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Technologie Geldverschwendung: Warum Halbleiter-Experten eine Mega-Chipfabrik der neuesten Generation in Europa ablehnen

Die EU will Milliardenbeträge in hochmoderne Chipwerke stecken. Branchenkenner halten das für den falschen Weg, um unabhängiger von Asien zu werden.
11.06.2021 - 13:36 Uhr 1 Kommentar
Europa braucht neue Chipfabriken. Aber nicht die allermodernsten, meinen Experten. Quelle: dpa
Chipfertigung

Europa braucht neue Chipfabriken. Aber nicht die allermodernsten, meinen Experten.

(Foto: dpa)

München Halbleiterexperten von McKinsey sprechen sich gegen milliardenschwere Investitionen in Halbleiterwerke in Europa aus. Es sei zu teuer und zu wenig erfolgversprechend, die allermodernsten Produktionsverfahren in der EU aufzubauen, warnt die Beratungsgesellschaft in einer bislang unveröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.

Erklärtes Ziel der EU ist es, unabhängiger von Lieferanten aus Asien zu werden. EU-Kommissar Thierry Breton will deshalb bis 2030 die Produktion der nächsten Generation von Spitzenchips nach Europa holen – und dafür Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Das sei Geldverschwendung, urteilt McKinsey.

Stattdessen sollte die Gemeinschaft die Fertigung jener Chips fördern, die von der europäischen Industrie tatsächlich benötigt würden – und das seien nicht die höchstintegrierten Bauelemente.

„Es ist einfach nicht sinnvoll, Geld für eine Fertigung auszugeben, die Europa nicht auslasten kann“, sagt Ondrej Burkacky, Chipexperte von McKinsey. Seiner Ansicht nach wird die gesamte europäische Autoindustrie, also eine der Schlüsselbranchen des Kontinents, im Jahr 2024 lediglich zwei Prozent der fortschrittlichsten Chips weltweit nachfragen. Für diesen geringen Bedarf würden sich Werke, die zehn Milliarden Dollar und mehr kosten, schlicht nicht lohnen.

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    Das Maß aller Dinge in der Branche ist die Zahl der Transistoren auf einem Chip: je kleiner, desto besser und desto mehr Transistoren passen auf die gleiche Fläche. Auf den derzeit modernsten Chips finden fünf Nanometer große Transistoren Platz. Ein Nanometer entspricht dem millionsten Teil eines Zentimeters. Kleinere Transistoren verbrauchen weniger Strom, rechnen schneller und ermöglichen kleinere Chipgrößen.

    Allerdings sind solche hochgezüchteten Chips für viele Anwendungen gar nicht nötig. Vor allem europäische Kernbranchen wie die Autobauer benötigen eher wenige dieser Bauelemente. Vielmehr sollte Europa Werke für Chips mit 20 bis 45 Nanometern unterstützen, empfiehlt McKinsey. Denn die seien in Europa gefragt.

    Kaum Bedarf an hochgezüchteten Chips in der Autobranche

    Zum Vergleich: Die gesamte europäische Autoindustrie werde in drei Jahren weniger als 250 sogenannte Wafer der neuesten Generation pro Tag benötigen. Wafer sind Siliziumscheiben, auf denen die Chips entstehen. Etwa drei Jahre dauert es, um eine Chipfabrik zu planen und zu bauen. Eine der technisch fortschrittlichsten Fabriken müsse jedoch zwischen 12.000 und 20.000 Wafer in der Woche verarbeiten, damit sich der riesige Aufwand lohnt.

    Die EU und auch die Bundesregierung wollen die Chipfertigung in Europa fördern, weil seit Monaten die Bauelemente fehlen. Von Schweden bis Italien stehen die Bänder in den Fahrzeugfabriken still. Denn die Werke von Chip-Auftragsfertigern wie TSMC in Taiwan sind komplett ausgelastet. Europa kann seinen Chipbedarf nur zu ungefähr 70 Prozent selbst decken.

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    Trotzdem spricht sich nicht nur McKinsey gegen eine sogenannte Mega-Fab aus, die Milliarden an öffentlichen Subventionen verschlingen würde. „Wir meinen, dass sich Europa auf moderne, aber nicht die fortschrittlichste Technologie konzentrieren sollte“, sagte jüngst Helmut Gassel, Vertriebsvorstand des Münchener Halbleiterherstellers Infineon. „Es gibt kein Geschäftsmodell für solch eine Fab“, findet auch Jan-Peter Kleinhans, Chipexperte der Stiftung Neue Verantwortung. Das gehe am tatsächlichen Bedarf vorbei.

    Grafik

    Dazu kommt: Die USA rüsten in der Chipindustrie auf und fördern die Branche mit Milliarden. Es entstehen riesige Fabriken der jüngsten Generation, der sogenannten Leading Edge. Das sei für Europa hilfreich, weil der Kontinent künftig nicht mehr allein in Asien einkaufen müsse, so Berater Burkacky: „Für die Leading Edge gibt es einen globalen Markt mit Lieferanten in Südkorea, Taiwan und künftig auch den USA. Europa hat also die Auswahl.“

    Der Chipumsatz wird dieses Jahr in die Höhe schießen

    Unstrittig ist, dass es dringend neue Werke braucht – an welchem Ort auch immer. Denn das Geschäft läuft glänzend, und die bestehenden Fabriken arbeiten an der Kapazitätsgrenze. Dem Branchenverband World Semiconductor Trade Statistics zufolge wird der Umsatz dieses Jahr weltweit um knapp 20 Prozent auf 520 Milliarden Dollar in die Höhe schießen. Für das kommende Jahr sagt der Verband ein Plus von annähernd neun Prozent auf 573 Milliarden Dollar voraus.

    McKinsey rät Europa, vor allem Know-how im Chipdesign aufzubauen. Dies käme der gesamten europäischen Wirtschaft zugute, weil inzwischen sehr viele Industrien Halbleiter benötigten und diese auch zunehmend selbst entwickelten. Zudem sollte sich die EU nach Verbündeten umsehen. Burkacky: „Es lohnt sich, Allianzen zu schmieden. Japan etwa ist in der gleichen Lage wie Europa.“

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    1 Kommentar zu "Technologie: Geldverschwendung: Warum Halbleiter-Experten eine Mega-Chipfabrik der neuesten Generation in Europa ablehnen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Da stellt sich mir die Frage, wieviele Chip-Fabriken McK schon gebaut hat, um diese Erfahrung weiter zu geben zu können und vor allem auch, woher die wissen, wie die Welt morgen aussieht. Es ist ja noch nicht lange her, da haben alle möglichen Experten-Gremien uns erzählen wollen, dass sich Batteriefabriken in DE und EU nicht rechnen. Nicht einmal 5 Jahre später baut die ganze Branche daran. Analysen bauen naturgemäß auf Vergangenheitsdaten und Prognosen - auf Zukunftsdaten.

      Vertrauenbildent ist zudem nicht, dass die großen Beratungsunternehmen sich sogar auch schon mal in ihrer Kernkompetenz 'Finanzen' ziemlich schwer tun. Wirecard läßt grüßen.

      Außerdem und das ist für mich der wichtigste Punkt, nämlich die politische Bewertung der Versorgungslage und daraus resultierenden Abhängigkeiten. Alle Investitionen nur nach dem Profit zu betrachten - ohne politisch klug zu denken - scheint mir angesichts der erkennbaren Krisen wie Corona und der Umweltschädigung doch recht kurzsichtig.

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