Gesundheitswesen Wie der Datenschutz die Digitalisierung der Medizin behindert

Patientendaten genießen hohen rechtlichen Schutz. Das hemmt Unternehmen, die an Software und Algorithmen für den Gesundheitssektor arbeiten.
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Zugang zu dem neuen Datenpool sollen allein Forscher von Hochschulen und öffentlichen Einrichtungen haben. Quelle: Corbis/Getty Images
Daten

Zugang zu dem neuen Datenpool sollen allein Forscher von Hochschulen und öffentlichen Einrichtungen haben.

(Foto: Corbis/Getty Images)

Berlin Datenschutz sei was für Gesunde, lässt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gerne verlauten. Kranke dagegen profitierten, wenn ihre Daten für Forschungszwecke genutzt würden. Tatsächlich könnte Künstliche Intelligenz (KI) den Arbeitsalltag von Ärzten und Pflegern erleichtern, etwa wenn Algorithmen Röntgenaufnahmen scannen und dann die Diagnose unterstützen. Doch die rechtlichen Hürden sind hoch. Die Anbieter solcher digitalen Anwendungen sind auf Patientendaten angewiesen, die datenschutzrechtlich besonders stark geschützt sind.

„Der Fortschritt ist viel langsamer, als er gemessen an den technischen Möglichkeiten sein könnte“, findet Horst Hahn vom Fraunhofer Institut für Digitale Medizin (Mevis). Er zitiert einen Satz, den er auf einem Gesundheitskongress gehört hat: „Star Wars technology in a Flintstones healthcare system.“

Die Digitalisierung und maschinelles Lernen spielen im Gesundheitswesen zwar eine immer größere Rolle. Vor allem im Bereich Diagnostik ist heute schon vieles möglich. Für die Weiterentwicklung der Algorithmen braucht es allerdings Patientendaten. „Die Systeme werden nur besser, wenn ihnen möglichst hochqualitative Daten aus vielen Kliniken zugrunde liegen. Momentan scheitert das häufig am Datenschutz“, erklärt Experte Hahn. Es gebe aber erste Erfolge: „Einige Kliniken konnten große Teile ihrer neu erfassten Patientendaten in eine hausinterne Forschungsdatenbank überführen.“

Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf Anfrage mit, es setze sich dafür ein, dass Daten „unter Wahrung des Datenschutzes und ethischer Grundwerte“ zum Beispiel als Trainingsdatensätze für Bereiche des Gemeinwohls zur Verfügung gestellt werden können.

Schwieriger ist es vor allem für Unternehmen, die an Software und Algorithmen für den Gesundheitsbereich arbeiten. Sie betreiben zwar auch Forschung und Entwicklung. Gleichzeitig wollen sie mit ihrem Produkt aber auch kommerziell erfolgreich sein. Eine Lösung könnte sein, die datenschutzrechtliche Einwilligung zur Weitergabe von Patientendaten zu erweitern. Wer eine solche Einwilligung unterzeichnet, könnte künftig auch gefragt werden, ob er seine Daten für die kommerzielle Forschung und Entwicklung freigibt.

Haftungsfrage könnte zum Problem werden

Sollte diese Hürde einmal genommen sein, zeichnen sich aber weitere Probleme ab. Wer haftet in der digitalen Gesundheitswelt etwa für Fehler? „Wir müssen zwischen Software unterscheiden, die weiterlernt, und Software, die nur auf den Datensätzen beruht, die der Hersteller eingespeist hat“, erklärt Roland Wiring, Experte für E-Health bei der Kanzlei CMS. Bei Letzteren sei die rechtliche Lage relativ eindeutig: Hat der Hersteller beim Einspeichern der Daten oder bei der Programmierung zu deren Nutzung Fehler gemacht, kann er dafür auch belangt werden.

Künstliche Intelligenz – wie gefährlich ist sie wirklich?

Komplizierter wird es, wenn die KI im Betrieb durch neue Daten, die beispielsweise vom Arzt eingespeist werden, dazulernt. „Wenn ich als Hersteller alles richtig gemacht habe, die Software aber Falsches dazulernt, hafte ich dann?“, fragt Wiring. Hersteller sollten deshalb in ihren Verträgen klar festlegen, wo ihre Verantwortung endet und die des Anwenders beginnt. Komplett eliminieren können die Hersteller ihr Haftungsrisiko aber nicht. „Die gesetzliche Produkthaftung gegenüber Dritten, in diesem Fall Patienten, kann rechtlich nicht beschränkt werden“, betont Wiring.

Er sieht noch eine dritte große Hürde für die Einführung von KI im Gesundheitswesen: „Wer eine solche medizinische Software auf den Markt bringen will, braucht eine CE-Zertifizierung.“ Diese Art Tüv für Medizinprodukte werde von speziellen Stellen vergeben. Diese seien momentan aber völlig überlastet. Auch Professor Hahn sieht hier Probleme: „Spätestens wenn Trainingsdaten in noch größerem Umfang verfügbar sind, werden so viele Hersteller auf den Markt drängen, dass die Zulassung zum Flaschenhals wird.“

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