Antibiotika-Resistenz Der schwierige Kampf gegen Superkeime

Antibiotika gehören zu den schärfsten Waffen der Medizin. Doch ihre Wirksamkeit lässt nach, immer mehr Bakterien werden resistent. Dabei wären die Waffen für den Kampf gegen solche Superkeime längst verfügbar.
Gegen die Superkeime helfen viele Antibiotika nur noch schlecht oder gar nicht mehr. Quelle: dpa
Multiresistente Keime

Gegen die Superkeime helfen viele Antibiotika nur noch schlecht oder gar nicht mehr.

(Foto: dpa)

Berlin/ErlangenBis zu 6000 Menschen sterben nach vorsichtigen Schätzungen jedes Jahr in Deutschland an Infektionen durch multiresistente Bakterien. Gegen diese Superkeime helfen viele Antibiotika nur noch schlecht oder gar nicht mehr, die Erreger sind resistent geworden.

Seit Jahren warnen Wissenschaftler vor dieser Gefahr. Die Politik habe das Problem inzwischen erkannt, sagt Gerd Glaeske, der seit Jahren an der Uni Bremen zur Arzneimittelversorgung forscht. Viel gebessert habe sich aber nicht.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) stellte im Frühjahr einen Zehn-Punkte-Plan vor, durch den unter anderem die Meldepflicht für Kliniken bei besonders gefährlichen Keimen verschärft wird. Auch beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau im Sommer war der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen Thema, genau wie jetzt beim Treffen der Gesundheitsminister der sieben führenden Industriestaaten (G7) am 8. und 9. Oktober in Berlin.

Weltweit nehmen Resistenzen zu. Hauptgrund ist, dass Antibiotika zu häufig und unsachgemäß eingesetzt werden – in der Humanmedizin, in der Landwirtschaft und der Tierzucht. Insbesondere Allgemeinärzte gingen zu großzügig bei der Verordnung um, sagt Glaeske. „In einem Drittel der Fälle besteht kein wichtiger und nachvollziehbarer Grund, warum diese Antibiotika verordnet werden.“

Was gegen Erkältung hilft – und was nicht
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Bei einer fiebrigen Erkältung geht längst nicht jeder sofort zum Arzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage der „Apotheken Umschau“. Jeder fünfte (18,1 Prozent) Befragte therapiert sich in so einem Fall selbst mit rezeptfreien Medikamenten aus der Apotheke oder Hausmitteln. Besonders Selbstständige (29,7 Prozent) meiden den Arzt und versuchen es erst einmal mit Selbstmedikation.

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Fast jedes dritte von rund 2.000 überprüften rezeptfreien Medikamenten ist laut Stiftung Warentest wenig geeignet. Darunter fallen bekannte Mittel gegen Erkältung, Schnupfen, Halsentzündung, Verstopfung, Durchfall oder Insektenstiche. Oft schneiden die Kombinationen verschiedener Wirkstoffe schlecht ab, etwa von Schmerzmitteln und anregenden Mitteln in Erkältungsmedikamenten. In anderen Fällen bemängeln die Tester hohen Alkoholgehalt – etwa bei einem Erkältungsmittel für die Nacht oder ungeeignete Zusammenstellungen bei Tabletten gegen Halsinfektionen. Die 2.000 rezeptfreien Medikamente sind Teil einer umfassenderen Datenbank von Stiftung Warentest mit Arzneimitteln.

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Bei Erkältung und Grippe hat die Apotheke so einiges an rezeptfreien Mitteln zu bieten. Doch viele halten nicht, was sie versprechen.

Aspirin Complex Granulat: Nicht sinnvolle Kombination aus einem Schmerzmittel und einem anregenden Mittel, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird.

Doregrippin Tabletten: Wie beim Aspirin Complex Granulat stuft die Stiftung Warentest die Kombination der Mittel als nicht sinnvoll ein.

Grippostad C Kapseln: Enthält ein müde machendes Antihistaminikum, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird.

WICK DayMed und MediNait (Kapseln und Getränke): Nicht sinnvolle Kombination unter anderem aus einem Schmerzmittel, einem Hustenmittel und einem anregenden Mittel.

Alternative: Die einzelnen Erkältungssymptome sollten besser getrennt behandelt werden. Gegen Schmerzen und Fieber reicht Parazetamol allein. Bei Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher.

