Der perfekte Mensch Genschere Crispr: So lässt sich das eigene Erbgut verändern

Mit Crispr ist der perfekte Mensch nicht länger Utopie, sondern greifbare Wirklichkeit. Wie moderne Gentechnik die Medizin revolutioniert – und wer daran verdient.
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Der riesige Markt um die Genschere Crispr. Quelle: Getty Images [M]
Moderne Gentechnik

Der riesige Markt um die Genschere Crispr.

(Foto: Getty Images [M])

Kein Laut dringt von draußen herein. Nichts. Nur Stille. Nicht einmal die Erinnerung an ein Geräusch, eine Vorstellung vom Klang der Welt. Die medizinische Diagnose: Gehörlosigkeit. Eine Krankheit, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vererbt. Die Sorge über den vererbbaren Gendefekt quält viele Menschen.

Auch die fünf jungen russischen Paare in Sibirien, die seit ihrer Geburt an Gehörlosigkeit leiden. Die Paare stehen vor einer Entscheidung. Die Chancen, jemals ein Kind mit vollem Hörvermögen zu zeugen, sind gering. In ihrer Verzweiflung vertrauen die Paare Denis Rebrikov, Vizerektor des nationalen Forschungszentrums für Medizin in Moskau.

Der Genforscher verspricht einen Ausweg: Durch einen gezielten Eingriff in das Erbgut der Embryonen mit der Genschere Crispr will er verhindern, dass seine Kunden Kinder mit Gehörlosigkeit bekommen. Das Interesse ist groß. Mehr als 50 Paare haben sich bei dem Wissenschaftler gemeldet. „Vielleicht sind es noch mehr“, sagt Rebrikov dem Handelsblatt.

Bei den betroffenen Paaren ist ein Eingriff mit der Genschere nicht umstritten. Anders sieht es bei Politikern, Ethikern und Wissenschaftlern aus. In vielen Ländern wie in Deutschland und der Schweiz ist der Eingriff in die Keimbahn verboten.

Es gilt das Embryonenschutzgesetz. Bei einfachen Crispr-Verfahren werden nur Gene in einzelnen Zellen des Menschen verändert. Beim Eingriff in die Keimbahn aber trifft es das komplette Erbgut. Die Genveränderungen würden so an die Nachkommen weitergegeben.

Denis Rebrikov sucht die Öffentlichkeit. Der Genforscher hofft auf die Zustimmung des russischen Ethikrats und der Behörden. Wobei das eigentlich unnötig sei, sagt Rebrikov. „Hier in Russland gibt es keine gesetzlichen Anforderungen.“ Aber er wolle „unangreifbar sein, da es immer ein Risiko bei solchen Eingriffen gibt“. Schon in ein oder zwei Monaten könnte es so weit sein, schätzt der Forscher.

Das Werkzeug zur Veränderung des Codes des Lebens ist da. Die Grenze zwischen Gewachsenem und Gemachtem wird überschritten. Die sogenannte Genschere Crispr ermöglicht eine neue Medizin, eine neue Landwirtschaft: Sie ist ein präzises Instrument, um Abschnitte der DNA von Menschen und Pflanzen zu verändern, stillzulegen, zu editieren.

Mit Crispr ist der perfekte Mensch nicht länger nur cineastische Utopie, sondern greifbare Wirklichkeit. Erbkrankheiten wie Chorea Huntington oder Amyotrophe Lateralsklerose – daran litt der berühmte britische Astrophysiker Stephen Hawking – gehören der Vergangenheit an.

Mithilfe von Crispr könnten andere, weiter verbreitete Geißeln der Menschheit wie Krebs oder Malaria besiegt werden. „Wir stehen“, schreibt die amerikanische Molekularbiologin und Crispr-Mitbegründerin Jennifer Doudna, „an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, in dem wir die Herren über die genetische Ausstattung allen Lebens sein werden.“

Weltweit arbeiten renommierte Universitäten, Institute, Start-ups, Pharma- und Agrochemiekonzerne an der Technik, die unsere Welt und die Wirtschaft verändern wird. Schon heute können Medikamente schneller entwickelt werden – und Superweizen, der den Eskapaden des Wetters besser standhält, lässt sich schneller züchten.

