Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Atai-Börsengang Christian Angermayer: „Ein Magic-Mushroom-Trip kann einen zu einem besseren Investor machen“

Der deutsche Investor hat seine Psychedelika-Holding Atai erfolgreich an die Börse gebracht. Er hat hohe Erwartungen an das Pilz-Geschäft – aus eigener Erfahrung.
19.06.2021 - 10:07 Uhr Kommentieren
Investor Christian Angermayer (Mitte) steckt Millionen in die Erforschung von psychedelischen Substanzen und deren Nutzung zu medizinischen Zwecken. Quelle: PR / Apeiron Investment
Atai-Börsengang an der Nasdaq

Investor Christian Angermayer (Mitte) steckt Millionen in die Erforschung von psychedelischen Substanzen und deren Nutzung zu medizinischen Zwecken.

(Foto: PR / Apeiron Investment)

Hamburg Christian Angermayer hält mit seiner Meinung nicht zurück – auch wenn sie unpopulär ist. „Viele haben sich über mich lustig gemacht: ‚Christian, du riskierst deine Karriere‘“, berichtet der deutsche Investor im Gespräch mit dem Handelsblatt. Umso größer fällt bei ihm nun die Genugtuung aus, dass sein Plan, psychedelische Substanzen an die Börse zu bringen, glänzend anläuft.

Am Freitag notierte Angermayers Holding Atai erstmals an der US-Technologiebörse Nasdaq. Auf das Parkett ging das Unternehmen am oberen Ende der Spanne bei 15 Dollar pro Aktie. Am ersten Handelstag stieg das neue Papier um fast 30 Prozent auf 19,45 Dollar. Atai sammelte frische 225 Millionen Dollar ein. Das Geld soll das Unternehmen, das bislang nur Anlaufverluste produziert hat, für die weitere Entwicklung und weitere Studien einsetzen.

Dabei will Angermayer Substanzen wie den Wirkstoff aus Magic Mushrooms, Psilocybin, die Ecstasy-Wirkstoffe MDMA oder Ketamin nutzen, um Medikamente gegen schwere Erkrankungen wie Depressionen zu entwickeln. „Wenn man an einer mentalen Krankheit leidet, kann diese potenziell geheilt werden. Das wollen wir jetzt ein für alle Mal streng wissenschaftlich beweisen“, sagt Angermayer mit Blick auf das Potenzial psychedelischer Stoffe bei behandlungsresistenten Leiden.

Die Überzeugung gewann Angermayer im Selbstversuch. „Ein Magic-Mushroom-Trip zwingt einen zur Selbsterkenntnis. Das Ego wird runtergefahren und etwas anderes kommt zum Vorschein – das innere Wesen oder die Seele, oder wie auch immer man das nennen mag“, berichtet er über seine Erfahrungen. „Ein solcher Trip ist eine tiefe, spirituell-mystische Erfahrung, die sich sehr positiv auf die mentale Gesundheit auswirken kann. Er kann einen meines Erachtens zu einem besseren Investor, besseren Unternehmen und zu einem besseren Menschen machen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Angermayer, welche Vision steht hinter Atai?
    Wir waren die Ersten, die in diesem Jahrhundert die Idee hatten, Psychedelika wieder als Arzneimittel in die medizinische Welt zurückzubringen. Allerdings nicht frei verkäuflich, sondern unter Aufsicht von Therapeuten. Dann können Psychedelika potenziell ein Heilmittel für Depression, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Suchterkrankungen sein.

    Gibt es nicht gute Gründe dafür, dass die Substanzen kaum legal verwendet werden dürfen?
    Nein. Der Wirkstoff Psilocybin aus den Magic Mushrooms beispielsweise wurde noch in den 1960er-Jahren legal im Krankenhaus als Depressionstherapie eingesetzt. Die Hippies haben die Droge zur Bewusstseinserweiterung genommen. Das hat keinen gestört, bis die Jugend gegen den Vietnamkrieg war. Dann hat die US-Regierung sie gezielt verunglimpft: Wer gegen den Vietnamkrieg sei, müsse durch Psychedelika verrückt geworden sein. So kam es zum harten Verbot. Ein rein politisches Komplott.

    Für Sie ist das ein Fehler?
    Ja. Ich nehme selbst regelmäßig Pilze – natürlich immer in einem Land, in dem das heute schon legal ist, wie den Niederlanden oder Südamerika, und in einem organisierten Rahmen mit einem Trip-Begleiter zusammen. Die meisten der Wirkstoffe werden seit Tausenden von Jahren in rituellem Rahmen verwendet, etwa von Schamanen oder schon vor 4.000 Jahren in Eleusis in Griechenland.

    Ein solcher Trip ist eine tiefe, spirituell-mystische Erfahrung, die sich sehr positiv auf die mentale Gesundheit auswirken kann. Das eignet sich nicht als Partydroge. Aber es kann einen meines Erachtens zu einem besseren Investor, besseren Unternehmen und zu einem besseren Menschen machen. Und wie gesagt, wenn man an einer mentalen Krankheit leidet, kann diese potenziell geheilt werden. Das wollen wir jetzt ein für alle Mal streng wissenschaftlich beweisen.

