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Technologie Europäische Chipindustrie hinkt Jahre hinterher – EU unter Handlungsdruck

Amerika und Asien sind Europa in fast allen Bereichen voraus. Um aufzuschließen, sind mindestens 50 Milliarden Dollar nötig – und viel Geduld.
10.12.2020 - 04:00 Uhr 2 Kommentare
Europa will die Branche stärker fördern und erleichtert die Zusammenarbeit zwischen den Wettbewerbern. Quelle: Michael Dalder
Chipfabrik

Europa will die Branche stärker fördern und erleichtert die Zusammenarbeit zwischen den Wettbewerbern.

(Foto: Michael Dalder)

München Europa ist abhängig von amerikanischen und asiatischen Chipherstellern. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, wie eine bislang unveröffentlichte Studie der Unternehmensberatung McKinsey zeigt. Demnach hinkt Europa in den meisten Kernbereichen der strategisch wichtigen Industrie um Jahre hinterher.

Mindestens zehn Jahre würde es dauern, bis Europa etwa bei Prozessoren zur Weltspitze aufschließen könnte, schätzen die Halbleiter-Experten von McKinsey. Prozessoren sind das Gehirn eines jeden Rechners. Es sind US-Firmen wie Intel, AMD und Qualcomm, die dieses Geschäft dominieren. Bei Speicherchips sei ebenfalls mit einer Dekade zu rechnen, bis Europa zu den Marktführern aus Südkorea, Amerika und Japan aufschließen könne, so McKinsey.

Nicht viel anders sieht es bei den Fabriken aus: Um auf den fortschrittlichsten Stand der Fertigung zu kommen, sei sogar mit bis zu 15 Jahren Vorlauf zu rechnen. Fachleute sprechen bei den modernsten Werken von der sogenannten „Leading Edge“.

Gleichwohl gebe es durchaus eine Chance, den Anschluss wieder herzustellen, sagt Ondrej Burkacky, Partner und Halbleiterexperte von McKinsey: „Europas Aufholjagd ist nicht aussichtslos. Aber der Abstand wird aktuell größer.“

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Standort erkennen

    Die Politik hat inzwischen erkannt, dass die Zeit drängt: 17 EU-Länder haben sich Anfang der Woche zusammengeschlossen, um gemeinsame Unternehmensprojekte in der Halbleiterbranche auf den Weg zu bringen. Zu den Unterzeichnern der Initiative gehören nach EU-Angaben unter anderem Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande. In den Ländern können nun gemeinsame Industrie-Allianzen gebildet werden. Für diese würden dann weniger scharfe Vorgaben zu Staatshilfen greifen, weil sie von strategischer Bedeutung für Europa sind.

    Batteriezellen als Vorbild

    Die Staaten haben sich bestehende Vereinbarungen bei Batteriezellen als Vorbild genommen. Diese spielen für die E-Mobilität und die Energiewende eine wichtige Rolle. Europa fördert auf diesem Gebiet bereits gemeinsame Projekte und erlaubt vergleichsweise hohe staatliche Subventionen für den Aufbau eigener Produktionskapazitäten. Auch hier soll die Abhängigkeit von Asien reduziert werden.

    Der Chef des niederländischen Chipherstellers NXP, Kurt Sievers, begrüßt die Initiative: „Wir könnten nicht wettbewerbsrelevante Aufgaben gemeinsam angehen. Bestimmte Dinge könnten wir damit beschleunigen“, sagte der Manager dem Handelsblatt. NXP ist einer der wichtigsten Wettbewerber von Infineon, dem größten deutschen Chipproduzenten.

    McKinsey-Experte Burkacky fordert die europäischen Regierungen und die EU auf, jetzt schnell einen Masterplan für die Chips vorzulegen – und den dann alsbald umzusetzen. Denn die USA und China hätten bereits eigene Chipstrategien entwickelt: den „Chips for America Act“ sowie „Made in China 2025“.

    Dafür müssten die einzelnen Nationen und die EU mindestens 50 Milliarden Dollar bereitstellen – so viel wie die beiden Rivalen auf dem Weltmarkt: „Darunter geht es nicht“, so Burkacky.

    Zügige Entscheidungen sind auch deswegen nötig, weil Europa auch in diesem Jahr weiter an Gewicht im weltweiten Halbleitergeschäft verloren hat. So wächst der globale Markt dieses Jahr vermutlich um vier Prozent. In Europa werde der Umsatz dem Branchenverband ZVEI zufolge allerdings um acht Prozent schrumpfen, in Deutschland sogar um bis zu 14 Prozent. Die Branche setzt inzwischen nicht einmal mehr jeden zehnten Dollar in Europa um. Der ZVEI sieht das mit Unbehagen.

