aber so sei es.

Kaiser setzt sich für Selbstbestimmung beim Datengeschäft ein: „Menschen sollten wählen können, an wen ihre Daten verkauft werden, zu welchem Zweck sie genutzt werden“, sagte sie. Und sie sollten mehr dafür bekommen, als bloß die Möglichkeit, eine Plattform zu nutzen. „Ich glaube, wir stimmen alle darüber ein, dass das kein fairer Handel mehr ist“, sagte Kaiser.

Plattformen können gefährliche Anreize haben

Für Jimmy Wales reicht das noch nicht. Für den Wikipedia-Mitbegründer haben Plattformen gefährliche Anreize, wenn sie ihr Geschäftsmodell auf Werbeeinnahmen aufbauen: Der Fokus könne sich schnell von qualitativ hochwertigen Informationen auf Beiträge verschieben, die zum Weiterklicken animieren.

Auf dem Web Summit warb Katherine Maher von der Wikimedia-Stiftung für Wikipedias Spendenmodell, das solchen Anreizen entgegenwirken soll. Wales hatte die Vorteile gegenüber dem Handelsblatt jüngst auf der Konferenz Digital X in Köln die Vorteile erläutert.

„Leute zahlen nur für uns, wenn sie den Eindruck haben, dass wir ihr Leben bedeutend verbessern. Also jagen wir nicht nach Klicks, wir müssen bedeutsam sein.“ Wales arbeitet derzeit an einem neuen sozialen Netzwerk nach dem Vorbild von Wikipedia, bei dem Wahrheitsgehalt und Qualität von Inhalten im Vordergrund stehen.

Für einen der Urväter des Netzes steht heute sein Erbe auf dem Spiel: Sir Tim Berners-Lee. Der Erfinder von HTML und Begründer des World Wide Web war ebenfalls Redner in Köln. Die Technologiebranche bewegen überall die gleichen Fragen. „Ich glaube es ist wichtig, dass wir die Werte nicht ignorieren, auf denen das Web aufgebaut wurde“, sagte Berners-Lee dem Handelsblatt, „aber es ist auch wichtig, dass wir ein paar Probleme lösen, die es hat.“

Dafür bevorzugt der HTML-Erfinder Innovationen. Er hält die riesigen Tech-Plattformen nicht für Monopole, die sich auf ewig selbst erhalten. „Die Leute werden Amazon und Facebook nicht notwendigerweise in Massen verlassen“, sagte er. Aber „Stück für Stück werden sie sehen, dass es viele andere Wege gibt, Menschen zu treffen, Informationen auszutauschen und ihr Leben zu managen als in den großen gegenwärtigen Silos.“

Die Idee von Berners-Lee: mit Selbstermächtigung statt Regulierung den Tech-Riesen etwas entgegensetzen. An einer technologischen Lösung arbeitet Berners-Lee bereits. Mittels der Plattform Solid sollen persönliche Daten in Containern gespeichert werden, die ihre Besitzer selbst verwalten können. „Wenn Menschen begreifen, dass sie ihre Daten selbst kontrollieren können, werden sie von selbst wechseln“, sagte Berners-Lee.

Vor einem Jahr hatte Berners-Lee den Web Summit eröffnet und nach Verbündeten gesucht, die sich für ein besseres Netz verpflichten. Auch Google und Facebook sind unter den Unterzeichnern. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen sollen demnächst vorgestellt werden.

Mehr: Quantencomputer sollen helfen, Verkehr flüssiger zu gestalten. Das Quantencomputer-Unternehmen D-Wave und Volkswagen starten den ersten Feldversuch in Lissabon.

Startseite

Mehr zu: Tech-Messe Web Summit - Wer bekommt die Oberhand über das Netz?

0 Kommentare zu "Tech-Messe Web Summit: Wer bekommt die Oberhand über das Netz?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.