Alzheimer Impfung gegen das Vergessen

Gegen die tödliche Krankheit Alzheimer gibt es keine Medizin. Jetzt schöpfen Wissenschaftler neue Hoffnung: Mit Antikörpern wollen sie Patienten heilen. Doch der Weg bis zum wirksamen Impfstoff ist weit.
  • Susanne Donner
Gesunde und kranke Hirnhälften: Forscher arbeiten an neuen Impfstoffen. Foto: Focus

Gesunde und kranke Hirnhälften: Forscher arbeiten an neuen Impfstoffen. Foto: Focus

BERLIN. Richard Dodel muss seinen Schrecken verbergen, als ein Patient im Rollstuhl in seine Praxis geschoben wird. Er kennt ihn als kerngesunden Mann. "Braun gebrannt, gut aussehend, wie das blühende Leben", erinnert sich der Neurologe von der Universität Marburg. Das ist drei Jahre her. Sein Gegenüber weiß das nicht mehr. Er leidet an der Alzheimer?schen Erkrankung, wie knapp eine Million Deutsche auch.

Die Tücke des Altersleidens treibt Dodel an, nach Medikamenten zu suchen. Tabletten gegen die Demenz gibt es zwar schon, aber sie verzögern allenfalls den geistigen Abbau. Große Hoffnung setzt der Marburger Neurologe indes in eine Alzheimer-Impfung. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, der seit gestern in Berlin stattfindet, ist die Spritze gegen das Vergessen ein zentrales Thema.

Bei der Alzheimer?schen Erkrankung bilden sich im Gehirn Beta-Amyloid-Peptide, verklumpte, klebrige Eiweißstoffe, die die Verbindungen zwischen den Nervenzellen behindern und schließlich zerstören. Der Informationsaustausch und der Stofftransport im Gehirn kommen zum Erliegen. Nicht abtransportierte Eiweißstoffe verklumpen und formen die sogenannten Alzheimer-Plaques, die schließlich die Nervenzellen absterben lassen.

Impfstoffe sollen das schädliche Beta-Amyloid aus dem Gehirn von Alzheimer-Patienten entfernen oder sogar verhindern, dass es überhaupt entsteht. Dazu wird Beta-Amyloid in den Muskel gespritzt. Das Immunsystem bildet Antikörper, die die schädlichen Proteine beseitigen. Neben dieser aktiven Impfung tüfteln die Forscher an einer passiven Variante: Dabei werden direkt Antikörper verabreicht. Das Immunsystem des Patienten muss nicht aktiv werden. Eine derartige Impfung müsste allerdings immer wieder aufgefrischt werden, damit stets ausreichend Antikörper im Blut schwimmen.

Bei Alzheimer-Mäusen fruchteten sowohl die passive als auch die aktive Impfung. Bei einer klinischen Studie mit einem aktiven Impfstoff erlitt das Firmenduo Elan Corporation und AHP-Wyeth, unangefochtene Pioniere der Alzheimer-Impfstoffe, jedoch einen herben Rückschlag: 372 Alzheimerkranken hatte man Beta-Amyloid gespritzt. Als vier Probanden eine Hirnentzündung entwickelten, wurde die Studie abgebrochen. In der Folge erkrankten jedoch noch 14 weitere Menschen. Der Vorfall bedeutete das Aus für sämtliche Impfstoffe der ersten Generation. Bis heute versucht man, ihrer Wirkung auf den Grund zu gehen.

Erst vergangene Woche trafen sich deshalb Experten an der Universität von Southampton. Dort seziert der Neuropathologe James Nicoll die Gehirne von Alzheimerpatienten, die an frühen Impfstudien teilgenommen hatten und mittlerweile eines natürlichen Todes gestorben sind. Aus Deutschland war Michael Heneka von der Neurologischen Klinik der Universität Bonn angereist.

Die Befunde der untersuchten Gehirne geben einerseits Anlass zur Hoffnung, berichtet Heneka. Bei einigen der Geimpften konnten die Beta-Amyloide abgeräumt werden. Die Obduktionen bestätigen andererseits aber auch das Aus für die erste Generation der Impfstoffe. Nicoll fand nämlich heraus, dass die Entzündungen im Gehirn genau dort aufflammten, wo die Blutgefäße die Beta-Amyloide abtransportierten. Da Beta-Amyloid auch Bestandteil eines Proteins auf T-Zellen ist, geht er davon aus, dass die Antikörper sich irrtümlich gegen die T-Zellen im Blut richteten. Das führte zur Hirnentzündung als Folge der Impfung.

