Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Visionaries Club Start-up-Investoren Pollok und Lacher: „Corona wirkt wie ein Chief Digital Officer“

Die Gründer des Visionaries Club sprechen über aktuelle Digitaltrends, die neue US-Konkurrenz um die besten Investments und ihren Austausch mit der Kanzlerin.
28.01.2021 - 04:14 Uhr Kommentieren
Die Gründungspartner des Visionaries Club vernetzen Familien- und Start-up-Unternehmer. Investments aus ihren Fonds fließen in neue Unternehmenssoftware und die Digitalisierung der Industrie. Quelle: Visionaries Club
Robert Lacher (l.), Sebastian Pollok

Die Gründungspartner des Visionaries Club vernetzen Familien- und Start-up-Unternehmer. Investments aus ihren Fonds fließen in neue Unternehmenssoftware und die Digitalisierung der Industrie.

(Foto: Visionaries Club)

Berlin Erotikshop-Gründerin Lea-Sophie Cramer, Heizungsbauer Max Viessmann und Fußballweltmeister Mario Götze haben etwas gemeinsam: Sie sind Mitglied in einem Club der Visionäre. Was klingt wie ein Jugendroman, stößt sogar bei Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ernstes Interesse. Als sich Vertreter des „Visionaries Club“ in der Pandemiekrise virtuell mit ihr treffen wollten, sei sie sofort interessiert gewesen, sagen dessen Gründer Sebastian Pollok und Robert Lacher im Interview mit dem Handelsblatt.

Hinter dem Club steht eine Firma, die einerseits in Start-ups investiert, andererseits eben den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Gründern, Investoren, Unternehmern und Politikern verbessern will. So wurde den Mitgliedern im vergangenen Jahr schnell klar: „Mit der Krise hatten Tech-Gründer, Familienunternehmer und Konzernmanager plötzlich die gleichen Sorgen“, sagt Lacher.

Es ging um Kurzarbeit und staatliche Hilfen, den Runway, also darum, wie lange das Geld reicht, und Burnrates, das heißt wie schnell die liquiden Mittel aufgebraucht werden. Mit der Kanzlerin berieten sie, wie man aus der schwierigen Phase gemeinsam wieder herauskommt.

Denn die Mitglieder des Visionaries Club wollen die Pandemie als Chance begreifen: „Corona wirkt wie ein Chief Digital Officer, der den Status quo infrage stellt“, sagt Lacher.

Das betrifft auch die Frage, welchen Stellenwert die Digitalisierung in der Bundesregierung haben muss. Mit Kritik an der aktuellen Regierung halten sich die Gründungspartner zurück, aber sie fordern jetzt „digitale Frontrunner“.

Vorbild aus ihrer Sicht ist Gesundheitsminister Jens Spahn. „Relevante Themen wie die elektronische Patientenakte und die Verschreibungsfähigkeit von digitalen Gesundheitsdienstleistungen sind endlich vorangekommen“, sagt Pollok.

Bei den Unternehmen erwarten die Investoren jetzt noch mehr Transformationsbereitschaft. Das zahlt auf ihre Investmenthypothesen ein, die sich um die Digitalisierung der Arbeit und die Digitalisierung der Industrie drehen. „Einer der Haupttrends sind Softwarelösungen für kleine Unternehmen bis 500 Mitarbeiter, die bisher kaum digitalisiert sind“, sagt Lacher.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Lacher, Herr Pollok, seit Sie Ihr neues Büro im Frühjahr 2020 eröffnet haben, waren persönliche Begegnungen kaum möglich. Dafür haben sich einige Gründer und Unternehmer aus Ihrem „Visionaries Club“- Netzwerk virtuell mit Angela Merkel getroffen. Was war der Anlass?
Robert Lacher: Mit der Krise hatten Tech-Gründer, Familienunternehmer und Konzernmanager plötzlich die gleichen Sorgen: Start-ups mussten zum ersten Mal über Kurzarbeit und staatliche Hilfen nachdenken, etablierte Unternehmen über Runway und Burnrates.
Sebastian Pollok: Und alle haben sich gefragt: Wie kommen wir aus der Krise? Das wollten wir gemeinsam mit der Politik ausloten.

