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Tino Krause im Interview „Facebook ändert sich gerade radikal“

Der neue Deutschlandchef des Netzwerks spricht über Datenskandale, Ärger mit Aufsehern – und den europäischen Einfluss auf die Strategie von Facebook.
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Für den Deutschlandchef von Facebook entwickeln sich soziale Netzwerke zu einer Art digitalem Wohnzimmer. Quelle: Thomas Berger für Handelsblatt
Tino Krause

Für den Deutschlandchef von Facebook entwickeln sich soziale Netzwerke zu einer Art digitalem Wohnzimmer.

(Foto: Thomas Berger für Handelsblatt)

Köln Ein weiteres schwieriges Jahr liegt hinter Facebook. Zwar wachsen Umsatz und Nutzerzahlen des sozialen Netzwerks. Doch gleichzeitig kommen immer neue Datenpannen ans Licht – und in den USA wie in Europa hat das Netzwerk Ärger mit Aufsichtsbehörden.

All das schreckt Tino Krause nicht. Der neue Facebook-Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz hat sich vorgenommen, bei den Nutzern Vertrauen zurückzugewinnen und will den Einfluss des deutschsprachigen Raums im Facebook-Kosmos deutlich ausbauen.

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Dazu will Krause das Thema Datenschutz vorantreiben. „Meine Ambition ist ganz klar, dass unsere Region Vorreiter beim Thema Datenschutz ist“, sagt er im Interview. „Wenn sich die Kollegen in Menlo Park in einem halben Jahr fragen, welches Team da Innovationsführer ist, soll der Name „Deutschland, Österreich, Schweiz“ fallen.“

Die Region könne großen Einfluss auf die Produktentwicklung in den USA haben, sagt Krause. „Der deutschsprachige Raum ist für Facebook ein entscheidender Markt, nicht zuletzt, weil das Thema Datenschutz ganz entschieden von hier getrieben wird.“

Krause ist sich sicher, dass der Ernst der Lage bei dem Konzern nach den Datenpannen und Manipulationsskandalen inzwischen jedem Mitarbeiter bewusst ist. „Facebook ändert sich gerade radikal“, sagt er.

Dazu tragen auch Zusagen an die Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission bei. „Jeder wird sich per Unterschrift auf einem internen Dokument verpflichten müssen, die Daten und die Privatsphäre unserer Nutzer zu schützen – bei allem, was er tut und entwickelt“, sagt er Manager.

Facebook hat derzeit sowohl in den USA als auch in Europa Ärger mit den Aufsichtsbehörden. Dabei geht es immer wieder um den Datenschutz, aber auch um Kartellfragen. Vielen Kritikern ist der Konzern zu mächtig.

Lesen Sie hier das ganze Interview

Herr Krause, bis vor Kurzem gehörten Sie eher zu den Facebook-Kritikern. Sie haben zum Beispiel bemängelt, dass Facebook alles über die Werbewirkung weiß, seine Werbekunden über die Details aber im Dunkeln lässt. Jetzt sind Sie Facebook-Deutschlandchef. Wie konnte es dazu kommen?
Von meiner Tätigkeit bei Audi, Telefónica und Mediacom kenne ich sowohl die Perspektive der Werbetreibenden als auch die von Agenturen. Dieser breite Blickwinkel ist wahrscheinlich ein wesentlicher Grund dafür, dass ich jetzt hier sitze. Ich bin ganz klar dafür angetreten, dieses Wissen bei Facebook einzubringen und Dinge auch besser zu machen.

Das heißt, jetzt kommen die von Ihnen stets geforderten besseren Standards für das Werbegeschäft? Ein direkter Zugang der Werbekunden zu Nutzern? Und echte Klickzahlen?
All das sind Themen, an denen Facebook arbeitet, und hier bringe ich mich mit Ideen ein. Aber nach sechs Monaten im Job ist es sicher noch zu früh, hier über Details zu sprechen.

Was können Sie als Länderchef eines US- Technologiekonzerns überhaupt ausrichten? Strategie und Entwicklung werden von den USA gemacht. Sie müssen in Deutschland vor allem die Werbekunden bei Laune halten – und ausbaden, was schiefläuft.
Es ist umgekehrt. Der deutschsprachige Raum ist für Facebook ein entscheidender Markt, nicht zuletzt, weil das Thema Datenschutz ganz entschieden von hier getrieben wird. Dieser Schwerpunkt in Deutschland wird großen Einfluss auf die Produktentwicklung in den USA haben. Das zu vermitteln sehe ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben. Wie die Bedeutung der Region zunimmt, zeigen übrigens auch die Zahlen.

