Fehlzeiten in Unternehmen Firmen sollen Mitarbeitern in Lebenskrisen helfen

Psychische Erkrankungen führen zu langwierigen Arbeitsausfällen. Wer betroffen ist, kann nach Angaben der AOK im Schnitt fast 26 Tage nicht arbeiten. Die Krankenversicherung hat die Gründe analysiert.
Update: 14.09.2017 - 16:07 Uhr 2 Kommentare
Die Zahl der psychisch Erkrankten sowie die Ausfallzeit je Patient steigen dem Fehlzeiten-Report 2017 zufolge weiter an. Quelle: dpa
Psychische Erkrankungen

Die Zahl der psychisch Erkrankten sowie die Ausfallzeit je Patient steigen dem Fehlzeiten-Report 2017 zufolge weiter an.

(Foto: dpa)

BerlinBei Unternehmen wie der Deutschen Bahn AG sind die Zusammenhänge offensichtlich. Statistisch gesehen alle 20 Jahre erlebt ein Lokführer im Dienst einen „Schienensuizid“. Jemand wirft sich vor den fahrenden Zug. Die Vollbremsung kann den Tod des Selbstmörders meist nicht verhindern. Den herbeigerufenen Rettungssanitätern verbleibt dann nur, den zerfetzten  Körper von Schienen und Fahrgestell des Zuges zu lösen. 700 Schienenselbstmorde im Jahr zählt das statistische Bundesamt. Jedes Jahr wechseln 20 Lokführer in eine andere Tätigkeit, weil sie mit dem Erlebten nicht fertig werden – und dies, obwohl die DB schon lange ein komplexes Hilfesystem aufgebaut hat, um Mitarbeitern zu helfen, posttraumatische Belastungsstörungen  zu überwinden. Aktuell kümmern sich 35 Psychologen und Betriebsärzte der IAS-Gruppe, einem Dienstleister für betriebliches Gesundheits- und Leistungsfähigkeits-Management, um sie. Das Programm besteht aus den Modulen Prävention, Hilfen in der Akutsituation und der Nachbetreuung bis zu einer schrittweisen Wiedereingliederung in den alten Arbeitsplatz.

Dienstunfähigkeit wegen traumatisierender Erfahrungen ist auch bei Soldaten im Auslandseinsatz ein Thema oder bei Rettungssanitätern, Ärzten oder Krankenschwestern, die täglich mit Katastrophen und menschlichem Leid in Berührung kommen. Während es bei der Bundeswehrt seit einigen Jahren ein psychosoziales Netzwerk gibt, über das betroffenen Soldaten, wenn es sein muss auch diskret und anonym, geholfen wird, gibt es vergleichbare umfassende Hilfen für Mitarbeiter des Gesundheitssystems nicht. Ein Drittel gelten nach früheren Untersuchungen als vom Burnout bedroht.

Doch traumatische Erlebnisse sind nicht nur ein Thema bei Bahn, Bundeswehr und Sozialberufen. Jeder Arbeitnehmer ist früher oder später davon betroffen. Auch hier kann Krankheit und Dienstunfähigkeit die Folge sein. Darauf weist das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen in seinem aktuellen Fehzeitenreport hin.

Das Institut hat 2000 repräsentativ ausgewählte Arbeitnehmer befragt. „Etwa die Hälfte der Erwerbstätigen war danach in den letzten fünf Jahren von einem kritischen Lebensereignis betroffen. Die Folgen sind für Beschäftigte und Arbeitgeber gravierend“, so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido).

Das sind die größten Gefahren für die Psyche
Angststörung
1 von 14

Psychische Erkrankungen sind verbreiteter als je zuvor. In Deutschland sind zurzeit etwa acht Millionen Menschen von diesem Krankheitsbild betroffen, schätzen Experten. Neben Depressionen zählen Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die natürliche Schutzfunktion des Körpers, die bei drohenden Gefahren greift, ist bei Betroffenen stärker ausgeprägt. Die Folge: Intensive, anhaltende Angstgefühle. Gehen diese zudem mit körperlichen Symptomen wie Schweißausbrüchen, Schwindel, Atemnot oder Übelkeit einher, können die Angstgefühle in regelrechten Panikattacken münden.

Angststörung
2 von 14

An sogenannten Panikstörungen leiden Patienten laut Friedrich Straub - Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie -, wenn die Angst ohne objektive Auslöser auftritt. Beschränken sich die Ängste dagegen auf bestimmte Situationen oder Objekte, sprechen Experten von einer Phobie. Zu den verbreitetsten Formen gehören die Angst vor engen Räumen (auch bekannt als Klaustrophobie), Höhe oder dem Zahnarzt.

Die gute Nachricht: Laut Straub sind die Heilungschancen bei Angsterkrankungen hoch. Welche Behandlungsmethode in Frage kommt, hängt von Art und Ausmaß der Beschwerden ab. Besonders erfolgversprechend ist die Verhaltenstherapie, bei Bedarf in Kombination mit Medikamenten.

Bipolare Störung
3 von 14

Unter einem extremen Wechselbad der Gefühle leiden Personen mit einer Bipolaren Störung - früher auch besser bekannt als Manische Depression. Deutschlandweit machen Schätzungen von Ärzten zufolge etwa fünf Millionen Menschen die extremen Stimmungs-auf- und -abs durch, die meist zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr auftreten und Männer und Frauen gleichermaßen betrifft. Das Spannungsfeld von einerseits himmelhochjauchzenden Gefühlen und kreativem Tatendrang und depressiven Verstimmungen andererseits, ist für Betroffene der Krankheit kaum zu ertragen.

