Einhorn aus Frankreich Arzttermine per Klick – so revolutioniert Doctolib die Patientenvermittlung

Das Onlineportal Doctolib gehört in Europa zu den Vorreitern für digitale Gesundheitsdienste. Für die Expansion brauchte es kapitalkräftige Geldgeber.
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Auch Gesundheitsminister Jens Spahn interessiert sich für das französische E-Health-Start-up Doctolib. Quelle: Twitter
Prominentes Interesse

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn interessiert sich für das französische E-Health-Start-up Doctolib.

(Foto: Twitter)

Paris Rund ein Fünftel der Termine, die ein Arzt in Frankreich oder Deutschland vereinbart, findet nicht statt: Es taucht nie ein Patient auf. Gleichzeitig müssen Frauen im Schnitt fünf Wochen warten, bevor eine Gynäkologin für sie frei ist. Bei anderen Fachärzten kann es noch länger dauern. Seit Jahrzehnten ärgern sich beide Seiten über diesen Leerlauf im Gesundheitssystem.

Der Franzose Stanislas Niox-Chateau hat aus dem Ärgernis eine Geschäftsidee gemacht: Doctolib, eine Software, die als Terminkalender für Ärzte funktioniert und gleichzeitig jedem Patienten, der sich kostenlos anmeldet, die Buchung online erlaubt.

Die Software verteilt effizient freie Kapazitäten: Wartezeiten verkürzen sich, zeitraubende Telefonanrufe entfallen, und die Zahl der Termine, an denen der Patient nicht erscheint, geht zurück. Denn Doctolib erinnert den Patienten an seinen Termin. Mit zwei Klicks kann er ihn verschieben oder absagen.

Der 32-jährige Niox-Chateau wollte eigentlich Tennisprofi werden. Er rackerte sich ab, spielte auf sehr hohem Niveau. Doch dann gab er den Plan auf, besuchte die Managementschule HEC und gründete sein erstes Unternehmen, Otium Capital. HEC hat einen gehörigen Anteil daran: Die Schule kümmert sich intensiv um Start-ups, bietet ihnen professionelle Begleitung und eine Art Patenschaft durch erfahrene Unternehmer an.

Otium Capital beteiligte sich an der Gründung verschiedener anderer Start-ups, unter anderem La Fourchette. Über dieses Webseite kann man einen Tisch im Restaurant reservieren. Hier gibt es ein ähnliches Problem wie in Praxen: Gastwirte, die auf Kunden warten, auf der einen, Konsumenten, die mit leerem Magen aus einem ausgebuchten Restaurant abziehen müssen, auf der anderen Seite.

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Die Gründung von Doctolib war da folgerichtig. 2013 stürzte sich Niox-Chateau mit zwei Partnern in das neue Abenteuer. Obwohl es eine ganze Reihe von Konkurrenten gab wie Keldoc oder RDV médicaux, hatte er schnell Erfolg.

Besser als andere hat er es verstanden, die Bedürfnisse der Ärzte aufzugreifen: „Ärzte sind häufig isoliert, und sie arbeiten mit veralteten Programmen“, sagt er dem Handelsblatt. Termine werden oft noch handschriftlich von der Sprechstundenhilfe eingetragen, wenn der Arzt sich überhaupt eine leisten kann.

Strenger Datenschutz

Doctolib übernimmt nicht nur die Terminverwaltung, sondern erlaubt auch die Speicherung der Untersuchungsergebnisse. Die Daten seien auf sicheren, zertifizierten Servern gelagert, Doctolib könne sie nicht für eigene Zwecke verwenden, und die Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung würden strikt eingehalten, versichert das Unternehmen.

Der Allgemeinmediziner kann sogar seinen Befund zusammen mit Unterlagen an den Facharzt schicken, an den er seinen Patienten überweist. 129 Euro im Monat bezahlt er dafür an Doctolib, das nur diese einzige Gebühr erhebt. „Die Gesundheitsdienstleister gewinnen ungefähr 30 Prozent Zeit“, schätzt Niox-Chateau. Die könnten sie für die Patientengespräche sinnvoller einsetzen.

Was der Kunde sieht, die Terminbuchung, ist also nur ein Bruchteil des Potenzials von Doctolib. Das Konzept überzeugt beide Seiten der Nutzergemeinde: In Frankreich hat das Unternehmen rund 100.000 Gesundheitsdienstleister als Kunden, 80 Prozent davon sind Ärzte. Wie viele Patienten sich bei Doctolib angemeldet haben, teilt das Unternehmen nicht mit, lediglich die Zahl der monatlichen Besuche auf der Webseite und der App: 40 Millionen.