    Wie soll das gelingen?
    Es gab einige Forscher, die in den vergangenen Jahrzehnten unter strengen Auflagen weitergeforscht haben. Wir haben denen gesagt: Wir wollen die jeweiligen Medikamente gemeinsam mit euch voranbringen, indem wir uns vor allem um das Fundraising und das Zulassungs-Know-how kümmern. Im Gegenzug haben die jeweiligen Partner ihr Know-how und ihre Patente, die für den kommerziellen Aufbau nötig sind, eingebracht. So ist die Biotech-Plattform Atai mit ihren aktuell zehn Programmen entstanden.

    Wie viel Patentschutz kann sich Atai sichern?
    Wir haben meines Erachtens einen umfassenden Patentschutz auf die meisten psychedelischen Substanzen, die kommerziell Sinn ergeben.

    Wieso das?
    Uns kommt sehr zugute, dass wir einer der Allerersten waren – noch bevor es in den vergangenen zwei Jahren plötzlich einen großen Psychedelika-Boom gab. Zuvor haben sich viele eher über mich lustig gemacht: ‚Christian, du riskierst deine Karriere.‘ Nur enge Partner wie Peter Thiel und Mike Novogratz haben anfangs mit mir zusammen in das Thema investiert. Ich selbst habe zudem über verschiedene Runden rund 40 Millionen Dollar eigenes Geld in Atai investiert. So hatte Atai zu einer Zeit, zu der eine Mehrheit der Investoren skeptisch war, eine gute Basis. Wir konnten daher in zwei, drei Jahren als starker Spieler in dem Feld vieles aufkaufen.

    Ersetzt der Trip einen Therapeuten?
    Nein, es wird eher noch mehr Mediziner brauchen, die die Trips begleiten. Einerseits brauchen die Patienten wohl nur noch ein, zwei, drei tiefgehende Sitzungen mit einem Psychedelika-Medikament. Doch der Trip dauert sehr lange. Die Begleitung wird den Therapeuten einen ganzen Tag beschäftigen. Im Gegenzug sparen wir uns Hunderte heute oft wirkungslos verstreichende Therapiestunden. Und extrem wichtig ist die Integration der Erfahrung in den Alltag, bei der der Therapeut ebenfalls helfen kann.

    Wie wirken die Substanzen im Körper?
    Es gibt eine medizinische und eine psychologische Antwort. Beide wirken zusammen. Auf der psychologischen Ebene kann ein Trip potenziell helfen, Traumata und Ängste, die oft die Ursache von mentalen Krankheiten sind, zu erkennen und aufzulösen. Dadurch kann eine Art Reset erfolgen. Gleichzeitig entwickelt das Gehirn im Nachgang eine verbesserte Neuroplastizität, die dafür sorgt, dass das Gelernte und Erfahrene auch langfristig integriert wird. Genauso wichtig wie der einzelne Trip ist daher eine gute Nachbearbeitung und Begleitung durch den Psychotherapeuten.

    Zu den Pilzen, die die Verbindung Psilocybin enthalten, gehört die Art Kubanischer Kahlkopf, die häufig zum Verkauf angeboten wird. Der Konsum ist in Deutschland legal, Besitz und Handel hingegen nicht. Quelle: Getty Images
    Psilocybinhaltige Pilze

    Zu den Pilzen, die die Verbindung Psilocybin enthalten, gehört die Art Kubanischer Kahlkopf, die häufig zum Verkauf angeboten wird. Der Konsum ist in Deutschland legal, Besitz und Handel hingegen nicht.

    (Foto: Getty Images)

    Spricht man auch während des Trips mit dem Therapeuten?
    Das ist vom Einzelfall abhängig. Ich beispielsweise bin währenddessen in meiner eigenen Welt. Ich hatte aber auch schon Freunde, die wollen dann die ganze Zeit reden. Es kann für den Therapeuten sehr langweilig, aber auch sehr anstrengend sein.

    Wie verändert das Medikament das Berufsbild?
    Mit wenigen Ausnahmen ist das Optimum, was Psychotherapeuten heute mit den bestehenden Medikamenten erreichen können, die Leute stabil zu halten. Die bestehenden Medikamente heilen meistens nicht. Das frustriert viele Therapeuten. Wir wollen ihnen deutlich bessere Werkzeuge an die Hand geben, die funktionieren – und so wieder Freude an der Arbeit geben.

    Wird es Depressionen dann nicht mehr geben?
    Meine persönliche These ist: Die Welt, in der wir leben, ist nicht gut für unsere geistige Gesundheit. Die Krankheitszahlen gehen dramatisch nach oben. Das wird vermutlich in den nächsten zehn Jahren noch schlimmer werden. Denn die technologische Revolution begeistert nur eine kleine Anzahl von Leuten. Der Rest hat Angst, sich in einer sich immer schneller verändernden Welt nicht mehr zurechtzufinden und keinen Platz in dieser Welt zu haben. Aber glücklicherweise haben wir mit dem Atai-Portfolio eine echte Chance, einem Großteil dieser Patienten zu helfen.