Zum Beispiel?
In Kürze werden wir unser Büro in Zürich erweitern. Heute haben wir dort 80 Mitarbeiter, vor allem im Bereich Augmented Reality und Virtual Reality. Künftig werden dort mehr als doppelt so viele Menschen arbeiten, auch im Vertrieb. In meiner Rolle bei Facebook will ich mich aber nicht primär auf Business und Werbetreibende fokussieren, sondern auf die Menschen. Wir müssen uns in erster Linie an den Wünschen unserer Nutzer orientieren.

Das klingt immer gut. Aber was wollen Ihre Nutzer eigentlich?
Wir beobachten, dass sich die Kommunikation in sozialen Netzwerken ändert. Früher ging es bei Facebook zu wie bei einem Konzertbesuch: Man war sofort mit vielen Menschen gleichzeitig in Kontakt und hat alles mit ihnen geteilt. Inzwischen entwickeln sich soziale Netzwerke eher zu einer Art digitalem Wohnzimmer: Die Nutzer kommunizieren viel stärker privat über Messenger oder in Gruppen.

Können Sie das mit Zahlen belegen?
Die kommunizieren wir nicht.

Zahlen vom Marktforscher Emarketer deuten auf zunehmende Facebook-Müdigkeit hin. Zwar wächst die Zahl der Nutzer. Aber sie bleiben nicht so lange wie früher. In Ihrer Zentrale kursieren angeblich schon Szenarien, in denen sich Führungskräfte mit einem Schrumpfen der App beschäftigen. Wie groß ist die Sorge vor dieser Entwicklung?
Ich möchte diese Zahlen nicht kommentieren. Wir versuchen aber jeden Tag, besser zu verstehen, wie wir einen Mehrwert für die Nutzer bieten können. Und ich finde, da machen wir einen hervorragenden Job. Aber offen gesprochen müssen wir nach all den Fehlern auch Vertrauen zurückgewinnen.

Erst kürzlich sind wieder Millionen von Nutzerdaten im Netz aufgetaucht. Ein altes Datenleck, versichert Facebook. Und: in Zukunft werde alles besser. Wieso sollte es dieses Mal stimmen?
Facebook ändert sich gerade radikal. In diesem Jahr haben wir 3,7 Milliarden Dollar in die Sicherheit investiert: 30 000 Menschen kümmern sich um Sicherheitsthemen – vom Datenschutz bis zur Abwehr von Wahlmanipulation. Ich habe in meinen ersten sechs Monaten im Unternehmen gesehen, dass hier wirklich jeder seiner Verantwortung bewusst ist. Jeder weiß: Facebook muss sicherer werden.

Facebook verändert sich vor allem auf Druck von außen, die US-Verbraucherschutzbehörde FTC etwa hat das Unternehmen gerade zu einer Fünf-Milliarden-Dollar-Strafe verdonnert. Welche Konsequenzen hat das intern?
Wir haben der FTC erstens zugesagt, unsere Plattform und Abermillionen Zeilen Programmiercode noch intensiver auf Schwachstellen hin zu überprüfen. Zweitens gibt es klare Regularien in der Produktentwicklung, wo viel mehr dokumentiert werden muss als früher. Und drittens haben wir uns verpflichtet, ein Aufsichtsgremium einzurichten, das all diese Dinge überwacht. All das wirkt sich bis auf den einzelnen Mitarbeiter aus. Jeder wird sich per Unterschrift auf einem internen Dokument verpflichten müssen, die Daten und die Privatsphäre unserer Nutzer zu schützen – bei allem, was er tut und entwickelt.

Selbst Mark Zuckerberg hat zuletzt gesagt, dass Internetkonzerne wie Facebook reguliert werden müssen. Was fordern Sie konkret von der Bundesregierung?
Wir begrüßen Regulierung, wenn es zum Beispiel um politische Werbung und um Hassrede geht. Da können wir auch schon etwas vorzeigen. Allein im ersten Vierteljahr 2019 haben wir zum Beispiel in Deutschland 160 000 Hasskommentare gelöscht. 70 Prozent davon entdecken wir inzwischen mithilfe neuer Technologien wie maschinellem Lernen, Computer Vision und Künstlicher Intelligenz. Wir warten nicht mehr, bis jemand uns auf unzulässige Inhalte hinweist, sondern finden sie selbst. Correctiv und die Nachrichtenagentur dpa arbeiten als externe Faktenchecker für uns, die die Verbreitung von Falschmeldungen verhindern.

Andererseits haben wir auch gesehen, dass Facebook beim Attentat in Christchurch massive Probleme hatte, das Video des Attentäters von der Plattform zu nehmen. So gut Ihre Technik Interessen der Nutzer identifizieren und passgenaue Werbung anzeigen kann, so schwach ist sie in solchen Situationen.
Was in Christchurch passiert ist, ist eine Tragödie. Wir haben reagiert und das Video runtergenommen. Das Problem war ja nicht das Original: Unsere Künstliche Intelligenz konnte die zahlreichen verfälschten Duplikate noch nicht erkennen. Jetzt kooperieren wir mit Strafverfolgungsbehörden in den USA und Großbritannien, um unsere KI mit Kamerabildern aus Einsatzübungen zu trainieren. Und wir haben die Regeln für die Facebook-Live-Funktion verschärft. Wer mit unerwünschten Inhalten auffällt, darf nicht mehr direkt auf Facebook streamen. Aber wir sind nicht allmächtig. Wenn Leute mit krimineller Energie Inhalte verbreiten wollen, ist dies ein ständiger Wettlauf, dem wir uns stellen.

