World Economic Forum Wie Twitter & Co. den Gipfel von Davos öffnen

Egal ob Blogs, Twitter oder Video: Nie zuvor was das Gipfeltreffen der Mächtigen so offen für jedermann - und man muss nicht mal nach Davos reisen. Die ganze Welt verfolgt das World Economic Forum - dank des Internet. Mancher Großkopferte lässt sich ob der neuen Möglichkeiten sogar zu einem Experiment überreden.
Foto: Screenshot

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DÜSSELDORF/DAVOS. Jim Hirshfield liegt gründlich falsch. Der Gründer des Startups 10Gen schrieb vor Beginn des World Economic Forum beim Kurznachrichtendienst Twitter: "Was in Davos geschieht, bleibt auch in Davos."

Denkste. Nie zuvor hatte die Welt so viele Möglichkeiten, am Treiben der Mächtigen teilzuhaben - wenn auch nur digital. Nehmen wir nur Cameron Sinclair, Gründer der gemeinnützigen Organisation Architecture for Humanity. Er berichtet via Twitter von einem WEF, wie es sich der gemeine Nicht-Besucher vorstellt: "Hänge mit (Basketball-Liga-Chef) David Stern ab und rede über die NBA, während Putin gerade ankommt." Oder: "Ups, hab hab Kofi Annan einem mit dem Ellenbogen mitgegeben." Dann wieder "Hab's in alle Partys geschafft bis auf die von Clinton (obwohl ich eingeladen war). Bin stattdessen Chinas Premier über den Weg gelaufen."

Überhaupt: Twitter. Der rauschhafte wachsende Dienst, über den Nachrichten bis zu 140 Zeichen Länge in die Welt geschickt werden können, vermischt auf faszinierende Art Berichte der Davos-Besucher mit der Meinung der Rest-Welt. Im Sekundentakt rauschten die Tweets, wie die Nachrichten heißen, zum WEF am Donnerstag und Freitag herein. Wer nicht warten wollte, bis das Forum selbst seine Sessions auf Video online stellt, konnte zum Beispiel dank John Byrne , dem Chefredakteur von Business Week Online, die Top-Diskussionen live verfolgen.

Doch nicht nur über Twitter öffnet sich der Gipfel. So hat Michael Silverton, IT-Pionier und Vertreter der Medizin-Stiftung Methuselah, gleich mehrere Video-Ebenen auf seiner Seite verbunden. Er ist, wie andere Technikfreunde auch, mit Qik ausgestattet. Der Web-Dienst erlaubt es, live vom Handy aus ins Web zu senden - während die Zuschauer dem Telefon-Kameramann Nachrichten zukommen lassen können.

Wer sich für Politik und Wirtschaft interessiert, genießt diese neue Form der Berichterstattung. Kathy Riordan aus Florida fasste ihre Begeisterung in einen Tweet: "Das zeigt eine der großen Stärken von Twitter: Aufwachen mit einem Platz in der ersten Reihe von Davos, obwohl man einen Ozean entfernt ist."

Auch die Prominenten können sich für die neuen technischen Möglichkeiten begeistern. So sagte auf einem der Podien der Alcatel-Lucent-Chef Ben Verwaayen zu den Instrumenten der mobilen Berichterstattung: "Es ist eine befreiende Technik für die Gesellschaft. Es ist eine Revolution, denn sie umgehen die Mittelsmänner." Mancher Großkopferte lässt sich sogar zu Experimenten überreden. So der ehemalige Uno-Lenker Kofi Annan. Er stellte sich den Fragen der Nutzer der Videoplattform Seesmic, moderiert von deren Gründer Loic Le Meur.

Gleich eine ganze Reihe prominenter Namen konnte die "Financial Times" zum bloggen überreden. Von Howard Davies, Chef der London School of Economics, bis zu WPP-Chef Martin Sorrell - so mancher sammelt in Davos seine ersten Erfahrungen mit dem Web 2.0. So auch CNN-Moderator Richard Quest, der für das Handelsblatt bloggt.

Die Veranstalter selbst haben auf einer Seite beim französischen Dienst Netvibes die ihnen genehmen Quellen aufgelistet. Dort laufen auch die Videos ein, die am Stand von Youtube gedreht werden: Delegierte sprechen ein paar Sätze zu Themen, die sie bewegen. Dummerweise sind die meisten der dort gefilmten vor allem bewegt von Eigenwerbung, so Chad Sweet von der US-Heimatsicherung:

Ob jene, die in die Kamera reden, die Reaktionen auf Youtube beobachten? Dort darf sich Sweet Kommentare gefallen lassen, die alles andere als süß sind: "Was für eine Platzverschwendung", zum Beispiel. Oder: "Eine Sache, um die Welt sicherer zu machen wäre, nicht mehr unschuldige Zivilisten im Irak und in Afghanistan zu töten." Einen Überblick der gesamten Online-Konversation um Davos liefert am besten die vom US-Blogger Robert Scoble eingerichtete Sammelseite beim Dienst Friendfeed.

Es ist eben jene andere, ungefilterte Seite, die das Forum in diesem Jahr anreichert. Die Veranstalter selbst nennen ihre Web-Aktivitäten "Davos Conversations". Und auch wenn die Mächtigen wohl nur wenig von dem mitbekommen, was das Volk von ihnen denkt, so ist doch zumindest innerhalb des Volkes eine Diskussion über Sinn und Unsinn möglich geworden. Vor allem, weil einige Delegierte selbst so ihre Zweifel haben.

Zum Beispiel der New Yorker Journalismus-Professor und Medienberater Jeff Jarvis. In seinem Blog Buzzmachine schreibt er: "Vielleicht diskutiert jemand in einer Session oder an einem Dinner-Tisch in Davos substanzielle Idee, um das Durcheinander zu beenden. Aber ich war nicht dabei. Stattdessen war ich bei einer Debatte von CNBC, bei der Vertreter von Wirtschaft, Regierungen, Märkten und anderen Organisationen dieses Thema diskutieren sollten." Jarvis kritisiert Ideenlosigkeit und heiße Luft. Sein Fazit: "Ich spreche mit anderen Leuten, die immer depremierter werden, je länger der Tag dauert. Ich glaube, es lieg daran: Wir sind umgeben von den Führern, die es vor die Wand gefahren haben: Banker, Marketing-Leute, Kontrolleure und die Presse. Sie waren in der Verantwortung. Das ist es, was Davos ist: die Verantwortlichen. Wer sagt, dass sie Antworten finden in Davos? Die Leute in Davos werden zwar welche finden. Aber der Hinweis ist stark, dass die richtigen Antworten nicht hier sind. Ich gehe jetzt Ski fahren."

Außerhalb des Tagungsortes geht es sogar noch deutlicher zu. So twittert Alec Rosen , Chef der amerikanischen PR-Agentur AJR: "Während ihr über das Scheißloch labert, das ihr gegraben habt, sind wir hier draußen und arbeiten, machen Geld, schaffen Jobs. Was zur Hölle macht ihr?"

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