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Chris Boos Streit um Corona-Tracing-App: „Die Diskussion wird religiös geführt“

Eine europäische Lösung für Corona-Apps bekam zunächst viel Lob, nun ist eine heftige Debatte entbrannt. Co-Entwickler Chris Boos wehrt sich gegen Vorwürfe.
20.04.2020 - 09:24 Uhr 2 Kommentare
„Wir schützen die Privatsphäre maximal.“ Quelle: Lêmrich für Handelsblatt
Chris Boos

„Wir schützen die Privatsphäre maximal.“

(Foto: Lêmrich für Handelsblatt)

Düsseldorf Anfang April stellten mehr als 130 Experten die sogenannte Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing (Pepp-pt) vor. Dabei handelt es sich um eine grundlegende Technologie als Basis für Corona-Tracing-Apps, die hohen Datenschutz und Datensicherheit garantieren soll. Auch die deutsche Corona-Tracing-App soll darauf basieren.

Nachdem die europäische Initiative, die bisher unentgeltlich arbeitet, viel Zuspruch erfahren hatte, ist vergangene Woche ein heftiger Streit über die Datenverarbeitung entbrannt. Einige Mitglieder der Initiative zogen sich unter Protest zurück. Co-Entwickler und Frontmann der Initiative Chris Boos wehrt sich im Interview gegen die Vorwürfe.

Herr Boos, wo kommt auf einmal der Unfriede her?
In der Wissenschaft sind unterschiedliche Meinungen kein Problem. In dem Fall geht es darum, wie mit den Daten von App-Nutzern verfahren werden soll. Bei beiden Ansätzen werden Daten lediglich auf dem Smartphone des Nutzers gespeichert – als anonyme IDs und verschlüsselt. Zu Unterschieden in den Ansätzen kommt es erst, wenn es einen Corona-Fall gibt: Entweder werden die Daten dann von einem Server aus mit möglichen Kontakten abgeglichen oder direkt in den Apps der Nutzer. Beide haben Vor- und Nachteile und beide schützen die Privatsphäre der Nutzer. Aber statt sich anzuschauen, in welchem Fall welche Lösung besser ist, wird die Diskussion von einigen Vertretern des jeweiligen Ansatzes religiös geführt.

Über das eigentliche Design von Corona-Tracing-Apps waren sich doch am Anfang alle einig.
Das sind wir auch nach wie vor: Die Apps sollen eine sich laufend ändernde Identifikationsnummer erstellen, die keine Rückschlüsse auf den Nutzer zulässt. Diese wird per Bluetooth automatisch an andere App-Nutzer gesendet, wo sie verschlüsselt gespeichert werden. Die Diskussion dreht sich gerade um den Punkt, was mit den Daten passiert, wenn ein Nutzer positiv getestet wird.

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    Es gibt zwei Ansätze: Im sogenannten zentralen Ansatz werden die Daten an einen zentralen Server geschickt und von dort geht eine Warnung an Apps heraus, die sich für einen bestimmten Zeitraum in kurzer Distanz zu dem Infizierten aufgehalten haben.
    Genau. Das hat den Vorteil, dass die Daten, die dort anonym verarbeitet werden, besser analysiert und damit auch zielgerichteter Personen gewarnt werden können und so zur vorsorglichen Quarantäne geraten werden kann. Das befürworten auch viele Epidemiologen.

    In dem sogenannten dezentralen System verschickt die App des Infizierten die Daten direkt an alle anderen Apps in der Region. Vereinfacht ausgedrückt überprüft also jeder selber, ob er Kontakt mit einem Infizierten hatte. Gibt es in einem dezentralen System keine Möglichkeit, die Daten weitergehend zu analysieren?
    Das ist der Vorteil und gleichzeitig auch der Nachteil. Menschen bekommen weniger Informationen und es müssen ständig alle Daten an alle geschickt werden.

    Welcher Ansatz ist besser?
    Ich bin kein Vertreter irgendeiner Lösung. Ich der Meinung, wir sollten beides anbieten und von Land zu Land schauen, was sich dort am besten eignet. Aber leider gibt es da sehr festgefahrene Meinungen, die nun auch stark für ihren jeweiligen Ansatz werben. Die Religiosität in der Debatte finde ich unverständlich. Beide Ansätze wahren die Privatsphäre und beide sollten interoperabel sein. Am Ende geht es darum, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, das sollte nicht vergessen werden.

    Die Vertreter des dezentralen Systems werfen Pepp-pt vor, diesen Ansatz nicht mehr zu verfolgen und überhaupt intransparent zu arbeiten.
    Es gab da eine unglückliche Kommunikation und dafür habe ich mich auch entschuldigt. Wir haben die Webseite umgebaut und dabei einen Link zu diesem Ansatz mit dem Namen DP-3T heruntergenommen, weil wir nicht einen Ansatz bevorzugt darstellen wollen. Das Ziel ist es, alle Ansätze gleichberechtigt darzustellen, weil wir auch alle Ansätze anbieten wollen. Ich habe immer gesagt, wir brauchen beides. Dass es darum aber einen solchen Aufschrei gibt, ist unnötig und auch unverantwortlich. Damit setzen wir das Vertrauen der Menschen aufs Spiel, die die App hinterher benutzen sollen.