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Schnupfen und Allergien

Rhinopront Kombi Tabletten: Wenig geeignet bei Schnupfen. Nicht sinnvolle Kombination an Mitteln.

Reactine duo Retardtabletten: Hilft kaum bei allergischem Schnupfen. Wenig sinnvolle Kombination aus einem Antihistaminikum und einem anregenden Stoff, der über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird und dabei auch die Schleimhäute abschwillt. Bei Daueranwendung kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen.

Alternative: Tabletten, Tropfen oder Saft mit Cetirizin oder Loratadin sollen bei akuten Allergie-Beschwerden helfen. Cromoglizinsäure als Nasenspray zur Vorbeugung (früh genug mit der Behandlung beginnen, unkonservierte Präparate bevorzugen). Bei einem normalen Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher.

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Auch Hühnersuppe ist ein beliebtes Mittel bei Erkältungen. Die Brühe beeinflusst das Immunsystem jedoch nicht, sagt Hajo Haase vom Institut für Immunologie an der Uniklinik der RWTH Aachen. Besser fühlt man sich dadurch aber trotzdem: Der Körper bekommt Nährstoffe, Salz und etwas Warmes.

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Wer regelmäßig in die Sauna geht und seinen Körper mit Temperaturwechseln, etwa durch Eisbäder, schockt, der härtet sein Immunsystem ab – das glauben viele. Doch Immunologen winken ab: Auch dazu gibt es keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen können, dass das Abhärten einen Einfluss auf das Immunsystem hat, sagte Stefan Meuer, Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Heidelberg, der „Welt“.

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Nahrungsergänzungsmittel mit Zink und Vitamin C sollen das Immunsystem unterstützen. Natürlich braucht der Körper bestimmte Nährstoffe, damit das Abwehrsystem gegen Bazillen und Viren funktioniert. Doch Vitamin C- und Zinktabletten können Erkältungen nicht heilen oder gar verhindern. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für den Nutzen der bunten Pillen. Die Zufuhr ist normalerweise über die Ernährung sichergestellt, Mangelzustände an Vitamin C und Zink kommen in Deutschland nur selten vor. Gute Vitamin C-Lieferanten sind zum Beispiel Orangensaft, Brokkoli, Kiwi oder rote Paprika. Zink ist zum Beispiel in Fleisch, Ei, Vollkorn- und Milchprodukten enthalten. Die empfohlene Tagesdosis wird etwa bereits durch ein Stück Rindfleisch (150 Gramm) und ein Glas Milch gedeckt.

Die Nürnberger Ärztin Marie-Luise Adam berichtet, Patienten seien daran gewöhnt, bei jeder Erkältung ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen. Dabei werden diese Infekte meist durch Viren verursacht. Ein Antibiotikum hilft hier gar nicht, doch das wissen noch immer viele Menschen nicht. „Ich habe vielfach erlebt, dass Patienten zu einem anderen Arzt gehen, wenn man versucht, ihnen zu erklären, dass das unnötig ist oder sogar schädlich“, sagt Adam.

Mehr Informationen für Patienten

Oft werden zudem Mittel gegeben, die nur bei ganz bestimmten und schweren Infektionen eingesetzt werden sollten. Das Problem dabei: Je häufiger ein bestimmtes (Reserve-)Antibiotikum eingesetzt wird, desto größer ist das Risiko, dass sich Resistenzen bilden.

Glaeske fordert daher verbindliche Leitlinien zur Antibiotika-Gabe in der ambulanten Versorgung. Zudem müsse das Thema in der Ausbildung der Mediziner eine viel größere Rolle spielen. Für die Patienten seien Informationen in verständlicher Sprache nötig – etwa ein kurzes Blatt, das der Arzt ihnen in die Hand drücken kann.

Ein weiterer Knackpunkt ist der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer in der Tiermast. „Das ist ein sehr dunkles Kapitel, dem man sich aus politischer Sicht viel mehr zuwenden müsste“, sagt Glaeske. Er fordert Sanktionen. Nur dann werde sich etwas ändern.

Bislang weigere sich das Bundeslandwirtschaftsministerium aber sogar, die Daten zur Nutzung von Antibiotika zu veröffentlichen: „Das halte ich für eine völlige Verkennung der Sachlage. Man muss diese Daten nutzen, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“

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