Was das Netz bewegt Kampf der Systeme

Der Kampf der Systeme des Digitalzeitalters ist nun offiziell eingeläutet: Googles Ideologie der Offenheit gegen Apples geschlossene Plattform – so sieht es jedenfalls Google-Chef Eric Schmidt. Die Realität ist indes komplizierter. Außerdem in der Netzumschau: Apple wagt ein bisschen Freiheit, 3D-Fernsehen mit Tücken, ein großer Haufen Bücher und Michael Jackson trifft auf Nirvana.
  • Stephan Dörner
Kommentieren
Google CEO Eric Schmidt: Unsere Religion ist die Offenheit, die von Apple das Gegenteil. Quelle: dpa

Google CEO Eric Schmidt: Unsere Religion ist die Offenheit, die von Apple das Gegenteil.

(Foto: dpa)

DÜSSELDORF. Nun es ist also offiziell: Nach zahlreichen gegenseitigen Sticheleien zwischen Apple und Google hat Google-Chef Eric Schmidt in dieser Woche den offenen Systemkrieg erklärt. In Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung redete der aus dem Apple-Aufsichtsrat ausgeschiedene Manager Klartext über die Beziehung der beiden Unternehmen.

„Unser Modell ist offen. Wir haben eine große Wette auf die Offenheit der Systeme laufen. Offenheit ist meine Religion. Die Apple-Religion ist das genaue Gegenteil. Ich weiß das, weil ich im Aufsichtsrat gesessen habe“, sagte er in dem Interview. Was er meint: Googles Antwort auf das Mobile Computing ist Android, eine offene Linux-basierte Open-Source-Software, für die jeder Anwendungen schreiben darf. Apples iOS ist dagegen ein geschlossenes Gehege: Der Technologieriese behält sich vor, Anwendungen nicht freizugeben und zweigt sich 30 Prozent vom Umsatz jeder verkauften App ab.

Techcrunch findet das Offenheits-Argument bei Android allerdings – um es familienfreundlich auszudrücken – ziemlichen Unsinn. In der Theorie sei eine offene Mobilplattform eine tolle Sache, so das renommierte IT-Blog – nur de facto sei Android nicht offen. Das liege vor allem daran, Google nicht alleine die Herrschaft über Android hat, sondern das Betriebssystem an die Handy-Provider lizenziert – die teilweise schreckliche Dinge damit anstellten.

„Wir erleben gerade, dass in einigen Fällen die Provider sogar in der Lage sind, die ‚Offenheit’ auszunutzen, indem sie ein geschlossenes System kreieren, dass dich nach Apples geschlossenen System schreien lässt – das funktioniert wenigstens richtig und verhält sich so wie erwartet“, meint Techcrunch. Die letzte Android-Smartphones, die der Autor nutzte, waren voll mit unerwünschter Software – die sich überwiegend nicht mal deinstallieren ließ. „Wo ist das bitte offen?“, fragt der Blogger. Mit einer Offenheit ganz anderer Art hat Apples mobiles Betriebssystem iOS unterdessen zu kämpfen: Es mehren sich die Berichte über ein grundlegendes Sicherheitsproblem in der neusten iOS-Version 4.1. Gute Nachrichten für alle, die ihre iPad oder iPhone aus der Apple-Herrschaft per Jailbreak befreien wollen.

Apple wagt ein bisschen Freiheit

Apple hingegen öffnet sich – wenn auch nur einen Spalt weit. Die Regeln für den App Store werden gelockert, teilte der Konzern in dieser Woche mit. Vor allem aber werden sie nun erstmals kodifiziert. Das Ende der Apple-Willkür bei der Ablehnung von Apps? Wohl leider nicht: Endgadget hat die Regeln zum Download veröffentlicht – und viele sind sehr weit auslegbar. So verbittet sich Apple beispielsweise Apps, die „diffamierend oder anstößig sind, einer Gruppe oder einem Individuum wahrscheinlich Schaden zufügen oder bösartig gesinnt sind“.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: „Professionelle politische Satiriker und Humoristen sind von dem Verbot ausgenommen“. Wer professionell bösartig ist, darf das also auch bei Apple sein. Hohe Wellen hatte die Zurückweisung einer politischen Satire-App des professionellen Comic-Zeichners Mark Fiore geschlagen. Dessen App erlaubte Apple am Ende doch noch – nachdem er für seine politische Satire mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden war. Deutlicher ist da schon folgende Ansage: „Wir haben 250;nbsp000 Apps im App Store – wir brauche keine weitere Furz-Applikation“.