Warum wartet Facebook eigentlich auf Regulierung? Sie könnten einfach zugeben, dass Facebook längst ein Medienunternehmen ist und die Verantwortung für die Inhalte auf Ihrer Plattform übernehmen. Viele Nutzer unterscheiden kaum noch, von welchem Absender ein Inhalt kam. Sie haben es „bei Facebook“ gelesen.
Als Privatnutzer sehe ich bei Facebook immer sehr deutlich, wer Absender einer Nachricht ist. Facebook ist eine technische Plattform für unterschiedlichste Inhalte, unter anderem auch von Medien. Aber wir sind kein Medienunternehmen.

Aber Facebook will mit einer neuen Funktion zu einem besseren Aggregator journalistischer Inhalte werden. Wie weit sind Sie da?
Unser Ziel ist, dass Menschen auf Facebook mehr lokale Neuigkeiten, Eilmeldungen und Berichte aus vertrauenswürdigen Quellen lesen – und keine Falschmeldungen. Momentan erstellen wir einen Index, mit welchen Medienunternehmen wir potenziell zusammenarbeiten können. Das ist ein heikles Thema, deshalb arbeiten wir auch mit externen Partnern zusammen, darunter das Konsortium „The Trust Project“ von Nachrichtenorganisationen, die Transparenzstandards erarbeiten.

Vergangenes Jahr wurde groß eine Videoinitiative angekündigt, davon hört man nicht mehr viel. Zudem gibt es da eine Kooperation mit Verlagen. Was ist denn nun die Videostrategie von Facebook?
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass 720 Millionen Menschen im Monat unsere Videoplattform nutzen. Da würde ich von einem Erfolg sprechen. Während wir in den USA selbst Unternehmen beauftragen, Serien für Facebook zu produzieren, ist das in Deutschland momentan nicht geplant. Hier stellen Medienpartner Videos mit Nachrichtenwert und zur Unterhaltung bei Facebook Watch ein. Neben etablierten TV-Erfolgsformaten sind das auch exklusive Inhalte. Wir unterstützen die Produzenten, weil wir wollen, dass sie ausprobieren, was funktioniert, und dass sie damit auch Geld verdienen können.

Ein großer Schritt wird die Zusammenführung der Messenger von Facebook, WhatsApp und Instagram. Dadurch entsteht der größte Messenger der westlichen Welt. Gleichzeitig wird die Diskussion über eine Zerschlagung Ihres Unternehmens wegen der Machtkonzentration lauter. Macht Ihnen das Sorgen?
Im Bereich Social Media ist die Größe von Facebook aus meiner Sicht von Vorteil. Aufgesplittet könnten wir zum Beispiel nicht so stark in das Thema Sicherheit investieren. Und im Werbemarkt liegen 92 Prozent der globalen Werbeausgaben außerhalb von Facebook, das darf man nicht vergessen. Gerade viele der kleinen und mittelständischen Unternehmen wissen noch gar nicht, wie einfach Werbung auf Facebook zu machen ist. Das wollen wir ändern.

Was haben Sie mit den Mittelständlern vor?
Bei unserer Veranstaltungsreihe ,Digital Durchstarten‘ zeigen wir, wie man seine Facebook-Seite DSGVO-konform gestaltet, worauf es bei Werbung auf dem Smartphone ankommt und welche Trends es gibt.

Klingt wie Neukundenwerbung.
Es geht uns um digitale Befähigung der kleineren Unternehmen. Wir haben 1,7 Millionen kleine und mittelständische Unternehmen auf unserer Plattform in Deutschland. Für sie war es immer zu teuer, einen TV-Spot zu drehen. Per Smartphone kann das heute theoretisch jeder und erreicht damit genau seine Zielgruppe. Dabei wollen wir helfen.

Sie sind jetzt sechs Monate im Amt. Was dürfen wir in den nächsten Monaten von Ihnen erwarten?
Meine Ambition ist ganz klar, dass unsere Region Vorreiter beim Thema Datenschutz ist. Wenn sich die Kollegen in Menlo Park in einem halben Jahr fragen, welches Team da Innovationsführer ist, soll der Name „Deutschland, Österreich, Schweiz“ fallen.

Das Gespräch führten Larissa Holzki und Sebastian Matthes.

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  • selten so gelacht hahaha

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