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Trump-Bann Huawei-Smartphones drohen vom Überflieger zum Ladenhüter zu werden

Mehrere US-Konzerne folgen dem Bann von US-Präsident Trump und beenden die Zusammenarbeit mit dem Netzausrüster aus China. Die Folgen könnten immens sein.
Update: 21.05.2019 - 03:19 Uhr 1 Kommentar

Google stellt Android-Updates für Huawei-Smartphones ein

Berlin, Peking, München, DüsseldorfGroße Werbeplakate an den Straßen, günstige Angebote in Elektronikmärkten, das rote Logo in Bussen, Bahnen und Wartezimmern: Huawei gehört in Deutschland zum Alltag, ebenso in vielen anderen Ländern. Der chinesische Konzern hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, zu einem der größten Smartphonehersteller der Welt zu werden. Wenn er weiter so schnell wächst, könnte er schon bald Samsung und Apple überholen.

Wenn. Denn die internationale Politik stellt die ambitionierten Pläne infrage: Im Zuge des Handelskonflikts zwischen den USA und China hat die Regierung von US-Präsident Donald Trump Huawei auf die sogenannte „Entity List“ gesetzt, eine schwarze Liste.

Damit ist es US-Firmen untersagt, ohne Genehmigung der Regierung Geschäfte mit dem Netzwerkausrüster und Smartphonehersteller zu tätigen. Daraufhin haben Google, Intel, Qualcomm und andere Firmen Huawei die Geschäftsbeziehungen zumindest teilweise aufgekündigt.

Am Montag bereits haben die USA einige der Einschränkungen allerdings gelockert. Huawei darf nun 90 Tage lang US-Produkte kaufen, um seine bestehenden Netze zu unterhalten und Software-Updates für die existierenden Smartphones bereitzustellen, wie das Handelsministerium mitteilte. Der Aufschub gilt jedoch nicht für neue Produkte: Dafür sind weiterhin Lizenzen nötig.

Das Unternehmen zeigte sich im chinesischen Staatsfernsehen selbstbewusst, die Einschränkungen seien von „geringer Bedeutung“, sagte Huawei-Gründer Ren Zhengfei. Die US-Politiker unterschätzten die Kraft des Konzerns.

Nach Ablauf der Schonfrist kann der Elektronikhersteller, der Marktführer bei Netzwerktechnik ist, künftig weder Endgeräte mit vorinstallierten Google-Diensten noch mit Prozessoren und Modems von den Chipherstellern verkaufen. „Wenn der Boykott für zwölf Monate oder länger andauert, wird Huawei zu einem zweitklassigen Anbieter degradiert werden“, warnte der US-chinesische Investor Tang Haisong. Selten hat eine Regierung die Geschäfte eines einzelnen Unternehmens so massiv bedroht.

Huawei ist innerhalb weniger Jahre von einem No-Name-Hersteller zu einer bekannten Marke geworden. Das Verbrauchergeschäft macht inzwischen die Hälfte des Umsatzes aus. Das Erfolgsrezept: Das Unternehmen verkauft preiswerte, aber durchaus leistungsfähige Smartphones.

Abhängig von Android

Die Elektronikbranche arbeitet hochgradig arbeitsteilig, ohne Zulieferer geht es nicht. Bei Huawei stammen rund 70 Prozent der Zulieferer aus den USA. Bei der Software setzt das Unternehmen auf Android, das Google federführend entwickelt.

In China nutzt der Hersteller eine angepasste Version mit chinesischen Apps und Onlinediensten, wie es die Konkurrenten auch tun: Hinter der „Great Firewall“ haben Nutzer keinen Zugriff auf Google, Facebook und Wikipedia, daher sind lokale Alternativen entstanden. Auf den Smartphones fürs internationale Geschäft installiert Huawei jedoch den Play Store, Gmail, Google Maps und andere Dienste des Internetriesen.

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Ohne die Lizenz von Google bekommt Huawei Schwierigkeiten: Ein Smartphone ohne diese Dienste ist ein Ladenhüter. Gleichwertige Alternativen zu Android gibt es nicht, sieht man von iOS ab – das nutzt Apple aber exklusiv für iPhone und iPad. Huawei müsste „einiges investieren, um auch für Europa und andere Länder eine konkurrenzfähige Plattform zu bauen“, sagt Annette Zimmermann, Analystin beim Marktforschungsunternehmen Gartner. „Die Frage für Nutzer ist: Bekomme ich alle Apps, die ich tagtäglich brauche?“

Derzeit lautet die Antwort wohl: Nein. Der Konzern teilte am Montag mit, dass er „maßgeblich“ zum weltweiten Erfolg von Android beigetragen und bisher eng mit der Open-Source-Plattform zusammengearbeitet habe. „Huawei wird weiterhin Sicherheitsupdates und Kundenservice für alle vorhandenen Geräte bereitstellen, einschließlich aller Huawei- und Honor-Produkte, die schon verkauft worden sind oder sich auf Lager befinden“, heißt es in der Mitteilung.