Eiskaltes 3D-Fernseher

Die Ifa in Berlin ist vorbei, doch der Trend zum 3D-Fernsehen hat gerade erst begonnen. So wünscht es sich zumindest die Industrie, die das Thema 3D auf der Messe gefeiert hat. Die Deutsche Telekom zeigt sich geschichtsbewusst und will der Technologie mit den Inhalten zum Durchbruch verhelfen, die schon die technisch unterlegene VHS-Kassette Gerüchten zufolge über das Betamax-Videokassetenformat hat obsiegen lassen: Erotikfilme.

Wenig begeistert von der 3D-Technologie zeigt sich allerdings Blogger und Ifa-Besucher Harry McCracken im Technologizer. Sein Fazit: Die auf der Ifa gezeigten 3D-Konzepte sind technisch allesamt schlecht, anstrengend – und letztlich sinnlos. Fast immer gerieten die Produzenten von 3D-Inhalten in die Falle, 3D-Objekte aus Selbstzweck zu inszenieren. „Ich schreibe seit 20 Jahren über Technologie“, fasst McCracken sein Urteil zusammen „und ich glaube es hat mich noch nie ein angeblicher großer technologischer Trend so kalt gelassen“. Für den offenen Standard für das Internet-Fernsehen, HbbTV, sieht Technology Review dagegen gute Chancen.

Ordnungswidrige Satire?

Was darf Satire? Alles, antwortete bereits Kurt Tucholsky. Und tatsächlich unterliegt die Meinungsfreiheit im Bereich der Satire fast keiner Beschränkung. Mutmaßlich das Polizeipräsidium Stuttgart sieht das allerdings offenbar anders und erstattete Anzeige gegen den Politblogger, der gegen das umstrittene Großbauprojekt Stuttgart21 anbloggt. Er hatte Verlautbarungen des Polizeipräsidenten mit verfremdetem Logo in satirischer Weise verballhornt. Nun muss er sich wegen Verstoßes gegen § 124 OWiG verantworten: Dem widerrechtlichen Benutzen von Wappen des Bundes oder eines Landes.

Duke Nukem Forever and ever and ever ...

In der Welt der PC-Spiele ist in dieser Woche die Hölle zugefroren. Duke Nukem Forever, ein 3D-Shooter, der 1997 angekündigt wurde, wird voraussichtlich 2011 mit über zehn Jahren Verspätung auf den Markt kommen. Das US-Technikmagazin Wired hatte dem Spiel schon den Vaporware Award für die Lebensleistung verliehen, einem Preis für Produkte, die angekündigt aber nie veröffentlicht werden.

Um sich das Ausmaß der Release-Verzögerung klar zu machen, hilft ein Blick in die Duke Nukem Forever List: Sie zählt Ereignisse auf, die inzwischen seit der Ankündigung des Spiels passiert sind. Kostprobe: „Steve Jobs betrieb NeXT, als Duke Nukem Forever angekündigt wurde” oder “April 1997 existierten weder Google, noch eBay noch der Begriff Weblog“.

Google zählt Bücher

Viele sehen in Google die moderne Variante der Bibliothek von Alexandria: Ein riesiger Wissensspeicher. Und Google weiß jeden Tag mehr. In dieser Woche beispielsweise kam das Wissen um die Zahl der Bücher in der Welt dazu: Laut Googles Schätzung sind es 129 864 880. Allerdings hat sich der Suchmaschinen-Gigant nicht die Mühe gemacht, diese an 25 972 976 Händen abzuzählen, sondern sich die Durchnummerierung durch die Internationale Standardbuchnummer (ISBN) zu Hilfe genommen, wie das Google Books Blog im einzelnen erklärt.

Mehr Staat fürs Web?

Netzaktivisten kann ein gewisser Hang zu libertären Ideen unterstellt werden: Der Staat sollte sich raushalten, vor allem aus der Regulierung des Netzes, ist meist der allgemeine Tenor. Ausdruck dieser weit verbreiteten Einstellung war beispielsweise die Unabhängigkeitserklärung des Internets, die der bekannte Netzaktivist und Songtexter der Rockband Grateful Dead, John Perry Barlow, am 8. Februar 1996 vom Rednerpult des Weltwirtschaftsforums in Davos aus verkündete.