    Grafik

    US-Präsident Donald Trump nutzt das Thema Halbleiter seit Monaten, um politischen Druck auszuüben. Bislang trifft das nur China. Im Gegensatz zu US-Anbietern spielen chinesische Wettbewerber praktisch keine Rolle auf dem Weltmarkt. So etwas, so die Befürchtung, könnte aber auch Europa passieren. Um selbst Verhandlungsmacht aufzubauen, müsse Europa auf „mindestens 20, besser auf 30 Prozent Marktanteil kommen“, glaubt ZVEI-Experte Stephan zur Verth.

    Dazu braucht es einiger Anstrengung. Aber: „Europa muss nicht überall aufholen“, sagt Berater Burkacky. Europa würde schon relevanter in der Branche, wenn der Kontinent nur in ausgewählten Bereichen zur Weltspitze gehören würde.

    Abwanderung von weiterem Know-how droht

    Einerseits könnten dies Chips sein, die Anwendungen der Künstlichen Intelligenz ermöglichen, zum Beispiel beim autonomen Fahren. Andererseits könnte Europa eine hochmoderne Chipfabrik errichten. Dabei würde zwar allein der Bau zwischen 12 und 15 Milliarden Euro verschlingen. Dafür aber hätten europäische Chipkonzerne eine hochmoderne Fabrik vor der Haustür, in der sie auch kritische Anwendungen fertigen könnten. Die derzeit leistungsfähigsten Werke der Auftragsfertiger, der sogenannten Foundries, stehen in Südkorea und Taiwan.

    Ohne staatliche Unterstützung würde eine solche Fabrik wohl nicht entstehen, warnt Burkacky: „Die ersten fünf, sechs Jahre ist das ein Verlustgeschäft“, so der Manager.

    Momentan gehört Europa nur in zwei Segmenten zur Weltklasse: bei den Leistungshalbleitern und bei den Sensoren. Der Münchener Chiphersteller Infineon sieht sich als Marktführer bei den Chips zur Stromversorgung. Bei Sensoren treiben europäische Firmen wie Bosch oder ST Microelectronics das Geschäft. Den Vorsprung auf die Konkurrenz aus Amerika und Asien schätzt McKinsey auf drei bis zehn Jahre.

    Erst einmal aber droht Europa weiteres Know-how in der Halbleiterbranche zu verlieren: Im Sommer kündigte der US-Konzern Nvidia an, den britischen Chipdesigner Arm für 40 Milliarden Dollar zu übernehmen. Noch haben die Wettbewerbshüter den Deal aber nicht genehmigt.

    Europa hinkt gegenüber den fortschrittlichsten Fabriken in Amerika und Asien um mindestens zehn Jahre hinterher. Quelle: Reuters
    Halbleiterfertigung

    Europa hinkt gegenüber den fortschrittlichsten Fabriken in Amerika und Asien um mindestens zehn Jahre hinterher.

    (Foto: Reuters)

    Darüber hinaus ist in diesen Tagen Global Wafers aus Taiwan dabei, den Münchener Rivalen Siltronic zu schlucken. Wafer sind Silizium-Scheiben, aus denen die Chips entstehen. Die Asiaten sind bereit, knapp vier Milliarden Euro für den im MDax notierten Konzern zu bezahlen. Siltronic ist der einzige europäische Lieferant von Wafern.

    Mehr: Die Chipindustrie wächst kräftig – nur nicht in Deutschland.

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    2 Kommentare zu "Technologie: Europäische Chipindustrie hinkt Jahre hinterher – EU unter Handlungsdruck"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Bei Kartoffelchips sind die Chancen größer.

    • Eine europäische Chipfabrik könnte viele europäische Kooperationen und Vernetzungen von Firmenintelligenz einleiten, um damit ein Stück unabhängiger zu werden von den USA und Asien und deren Handelskonflikten. Und die Europäer sollten besser werden, aus Technologie hilfreiche Produkte zu entwickeln. Das Ganze wäre ein wichtiges strategisches Gesamtpaket. Eine gute Initiative in jedem Fall. Die Themen Kooperation und intelligente elektronische Vernetzung werden für alle Firmen in Zukunft noch wichtiger werden. Alleine mit den eigenen Lieferanten im alten Stil weiterzumachen, wird keine Zukunft haben. Es sollten alle Betroffenen miteinander die Themen anpacken. Das gilt für viele Wirtschaftsfelder, nicht nur für die strategischen. Die aber politisch und finanziell anzustoßen, ist richtig. Machen müssen es aber die Unternehmen.

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