Und die Kanzlerin war sofort dabei?
Pollok: Ja, um gemeinsam zu überlegen, wie Deutschland und Europa Digitalisierung und Unternehmertum nutzen können, um gestärkt aus der Krise zu kommen.
Lacher: Der ehemalige Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna hat mal gesagt: „You cannot overtake 15 cars in sunny weather – but you can when it’s raining“ …

Gemeint ist, dass unter schwierigen Umständen oft mehr möglich ist als bei guten Bedingungen. Was macht Sie da so sicher?
Lacher: Max Viessmann zum Beispiel hat seine Produktion in Rekordzeit auf Beatmungsgeräte umgestellt. Solch eine Entscheidung zieht sich bei großen Unternehmen normalerweise über Monate. Wir sehen überall: Corona wirkt wie ein Chief Digital Officer, der den Status quo infrage stellt.

Bis die Kanzlerin ihr Amt im Herbst abgibt, bleibt wenig Zeit. Was kann sie noch für die Digitalisierung tun, und wie sollte es danach weitergehen?
Lacher: Wir müssen uns klarmachen, wo Deutschlands Stärken liegen. Insbesondere bei der industriellen Digitalisierung sind wir längst nicht abgehängt: Sie fängt gerade erst richtig an, und wir haben alle Zutaten, dabei eine führende Rolle zu spielen. Deshalb brauchen wir jetzt in der Politik digitale Frontrunner, die das fokussieren.

Der neue CDU-Vorsitzende und mögliche Kanzlerkandidat Armin Laschet hat sich noch nicht in dieser Weise profiliert …
Pollok: Kann er aber noch. Er unterstützt beispielsweise schon wichtige Vorschläge wie ein Digitalministerium. Außerdem hat er sich mit Jens Spahn zusammengetan, der das Gesundheitsministerium mit starkem Digitalfokus führt. Relevante Themen wie die elektronische Patientenakte und die Verschreibungsfähigkeit von digitalen Gesundheitsdienstleistungen sind endlich vorangekommen.

Kommen wir zu Ihrem Portfolio. Wie hart hat die Pandemie Ihre Firmen getroffen?
Lacher: Wir investieren vor allem in Technologien für Unternehmen, die eher von dem krisenbedingten Transformationsschub profitieren. Daher haben wir bis jetzt keine Covid-bedingten Abschreibungen.

Der Start-up-Verband hatte zu Krisenbeginn vor einem massiven Start-up-Sterben gewarnt. Alles nur Lobbygeschrei?
Lacher: Es war im Frühjahr 2020 nicht absehbar, wie sich alles entwickelt. Wir Investoren sind allesamt vier bis sechs Wochen auf Tauchstation gegangen und haben unsere Portfolios analysiert. Rückblickend haben wir uns verhalten wie ein Formel-1-Fahrer in der Kurve: Erst geht er in die Vollbremsung, dann lenkt er ein und gibt am Scheitelpunkt wieder Vollgas. Nun haben wir in der digitalen Start-up-Szene in Europa ein Rekordjahr hinter uns, was die Anzahl der Investments angeht.

Auf welche Hypothesen stützen Sie Ihre Investitionen?
Lacher: Wir haben zwei Investmenthypothesen. Erstens: Alle Prozesse, die in der Industrie entlang der Lieferkette digitalisiert werden können, werden in den nächsten Jahren digitalisiert. Wir schauen uns Firmen an, die für Kunden wie Siemens oder BMW entsprechende Lösungen anbieten, dazu zählen die Roboterfirma Arculus und die automatisierte Beschaffungsplattform Tacto aus München.
Pollok: Die zweite These ist die Dezentralisierung der Arbeit, darunter fällt sämtliche Software, die Arbeiten digitaler und einfacher macht.

Welche Toptrends sehen Sie konkret?
Lacher: Einer der Haupttrends sind Softwarelösungen für kleine Unternehmen bis 500 Mitarbeiter, die bisher kaum digitalisiert sind. Personio zum Beispiel bietet eine HR-Plattform, die sämtliche Prozesse in der Personalabteilung digitalisiert, Taxdoo eine Software für die komplexe internationale Umsatzsteuerverbuchung und unser neuestes Investment Xentral eine Software für alles, was Onlineshopbetreiber brauchen, um ihr Geschäft am Laufen zu halten.

Diese Anbieter werben damit, dass jeder Kleinunternehmer ihre Lösungen „Plug-and-play“ einsetzen kann: Runterladen und los geht’s. Ist es wirklich so einfach?
Pollok: Tatsächlich sprechen wir hier von „consumerized B2B“: Alles soll so einfach sein wie bei Apps für Endnutzer, die von jedem Smartphonebesitzer genutzt werden können. Horrende Kosten für die Einrichtung umfassender Systeme entfallen, jeder bekommt über die Cloud genau die Module, die er braucht.

