E-Health Patienten in Deutschland profitieren kaum von Digitalisierung

Digitale Akten und Einsatz von KI bei Krebsdiagnose: Was andernorts praktiziert wird, ist hierzulande noch Zukunftsmusik. Die Politik will das ändern.
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Patienten in Deutschland profitieren kaum von Digitalisierung Quelle: obs
Digitalisierung in der Gesundheitsbranche

Von 17 durch die Bertelsmann-Stiftung untersuchten Staaten landet Deutschland beim Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen auf dem vorletzten Platz.

(Foto: obs)

Der Fortschritt kommt bei Patienten in Deutschland nur langsam an. Die Bertelsmann Stiftung ließ 2018 die Digitalisierung im Gesundheitswesen in 17 Staaten untersuchen, die Bundesrepublik landete auf dem vorletzten Platz. In Israel setzen Mediziner systematisch Künstliche Intelligenz ein, etwa bei der Krebsvorsorge. In Dänemark werden Gesundheitsdaten seit Jahren in digitalen Akten gespeichert. In Kanada lassen sich Patienten ganz selbstverständlich per Videochat fernbehandeln.

Gesundheitsminister Jens Spahn macht sich keine Illusionen darüber, wie es hierzulande um den Zukunftssektor E-Health bestellt ist. Nirgendwo in Deutschland werde noch so viel gefaxt wie im Gesundheitswesen, sagt der CDU-Politiker. Die Selbstverwaltung aus Krankenkassen, Ärzteschaft, Apothekern und Krankenhäusern tüftelt seit 15 Jahren an einer Vernetzung von Patientendaten.

In der Zeit stritten sich die Akteure immer wieder um Geld und Kompetenzen, bei ihrer eigentlichen Aufgabe kamen sie kaum voran. Als Hauptursache machten die Prüfer vom Bundesrechnungshof die Strukturen der mit dem Aufbau betrauten Gematik-Gesellschaft aus. Diese wird bislang von den verschiedenen Interessengruppen im Gesundheitswesen beherrscht. Spahn will sein Ministerium nun zum Mehrheitsgesellschafter der Gematik machen. Dann kann er dort künftig Entscheidungen durchdrücken.

Spahn will, dass die digitale Revolution endlich auch im deutschen Gesundheitssystem ankommt. Nach seinem Amtsantritt im Frühjahr schuf er in seinem Ministerium eine eigene Digitalisierungsabteilung. Seine Überzeugungen hatte der 38-Jährige bereits vor einigen Jahren in dem Buch „App vom Arzt. Bessere Gesundheit durch digitale Medizin“ niedergeschrieben.

Die Hoffnung ist groß, dass die Digitalisierung die steigenden Gesundheitskosten in der alternden Gesellschaft deutlich dämpfen kann. Die Unternehmensberatung McKinsey hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Managed Care (BMC) errechnet: Bis zu 34 Milliarden Euro hätten 2018 im deutsche Gesundheitswesen bei einer konsequenten Anwendung digitaler Technologien eingespart werden können – das entspricht gut einem Zehntel der Gesamtausgaben im System.

In diesem Jahr will Spahn ein neues E-Health-Gesetz vorlegen. Pläne für die Einführung des elektronischen Rezepts und der digitalen Patientenakte flossen bereits in laufenden Gesetzesvorhaben ein. Bis spätestens 2021 müssen Krankenkassen ihren Versicherten eine Digitalakte bereitstellen, auf die auch mit mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets zugegriffen werden kann.

Auch die Ärzteschaft, die lange argwöhnisch auf digitale Veränderungen blickte, kommt langsam in Bewegung. 2018 stellte der Ärztetag die Weichen, dass Mediziner künftig per Videochat eine Diagnose stellen dürfen – auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt mit dem Patienten. Und bei den Apothekern reift die Einsicht, dass sich der Onlineversand von rezeptpflichtigen Arzneimitteln nicht verbieten lässt. Eine entsprechende Passage aus dem Koalitionsvertrag wird die Bundesregierung wohl nicht umsetzen.