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Doctolib veröffentlicht keine Umsatz- oder Ergebniszahlen. Aus der Zahl der angegebenen zahlenden Kunden ergibt sich ein Jahresumsatz von rund 175 Millionen Euro. Der Gründer sagte kürzlich, Doctolib sei noch nicht rentabel.

Die Kapitalgeber überzeugt das Wachstum des Scale-ups, seit der jüngsten Finanzierungsrunde im April gehört es zum Kreis der Einhörner, also der jungen Firmen, die mehr als eine Milliarde Euro wert sind. In Frankreich ist es damit das fünfte, neben dem Cloud-Anbieter OVH, dem Onlinehändler vente-privée.com, dem Mobilitätsdienstleister Blablacar und dem Streamingdienst Deezer.

Drei Jahre nach dem Start hat Niox-Chateau den Sprung über den Rhein gewagt. Warum fiel die Wahl auf Deutschland? Die Größe des Marktes hat natürlich eine Rolle gespielt, aber auch die relative Ähnlichkeit der Gesundheitssysteme – oder auch der Probleme, vor denen die Ärzte in ihren Praxen stehen.

Die deutsche Tochter mit Hauptsitz in Berlin leitet der Arzt Ilias Tsimpoulis. Bevor der zusagte, hat er erst einmal seinen Zahnarzt gefragt, was der von Doctolib hielt. Der war sehr angetan, und Tsimpoulis, der nach seiner Arbeit in einem Krankenhaus bei der Gesundheitssparte von Linde tätig war, nahm den Job an.

Expansion in Europa

„Wir haben einen Entwicklungsplan für die nächsten 15 Jahre: Der Zugang zur ärztlichen Versorgung soll einfacher und besser werden, das Erlebnis für die Patienten angenehmer, die Lebensqualität der Profis besser“, beschreibt Niox-Chateau sein Ziel. Er wolle in Europa wachsen, eventuell auch international.

Auch wenn der Chef Doctolib inzwischen als deutsch-französisches Unternehmen sieht – bislang konzentrieren sich die Kunden und die Nutzer noch sehr auf Frankreich. Den 40 Millionen französischen Nutzern von Webseite und App stehen lediglich zwei Millionen in Deutschland gegenüber. Doch Deutschland-Chef Tsimpoulis ist optimistisch: „Das Wachstum ist exponentiell, der Netzwerkeffekt groß.“ Er freue sich „auf die Zahl von 10.000 Ärzten, die wir bis Ende des Jahres in Deutschland erreichen wollen“. Das wäre eine Verdoppelung gegenüber dem heutigen Stand.

Noch ist Konkurrent Jameda deutlich größer in der Bundesrepublik: Die Burda-Tochter verzeichnet pro Monat sechs Millionen Besucher auf der eigenen Seite und hat 60.000 Ärzte unter Vertrag. Die Geschäftsmodelle der beiden sind nicht identisch: Jameda ermöglicht den Patienten, den behandelnden Arzt zu bewerten. „Wir verzichten aus guten Gründen auf die Möglichkeit der Bewertung des Arztes“, sagt Tsimpoulis. Eine solche Einstufung sei immer hochsubjektiv und ihre Berechtigung kaum zu überprüfen.

Für Patienten ist die Funktion attraktiv. Doch sie macht Jameda auch angreifbar. Einige Ärzte zogen bis vor höchste Gerichte, um die Löschung ihres Eintrags zu erreichen. Jameda bietet auch die Möglichkeit des Gesprächs per Video mit dem Arzt, Doctolib will Ende des Jahres nachziehen. In Frankreich bietet das Unternehmen diesen Service bereits seit Januar an. „Wir lassen den Patienten wählen zwischen realer und Video-Untersuchung“, erläutert Niox-Chateau. Hier will er künftig viel investieren.

Wie es in Zukunft weitergehen soll, lässt der Doctolib-Chef nur in Umrissen erkennen: „Die Organisation der Praxen ist ein enormes Thema, insgesamt muss man den Zugang zu ärztlicher Versorgung einfacher machen.“ Daran wolle er mitwirken. Das Potenzial ist groß: Rund 650.000 Ärzte, Physiotherapeuten und freie Krankenschwestern gibt es in Deutschland, 500.000 in Frankreich. Hinzu kommen Tausende Krankenhäuser, Kliniken und Gesundheitszentren.