Und wie wird sich die Digitalisierung bei den Konzernen weiterentwickeln?
Lacher: Es wird noch mehr automatisiert. Die erste Generation von Prozessautomatisierern, wie Celonis und UiPath, implementiert ihre Software in der Regel in Großunternehmen für mehrere Hunderttausend Euro mit Beraterteams. Eine neue Generation Start-ups ermöglicht es nun den Mitarbeitern der Unternehmen selbst, ihre eigenen Arbeitsschritte zu automatisieren.

Und nun sollen Angestellte die Automatisierung selbst in die Hand nehmen?
Pollok: Beim Anlegen neuer Kunden, bei Rechnungseingang und Rechnungsprüfung etwa passiert noch ganz viel manuell, was sich wunderbar automatisieren lässt. Das Unternehmen n8n aus Berlin beispielsweise bietet dafür praktisch einen Baukasten, mit dem sich Mitarbeiter selbst helfen können. Es gibt immer mehr Tools, die es Teams ermöglichen, auch ohne Entwicklerkompetenzen selbst automatisierte Logiken zu programmieren und so ihre eigenen Prozesse zu vereinfachen.

Viele neue Ideen für Unternehmenssoftware kommen aus Europa, das ruft auch internationale Wagniskapitalgeber auf den Plan. Was bedeutet das für hiesige Investoren?
Pollok: Große europäische Fonds geraten dadurch mehr unter Druck. Auch etablierte Investoren gewinnen nicht mehr selbstverständlich jeden Deal, sondern stehen in Konkurrenz mit großen Namen wie Sequoia, Andreessen Horowitz und dem Founders Fund von Peter Thiel.

Die US-Top-Fonds haben mehr Geld, einen ausgezeichneten Ruf und internationale Kontakte. Bekommen europäische Kapitalgeber künftig nur noch Anteile an 1b-Start-ups?
Lacher: Die Gründer können sich heute in der Wachstumsphase die Investoren aussuchen. Das ist eine positive Entwicklung für den Gründerstandort Deutschland, weil zusätzliche internationale Kompetenz, Netzwerke und Gelder bei der Skalierung von Tech-Firmen bereitstehen. Viele Gründer sind gut beraten, sich am Anfang für kleine Wagniskapitalgeber zu entscheiden, also eher für die regionalen Fonds. Damit haben sie in der Frühphase einen starken Partner an der Seite, der nah dran ist, und vermeiden das „signaling risk“.

Was ist damit gemeint?
Pollok: Der Begriff wird im Silicon Valley seit Jahren diskutiert. Wenn Wachstumsfonds früh, aber mit nur kleinen Beträgen einsteigen und dann in der nächsten, größeren Finanzierungsrunde nicht wieder als führender Investor auftreten, sendet das ein negatives Signal an externe Investoren – „so gut kann dieser Deal nicht sein“.

Ist das jetzt schon Ihr Werbeblock um die Gründer?
Lacher: Nein. Diese Wachstumsfonds haben ein Volumen von 500 Millionen bis 1,5 Milliarden Dollar. Gründern muss bewusst sein, dass ein Seed-Investment von 500.000 Euro für die Riesenfonds nur ein Lottoticket ist. Das ist bei uns anders.
Pollok: Wir haben unsere Fonds bewusst so strukturiert, dass wir mit den großen US-Fonds nicht in Konkurrenz treten, sondern zusammenarbeiten können. Wir versuchen einerseits, in der Frühphase noch vor den US-Fonds einzusteigen. Andererseits investieren wir in späteren Runden als kleiner Investor an der Seite der großen US-Investoren.

Was kann der Visionaries Club an der Seite von Investoren wie Sequoia an Mehrwert bringen?
Pollok: Wir bieten mit unserem Netzwerk an Familienunternehmen und erfolgreichen Gründern Zugang zu potenziellen Kunden und zu einem Pool an unternehmerischen Erfahrungen, die es sonst nirgendwo in der Form gibt. Durch den Kontakt können Start-ups ihre Lösungen passgenau für den Markt entwickeln und erste Kunden gewinnen. Zudem sind wir lokal nah dran, um vor Ort zu unterstützen.

Herr Pollok, Herr Lacher, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Start-ups aus Europa bringen Investoren höhere Renditen als die Konkurrenz aus dem Silicon Valley

Startseite
Mehr zu: Visionaries Club - Start-up-Investoren Pollok und Lacher: „Corona wirkt wie ein Chief Digital Officer“
0 Kommentare zu "Visionaries Club: Start-up-Investoren Pollok und Lacher: „Corona wirkt wie ein Chief Digital Officer“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%