Technologie-Festival SXSW Das Woodstock der Technologie

Das Technologiefestival „South by South West“ in Austin beginnt diesen Freitag – und die Botschaft ist klar: Ohne Technologie geht gar nichts mehr.
Auf dem Technologiefestival in Austin wurde einst auch der Kurznachrichtendienst Twitter entdeckt. Quelle: dpa
SXSW

Auf dem Technologiefestival in Austin wurde einst auch der Kurznachrichtendienst Twitter entdeckt.

(Foto: dpa)

AustinEs ist genau 30 Jahre her, als ein kleines Musikfestival mit dem Namen „South by Southwest“ ein paar Hundert Besucher nach Austin lockte. Die Stadt im US-Bundesstaat Texas ist für ihre Musik-Kneipen und ihre bunten Cafés bekannt. Wer in Austin lebt, weiß, wie man gute Partys feiert. Das Festival hat über die Jahre immer mehr Besucher angezogen, nahm neben Musik auch Filme und Technologie ins Programm auf, und ist heute eines der wichtigsten Treffen für Technologie und Kultur überhaupt.

Mehr als 80.000 Besucher werden ab Freitag in die Stadt strömen, die gut eine Million Einwohner zählt. Hier werden Innovationen präsentiert, die in ein paar Jahren eine breite Masse erreichen werden. Hier werden Deals geschlossen und Kontakte geknüpft. Auch der Kurznachrichtendienst Twitter wurde einst auf diesem Festival entdeckt.

Erfindungen, die sich zu Recht gehalten haben
Die gute alte Vinyl-Schallplatte
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Die Liebhaber preisen ihren unverfälschten Klang, ergötzen sich am feinen Knistern beim Abspielen. Und die Verkaufszahlen im aktuellen Weihnachtsgeschäft zeigen, es sind nicht mehr nur Enthusiasten, die Vinylscheiben und Plattenspieler wieder zum Kult machen, sondern die Massen: Die LP des neuen Albums „25“ der Popsängerin Adele sprang in den USA in die Top 3 der meistverkauften Alben.

In Deutschland gehen heute fast zwei Millionen der Scheiben über die Ladentheke. 2006 waren es nicht einmal 300.000.

Tonbandgeräte
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Auch immer mehr Besitzer von Tonbandgeräten erinnern sich an ihre Schätze und lassen sie bei Spezialisten wie Frank Sittinger überholen. Der Ingenieur aus Rheinland-Pfalz ist auf Wochen ausgebucht. Die Schweizer Edelmarke Revox wiederum produziert seit 2015 wieder Tonköpfe – für gut 400 Euro das Stück. Die französische Firma Pyral, letzter Hersteller von Tonbändern, verzeichnet steigende Nachfrage.

Die Kunden wollen nicht irgendwo aus der Cloud Musik streamen, sondern lauschen lieber ihren Mitschnitten von Radiosendungen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Auch jenseits der analogen Tonträger gibt es erstaunlich viele Technologien, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.
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Längst gäbe es jeweils bessere, modernere, oft auch günstigere Lösungen – und doch halten sie sich. Dafür gibt es drei Gründe:

Die Pfadabhängigkeit: Ist ein Grundstein gelegt, wird ein Prinzip weiterentwickelt, nicht neu erfunden (zumindest vor dem Zeitalter der Disruption). So überlebten Schreibmaschinentastatur und Cessna 172.

Niedrige Kosten, gute Funktionalität: Diese Kombination rettete Diskette, Stethoskop, Rohrpost, Stenografie und CB-Funk.

Die Aura von Nostalgie: Sie verleitet Menschen immer wieder dazu, bei Schallplatte, Flipper, Farbfilm, Ural-Motorrad oder mechanischer Uhr zuzugreifen.

Schreibmaschinentastatur
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Irgendwann fragt sich wohl jeder, warum die Buchstaben auf der Tastatur so seltsam angeordnet sind. Schuld ist der Drucker Christopher Latham Sholes aus den USA. Er gruppierte 1868 die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine derart an, damit sich die Hebel nicht laufend verhakten, die die Buchstabentypen auf das Farbband über dem Papier schlugen. Häufig genutzte Buchstaben wie A, E, O, T und N platzierte er weit entfernt voneinander. Den Rest verteilte er wahllos dazwischen.
In Zeiten von Laser- und Tintendruckern ist das Prinzip sinnlos. Doch weil Generationen von Menschen die Tastatur gewöhnt sind, sie zigmillionenfach produziert wurde, scheint die Anordnung unausrottbar – obwohl ergonomisch schlecht. Die Schreibmaschinentastatur ist so zum Lehrbuchbeispiel für Pfadabhängigkeit geworden. Mit dem Begriff erklären Ökonomen das Phänomen, warum Technik so schwer zu verdrängen ist, die einmal einen Standard gesetzt hat.