Versicherungen werden zu Konkurrenten

Eine Kritik an Doctolib lautet, dass das Geschäftsmodell mit sehr hohem Aufwand verbunden sei, da jeder Arzt einzeln aufgesucht, beraten und in die Software eingewiesen werden muss. Deshalb sei es nur wenig skalierbar.

Tsimpoulis weist das zurück: „Unserer Erfahrung nach trifft es nicht zu, dass das Geschäftsmodell sehr personalaufwendig und wenig skalierbar ist.“ Man sei da personalintensiv, „wo wir die Ärzte unterstützen, das treibt aber auch unser Wachstum, die enge Zusammenarbeit mit den Ärzten ist unser Vorteil“. Das Unternehmen hat bereits sechs regionale Zentren in Deutschland, die wichtigsten Entwickler sitzen in Paris und Berlin.

Die echte Konkurrenz kommt künftig möglicherweise nicht von anderen Start- und Scale-ups, sondern von Unternehmen wie dem Versicherungskonzern Axa. Der drängt mit Macht und viel Geld in den Markt der Video-Konsultation, hat enge Verbindungen zu den Ärzten und einen Schatz an Daten. Niox-Chateau ist unbeeindruckt: Axa biete beispielsweise nicht die Kommunikation zwischen den Ärzten, die bei ihnen wichtig sei.

Wie die meisten Scale-ups war Doctolib von einem bestimmten Moment an auf Fonds aus den USA angewiesen, die finanzstärker sind als in Europa. Accel und General Atlantic haben sich engagiert. Die staatliche BPI France und der in Paris und Luxemburg ansässige Fonds Eurazeo sind schon länger dabei. In Deutschland hat Doctolib die Gesundheitsgruppe der Familie Klitzsch gewonnen. Hinzu kommen einzelne französische Investoren wie Pierre Kosciusko-Morizet, der Mitgründer und Ex-Eigner der erfolgreichen Verkaufsplattform Price Minister.

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Jean-David Chamboredon, Ko-Präsident von France Digital, dem wichtigsten Zusammenschluss der Digitalwirtschaft in Frankreich, sieht den Mangel an kapitalkräftigen Investoren als einen der wichtigsten Nachteile der französischen Szene. Auch die ungenügende Internationalität der Fachkräfte wirke sich negativ aus.

Aber er sieht auch verschiedene Vorteile. Einer der wichtigsten sei die Möglichkeit, den Status als „jeune entreprise innovante“ zu erhalten. In diesem Fall werden die Sozialabgaben sehr stark reduziert. Hinzu kommt der Steuerkredit für Forschungsaufwendungen, den in Frankreich jedes Unternehmen erhält.

„Frankreich bietet auch ein sehr gutes System für die Aktienbeteiligung der Mitarbeiter, gemeinsam mit dem in Großbritannien halte ich es für das beste in der Welt“, urteilt der Investor, der lange bei Cap Gemini gearbeitet hat. Die Kosten für die Unternehmen seien gleich null, die Begünstigten müssten lediglich eine sehr geringe Steuer zahlen.

Die Schwächen bei der Finanzierung großer Beträge über 50 Millionen Euro für Scale-ups will die Regierung jetzt angehen. Der frühere Bankier Philippe Tibi hat in der vergangenen Woche Vorschläge für Verbesserungen gemacht, die zum Entstehen von großen französischen innovativen Fonds führen könnten. Nach der Sommerpause will die Regierung ihre Schlussfolgerungen bekannt geben. Vielleicht sind Unternehmen wie Doctolib in ein paar Jahren nicht mehr auf amerikanische Investoren angewiesen.

Die Serie
Als Einhorn bezeichnet die Gründerszene junge Unternehmen, die mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet werden. Weltweit ziehen immer mehr Gründungen Risikokapital an. Die Handelsblatt-Korrespondenten haben Einhörner in ihrem Berichtsgebiet herausgesucht, deren Entwicklung sie besonders beeindruckt. Sie schildern zudem, wie die Bedingungen für aufstrebende Unternehmen und Investoren in ihrem jeweiligen Land sind. Im dritten Teil der Serie beschreibt Thomas Hanke die Erfolgsgeschichte des französischen Start-ups Doctolib.
In der kommenden Woche berichtet Korrespondent Mathias Peer über den Boom im E-Commerce in Indonesien.

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