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Digitale Medizin Apps auf Rezept: Diese zwei Anwendungen zahlt jetzt die Krankenkasse

Erstmals können Gesundheits-Apps nun vom Arzt verschrieben werden. Für die Softwarebranche entsteht ein einzigartiger Markt. Die Hoffnungen sind groß.
06.10.2020 - 10:11 Uhr Kommentieren
Digitale Medizin: Deutschland könnte Milliarden sparen Quelle: Stone/Getty Images
Gesundheits-Apps

Patienten können sich Apps auf Rezept von ihrer Krankenkasse verschreiben lassen.

(Foto: Stone/Getty Images)

Düsseldorf Das deutsche Gesundheitssystem ist vor allem eines: analog. Doch jetzt soll der Rückstand bei der Digitalisierung wettgemacht werden: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Möglichkeit geschaffen, dass bestimmte digitale Gesundheitsanwendungen, also Apps und webbasierte Programme, von Ärzten verschrieben werden können. Die Kosten übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung (GKV).

Jetzt haben es die ersten Anwendungen durch das Prüfverfahren beim zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geschafft. Wie an diesem Dienstag bekannt wurde, sind das die Apps Kalmeda und Velibra. Kalmeda verspricht, bei Tinnitus zu helfen; Velibra ist eine Therapie gegen Angststörungen.

Bislang waren Apps weitgehend von der regulären Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Die herkömmlichen Wege der Erstattung sind auf Medikamente ausgelegt und damit für Apps weitgehend impraktikabel. Dass Anwender selbst für ihre Therapie zahlen, also die Kosten der App tragen, lehnen die Deutschen mehrheitlich ab.

Entsprechend schwer hat es die vor allem aus Start-ups bestehende Softwarebranche bislang im medizinischen Markt. Ohne GKV-Erstattung waren die Gründer in der Regel nicht in der Lage, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu etablieren.

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    Gesundheitsminister Spahn hatte deshalb vergangenes Jahr einen eigenen Weg für Gesundheits-Apps gesetzlich festgeschrieben. Das ist einzigartig: In keinem Land weltweit gab es bislang Gesundheits-Apps als reguläre Leistung der Krankenversicherung.

    „Google und Co. werden das Potenzial entdecken“

    „Die digitalen Gesundheitsanwendungen kommen endlich in die Regelversorgung und werden die Gesundheitsversorgung in Deutschland auf völlig neue Füße stellen. Es öffnet sich ein vollkommen neuer Markt mit neuen Akteuren“, sagt Diana Heinrichs, Vorstand beim Spitzenverband digitale Gesundheitsversorgung. Der Verband hatte sich als Interessenvertretung für Hersteller, die eine Listung durch das BfArM anstreben, gegründet.

    Zwar gibt es laut den Marktforschern von Research2Guidance rund 100.000 Gesundheits-Apps in den Stores von Google und Apple. Doch viele davon sind Freizeit- oder Wellness-Anwendungen wie Schrittzähler oder Einschlafhilfen. Und die meisten der wirklich medizinischen, kostenpflichtigen Apps basieren auf den genannten unsicheren Geschäftsmodellen.

    Ralf Jahns, Geschäftsführer von Research2Guidance, erwartet, dass sich das durch die GKV-Erstattung ändert: „Im In- und Ausland zeigen zahlreiche Entwickler Interesse an den Möglichkeiten, die nun in Deutschland geschaffen werden.“ Das beträfe nicht nur Start-ups, sondern auch Großkonzerne, vor allem aus der Pharmabranche, oder Krankenhausketten.

    „Sicherlich werden auch Tech-Riesen wie Google und Co. das Potenzial entdecken“, erwartet Jahns. Und deutsche Start-ups hätten die Möglichkeit, weltweit sichtbar und zu internationalen Spielern zu werden. Jahns schätzt, dass „Hunderte Gesundheits-Apps mittelfristig in die GKV-Erstattung kommen könnten“.

