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Unruhe beim Softwarekonzern Alle Macht der Zentrale: Wie es nach Jennifer Morgans Abgang bei SAP weitergeht

Die Coronakrise stellt den Softwarekonzern vor eine schwierige Situation. Die Trennung von Co-Chefin Jennifer Morgan hat aber auch interne Gründe.
21.04.2020 - 17:19 Uhr Kommentieren
Die Coronakrise dürfte das Neugeschäft auf Monate oder sogar Jahre erschweren. Quelle: dpa
SAP-Gebäude in Walldorf

Die Coronakrise dürfte das Neugeschäft auf Monate oder sogar Jahre erschweren.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Grelles Blitzlicht, breites Lächeln, demonstrative Einigkeit: Als sich die SAP-Chefs Christian Klein und Jennifer Morgan Ende Januar erstmals gemeinsam der deutschen Öffentlichkeit präsentierten, war die Aufbruchstimmung spürbar. Auf der Bilanzpressekonferenz redeten die beiden darüber, wie sie die Kundenzufriedenheit steigern und Software für die Erfassung von CO2-Emissionen entwickeln wollten, häufig eingeleitet mit „Christian und ich“ oder „Jen und ich“.

Ein paar Wochen später sieht die Welt anders aus – und mit dem „Wir“ ist es vorbei. In der Nacht zu Dienstag kündigte SAP nach nur sechs Monaten das Ende der Doppelspitze an. Morgan (49) habe sich mit dem Aufsichtsrat „einvernehmlich darauf verständigt, das Unternehmen zum 30. April zu verlassen“, teilte der Konzern mit. Klein (39) werde die Funktion als Vorstandssprecher allein übernehmen.

Als Begründung für den überraschenden Schritt nennt der Softwarehersteller die weltweite Corona-Epidemie, die im Januar noch ein weitgehend chinesisches Problem war. „Jen und ich haben in den letzten Wochen festgestellt, dass SAP in der derzeitigen Situation schnelles und entschlossenes Handeln und eine sehr klare Führungsstruktur benötigt“, sagte Klein in einer Telefonkonferenz. „Das war keine persönliche Sache.“ Daraufhin, so die offizielle Lesart, sei Morgan zurückgetreten.

Tatsächlich stellt die Coronakrise, die die Wirtschaft in aller Welt nahezu zum Stillstand gebracht hat, SAP vor große Probleme: Viele Unternehmen streichen ihre IT-Budgets zusammen. Der Softwarehersteller hat deswegen vor einigen Tagen die Prognose für das laufende Jahr gesenkt.

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    Nach Handelsblatt-Informationen hat es allerdings unabhängig davon Unstimmigkeiten über die Strategie gegeben – dabei soll es vor allem um die zentrale Frage gegangen sein, wie stark der Konzern die Zukäufe organisatorisch integriert. So oder so: Der Abgang schafft einmal mehr Unruhe in der Belegschaft und Unsicherheit unter den Aktionären. Der SAP-Kurs sank am Dienstag um mehr als fünf Prozent, allerdings in einem negativen Umfeld.

    Ein bewährtes Führungsmodell

    Die Doppelspitze gilt bei SAP als bewährtes Führungsmodell für schwierige Zeiten. 2008, in der Finanzkrise, ernannte der Konzern Léo Apotheker zum neuen Co-Chef neben Henning Kagermann, der Mitte 2009 abtrat. Nach Apothekers plötzlichem Abgang Anfang 2010 übernahmen Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott. Und als der Amerikaner McDermott, der SAP ab Mitte 2014 allein geführt hatte, im vergangenen Oktober seinen Rücktritt ankündigte, um zum kleinen US-Cloud-Anbieter ServiceNow zu wechseln, wurden Klein und Morgan als neues Führungsduo ernannt.

    Die Jobbeschreibung sah eine klare Aufgabenteilung vor: Klein, der sich intensiv mit operativen Prozessen beschäftigt und auch Controlling beherrscht, sollte dafür sorgen, dass SAP die vielen Produkte im Portfolio besser miteinander verknüpft – die nahtlose Integration zählt seit der Gründung zu den Versprechen des Unternehmens, Kunden fordern sie vehement ein.

    Morgan wiederum sollte ihr Talent als Verkäuferin zur Geltung bringen, das sie im Nordamerika-Geschäft bewiesen hatte, und das Cloud-Geschäft leiten, das für das Wachstum von SAP entscheidend ist.

    Davon ist nun keine Rede mehr. „Ich bin fest davon überzeugt, dass das Co-CEO-Modell seinen Platz und seine Zeit hat – schließlich war ich selbst einmal Co-CEO“, schrieb Aufsichtsratschef Hasso Plattner in einer E-Mail an die rund 100.000 Mitarbeiter, die dem Handelsblatt vorliegt. „Jetzt allerdings ist nicht diese Zeit.“

    Die Coronakrise sei mit nichts vergleichbar und mache „Schnelligkeit, Klarheit und Entschlossenheit dringend notwendig“, betonte der einflussreiche Mitgründer und Großaktionär. Daher brauche es „zum Wohle unseres Unternehmens und unserer Kunden“ einen einzigen Vorstandssprecher.