Und man werde weiterhin an einem „sicheren und nachhaltigen Software-Ökosystem arbeiten“. Dabei könnte es sich aber auch um eine Alternative zu Android handeln: „Wir haben ein eigenes Betriebssystem vorbereitet“, sagte Topmanager Richard Yu der Tageszeitung „Welt“ im März.

Zulieferer aus aller Welt

Huawei entwickelt zunehmend Komponenten selbst, mit dem „Balong 5000“ etwa einen Chip für den neuen Mobilfunkstandard 5G, der in künftigen Gerätegenerationen zum Einsatz kommen soll. So wie Apple, Samsung und Google will der Hersteller die Entwicklung von wichtigen Elementen selbst kontrollieren.

Trotzdem ist Huawei weiterhin auf Zulieferer angewiesen. Das zeigt ein Blick in das Innenleben des P30, das der Konzern derzeit als Spitzenmodell anbietet. Der Flash-Speicher stammt von Micron, einem US-Technologieunternehmen mit Hauptsitz in Idaho. Das LTE-Modem kommt von Skyworks, einem US-Halbleiterhersteller von Mobilfunksystemen. Auch Qorvo, ein US-Spezialist für Hochfrequenzsysteme für die Breitbandkommunikation, stellt Teile her.

Huawei ist mit dieser Abhängigkeit nicht allein. Die Chipindustrie setzt mehr als ein Drittel der Produktion in China ab. Zum Vergleich: Ganz Europa steht dem Branchenverband ZVEI zufolge für lediglich gut neun Prozent. Dagegen sind nur drei Prozent der Hersteller chinesisch, auch wenn viele Fabriken in der Volksrepublik stehen. Fast die Hälfte der Anbieter stammt aus den USA, der Rest aus Staaten und Regionen, die Amerika sehr nahe stehen: Südkorea, Taiwan, Japan und der EU.

Bei den wichtigen elektronischen Bauteilen ist China daher praktisch komplett auf das Ausland angewiesen. Das zu ändern werde schwierig, mit Geld allein lasse sich das Problem nämlich nicht lösen, betont der Halbleiterexperte des ZVEI, Ulrich Schäfer. Weil die meisten Fertigungsschritte mit Patenten geschützt seien, täten sich chinesische Firmen schwer, eigene Werke aufzubauen.

Ähnlich sieht es der Investor Tang Haisong: Huaweis globale Stärke erwachse aus hochwertigen Produkten zu günstigen Preisen. Doch diese Qualität lasse sich nicht lange aufrechterhalten, weil China stark von Halbleitern internationaler Hersteller abhängig sei. Ein längerfristiger Boykott werde den Technologiesektor daher hart treffen, vermutet der Investor: „Es würde Jahrzehnte brauchen, um diese komplexe Industrie in China aufzubauen.“

Zumindest kurzfristig hat sich Huawei vorbereitet. Der Konzern soll laut der Nachrichtenagentur Bloomberg bereits Halbleiter für mindestens drei Monate eingelagert haben, um auf Sanktionen vorbereitet zu sein.

Wie der Handelskonflikt den Smartphone-Markt verändert, lässt sich schwer abschätzen, zu viele Fragen sind offen. Falls Huawei in Lieferschwierigkeiten geraten sollte, werden sich Marktanteile verschieben. Denkbar ist zudem, dass die chinesischen Hersteller eine Android-Alternative entwickeln.

Internationale Auswirkungen

Eine Ironie der Geschichte: Die USA machen Druck, aber ausgerechnet dort spielt Huawei kaum eine Rolle. Die Sanktionen haben jedoch extraterritoriale Wirkungen, betreffen also auch nicht-amerikanische Unternehmen – ähnlich wie 2017, als die USA gegen den Iran und Russland vorgingen.

Damals hatte die Bundesregierung die Sanktionen insbesondere wegen dieser Wirkung scharf kritisiert. Das Bundeswirtschaftsministerium lehnte einen Kommentar am Montag zunächst ab. Man prüfe derzeit, welche Wirkung die Maßnahmen der US-Regierung auf deutsche Unternehmen hätten, sagte eine Sprecherin.