Das Wiener Start-up Affiris hat aus diesen Erfahrungen seine Lehren gezogen. Walter Schmidt, Geschäftsführer des Unternehmens, betont: "Man darf nicht das natürliche Beta-Amyloid verabreichen. Der Wirkstoff darf vor allem keine Strukturen enthalten, die sich gegen T-Zellen richten. Wir sind die Einzigen, die das mit unseren Impfstoffkandidaten können." Affiris verwendet modifizierte Beta-Amyloid-Eiweißstoffe, die dem Original lediglich ähneln.

Nach einem Lizenzabkommen mit Glaxo-Smithkline wurden nun zwei klinische Studien an 48 Patienten gestartet. Bislang seien keine Nebenwirkungen aufgetreten, versichert Schmidt. Er erwartet, dass "der Impfstoff sicher ist und zumindest die Krankheit einfrieren kann, so dass sie nicht weiter voranschreitet."

In bisherigen Impfstudien konnte der geistige Abbau allerdings nicht nennenswert verlangsamt werden. Einige Forscher stellen deshalb die Bedeutung der Beta-Amyloide für die Demenz infrage. "Das Verständnis der Alzheimer?schen Erkrankung befindet sich im Augenblick im Umbruch", sagt Dodel. "Vermutlich ist ein Vorläufer des Beta-Amyloid-Peptids, ein sogenanntes Trimer, viel gefährlicher als das Beta-Amyloid selbst." Deshalb fahndet er jetzt zusammen mit Affiris im EU-Projekt Mimovax nach Impfstoffen für die Vorstufen des Beta-Amyloids.

Die Pharmaindustrie hält vorerst am Beta-Amyloid als Zielscheibe fest und zählt auf Impfstoffe der zweiten Generation. Dabei handelt es sich meist um abgewandelte Beta-Amyloidbausteine. Durch sie sollen Beta-Amyloid-Antikörper gebildet werden, die sich nicht gegen die T-Zellen richten. Eine Hirnentzündung sollte deshalb nicht auftreten. Dennoch ist Optimismus fehl am Platz, wie Heneka klarmacht: "Man kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob die neuen Impfstoffe tatsächlich nebenwirkungsfrei sein werden."

Mit den Rückschlägen bei der aktiven Impfung sind zugleich die Hoffnungen auf einen passiven Schutz gegen die Demenz gewachsen. Auf dem Welt-Alzheimer-Kongress im Juli 2008 in Chicago stellte Wyeth Ergebnisse einer klinischen Studie an 234 Demenz-Patienten vor. Sie hatten entweder ein Placebo oder einen Antikörper gegen Beta-Amyloid erhalten. Der geistige Verfall schritt bei einem Teil der Geimpften nur halb so schnell voran wie bei der Placebogruppe. Michael Heneka spricht von erfreulichen Ergebnissen und einem Beleg für die Machbarkeit einer passiven Impfung. Richard Dodel zeigt sich dagegen ernüchtert: "Wir hatten gehofft, dass alle profitieren würden. Das ist nicht der Fall, und wir wissen nicht warum."

Der Marburger schlägt nun einen neuen Weg ein. Vor einigen Jahren hat er im menschlichen Blut natürliche Antikörper gegen Beta-Amyloid entdeckt. In jahrelanger Arbeit hat er sie isoliert und kann sie inzwischen gentechnisch herstellen. "Ende nächsten Jahres könnten wir mit einer klinischen Studie beginnen", kündigt er an. Patentiert hat er seine Idee jedenfalls bereits. In dieser Woche trifft er sich mit Spezialisten auf einer Antikörpertagung in Basel.

Trotz der allseitigen Anstrengungen, eine Alzheimer-Impfung zu entwickeln, wagt er jedoch keine Prognose. Noch weniger kalkulierbar sei die Frage, ob es eines Tages eine vorbeugende Impfung gegen das Altersleiden geben wird. "Das müsste eine aktive Impfung sein, durch die wir zeitlebens Antikörper im Blut haben", denkt Dodel laut nach und kommt zu dem Schluss: "Niemand kann heute ernsthaft beantworten, ob das überhaupt möglich ist."

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