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Twilio kauft Segment Risikokapitalgeber Eventures macht bei Milliardendeal Kasse – dank einer erstaunlichen Spezialsoftware

Eventures holt mit der Beteiligung am Start-up Segment das 65-Fache seines Einsatzes heraus. Das verdankt der deutsche Investor auch einer neuen Software.
12.10.2020 - 16:21 Uhr Kommentieren
Die Gesetzmäßigkeiten im Wagniskapitalgeschäft drehen sich um: Früher kamen die Gründer zu den Investoren, jetzt spüren die Venture-Capital-Firmen Start-ups auf der ganzen Welt auf. Quelle: efks - stock.adobe.com
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Die Gesetzmäßigkeiten im Wagniskapitalgeschäft drehen sich um: Früher kamen die Gründer zu den Investoren, jetzt spüren die Venture-Capital-Firmen Start-ups auf der ganzen Welt auf.

(Foto: efks - stock.adobe.com)

Berlin Am Montag vor Börsenstart hat der US-Konzern Twilio den Deal bekanntgegeben: Für 3,2 Milliarden Dollar übernimmt der Cloud-Kommunikationsanbieter Segment, ein Start-up für die Analyse von Kundendaten. Damit machen auch die deutschen Gründer vom Wagniskapitalgeber Eventures ein Riesengeschäft: Nach Schätzungen aus Branchenkreisen streicht die Firma für ihr Investment die mehr als 65-fache Rendite ein.

Möglich wurde das durch den Einsatz einer hochentwickelten Spezialsoftware: Mit dieser hat Eventures Segment als Investment früher entdeckt als andere.

Lange kam beim Investieren in Start-ups alles auf Beziehungen an. Je bekannter ein Investor, desto mehr Gründer schickten ihm auf der Suche nach Kapital ihren Businessplan zu. Doch jetzt drehen sich die Gesetzmäßigkeiten um: Wagniskapitalgeber wie Eventures spüren mithilfe von Trackingsystemen und Algorithmen Gründer auf der ganzen Welt auf.

Wenn sie auf die Start-ups zugehen, haben die Gründer das Potenzial ihrer Idee manchmal selbst noch gar nicht recht erkannt. Die Suche nach Einhörnern wird zur Datenjagd – wer sie beherrscht, findet gute Investments schneller als die Konkurrenz.

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    Bei Eventures lautet die Strategie schon lange: finden statt gefunden werden. Mitgründer Tom Gieselmann ist der Entwickler einer der Start-up-Suchmaschinen. Im Fall von Segment stellte sich Eventures ganz zwanglos vor. „Hi Peter“, heißt es in der ersten Mail eines Analysten an Segment-CEO Peter Reinhardt vom 23. Februar 2013. „Ich bin heute auf Segment.io gestoßen und hatte das Gefühl, ich sollte Kontakt aufnehmen.“

    Für Reinhardt und seine Mitgründer kam die Mail überraschend. Auch weil die Ideen, die sie damals verfolgten, mehr oder weniger gescheitert waren. Doch Tom Gieselmann hatte mithilfe seines ausgeklügelten Systems entdeckt, dass sie nebenbei ein anderes aufregendes Produkt entwickelt hatten.

    Der Start-up-Investor hat eine Suchmaschine für erfolgsversprechende Firmen entwickelt. Quelle: Kelsey Schweickert
    Tom Gieselmann

    Der Start-up-Investor hat eine Suchmaschine für erfolgsversprechende Firmen entwickelt.

    (Foto: Kelsey Schweickert)

    „Das Team hatte auf ,Hacker News ein Skript veröffentlicht“, erinnert sich Eventures-Mitgründer Christian Leybold. Im Rückblick handle es sich um die erste Inkarnation von Segment: ein kleines Stück Software, das sich zwischen Websites und Analysetools integrieren ließ, um verschiedene Analysefunktionen durchzutauschen. Viele Leute luden die Software runter. Und genau das konnte Tom Gieselmann auf seinem Start-up-Radar verfolgen.

    Dabei geht es bei der Datenjagd nach Start-ups um viel mehr als Downloadzahlen. „Es gibt Hunderte Millionen solcher Hinweise da draußen, Zehntausende Firmen werden hier jedes Jahr gestartet, und nur auf einen kleinen Prozentsatz sollten wir uns fokussieren“, sagt Gieselmann, der vor 22 Jahren nach Kalifornien ging. Ebenso lang treibt den 48-Jährigen um, wie erfolgreich ein Start-up wirklich ist, wie schnell es relativ zu anderen wächst, ob Trends oder Werbekampagnen dahinterstecken.

    Das Analysetool

    Für Gieselmann ist das ein mathematisches Problem, das sich aus „Big Data“ berechnen lässt. Er ist überzeugt: Die Produkte der erfolgreichsten Firmen setzen sich von selbst durch und verbreiten sich immer schneller organisch. „Das sind die Firmen, die unglaublich wertvoll sind, das sind die Firmen, die die Welt verändern, und die wollen wir so früh wie möglich finden.“

    Das von Gieselmann entwickelte System gilt als eine Art digitale Wunderwaffe, wie sie nur wenige Konkurrenten besitzen. Mit dem Programm Eva (kurz für Eventures Analytics) durchsiebt er das Netz nach Gründungen mit Erfolgspotenzial.