Bipolare Störung
4 von 14

Experten halten eine ungleiche Verteilung wichtiger Botenstoffe im Gehirn als Ursache der psychischen Störung für wahrscheinlich. Zudem begünstigen laut Straub genetische Faktoren, Stress und bestimmte Medikamente den Ausbruch der Krankheit. Psychotherapie in Kombination mit medikamentöser Behandlung kann Betroffenen helfen. Das Finden einer geeigneten Medikation gestaltet sich allerdings oft schwierig, einen sicheren Heilungsweg gibt es laut der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen bislang nicht. Eine gute Nachricht gibt es dennoch: Die Symptome können bei stetiger fachärztlicher Betreuung immerhin so weit eingedämmt werden, dass sie die Lebensführung nicht mehr beeinträchtigen.

Depression
5 von 14

Im Gegensatz zu einem vorübergehenden Stimmungstief bestimmen Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Verzweiflung und Schwermut den Alltag von depressiven Menschen über Monate oder gar Jahre. Je stärker die Verstimmung, desto schwerer fällt Betroffenen die Bewältigung des beruflichen und privaten Alltags. Vielfach treten zusätzlich zu den oben genannten Symptomen weitere Beschwerden wie zum Beispiel Magen- und Darmprobleme, Kopfschmerzen, Schlafstörungen sowie Angst- und Panikattacken auf. Auch Essstörungen sind nicht selten. Schätzungen des Statistischen Bundesamts zufolge endet die Krankheit in circa 15 Prozent der Fälle tödlich, die Hälfte der Betroffenen unternimmt im Laufe des Lebens einen Suizidversuch. Das ist nur einer von vielen Gründen, weshalb die Krankheit unbedingt fachärztlich behandelt werden muss.

Depression
6 von 14

Generell gilt: Je früher die Behandlung beginnt, desto größer die Heilungschancen. Laut Straub kann neben einer Behandlung mit Psychopharmaka eine Psychotherapie helfen. In manchen Fällen bieten sich zudem Lichttherapie und Schlafentzug an. Die schlechte Nachricht: Despressionen vorbeugen ist schwierig. Die Auslöser sind vielfältig - neben einer genetischen Veranlagung kommen belastende Ereignisse, Misserfolge oder Überforderungen als Ursache in Frage.

Burnout
7 von 14

Oft als Volksleiden deklariert, verbirgt sich hinter einem Burnout ein chronischer Erschöpfungszustand, der nicht nur Prominente und Manager betrifft. Neben Lehrern, Krankenschwestern und Schülern sind auch Frauen, die einer Dreifachbelastung ausgesetzt sind, häufig betroffen. Typischerweise äußern sich die Erschöpfungszustände durch Ausgebranntheit und Antriebslosigkeit, häufig begleitet von Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Hyperaktivität und innerer Leere.

Meist sind Ereignisse im privaten Umfeld der Auslöser. So geben 14 Prozent der Befragten an, von einer schweren Krankheit in der Familie betroffen zu sein. 13 Prozent berichten von allgemeinen  privaten Konflikten, 14 Prozent haben mit den Folgen einer Scheidung der der Trennung vom Lebenspartner zu kämpfen. Bei jedem Zehnten ist der Tod des Partners oder eines engen Familienangehörigen Auslöser der Lebenskrise.

Dabei wächst die Wahrscheinlichkeit, von einer solchen Krise betroffen zu sein, mit dem Alter. Etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten unter dreißig (37,6 Prozent) berichtet über kritische Lebensereignisse, bei den 50- bis 65-Jährigen sind dies schon fast zwei Drittel (64,7 Prozent).

Jüngere Erwerbstätige berichten neben privaten Konflikten auch über finanzielle oder soziale Probleme, während bei älteren Erwerbstätigen Krankheit oder der Tod des Partners eine größere Rolle spielen. Beruhigend für Chefs und Arbeitgeber: Streit oder Mobbing am Arbeitsplatz sind nur in 8,9 Prozent der Fälle Auslöser. Noch seltener, in 8,5 Prozent der Fälle, sind eigene schwere Erkrankung oder Unfälle oder Suchtprobleme für eine Lebenskrise verantwortlich.

Bei achtzig Prozent der Betroffenen hat eine solche Krise aber massive Auswirkungen auf das Leben insgesamt. 79 Prozent führen körperliche Erkrankungen, 58,7 Prozent seelische Störungen auf die Krise zurück. Über zwei Drittel (66,6 Prozent) gaben an, dass sie auch im Beruf weniger leistungsfähig sind. Über deutliche Einschränkungen berichtete jeder Zweite (53,4 Prozent). Fast genauso viele sagten, in der Zeit der Krise krank in die Arbeit gegangen zu sein. 34 Prozent meldeten sich häufiger als früher krank.

Eine besondere Herausforderung für die Gesundheitsprävention in Unternehmen sind Arbeitsausfälle durch psychische Erkrankungen. Sie stiegen laut Report in den vergangenen zehn Jahren um 79,3 Prozent. Mit 25,7 Tagen je Fall lagen die Ausfallzeiten 2016 an der Spitze aller Erkrankungen und dauerten mehr als doppelt so lange wie der Durchschnitt mit 11,7 Tagen je Fall.

Klärende Gespräche mit dem Chef
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%