    Diese Begründung irritiert jedoch viele, intern wie extern. Warum, so die Frage, sollte die Aufgabenteilung zwischen zwei erfahrenen Managern nur in Boomzeiten funktionieren, nicht jedoch in der Wirtschaftskrise mit steigender Komplexität?

    Hinzu kommt: „SAP geht selbst von einer eher kurzen Periode an Beeinträchtigungen mit zudem baldigem Ende aus“, sagt Mirko Maier, Analyst für die Technologiebranche bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Laut der Prognose des Softwareherstellers soll sich die Situation bereits zum Jahresende wieder verbessern.

    Grafik

    Ein Grund für die Trennung dürfte auch in der Neuausrichtung von SAP liegen. Das Führungsduo ist mit dem Versprechen angetreten, die Kundenzufriedenheit zu steigern. Die lässt zu wünschen übrig: Viele Unternehmen klagen über ungenaue Ankündigungen und die mangelnde Integration der vielen Lösungen im Portfolio. Der deutsche Softwarehersteller steht für ein integriertes Programmpaket, mit dem Kunden Geschäftsprozesse effizient abwickeln können, und er steht für Zuverlässigkeit – das rechtfertigt auch die hohen Preise.

    Um das zu gewährleisten, hat SAP in den vergangenen Monaten mehrere Restrukturierungen vorgenommen. So sind alle Einheiten, die gegenüber den Kunden auftreten, nun bei Vertriebschefin Adaire Fox-Martin gebündelt, ein großer Teil der produktbezogenen Teams hat Thomas Saueressig unter sich, der das Ressort „Product Engineering“ verantwortet. Tochterfirmen wie Ariba und Success Factors haben dabei viel Eigenständigkeit verloren und existieren nur noch auf dem Papier.

    Auch den Service hat der Konzern weitgehend in die verschiedenen Ressorts integriert, der zuständige Vorstand Michael Kleinemeier geht Ende April in den Ruhestand. Kurz: Nach den zahlreichen Übernahmen von Cloud-Spezialisten, denen McDermott lange viel Autonomie zugestand, läuft bei SAP nun also die Gegenbewegung: Das Management bündelt immer mehr Macht in der Zentrale in Walldorf.

    In diesem Zuge hat auch Morgan Verantwortlichkeiten abgegeben – in ihrem Ressort ist neben dem Marktforschungsspezialisten Qualtrics nicht mehr viel verblieben. Gegen eine weitreichende Integration der Tochterfirmen soll sie sich längere Zeit gesperrt haben.

    Vertrieb muss virtuell werden

    Jetzt macht Klein mit einem übersichtlichen Team weiter – der SAP-Vorstand hat nur noch fünf Mitglieder, von denen vier aus Deutschland stammen und männlich sind. Nur die Irin Adaire Fox-Martin sorgt für ein wenig Vielfalt in der Führung. Das Gremium hat die anspruchsvolle Aufgabe, weiter an den Produkten zu arbeiten und gleichzeitig in der Rezession das Geschäft am Laufen zu halten.

    Die Krise dürfte das Neugeschäft auf Monate oder sogar Jahre erschweren. „Wenn es zu einer großen und globalen Rezession kommt, werden in den Unternehmen alle IT-Ausgaben, die nicht unbedingt notwendig sind, zurückgestellt“, sagt Christian Hestermann, Analyst beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Gartner.

    „Schnelligkeit, Klarheit und Entschlossenheit dringend notwendig.“ Quelle: dpa
    SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner

    „Schnelligkeit, Klarheit und Entschlossenheit dringend notwendig.“

    (Foto: dpa)

    Gerade große und aufwendige Projekte wie die Einführung der Software S/4 Hana, mit der Organisationen ihre betriebswirtschaftlichen Prozesse steuern, können nach Einschätzung des Softwareexperten davon betroffen sein. „Viele Firmen werden ihre Planungen überdenken und um ein oder zwei Jahre nach hinten schieben.“

    Zumal SAP ohnehin noch Überzeugungsarbeit leisten müsse, wie Hestermann betont: „Die überwiegende Zahl der Bestandskunden tut sich schwer mit der Umstellung auf S/4 Hana, das gilt jetzt erst recht.“ Die teure Einführung rechne sich für viele Unternehmen nicht. Nach Berechnungen von Gartner haben bislang weniger als 15 Prozent der rund 35 000 Bestandskunden mit der Umstellung auf die Version begonnen, die seit 2015 auf dem Markt ist.

    In dieser schwierigen Situation muss SAP nun verstärkt Produkte virtuell verkaufen und einführen – wie lange die Coronakrise dauere, sei schließlich nicht abzusehen, sagt Holger Müller, Analyst bei Constellation Research. Die virtuelle Einführung neuer IT-Systeme sei in der Branche längst etabliert. Auch SAP beherrscht das, wie sich bei den Tochterfirmen Success Factors und Qualtrics zeigt.

    Bei aufwendigen Projekten sei der deutsche Konzern damit jedoch „noch hinterher“: „Das erfordert eine Umstellung beim Geschäftsmodell und der Mentalität“, sagt Müller. Dafür ist zukünftig nur noch Christian Klein als alleiniger CEO zuständig.

    Mehr: Jennifer Morgans Rücktritt ist ein Imagedesaster für SAP – ein Kommentar

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