    In dem Programm Athena unterzieht er ausgewählte Firmen einem Benchmarking. Dazu werden die Originaldaten der Gründer eingespeist. Auch sie bekommen dadurch einen neuen Blick auf ihr Geschäft. Viele Venture-Capital-Firmen haben gar nicht die Kapazitäten, so etwas zu entwickeln.

    Inzwischen setzt Eventures zunehmend auf maschinelles Lernen. 2013 basierten die damals intern als „Daily Gieselmann“ bezeichneten Auswertungen noch auf Regressionsanalysen. Die Mitarbeiter konnten in dem Datensatz Tag für Tag nachsehen, welche Firmen auf ihren To-do-Listen ganz oben stehen sollten, aber auch Firmen checken, von denen sie über andere Wege hörten.

    Die erste Investitionsrunde

    Im Fall von Segment lässt sich die Reihenfolge nicht mehr rekonstruieren. Tom Gieselmann bekam nämlich auch einen Tipp von einem Programmierspezialisten. Das sei der Optimalfall, sagt Christian Leybold, der in Berlin für Eventures arbeitet: „Wir sehen die Firma im System und haben erste Referenzen von Experten.“

    Das Kennenlernen mit Segment fand im US-Büro des Investors statt, auf der 43. Etage der Transamerica Pyramid in San Francisco. Vier Monate später zeichneten die Investoren den ersten Deal, Gieselmann begleitete die Gründer in der Folgezeit eng.

    Allein in der Frühphase hat Eventures etwa 2,2 Millionen Dollar investiert, für die es nun einen dreistelligen Millionenbetrag in Twilio-Aktien zurückbekommt. „Wir haben gesehen: Das Team ist technisch sehr gut, die haben ein gutes Produktgefühl, und da ist eine echte Lücke im Markt“, beschreibt Leybold die Wette. Insgesamt hat Segment laut Analysedienst Pitchbook seit Gründung 2012 knapp 284 Millionen Dollar eingesammelt.

    Der Investmenterfolg

    Der Erfolg zeichnete sich ab. Über 20.000 Geschäftskunden, haben die Software von Segment abonniert, um Kundendaten zu erfassen, zu bereinigen und zu prüfen. IBM Cloud hat mit den Diensten Expansionspotenzial aufgedeckt, Contentful seine Marketingergebnisse verbessert. Auf der „Forbes“-Liste der Top-100 privaten Cloud-Unternehmen weltweit rangierte Segment im September auf Platz 26, sie basiert unter anderem auf Wachstum, Bewertung, Umsätzen und Meinungen von CEOs.

    Der Erfolg eines Start-up-Investments hängt aber auch von Faktoren ab, die in Daten nicht vorhersehbar sind und Gründer nicht kontrollieren können. Dazu gehört der aktuelle Cloud-Boom. Noch im Mai hatte Segment in Erwartung pandemiebedingter Umsatzeinbrüche die Entlassung von zehn Prozent der Mitarbeiter angekündigt, bevor es sich als Corona-Gewinner herausstellte.

    Auch Käufer Twilio profitiert vom Trend zum Onlinehandel. Der Konzern erleichtert Firmen die Kundenkommunikation über immer mehr Kanäle – Kunden können anrufen, Mails schicken, Messenger nutzen, während bei den Firmen auf einer Cloud-Plattform alles zusammenläuft. An der Wall Street hat sich der Wert der Twilio-Aktie seit Jahresbeginn auf gut 300 Dollar verdreifacht. Die Marktkapitalisierung stieg auf 45 Milliarden. 2016 war Twilio mit einem 15-Dollar-Ausgabepreis gestartet. Einen ähnlichen Bewertungssprung erlebte gerade das europäische Pendant MessageBird.

    Grafik

    Gartner-Analysten sprechen von einem „Goldrausch“ bei Cloud-Plattformen. Für Gründer und Investoren von Segment schien die Verkaufsgelegenheit deshalb wohl günstiger, als auf den Fortbestand der Entwicklung bis zu einem möglichen eigenen Börsengang zu vertrauen. So kann Christian Leybold nun mit Blick auf den 2011 aufgelegten Fonds resümieren: „Da sprechen wir wie beim Wein von einem guten Jahrgang.“ Er hatte sich schon mit den Börsengängen der Online-Modehändler Farfetch und TheRealReal refinanziert.

    Die Weiterentwicklung

    Eventures wird mit dem Geld seine Tools verfeinern, die bereits Millionen gekostet haben. Dafür entgeht dem Risikokapitalgeber kaum noch etwas: Eva findet rund 80 Prozent aller US-Start-ups, bevor sie eine erste institutionelle Finanzierungsrunde abschließen, und sichert Eventures somit Beteiligungschancen. Zu jeder Firma im System lassen sich bunte Graphen aufrufen, Blau steht für langweilig, Rot für aufregend.

    Die Start-ups lassen sich ebenso nach Branchen ordnen, nach Kategorien wie Wachstum und Viralität. Ein gelber Punkt markiert Firmen, die sich noch niemand bei Eventures angesehen hat. Ob solche Systeme irgendwann das nächste Google voraussagen? „Das liegt noch weit, weit, weit in der Zukunft“, sagt Gieselmann.

    Mehr: Datenbasierte Investments – erkennt KI Milliarden-Start-ups?

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