Cessna 172
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Weltweit berühmt wurde die Cessna 172 am 28. Mai 1987. Damals landete der 18-jährige Matthias Rust, ein Banklehrling aus Wedel in Holstein, mit der einmotorigen Propellermaschine nahe dem Roten Platz in Moskau, um dem damaligen Kreml-Chef Michail Gorbatschow eine wirre Friedensbotschaft zu überbringen.

Die viersitzige Cessna 172 ist so etwas wie der VW Käfer der Lüfte: Das mit 43.000 Exemplaren meistgebaute Flugzeug der Welt fliegt und fliegt und fliegt – inzwischen seit fast 60 Jahren. Das Leichtflugzeug des US-Herstellers Cessna Aircraft ist robust, im Unterhalt günstig und immer wieder modernisiert worden.

Viele Hobbypiloten haben auf ihr gelernt und bleiben ihr daher treu. 155 Maschinen verkaufte Cessna vergangenes Jahr weltweit, zum Stückpreis von umgerechnet 292.000 Euro. Die Urversion kostet rund 8.000 Euro.

Flipper
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Was heute für die Gamer Playstation und Xbox sind, war für ihre Eltern Anfang der Achtzigerjahre der Flipper. Damals gab es in deutschen Haushalten und Kneipen knapp eine halbe Million der Spieleschränke. Das flinke Fingerspiel an den Steuertasten und mit dem Federbolzen hat gar die deutsche Sprache geprägt: „Ausgeflippt“ oder „getilt“ haben überdauert.

Genauso wie zwei US-Hersteller mit den poetischen Namen Stern Pinball und Jersey Jack Pinball, die weiter die Geräte perfektionieren und jährlich ein paar Hundert von ihnen hierzulande verkaufen. Zu Neupreisen von rund 6.000 Euro kosten sie zwar ein Vielfaches moderner digitaler Spielkonsolen – doch die nostalgische Erinnerung an manch verdaddelte Kneipennacht scheint es wert zu sein.

Diskette
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Wer auf das Speichern-Symbol eines Windows-Rechners klickt, begegnet ihr: der Diskette. Dutzende Mal am Tag fahren wir mit dem Mauszeiger auf das Icon, um einen Text auf der Festplatte oder Musik auf dem Handy zu sichern. Viele der jungen Digital Natives werden kaum wissen, wofür das Symbol steht, Ältere halten sie längst für ausgestorben. Doch gibt es sie noch, die Diskette.

In den Großrechnern der US-Atomraketenarsenale versehen Exemplare der allerersten Generation im riesigen Acht-Zoll-Format (20 Zentimeter!) ihren Dienst. Im Weißen Haus soll erst jetzt die Technikchefin Megan Smith, eine frühere Google-Managerin, die wabbeligen Scheiben – Englisch: Floppy Discs – verbannen. In Flugzeugen, Röntgengeräten und anderen alten Maschinen mit vielen Jahrzehnten Lebensdauer lohnt kein Umrüsten etwa auf moderne USB-Speichersticks.

Auch wenn gerade mal 1,44 Megabyte (MB) auf eine 3,5-Zoll-Scheibe passen, was nicht einmal für eine Power-Point-Präsentation reicht. Einer der letzten weltweit verbliebenen Anbieter, das sauerländische Unternehmen Xlyne, verzeichnet sogar eine wieder steigende Nachfrage von über einer Million Stück im Jahr – auch weil die großen Anbieter das Geschäft aufgegeben haben.

Wie wichtig das Festival für die Innovationskraft des Landes geworden ist, zeigt ein Blick auf die erste große Keynote-Rede des Tages: US-Präsident Barack Obama kommt nach Austin, um über die Bedeutung von Innovationen zu sprechen, und Tech-Talente für gesellschaftliches Engagement zu begeistern. First Lady Michelle wird ein paar Tage später eine Rede halten. Es ist das erste Mal, dass ein Präsident die Messe besucht. Doch der Zeitpunkt könnte kaum besser sein: Das Jubiläumsjahr der SXSW ist auch ein Wahlkampfjahr, in dem Technologie so wichtig ist für die Jagd nach Wählerstimmen wie nie zuvor.

Politik ist eines der großen Themen in Austin. „Robo-Präsident: Politik in einer algorithmischen Welt“ heißt ein Panel, bei dem Experten der Microsoft-Ideenschmiede Fuse Labs mit Wissenschaftlern diskutieren, wie sich intelligente Computersysteme auf die Gesellschaft und die Wahlen auswirken. Bei „Big Data wird den nächsten Präsidenten wählen“ geht es um die Taktik, via Facebook, Twitter und andere Kanäle so viele Informationen über die Wähler zu sammeln wie möglich. Eine Strategie, die sich Hillary Clinton, die Spitzenkandidatin der Demokraten, ebenso zu Eigen macht wie der Republikaner Ted Cruz.

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