    Was ist mit dem Vorwurf der Intransparenz?
    Den teile ich nicht. Wir haben in den letzten Tagen bereits Konzepte auf GitHub veröffentlicht. Und wir haben immer auch versprochen, den Quellcode offenzulegen. Das werden wir auch tun, sobald er getestet und geprüft wurde. Ich halte nichts davon, dass Software beim Kunden reift. Dennoch sind wir hier selbstkritisch: Es fehlte bisher an der ein oder anderen Stelle an Transparenz, weil wir erstmal dafür sorgen wollten, dass es eine Technologie gibt, die die Privatsphäre der Nutzer schützt, bevor etwas anderes auf den Markt kommt, was das nicht macht. Danach wollten wir uns um den Rest kümmern. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir noch keine Spendengelder angenommen haben. Das machen wir erst, wenn alles offen verfügbar ist.

    Sie wurden auch persönlich kritisiert. Einzelne werfen Ihnen vor, Sie wollen sich persönlich bereichern.
    Das auf diese persönliche Ebene zu ziehen, finde ich inakzeptabel. Dass es eine Diskussion um die Technologie geben muss war klar, aber nicht so. Ich bin immer sehr direkt und habe immer klar gesagt, dass ich die von einigen vertretene Religiosität nicht gut finde und ecke damit an. Bisher arbeiten fast alle seit Wochen komplett für umsonst. Dass wir damit Geld verdienen, stand nicht im Vordergrund, aber ich habe auch immer gesagt, wenn Geld da ist, sollten wir beteiligt werden. Daran ist nichts auszusetzen, finde ich.

    Anfang April hatten Sie gesagt, eine deutsche App könnte schon Mitte April herauskommen. Doch das verzögert sich nun deutlich. Woran liegt das?
    Ich gebe zu, ich hatte unterschätzt, wie lange es dauert, die App in die Infrastruktur einzubinden. Da hängen zahlreiche Maßnahmen dran, die alle miteingebunden werden müssen. Technisch eine App auf den Markt zu bringen ist die eine Sache, das geht schnell. Das andere dauert länger. Und wenn ich jetzt sehe, wie solche Maßnahmen nun in kürzester Zeit entstehen, was sonst Monate gedauert hätte, muss ich sagen, die Ämter legen wirklich ein wahnsinniges Tempo vor. Es ist wichtig, dass die App zu einem Zeitpunkt auf den Markt kommt, an dem sie einen konkreten Nutzen bringt, also auch die Bewegungsfreiheit nicht mehr so stark eingeschränkt ist. Sonst sitzen die Menschen zu Hause und fragen sich, warum sie nun die App brauchen.

    Auch das deutsche Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit hat sich nun aus Pepp-pt zurückgezogen.
    Es gibt immer wieder Änderungen im Team. Es kommen auch Neue hinzu. Mir ist nur sehr wichtig, dass wir weiterhin alle Optionen anbieten, wegkommen von dieser religiös geführten Diskussion und die Kirche im Dorf lassen. Und momentan kann keiner sagen, ob die Entscheidungen, die getroffen werden, richtig sind, aber Verantwortung heißt auch, sich zu trauen, eine Entscheidung zu treffen und dann für die Konsequenzen geradezustehen. Es geht nicht darum, Recht zu haben, es geht darum, das Richtige zu machen.

    Herr Boos, vielen Dank für das Gespräch.

    Mehr: Helmholtz-Institut verlässt Corona-App-Konsortium

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    2 Kommentare zu "Chris Boos: Streit um Corona-Tracing-App: „Die Diskussion wird religiös geführt“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Leider hat Hr. Boss sämtliches Vertrauen verspielt. Eine akzeptable Lösung für eine App wird es, wenn überhaupt, nur ohne ihn geben.

      In dem Interview wurden auch die falschen Fragen gestellt. Eine gute Frage wäre z.B. gewesen: Wird die veröffentlichte App incl. aller Protokolle Open Source sein? Es fällt auf, dass Hr. Boss nur Interviews gibt, wo er solchen Fragen aus dem Weg gehen kann.

      Aber auch insgesamt wird dieser technischen Lösung viel zu viel zugemutet, da Bluetooth ja nicht für diesen Zweck entwickelt wurde. Und die deshalb notwendigen Anpassungen, wie die Regel Kontakte erst nach 15 Minuten zu zählen, werden dafür sorgen, dass zu wenige gewarnt werden.

      Die offenen Fragen der Netzgemeinde, wie z.B. nach einer gesetzlichen Regelung für die App, werden aktuell von Niemand beantwortet. Aber ohne eine offene und transparente Kommunikation wird die App eine Todgeburt.

    • Ich will keine staatlich verordnete Überwachungsstruktur, die sämtliche Bewegungsprofile und private 'Netzwerke' einer Übermachts-Institution offenlegt!

      Die Versuche, eine medial übermäßig gehypte Corona-Krise zu Missbrauchen, um solch drangsalierende Strukturen dauerhaft zu Etablieren, sind plump und durchschaubar.

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