Spahn lädt regelmäßig Start-ups ein

Regelmäßig lädt Spahn Start-ups aus dem Bereich E-Health in sein Ministerium ein. Bei den Veranstaltungen unter dem Motto „Innovation trifft Politik“ können Firmengründer ihre Ideen vorstellen. Diese Innovationen müssen laut Spahn schneller im Versorgungsalltag ankommen.

Doch der Weg für digitale Innovationen in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit ihren mehr als 70 Millionen Versicherten ist steinig. Das Bewertungsverfahren für neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden dauert Jahre, ehe diese in den allgemeinen Erstattungskatalog aufgenommen werden können.

Immer mehr Kassen kooperieren stattdessen direkt mit E-Health-Unternehmen, um ihren Versicherten digitale Leistungen anzubieten. So verkündete die Techniker Krankenkasse (TK) einen Deal mit dem Berliner Start-up Ada Health, das eine auf Künstlicher Intelligenz basierende Diagnose-App entwickelt hat.

In der Smartphone-Anwendung können die Nutzer ihre Beschwerden eingeben und eine erste gesundheitliche Bewertung erhalten. Nach dem Ada-Symptomcheck können sich TK-Versicherte direkt per Telefonat oder Videochat mit einem Arzt verbinden lassen.

„Wir werden gezielt die Nutzbarkeit von KI-Systemen im Gesundheitssektor fördern“, verspricht die Große Koalition in ihrer Mitte November verabschiedeten KI-Strategie. Die Pläne bleiben aber wolkig. Die Regierung werde „Formate für eine bessere Vernetzung und einen besseren datenschutzkonformen Austausch von Daten zwischen Versorgung und Forschung“ etablieren, heißt es.

Als Beispiel wird auf die Medizininformatik-Initiative verwiesen, die das Forschungsministerium im Juli 2017 angeschoben hatte. Mit rund 120 Millionen Euro fördert das Ministerium über vier Jahre ausgewählte Unikliniken und andere Forschungseinrichtungen. Daten von Röntgenbildern bis hin zu Erbgutanalysen sollen in einer nationalen Infrastruktur vernetzt werden, auf die Forscher zugreifen können.

Die Pharmabranche drängt die Bundesregierung zur Eile. „Künstliche Intelligenz sorgt gerade für eine Wissensexplosion in der Medizin. Damit diese in Deutschland nicht verpufft, müssen Erkenntnisse schnell bei den Patienten ankommen“, mahnt Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin beim Verband der forschenden Pharma-Unternehmen.

Angst vor sensiblen Daten im Netz

Allerdings fehlten noch „wichtige politische Weichenstellungen“. So müsse die Forschung auch auf den Datenschatz der geplanten digitalen Patientenakten zugreifen können. Spahn will das im Prinzip ermöglichen. Im deutschen Gesundheitsbereich würden unzählige Daten generiert, sagte er bei einer E-Health-Konferenz seiner Partei. „Bis jetzt liegen die ziemlich ungenutzt da rum.“ Spahn schwebt die Möglichkeit der Datenspende vor – aber auch, dass Patienten ihre anonymisierten Gesundheitsdaten zu Geld machen können.

Die Sorge, sensible Angaben zur eigenen Gesundheit im Netz wiederzufinden, ist bei den Deutschen groß. IT-Experten aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs stellten bestehenden digitalen Gesundheitsangeboten jüngst ein schlechtes Datenschutz-Zeugnis aus.

Allerdings: Für die künftigen Patientenakten hat die Gematik hohe Sicherheitsstandards entwickelt. Digital-Staatsministerin Dorothee Bär warnt, dass zu strenger Datenschutz die Digitalisierung des Gesundheitswesens lähmen werde. Deutschland müsse da „an der einen oder anderen Stelle abrüsten“, findet die CSU-Politikerin.

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