Debatte um Fahrverbote Lungenärzte zweifeln an Gesundheitsgefahr durch Dieselabgase

Eine Gruppe von Ärzten stellt die Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid in niedriger Konzentration infrage. Sie fordert eine Überprüfung der aktuellen Grenzwerte.
Update: 23.01.2019 - 12:18 Uhr 2 Kommentare
Diesel: Lungenärzte streite über Grenzwerte für Dieselabgase Quelle: Reuters
Demonstration gegen Dieselabgase

Mediziner können Teile der Grenzwertbemessung nicht nachvollziehen.

(Foto: Reuters)

BerlinIn der Ärzteschaft wächst die Kritik an den Grenzwerten für Stickstoffdioxid und Feinstaub – und damit an den bundesweit drohenden Fahrverboten für ältere Dieselfahrzeuge. Mehr als 100 deutsche Lungenfachärzte haben ein Positionspapier unterzeichnet, das die Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid (NO2) anzweifelt und eine Überprüfung der Grenzwerte fordert.

In der schriftlichen Stellungnahme bezeichnet der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), Dieter Köhler, einen Großteil der vorhandenen Studien zu Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase als methodisch fragwürdig. Damit wendet sich Köhler gegen die bisherige Position des aktuellen Vorstands der DGP.

Dieser hatte Anfang Dezember ausführlich auf Gesundheitsrisiken durch NO2 hingewiesen und sich dabei auf Studienergebnisse des renommierten Münchener Helmholtz-Instituts für Umweltmedizin berufen. Die Münchener Forscher sehen erhebliche Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid auch schon in niedrigen Konzentrationen wie dem derzeit gültigen Grenzwert von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel.

Köhler hält solche Konzentrationen jedoch für unbedenklich. Dem NDR sagte er: „Der jetzige Grenzwert für NO2 und auch Feinstaub ist völlig ungefährlich und produziert keinen einzigen Toten.“ Köhlers Kritik und die inzwischen mehr als 100 eingegangenen Unterschriften werden an diesem Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung von der DGP, der Deutschen Lungenstiftung und dem Verband Pneumologischer Kliniken verbreitet.

Der amtierende Präsident der DGP, der Hamburger Lungenfacharzt Klaus Rabe, will damit auf die Kritiker im eigenen Verband zugehen und eine sachliche Debatte über die wissenschaftlichen Grundlagen der derzeit geltenden gesetzlichen Grenzwerte ermöglichen.

Rabe räumte gegenüber dem NDR ein, dass die Zahl der Kritiker deutlich größer sei als zunächst angenommen. Insgesamt hat die DGP rund 4000 Mitglieder.

Der Konflikt im Fachverband der Lungenärzte hat große Bedeutung für die derzeit laufende Diskussion um Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge. Der aktuell gültige gesetzliche Grenzwert wird in vielen deutschen Städten überschritten, zahlreiche Verwaltungsgerichte haben daraufhin Fahrverbote für Diesel-Pkw verhängt. Die Kritiker halten das für unverhältnismäßig.

Zahl der Todesfälle angezweifelt

In Kraft getreten ist ein solches Verbot für Diesel ab Euro-Norm 4 zuletzt Anfang Januar für die gesamte Umweltzone in Stuttgart. Der Chefarzt der dortigen Lungenklinik im Krankenhaus zum Roten Kreuz, Martin Hetzel, teilt die Kritik von Köhler: „Es gibt keine Feinstaub- oder NO2-Erkrankung der Lunge oder des Herzens, die man im Krankenhaus antrifft. Es gibt auch keinen einzigen Toten, der kausal auf Feinstaub oder NO2 zurückzuführen wäre.“

Köhler und Hetzel bezweifeln auch die Zahlen über Tausende vorzeitiger Todesfälle aufgrund von NO2, die das Umweltbundesamt mit Verweis auf Studien des Münchener Helmholtz-Instituts für Umweltmedizin verbreitet hat. „Es ist einfach nicht plausibel, dass diese geringen Konzentrationen von NO2 und Feinstaub die Gesundheitsschäden und die Todesfälle verursachen sollen, die derzeit publiziert werden“, so Hetzel.

Die Direktorin des Münchener Helmholtz-Zentrums, Annette Peters, tritt dieser Kritik entgegen. Dem NDR sagte sie: „Unsere Studie, die wir im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt haben, hat ausgerechnet, dass es ungefähr 6000 Todesfälle in Gesamtdeutschland sind oder ungefähr 50.000 Lebensjahre, die in der Gesamtbevölkerung verloren gehen.“

Auch das Umweltbundesamt bleibt bei seiner Position, wonach Stickstoffdioxid und Feinstaub in Deutschland zu vielen Tausend vorzeitigen Todesfällen führten. Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt: „Mit jeden zehn Mikrogramm pro Kubikmeter NO2 steigt die Anzahl von Menschen, die bestimmte Erkrankungen, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, entwickeln.“

Laut einer noch unveröffentlichten Studie des Max-Planck-Instituts (MPI) für Chemie kommen in Deutschland rund 120.000 Menschen pro Jahr wegen Feinstaubs vorzeitig ums Leben. Die Zahl ist fast doppelt so hoch wie die Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA aus dem Jahr 2017. Die MPI-Forscher hatten in ihrer Untersuchung vor allem die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Feinstaubbelastung in den Blick genommen.

Dieselfahrverbote wie jetzt in Stuttgart basieren auf den in den europäischen Verordnungen festgelegten Grenzwerten für NO2 und Feinstaub. Auf Grundlage der Überschreitung des Grenzwerts für Stickstoffdioxid haben zahlreiche Gerichte in Deutschland Fahrverbote für ältere Diesel-Pkw angeordnet. Die Kritiker um Köhler fordern die Bundesregierung nun auf, die derzeitigen Grenzwerte einer erneuten Überprüfung zu unterziehen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat die Initiative der Lungenärzte begrüßt. „Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden“, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Initiative der Fachmediziner sei ein wichtiger und überfälliger Schritt. Er helfe mit, „Sachlichkeit und Fakten in die Dieseldebatte zu bringen“.

  • tt
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