    Dafür braucht es aber die entsprechende Nachfrage. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov für das Handelsblatt zeigt, dass nur sechs Prozent der Befragten bislang Gesundheits-Apps nutzen. Aber: 59 Prozent könnten sich das vorstellen, wenn ihr Arzt sie verschreibt und die Kosten übernommen werden.

    Digital gegen Tinnitus und Angst

    27 Anträge auf GKV-Erstattung sind bislang beim BfArM eingegangen. Uso Walter, Gründer des Start-ups Mynoise, war mit Kalmeda einer der Ersten. Die App verspricht, an Tinnitus leidenden Patienten durch eine Verhaltenstherapie zu helfen.

    Dem „Ohrensausen“ wird in der App ein mehrstufiges Übungsprogramm entgegengestellt. Patienten erhalten einen individuellen Therapieplan, etwa mit Hilfen, um besser mit Stresssituationen umgehen zu können. Entspannungs- und Meditationsübungen ergänzen das Angebot.

    „Entscheidend beim Tinnitus ist, dass Betroffene lernen, ihre unterbewussten Einstellungen und Emotionen gegenüber dem Tinnitus so zu verändern, dass sie ihn nicht mehr wichtig nehmen“, sagt Walter. Die Verhaltenstherapie sei die einzige Möglichkeit, einen Tinnitus dauerhaft und nachhaltig zu behandeln, „da es sich nicht im Ohr, sondern im Kopf entscheidet, ob ein Tinnitus gehört wird oder stört“.

    Walter, niedergelassener HNO-Arzt, hat Mynoise 2016 gegründet. Bei der Behandlung seiner eigenen Patienten habe er festgestellt, dass es eine digitale Ergänzung zur herkömmlichen Tinnitus-Therapie brauche. „Ärzte haben immer weniger Zeit für immer mehr Patienten. Gleichzeitig steigt der wirtschaftliche Druck“, berichtet Walter.

    Es werde für Ärzte immer unattraktiver, chronische Krankheiten wie Tinnitus zu behandeln. Digitale Anwendungen wie Kalmeda ermöglichten es, die Behandlung allen Betroffenen zugänglich zu machen.

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    Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem exklusiven Fachbriefing Handelsblatt Inside Digital Health. Zweimal in der Woche analysieren wir dort die neuesten Entwicklungen im Bereich digitale Gesundheit.

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    Dieses Ziel hat auch Mario Weiss, Geschäftsführer des Unternehmens Gaia, das hinter der App Velibra steht. „Die Regelerstattung ist ein Durchbruch. In Deutschland haben Digitalentwickler im Gesundheitsbereich bislang kaum eine Chance, ein nachhaltiges Geschäft aufzubauen, weil kaum einer das in diesem komplexen, hochregulierten Markt finanzieren will“, sagt er.

    Velibra richtet sich an Patienten mit Angst- und Panikstörungen und will als „digitaler Psychotherapeut“ herkömmliche Therapien ergänzen. Nach der Registrierung stellt Velibra allerhand Fragen, um sein Gegenüber besser kennen zu lernen. Das Erstgespräch dauert dabei fast eine Stunde, in der die Frage „Wie fühlen sie sich“ genauso dazugehört wie persönliche Einschätzungen zu Umfeld und Lebensstil.

    Velibra versucht, eine Beziehung zum Nutzer aufzubauen, um die benötigte Vertrauensgrundlage für entsprechende Hilfe bieten zu können. Hinzu kommen digitale Arbeitsblätter zum Wiederholen der wichtigsten Inhalte, Audio-Anleitungen und Fragebögen zur Selbsteinschätzung.

    Krankenversicherung fürchtet „Goldgräberstimmung“

    Walter und Weiss mussten mehr als 100 Kriterien erfüllen, die das Ministerium von Jens Spahn für die App-Prüfung durch das BfArM formuliert hatte – von Datenschutz und -sicherheit über Nutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit sowie insbesondere dem sogenannten „positiven Versorgungseffekt“. Dieser ist zentral: Wie wird entschieden, ob die Anwendung einen medizinischen Mehrwert bietet, weshalb sie Leistung der durch Beitragsgelder finanzierten Krankenversicherung sein darf?

