Feinstaub und Stickoxide Das sind die Fakten zur aktuellen Schadstoff-Debatte

Mehr als 100 Ärzte äußern Zweifel an den Luftschadstoff-Grenzwerten – und befeuern so den Streit über Diesel-Fahrverbote. Wie sieht die Faktenlage tatsächlich aus?
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Das sind die Fakten zur aktuellen Schadstoff-Debatte Quelle: dpa
Luftverschmutzung

Sind die Grenzwerte für Autoabgase richtig gesetzt? Manche Fachärzte bezweifeln das.

(Foto: dpa)

Berlin Die Debatte um die Kritik von Lungenärzten an aktuellen Schadstoff-Grenzwerten dauert an. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) begrüßte die Initiative der Ärzte, die Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte infrage stellen. „Wenn über 100 Wissenschaftler sich zusammenschließen, ist das schon einmal ein Signal“, sagte der CSU-Politiker an diesem Donnerstagmorgen im ARD-Morgenmagazin.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) verteidigte dagegen die geltenden Grenzwerte. Die Grenzwerte dienten dem Schutz aller Menschen, sagte Schulze dem Handelsblatt. Die große Mehrheit der Städte schaffe es auch, die Grenzwerte einzuhalten. Die Feinstaubwerte würden so gut wie überall eingehalten.

„Nur dort, wo besonders viel Verkehr ist, gibt es Probleme mit Stickoxiden“, sagte die Ministerin. „Wir haben also kein Grenzwertproblem, sondern ein Diesel- und Verkehrsproblem, das wir zum Beispiel mit Hardware-Nachrüstungen lösen können. Davon lenkt die Debatte ab. Ich bin erstaunt, dass sich manche Ärzte in den Dienst eines solchen Ablenkungsmanövers stellen.“

Mehr als 100 Lungenspezialisten hatten ihren Namen unter ein am Mittwoch veröffentlichtes Papier gesetzt, in dem der gesundheitliche Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide (NOx) infrage gestellt wird. Sie sähen keine wissenschaftliche Begründung, die die geltenden Obergrenzen rechtfertigen würde, heißt es in der Stellungnahme.

Nach Meinung der Kritiker haben viele der Studien, die Gefahren durch Luftverschmutzung aufzeigen, erhebliche Schwächen. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden. Daher fordern die Ärzte eine Neubewertung der aktuellen Grenzwerte durch die Bundesregierung.

Wortführer der Kritiker ist der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, Dieter Köhler. Er hält die Grenzwerte für viel zu niedrig und fordert ein Umdenken. „Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für die aktuellen Grenzwerte für Stickoxid und Feinstaub. Da herrscht ein hohes Maß an Hysterie“, sagte Köhler der „Passauer Neuen Presse“.

Wie ist der Forschungsstand?

Mit ihrem Vorstoß stellen sich die Lungenärzte gegen ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), das Ende 2018 veröffentlicht worden war. Darin heißt es: „Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut belegt.“

Das Max-Planck-Institut (MPI) für Chemie kommt im Zusammenhang mit einer Studie zur Feinstaubbelastung durch die Landwirtschaft zu dem Ergebnis: „Die negativen Auswirkungen von Feinstaub auf die menschliche Gesundheit sind seit vielen Jahren bekannt. Studien, die von unabhängigen Forschergruppen in zahlreichen Ländern durchgeführt werden, zeigen weltweit einen sehr deutlichen und statistisch abgesicherten Zusammenhang zwischen der Mortalität (Sterberate) und der mittleren Feinstaubkonzentration in der Umgebungsluft.“

Die MPI-Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass „in Deutschland rund 120.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr auf Feinstaubbelastung zurückzuführen sind“.

Wie entstehen die Luftschadstoffe?

Stickoxide sind Reizgase, die unter anderem bei Verbrennungsprozessen im Straßenverkehr entstehen. In diesem Bereich sind vor allem Dieselfahrzeuge die Verursacher, weshalb älteren Dieselfahrzeugen in besonders belasteten Regionen Fahrverbote drohen. Stuttgart hatte als erste Stadt in Deutschland Anfang des Jahres ein flächendeckendes Fahrverbot eingeführt.

Feinstaub entsteht ebenfalls im Straßenverkehr, beispielsweise durch Verbrennungsmotoren oder Reifenabrieb. Ein großer Teil der Feinstaub-Emissionen entfällt aber auch auf die Landwirtschaft und dort besonders auf die Tierhaltung. Daneben tragen aber auch natürliche Prozesse wie Vulkanausbrüche, Waldbrände oder Flugstaub aus Wüstengebieten zur allgemeinen Staubbelastung bei.

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Wie schaden Feinstaub und Stickoxide der Gesundheit?

Stickoxide reizen die Atmungsorgane und können das Gewebe in Bronchien und Lungenbläschen schädigen. Gefährdet sind vor allem Kinder und Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen. In Bodennähe können Stickoxide an sonnigen Tagen zu verstärkter Bildung des Reizgases Ozon führen, dem Sommersmog.

Feinstaub kann je nach Partikelgröße in die Lunge oder den Blutkreislauf eindringen. Als besonders gefährlich gelten Teilchen mit weniger als 2,5 Mikrometern Durchmesser (PM2,5), die sich in Bronchien und Lungenbläschen festsetzen. Die Wirkung reicht von einer bloßen Reizung der Schleimhaut und lokalen Entzündungen bis hin zu Ablagerungen in den Blutgefäßen.

Welche Grenzwerte gelten aktuell?

Für die besonders gefährlichen PM2,5 gilt in Europa ein Wert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Für Teilchen mit einem maximalen Durchmesser von zehn Mikrometer (PM10) liegt der Tagesgrenzwert bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter und darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden.

Für das als besonders belastend geltende Stickstoffdioxid (NO2) darf gemäß dem EU-weiten Grenzwert im Jahresmittel die Belastung im Freien nicht über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Mit diesem seit 2010 geltenden Wert orientiert sich die EU an Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Laut EU-Umweltkommissar Karmenu Vella basieren die EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid „auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO, der weltweit führenden Autorität in Gesundheitsfragen“.

Wie groß ist der Kreis der Kritiker in der Ärzteschaft?

Insgesamt wurde die kritische Stellungnahme an 3800 Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin geschickt. 113 der angeschriebenen Fachärzte haben das Papier unterzeichnet.

Mitarbeit: Silke Kersting

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