    Und weil es vieler Lösungen bedarf, habe ich sogar noch zusätzlich zu Atai einen eigenständigen Mental-Health-Fonds namens „re.mind“ mit 125 Millionen Euro aufgelegt, der in alle anderen Therapieformen abseits der Psychedelika investiert.

    Glauben Sie daran, dass Psychedelika wie Cannabis breiteren Einsatz finden werden?
    Ja, definitiv. Und die Behandlung der bestehenden mentalen Krankheiten ist nur der Anfang. Ich glaube, dass wir darüber hinaus sukzessive weitere Anwendungsgebiete entdecken werden. Nehmen Sie Steve Jobs: Er hat seine Kraft, auch in höherem Alter noch eine der innovativsten Firmen der Welt aufzubauen, unter anderem Psychedelika zugeschrieben.

    In einer wachsenden Zahl von US-Bundesstaaten ist der Anbau und Verkauf von Cannabis in den vergangen Jahren legalisiert worden. Quelle: AFP
    Cannabisverkauf in den USA

    In einer wachsenden Zahl von US-Bundesstaaten ist der Anbau und Verkauf von Cannabis in den vergangen Jahren legalisiert worden.

    (Foto: AFP)

    Noch gibt es allerdings kein marktreifes Produkt, keinen Umsatz, nur Kosten: Wie groß ist das Risiko, dass kein Produkt dabei entsteht?
    Jede Forschung birgt Risiken. Allerdings waren einige der Substanzen, an denen wir arbeiten, ja bereits in der Vergangenheit als Arzneimittel zugelassen. Andere wiederum werden auch heute noch in schamanistischen Ritualen zum Beispiel in Südamerika verwendet. Wir haben also starke historische und anekdotische Indizien. Unsere Aufgabe ist es, das jetzt auch schulmedizinisch zu beweisen.

    Ein weiteres Risiko ist, dass die Substanzen weiter illegal bleiben oder nicht auf neue Felder ausgedehnt werden dürfen.
    Anfangs habe ich das sogar für das größte Risiko gehalten. Doch die öffentliche Wahrnehmung hat sich in den vergangenen zwei Jahren völlig geändert. Psychedelika sind inzwischen in einigen Teilen der Welt ein Liebling der Politik. Cannabis hat den Weg geebnet und gezeigt, dass es funktioniert, eine illegale Droge in die Legalität zurückzuholen. Zudem gehen wir mit Depressionen eines der größten Kostenprobleme des Gesundheitswesens an.

    Die esoterische Szene ist auf Atai nicht so gut zu sprechen ...
    Solche Kritiker sagen, dass ich ein gottgegebenes Molekül patentiere. Persönlich glaube ich an die tiefe spirituelle Wirkung der Stoffe, aber ich bin auch davon überzeugt, dass in unserer Welt der Kapitalismus den besten Zugang dazu schafft. Ich muss Geld einsammeln bei Anlegern, um die Medikamente zu entwickeln – und dafür braucht es Rendite, die sich wiederum nur einstellt, wenn wir ein solides Geschäftsmodell haben.

    Sie sind mit Ihrem Family Office Apeiron noch in vielen anderen Feldern aktiv – bis hin zu Kryptowährungen. Konzentrieren Sie sich irgendwann auf Ihr Herzensthema Psychedelika?
    Ein Magic-Mushroom-Trip zwingt einen zur Selbsterkenntnis. Das Ego wird runtergefahren und etwas anderes kommt zum Vorschein – das innere Wesen oder die Seele, oder wie auch immer man das nennen mag. Das kann manchmal schmerzhaft sein. Bei mir war es aber durchweg positiv, weil ich schon immer sehr ehrlich mit mir war.
    Dazu gehört: Ich denke, ich bin gut als Ideengeber und Investor, aber nicht als operativer Manager. Ich möchte mich mit vielen Themen beschäftigen und mir meine Neugier auf eine sich kontinuierlich verändernde Welt erhalten und diese aktiv mitgestalten. Und ich glaube, dass ich gerade wegen meines breiten Spektrums erfolgreich bin.

    Herr Angermayer, vielen Dank für das Interview.

    Informationen zu Hilfe bei Depressionen und Selbstmordgedanken finden Sie hier: www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe

    Hilfe bei Suchtproblemen gibt es hier: www.dhs.de/service/suchthilfeverzeichnis

    Christian Angermayer ist Mitglied im Handelsblatt Innovation Board.

    Mehr: Magic-Mushrooms-Holding Atai strebt an die Börse

    Startseite
    Mehr zu: Atai-Börsengang - Christian Angermayer: „Ein Magic-Mushroom-Trip kann einen zu einem besseren Investor machen“
    0 Kommentare zu "Atai-Börsengang: Christian Angermayer: „Ein Magic-Mushroom-Trip kann einen zu einem besseren Investor machen“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%