Wie bei allen revolutionären Technologien erzeugt auch Crispr Ängste, Wissenschaft und Ethik prallen aufeinander. Wie wir mit den Möglichkeiten der neuen Technologie umgehen sollen, darüber ist weltweit eine hitzige Debatte entstanden. „Crispr ist eine sehr mächtige Technologie mit großer ethischer Relevanz“, sagt Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Interview mit dem Handelsblatt. Zhang ist Neurowissenschaftler und einer der Urväter der Genschere.

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Befürworter beschwichtigen: Bei Crispr werden keine fremden Gene eingefügt, sondern nur die des eigenen Organismus verändert. Viele Wissenschaftler sind genervt von aufsehenerregenden Projekten wie geneditierten Babys: Sie zeigen eine extreme Dimension von Crispr.

Beim weitaus überwiegenden Teil der Crispr-Forschung geht es um neue Therapien gegen Krankheiten und um verbessertes Saatgut. Die Anwendungen sind so nützlich wie zahlreich: Wissenschaftler wollen beispielsweise Malaria damit besiegen, indem sie die Überträgermücken mithilfe von Crispr unfruchtbar machen, sodass die Populationen zusammenbrechen.

Bayer-Vorstandschef Werner Baumann spricht von einer „großartigen, vielversprechenden neuen Technologie“. Er muss es wissen: Biotechnische Instrumente wie Crispr waren einer der Hauptgründe, warum Bayer den umstrittenen Saatguthersteller Monsanto 2018 übernahm.

Die Bedeutung der Technik wächst auch für die Pflanzenzucht rasant und ist kaum aufzuhalten. Bei Crop Science schätzt Bayer insgesamt das Spitzenumsatzpotenzial all seiner Produkte, die im Zeitraum 2017 bis 2022 auf den Markt kommen, auf mehr als 17 Milliarden Euro.

Weltweit liefern sich die USA, China und Europa einen Wettlauf um den neuen Stein des Weisen. Europa und Deutschland stehen dabei nicht schlecht da. In Sachen Forschung spielt Europa ganz vorn mit – und hält nach den USA die meisten Patente in dem Bereich. Doch nicht nur ist der Abstand zu Amerika groß, auch holt China mit Riesenschritten auf.

„Hier in Russland gibt es keine gesetzlichen Anforderungen. Doch eine Genehmigung ist besser, als sich im Nachhinein mit Juristen zu streiten.“ Quelle: Biohackinfo
Denis Rebrikov, Vizerektor des nationalen Forschungszentrums für Medizin in Moskau

„Hier in Russland gibt es keine gesetzlichen Anforderungen. Doch eine Genehmigung ist besser, als sich im Nachhinein mit Juristen zu streiten.“

(Foto: Biohackinfo)

Es ist bedenklich, dass Bayer im Ausland am konkreten Einsatz der Crispr-Technologie arbeitet. Deutschland ist gut in der Grundlagenforschung, aber die Umsetzung geschieht in Boston, St. Louis oder Shenzhen, weniger in Heidelberg oder München. Die Datenbank clinicaltrials.gov listet rund vier Dutzend klinische Studien auf, bei der Crispr oder die eng verwandte Zinkfinger-Technik genutzt werden. Gut ein Drittel der Studien wurde dabei von chinesischen Universitäten oder Firmen initiiert.

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs schlägt große Wellen in der Branche. Das Gericht stufte Crispr in der Pflanzenzucht als Gentechnik ein, anders als in anderen Regionen der Welt sieht es die Verschiebung eigener Gene bereits als ausreichend für die Deklarierung an. Umweltverbände und die Grünen jubelten, nicht die Wirtschaft.

Das Urteil erhöht die Auflagen für die Forschung und erschwert die Arbeit von Biotechfirmen. Der Effekt ist vorhersehbar: Die Start-ups werden in den USA und China gegründet. In den Augen von Bayer-Chef Baumann ein Desaster, Europa drohe „auch hier den Anschluss zu verlieren“. Es gehe „um nicht weniger als um die Sicherung unseres Wohlstands“.

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