    Mit dem positiven Versorgungseffekt wurde ein völlig neuer Rechtsbegriff geschaffen. Ein solcher Effekt kann entweder bestehen, wenn die App die Behandlung des Patienten direkt gegenüber einer herkömmlichen Therapie verbessert.

    Alternativ können die Unternehmen einen Effekt nachweisen, der das Verfahren der Behandlung effizienter macht beziehungsweise vereinfacht. Das kann zum Beispiel eine App sein, mit deren Hilfe Patienten ihrem Arzt ihre Symptome mitteilen, ohne in die Praxis zu kommen, was sich besonders während der Corona-Pandemie bewährt hat.

    Den Effekt müssen die Hersteller mit wissenschaftlichen Studien nachweisen. Sie haben allerdings die Möglichkeit eines Erprobungsjahres. Dabei müssen sie dem BfArM einen Effekt nicht gleich beweisen, sondern nur, wie sie diesen innerhalb eines Jahres in der GKV-Erstattung nachweisen wollen. Die Wirksamkeit der digitalen Tinnitus-Therapie Kalmeda etwa soll nun innerhalb der nächsten zwölf Monate durch eine Studie mit 150 Probanden überprüft werden.

    Erst im Anschluss an dieses Jahr müssen die Anbieter tatsächlich eine solche Studie vorlegen, wenn ihre App weiter erstattungsfähig sein soll. Hintergrund ist, dass Studien gerade für Start-ups schwer finanzierbar sind. Außerdem steht der Gesetzgeber den Entwicklern zu, im ersten Jahr den Preis, den die Krankenkassen erstatten müssen, grundsätzlich frei zu wählen. Denn müssten sie erst Preisverhandlungen mit den Kassen führen, würde das den gesamten Prozess wieder um Monate verzögern.

    Kassen und Ärzteschaft halten sein Vorgehen bei Gesundheits-Apps für zu industriefreundlich. Quelle: dpa
    Jens Spahn

    Kassen und Ärzteschaft halten sein Vorgehen bei Gesundheits-Apps für zu industriefreundlich.

    (Foto: dpa)

    Die Maßnahmen rufen jedoch auch Kritiker auf den Plan. „Die Regeln, so wie sie ausgestaltet sind, könnten Goldgräberstimmung hervorrufen“, befürchtet Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand beim GKV-Spitzenverband: „Und das kann ja gar nicht der Sinn in der Gesundheitsversorgung sein. Das sind Betragsgelder, und die GKV macht keine Wirtschaftsförderung.“

    Der GKV-Spitzenverband verhandelt nach Handelsblatt-Informationen derzeit mit den Herstellerverbänden darüber, ob festgelegt werden soll, wie hoch Entwickler den Preis für ihre App maximal setzen dürfen. Der Fall wird voraussichtlich bei einer Schiedsstelle landen.

    Fraglich ist auch, wie gut die Ärzte die Apps annehmen, die sie schließlich verschreiben sollen. In der Ärzteschaft regen sich zumindest Zweifel wegen des Erprobungsjahrs. „Ich rate von digitalen Gesundheitsanwendungen ab, solange die Informationslage so dünn bleibt und offene Haftungsfragen bestehen bleiben“, sagt Thomas Kriedel, Vorstand bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

    Gesundheitsminister Spahn hat aber ohnehin angekündigt, dass man in einem neuen Umfeld weiterlernen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen „stetig weiterentwickeln“ müsse – agile Gesetzgebung also, ganz nach dem Vorbild der Softwareindustrie.

    Mehr: Mit dem Handelsblatt-Krankenkassenvergleich können Sie die Preise und Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen vergleichen.

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