Chemiekonzern Merck steht kurz vor der Übernahme von Versum

Der Darmstädter Konzern erhöht sein Angebot für die US-Chemiefirma um gut ein Zehntel. Der US-Spezialchemiehersteller Versum gibt den Widerstand auf.
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Der Chemiekonzern verbessert sein Angebot an Versum. Quelle: Reuters
Merck

Der Chemiekonzern verbessert sein Angebot an Versum.

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FrankfurtDer Darmstädter Merck-Konzern hat seine Offerte für den US-Spezialchemiehersteller Versum von 48 auf 53 Dollar je Aktie aufgestockt und damit das Versum-Management an den Verhandlungstisch geholt. Das geht aus Mitteilungen der beiden Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht hervor, die am Montag veröffentlicht wurden. Seine Erfolgschancen im Übernahmekampf um Versum hat Merck damit offenbar deutlich erhöht.

Man betrachte das Angebot von Merck als überlegen gegenüber der bisher geplanten Fusion mit dem US-Konkurrenten Entegris, erklärte Versum in einer Pressemitteilung. Allerdings hat Entegris entsprechend der bisherigen Vereinbarung noch bis zum 11. April die Möglichkeit, einen neuen Vorschlag für einen Zusammenschluss vorzulegen.

Versum hatte die anfängliche Offerte von Merck in Höhe von 48 Dollar je Aktie Ende März offiziell abgelehnt und verfolgte damit weiter die zuvor vereinbarte Fusion mit dem Konkurrenten Entegris. Merck hatte dagegen schon im ersten Anlauf argumentiert, dass das eigene Angebot eine werthaltigere Alternative für die Versum-Aktionäre darstelle.

Durch die neue Offerte hat Merck nun den Widerstand der Versum-Führung gebrochen. Merck-Chef Stefan Oschmann traf sich sowohl Mitte als auch Ende der vergangenen Woche mit dem Aufsichtsrats-Vorsitzenden (Chairman) von Versum, Seifollah Ghasemi.

Der Gesamtpreis für die Übernahme des US-Unternehmens erhöht sich mit der neuen Offerte auf rund 5,8 Milliarden Dollar. Inklusive der Netto-Finanzverschuldung von Versum von rund 580 Millionen Dollar errechnet sich ein Transaktionsvolumen von etwa 6,4 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 5,7 Milliarden Euro). Das entspricht in etwa dem 15-fachen des Betriebsgewinns vor Abschreibungen (Ebitda) von Versum.

Merck will mit der Übernahme seine Sparte Performance Materials nachhaltig stärken, die Flüssigkristalle, Elektronikchemikalien und Pigmente produziert. Das Geschäft wird aktuell vor allem durch schwächere Umsätze und Margen im Bereich Flüssigkristalle gebremst, wo sich eine wachsende Konkurrenz aus China und eine Verlagerung der Display-Technologien in Richtung organischer Leuchtdioden (Oled) bemerkbar macht. Im vergangenen Jahr schrumpften die Erlöse der Sparte um zwei Prozent auf 2,4 Milliarden Euro und der Betriebsgewinn um ein Viertel auf 508 Millionen Euro.

Merck hat sich im Zuge einer Neuausrichtung der Sparte vorgenommen, vor allem das Geschäft mit Spezialchemikalien für Mikroprozessoren und andere Elektronikkomponenten zu verstärken.

Die Übernahme von Versum wäre in dieser Hinsicht ein wichtiger Schritt nach vorne. Das US-Unternehmen, das 2016 durch eine Ausgliederung aus dem Industriegase-Hersteller Air Products & Chemicals hervorging, stellt insbesondere Materialien für die Halbleiterindustrie her. Es ist in den letzten beiden Jahren jeweils deutlich zweistellig gewachsen und erzielte zuletzt knapp 1,4 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro) Umsatz und 374 Millionen Dollar (rund 330 Millionen Euro) Betriebsgewinn. Das entspricht einer operativen Marge von 27 Prozent und einer Ebitda-Rendite von gut 30 Prozent. Versum bewegt sich insofern auf einem ähnlichen Renditeniveau wie der Merck-Konzern, der zuletzt gut 38 Prozent Ebitda-Marge im Chemiegeschäft verbuchte.

Merck hatte bereits im ersten Anlauf Entschlossenheit signalisiert, diesen Deal durchzuziehen. Man sei von „der Stärke des kombinierten Portfolios von Merck und Versum im Bereich der Elektronikmaterialien fest überzeugt“, erklärte Merck-Chef Stefan Oschmann Anfang März zu den Übernahmeplänen.

Mit einer erfolgreichen Übernahme würde Merck die eigene Sparte Performance Materials um rund ein Drittel auf etwa 3,6 Milliarden Euro ausbauen und damit das Gewicht des Chemiegeschäfts gegenüber den beiden anderen Konzernteilen Gesundheit (Arzneimittel) und Life Science (Biotech-Reagenzien und Zubehör), die jeweils gut sechs Milliarden Euro Umsatz erzielen, wieder stärken.

Der Darmstädter Konzern demonstriert mit der Offerte für Versum zugleich seine ungebrochene Bereitschaft zur Expansion durch größere M&A-Transaktionen. Zuletzt verstärkte er sich im Zuge dieser Strategie 2015 durch den 14 Milliarden Dollar teuren Erwerb des US-Unternehmens Sigma Aldrich. Angesichts der dadurch aufgelaufenen Finanzverschuldung von mehr als zehn Milliarden Euro musste Merck nachfolgend zwar eine gewisse Akquisitionspause einlegen. Mit dem Anfang Dezember vollzogenen Verkauf der Consumer-Health-Sparte für 3,4 Milliarden Euro an Procter & Gamble erlangte der Konzern dann neuen finanziellen Spielraum, den er nun umgehend für den nächsten Zukauf nutzt.

Rückhalt für die Expansionsstrategie gibt zudem die relativ stetige Aufwärtsentwicklung im Life-Science-Geschäft die Aussicht auf eine neue Wachstumsphase im Pharmabereich. Hier konnte Merck vor wenigen Tagen sein neues Multiple-Sklerose-Medikament Mavenclad durch die US-Zulassung bringen, was im laufenden Jahr einen Zusatzumsatz im mittleren dreistelligen Millionen-Bereich bringen dürfte. Insgesamt kann der Konzern damit auf überdurchschnittliche Umsatzsteigerungen und deutliche Ergebnisverbesserungen im Pharmabereich hoffen.

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