Inzwischen aber sind große Unternehmen im Netz selbst zu einem Machtfaktor geworden – Stichwort Google und Facebook – und manch ein Netzaktivist sehnt sich nach dem Staat als Partner, der die Macht der Konzerne im Netz reguliert. So wünscht sich die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz, eine staatlich durchgesetzte Einhaltung des Datenschutzes im Netz. Im Interview mit dem Freitag forderte sie „Gesetze, die dafür sorgen, dass sich die Internetnutzer sicher sein können, dass bestimmte Standards eingehalten werden, etwa beim Datenschutz“. Sie selbst ist übrigens eine Netz-Veganerin, die auf Angebote wie Facebook wegen des mangelnden Datenschutzes verzichtet. Es gebe allerdings auch so etwas wie bewusste Fleischesser im Netz, führt sie aus, die Angebote wie Facebook in Maßen nutzten und sich der Gefahren bewusst seien.

Netzwertig stellt in dieser Woche die bange Frage, was wohl gewesen wäre, wenn das Internet nicht chaotisch, dynamisch und von Öffentlichkeit lange weitgehend unbemerkt entwickelt hätte, sondern von der deutschen Politik als „Innovationsprojekt“ geplant worden wäre. In dem Fall wäre wohl 95 Prozent des Innovations- und Veränderungspotenzials des Netzes vorsorglich mit Rücksicht auf die zahlreichen Gefahren, Bedenkenträger und Interessengruppen entfernt worden, mutmaßt das Blog.

Dringt ARM in Intels Reich ein?

Wenn so etwas wie den heimlichen Gewinner des derzeitigen Wettlaufs der Mobilplattformen gibt, dann ist das eindeutig die britische Prozessorschmiede Acorn, die die ARM-Prozessoren entwickelt. Sie statten nicht nur viele Smartphones mit Prozessoren aus – und zwar egal ob von Apple oder mit Android-System – sondern beispielsweise auch das iPad. Auch von den Kampf um die Wohnzimmer profitiert die Firma: Viele der TV-Settop-Boxen sind ebenfalls mit den stromsparenden Chips ausgestattet.

Chipriese Intel schielt mit seinen Stromspar-Prozessoren natürlich auch auf ein Stück vom rasant wachsenden Mobil-Kuchen. Die vor Journalisten präsentierten Energiebilanzen, nach denen sich der Platzhirsch vor Acorns Mobilprozessoren nicht verstecken braucht, haben allerdings einen Haken: Intel vergleicht dort komplette System-on-a-Chip-Design von ARM mit Intel-Prozessoren, die deutlich weniger Systemfunktionen bereitstellen. Ein ehrlicher Vergleich müsste den Stromverbrauch der ARM-Architektur mit einem Intel-Chip samt Mainboard in Relation setzen.

ARM wiederum könnte in nicht all zu ferner Zukunft in Intels Gefilden wuchern: Mit dem vierkernigen Cortex-A15, der mit 2,5 GHz taktet bringt Acorn erstmals einen Prozessor auf den Markt, der zumindest theoretisch genug Power für den Desktop hätte. Allerdings wird wohl ein Deich aus dem Hause Microsoft den Dammbruch für Intels Geschäft vorerst verhindern: Nur die Mobil-Variante von Windows läuft auf der ARM-Architektur. Anderseits dürften bereits jetzt das iPad und andere Tablet-PCs mit ARM-Prozessor klassischen Desktop-PCs und Laptops mit Intel-Chip Marktanteile abjagen. Chaosradio Express hat der Architektur bereist einen eigenen Podcast gewidmet.

Videofunstück: Michael Jackson trifft Nirvana im Netz

Viel wurde schon über die wunderbare Kultur des Remixes im Netz geschrieben – so beispielsweise die Lobpreisungen des US-Juristen Lawrence Lessig. Ein besonderes gelungenen Remix aus dem Netz ist in dieser Woche das Video-Fundstück:

Ebenfalls sehenswert ist die Art und Weise, wie Tippex Youtube als Werbekanal nutzt.

Startseite

Mehr zu: Was das Netz bewegt - Kampf der Systeme

0 Kommentare zu "Was das Netz bewegt: Kampf der Systeme"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%