Der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, reagierte auf seine eigene Art. Er verbreitete am Montag auf Twitter die Nachricht, dass Google seine Verbindungen zu Huawei kappt, mit dem Kommentar „CC: Europe“. Das kann als Aufforderung gesehen werden, es dem US-amerikanischen Unternehmen gleichzutun. Kategorisch schließt die Bundesregierung eine Zusammenarbeit insbesondere beim Aufbau von 5G jedoch nicht aus. Vielmehr sollen alle potenziellen Ausrüster, zu denen auch Huawei gehört, einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden.

„An der Causa Huawei sieht man deutlich, dass in einem Handelskrieg alle Seiten verlieren – und oft auch eigentlich unbeteiligte Dritte“, sagte Michael Theurer, Vize-Fraktionsvorsitzender der FDP. Theurer forderte die Bundesregierung auf, mehr für die Unabhängigkeit Deutschlands von amerikanischen Lösungen zu tun. Aus Gründen der Cybersicherheit sei die transatlantische Partnerschaft der Dreh- und Angelpunkt. „Wenn uns die US-Dominanz nicht gefällt, müssen wir als Europäer technologische Unabhängigkeit erlangen“, so Theurer. Mit den aktuellen Rahmenbedingungen sei das kaum denkbar.

„Wie in den Opiumkriegen“

Mit dem Boykott gegen Huawei verschärft sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China weiter. Das Dekret von US-Präsident Trump zielt auf eines der erfolgreichsten chinesischen Unternehmen. Entsprechend scharf fällt die Reaktion in Peking aus: Außenminister Wang Yi rief am Samstag seinen US-Amtskollegen Mike Pompeo an, um gegen das Vorgehen zu protestieren. „Wir rufen die USA auf, nicht zu weit zu gehen“, sagte Wang laut Chinas amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua.

Pekings Parteizeitung wurde deutlicher. In einem Leitartikel verglich das Parteiorgan das Vorgehen der USA mit den Opiumkriegen. Im 19. Jahrhundert hatte Großbritannien das Kaiserreich China besiegt und zur Duldung des Opiumhandels und zur Öffnung seiner Märkte gezwungen. Aus dieser schmerzhaften Erfahrung habe das Land gelernt: „Der Handelskrieg kann China nicht niederzwingen. Er wird uns nur härter machen.“

Mehr: Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Huawei-Boykott finden Sie hier.

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1 Kommentar zu "Trump-Bann: Huawei-Smartphones drohen vom Überflieger zum Ladenhüter zu werden"

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  • Der Fall Huawei, einem Unternehmen, dass mit seinen Infrastrukturtechnologien und inzwischen auch Endgeräten weltweit ein sehr wichtiges Rad im Getriebe der mobilen Kommunikation darstellt, zeigt eindrucksvoll die gesamthafte Abhängigkeit der Welt von amerikanischen Technologien bei Hard- wie Software.
    Die Frage, nach dem mittel- bis langfristigen Auflösen dieser Abhängigkeit wird in der Presse interessanterweise bisher nicht thematisiert, obwohl sie sich nahezu aufdrängt.
    Für mich ist bis heute nicht nachvollziehbar, warum insbesondere Deutschland in der Grundlagenentwicklung für Technologien federführend ist, aber sich keine Unternehmen, bis auf Infineon und SAP finden, die diese Technologien in Teilen in Produkte weiterentwickeln. Warum muss immer ein "Made in USA" draufstehen, damit IT-Produkte zu Welterfolgen werden? Das ähnelt sehr der Führungsrolle im Medienbereich, wo sowohl in Filmproduktion als auch Fernsehformatproduktion die Amerikaner führend sind und sich alle anderen an sie dranhängen und einfach lizensieren.
    Aus meiner Sicht zeigt der Fall Huawei, dass es dringend eines Umdenkens und der Entwicklung von brauchbaren Alternativen Bedarf, in denen u.a. auch europäische Datenschutzstandards direkt ab der Entwicklung einfließen.
    Es sollte für Europa möglich sein, ein eigenes "Silicon Valley" zu erschaffen und die Grundlagentechnologien "Made in EU" auch in fertige Produkte - PCs, Laptops, Smartphones u.a Appliances - mit eigenen Betriebssystemen umzusetzen. Für eine Migrationsphase könnte es eine "Dual Boot" Option geben, bis sich die Menschen von Hard- und Software "Made in EU" überzeugt haben.
    Und genügend Entwickler für Apps auf den gängigen Plattformen, die sicher mit Förderung auch eine eigene europäische Plattform unterstützen würden finden sich bestimmt finden. Vielleicht erzeugt eine solche Entwicklung als Nebeneffekt auch bei der jungen Generation das dringend notwendige Interesse an IT.

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