Aids-Prävention In China ist Sex kein öffentliches Thema

In China spricht man öffentlich kaum über Sex – weder in den Schulen und Universitäten noch zu Hause. Die Aufklärung der Jugend ist sehr lückenhaft. Das hat drastische Folgen für junge Männer und Frauen.
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Das Thema schwuler Sex ist in China gesellschaftlich tabu. Quelle: AFP
Aids-Warnplakat in einem Krankenhaus in Wuhan

Das Thema schwuler Sex ist in China gesellschaftlich tabu.

(Foto: AFP)

PekingIn Pekings Ausgehviertel Sanlitun weht in einer Seitenstraße eine Flagge im Winterwind: Regenbogenfarben. Das Symbol für Homo-, Bisexuelle und Transgender. In China ist die schüchterne gesellschaftliche Öffnung hin zu mehr sexueller Vielfalt zwar sichtbar – die jungen Menschen seien aber immer noch zu wenig über die Gefahren aufgeklärt, kritisieren chinesische Organisationen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Eine der Folgen: Die Zahl der HIV-Infektionen bei jungen Männern steigt rasant.

In Chinas Großstädten sind etwa zehn Prozent der Männer, die homosexuellen Kontakt haben, mit dem HI-Virus infiziert, schätzt der WHO-Vertreter in China, Bernhard Schwartländer. 2015 lag diese Zahl nach Angaben der Organisation noch bei rund acht Prozent.

HIV hat viel von seinem Schrecken verloren
Wie viele Menschen sind mit HIV infiziert?
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In Deutschland leben nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) rund 83.400 Menschen mit HIV/Aids. Die meisten von ihnen wohnen in Großstädten wie Berlin, München, Hamburg, Frankfurt/Main und Köln.

Wer infiziert sich mit dem Virus?
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Männer, die Sex mit Männern haben, bilden mit geschätzt 53.800 Fällen die größte Gruppe. Etwa 10.500 Menschen haben sich nach RKI-Daten bei heterosexuellem Verkehr infiziert. Bei rund 7900 Betroffenen waren verunreinigte Spritzen beim Drogengebrauch die Ursache. Etwa 450 Menschen infizierten sich über kontaminierte Blutkonserven oder andere Blutprodukte. Darüber hinaus haben sich 400 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene vor, während oder nach der Geburt bei ihrer Mutter angesteckt.

Wie viele Menschen wissen nichts von ihrer Infektion?
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RKI-Experten schätzen, dass in Deutschland etwa 13.200 Menschen mit HIV nichts von ihrer Infektion wissen. Das ist etwa jeder sechste Betroffene. Manchen hält die Angst vor einem positiven Ergebnis und vor Ausgrenzung davon ab, sich durch einen Test Gewissheit zu verschaffen.

Wie viele Menschen werden behandelt?
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Von den HIV-Infizierten, bei denen eine Diagnose gestellt wurde, sind 82 Prozent in einer antiretroviralen Therapie, die die Vermehrung der Viren eindämmt und den Ausbruch von Aids verhindern kann. Die Weltgesundheitsorganisation rät, möglichst früh mit der Therapie zu beginnen.

Steigern andere sexuell übertragbare Krankheiten das Risiko, sich mit HIV zu infizieren?
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„Generell steigt durch alle sexuell übertragbaren Krankheiten das Risiko, sich mit HIV zu infizieren“, sagt Norbert Brockmeyer, Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum. Infektionen mit Chlamydien, Humanen Papillomviren, Herpes-Simplex-Viren, Syphilis und Gonorrhoe verbreiten sich laut Brockmeyer verstärkt. Der Experte sieht eine Ursache in den vervielfachten Datingmöglichkeiten über Internetportale. Sie ermöglichten mehr und schnellere Sexualkontakte. „Viele Leute verzichten dabei auf Kondome, weil sie das Gefühl haben, sich aus dem Internet zu kennen“, sagt Brockmeyer.

Wo kann man einen HIV-Test machen lassen?
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Unter anderem bieten Gesundheitsämter, Präventionsprojekte und Ärzte HIV-Tests an. Die Deutsche Aids-Hilfe hat im Internet eine Adressliste veröffentlicht. Der Verband warnt vor Tests für den Hausgebrauch aus dem Internet, da die Qualität nicht geprüft werden könne. Außerdem könnten Laien schnell Fehler unterlaufen.

Welche Therapien stehen zur Verfügung?
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Nach Angaben der Deutschen Aids-Gesellschaft gibt es inzwischen mehr als 30 Medikamente für die HIV-Therapie, darunter eine zunehmende Zahl von Kombinationspräparaten. Sie können die Virusvermehrung dauerhaft hemmen. „HIV ist dadurch heute zu einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung geworden“, sagt Annette Haberl. Patienten könnten dank moderner Therapien ein normales Leben führen.

„Wir sehen hier die Öffnung der Gesellschaft einerseits, was sehr gut ist“, sagt Schwartländer. „Aber die neuen Möglichkeiten sind nicht im Einklang mit der Aufklärung.“ Das bereite ihm große Sorgen.

Die Zahl der Männer, die Sex mit anderen Männern haben, werde weiter steigen. Und damit potenziell auch die Zahl der Infektionen. Von den im vergangenen Jahr landesweit rund 76.500 registrierten neuen Fällen sind etwa 70 Prozent Männer. In den Städten seien sogar rund 90 Prozent der Betroffenen männlich, sagt Schwartländer. Zur steigenden Zahl trage natürlich auch bei, dass heutzutage mehr Menschen überhaupt auf das Virus getestet werden.

Zum Vergleich: In Deutschland gab es Ende 2015 nach Zahlen des Robert Koch-Instituts insgesamt 10.500 Infizierte durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr. Dem gegenüber standen demnach 53.800 infizierte homosexuelle Männer.

In den Straßen von Peking sind homosexuelle Pärchen nicht zu sehen. Das Thema schwuler Sex ist gesellschaftlich tabu: Fast zwei Drittel der Männer geben an, die Infektion beim Sex mit einer Frau übertragen bekommen zu haben. Das zeige, dass Homosexualität immer noch stigmatisiert werde, erklärt der WHO-Vertreter. China hinke bei der Thematik um fast 30 Jahre hinterher. Eine systematische sexuelle Aufklärung sei deshalb dringend notwendig. Außerdem müsse das Angebot zur Selbsthilfe für Infizierte ausgebaut werden.

Wer umzieht, kommt kaum an Medikamente
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