Hypertonie Welcher Blutdruckwert ist gesund?

Mit steigendem Blutdruck wächst das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Manche Mediziner fordern einen stärkeren Einsatz von Medikamenten. Sollten Millionen Menschen mehr Blutdrucksenker schlucken?
In Deutschland hat fast jeder dritte Erwachsene Bluthochdruck. Quelle: dpa
Blutdruckmessen

In Deutschland hat fast jeder dritte Erwachsene Bluthochdruck.

(Foto: dpa)

BerlinIst 120 die neue 140? Das Ergebnis der „Sprint“-Studie in den USA war im vergangenen Jahr, dass zumindest für bestimmte Bluthochdruck-Patienten ein systolischer Zielwert von 120 günstiger ist als die bisher anvisierten 140. Seither strömen auch in deutsche Arztpraxen und Kliniken ratsuchende Patienten.

„Viele fragen, wann sie nun auf 120 eingestellt werden“, sagt Yvonne Dörffel, Leiterin der Medizinischen Poliklinik der Charité in Berlin. Deutsche Experten sind uneins, in welchem Maße das Ergebnis praxistauglich ist. „Ich sehe nicht, dass das überhaupt bei einer höheren Zahl von Hochdruckpatienten gemacht werden sollte“, meint Dörffel.

In Deutschland hat nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin fast jeder dritte Erwachsene Bluthochdruck. Damit verbunden ist ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall, koronare Herzerkrankung und Herzinsuffizienz, aber auch für chronische Niereninsuffizienz und Demenz.

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen
Nase hochziehen ist gefährlich
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Im Volksmund heißt es häufig, Schleim durch die Nase hochzuziehen sei nicht nur unhöflich und unappetitlich, sondern zudem auch gefährlich, da der Schleim sich in den Nasennebenhöhlen einniste. Mediziner Carsten Lekutat widerlegt diese Behauptung ganz klar: nicht das Hochziehen des Schleims, sondern zu kräftiges Schnäuzen birgt Gefahren. Denn der dabei entstehende Druck leitet den Schleim aus der Nase im schlimmsten Fall in die Nebenhöhlen oder durch einen Kanal im Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr. Auch wenn das Naseputzen wohl manierlicher ist, gesünder ist es nicht.

Carsten Lekutat ist Arzt und hat das Buch "Halbwahrheiten der Medizin" geschrieben.

Ungerades Sitzen ist schlecht für den Rücken
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Diese Volksweisheit ist nicht wahr. Nicht striktes gerades Sitzen, sondern dynamisches Sitzen ist entlastend für den Rücken. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass entgegen der landläufigen Meinung eine um 135 Grad nach hinten geneigte Rückenlehne optimal für den Rücken ist, da die Bandscheiben in dieser Position am meisten geschont werden. Genauso wichtig für die Funktionstüchtigkeit der Gelenke ist allerdings konstante Bewegung, um für die nötige Durchblutung des Knorpel- und Bandscheibengewebes zu sorgen.

Zähne putzen nach dem Essen beugt Karies vor
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Eine landläufige Meinung besagt: „Nach dem Essen das Zähneputzen nicht vergessen!“ Naheliegend ist dies allemal, da sich in harten Zahnbelägen Karies auslösende Bakterien in Hülle und Fülle tummeln. Über die Nahrung aufgenommene Kohlenhydrate werden in Säuren umgewandelt und greifen den Zahn an. Doch laut Dr. Carsten Lekutat ist das sofortige Zähneputzen nach der Nahrungsaufnahme kontraproduktiv. „Wenn wir direkt nach dem Essen munter drauflos schrubben, zerstören wir also mit unserer Zahnbürste nicht die Kariesbakterien, sondern den Zahnschmelz, die wichtigste Schutzschicht der Zähne“, erklärt der Mediziner. Nach einer Mahlzeit sollte man sich also auf den Speichel als natürlichen Bakterienschutz verlassen und frühestens eine halbe Stunde später – wenn die Säure neutralisiert ist - zur Zahnbürste greifen.

Bei grünem Nasenschleim muss ein Antibiotikum her
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Dass man das Ausmaß von Atemwegserkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen an der Farbe des Nasenschleims erkennt, ist nichts weiter als ein Mythos. Wie eine britische Studie belegt, wurde bei derartigem Schleim zwar deutlich häufiger ein Antibiotikum verschrieben als bei klarem Ausfluss. Die Art der Erkrankung zeigt dieser jedoch nicht an, da er laut Lekutat sowohl bei bakteriellen als auch viralen Entzünden auftritt.

Außerdem trat eine Besserung der Symptome – unabhängig ob Gabe von Antibiotikum oder nicht – immer nach sieben Tagen ein. Über die Notwendigkeit einer Behandlung mit Antibiotikum sagt die Verfärbung also nichts aus. Die meisten Entzündungen klingen ohne ärztliche Therapie nach wenigen Tagen von alleine ab.

Fingerknacken verursacht Gelenkbeschwerden und Rheuma
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Das Knacken mit den Fingern wird als gefährlich deklariert. Ein weit verbreiteter Mythos besagt, es rufe Gelenkbeschwerden oder gar Rheuma hervor. Ganz ungefährlich ist das Knacken zwar nicht, denn es kann Schwellungen am Finger hervorrufen und die Kraft in den Händen verringern. Schädlich für die Gelenke ist das nervöse Zerdrücken der Finger jedoch auch nicht. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler Castellanos und Axelrod in einer 1990 veröffentlichten wissenschaftlichen Studie.

Chirotherapeuten setzen es sogar als Behandlungsmethode gezielt ein, um Blockaden zu lösen, die durch untrainierte Gelenke entstehen. Fingerknacken sorgt also allenfalls für kurzweilige Schwellungen oder kraftlose Hände, nicht aber für rheumaartige Beschwerden. Wer das Knacken als Mittel zum Stressabbau betreibt, kann und sollte aber definitiv auf gesundheitsfördernde Maßnahmen wie zum Beispiel Autogenes Training oder Yoga zurückgreifen.

Ein Schnaps nach dem Essen regt die Verdauung an
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Dieser Glaube zählt zu den bekanntesten Gesundheitsmythen. Fakt ist jedoch: Alkohol hemmt die Verdauung. Er lenkt die Leber vom Verdauen der Speisen ab und behindert sogar die Magenentleerung. "Bei Völlegefühl ist ein Spaziergang oder ein warmer Tee sinnvoll. Vorbeugend hilft natürlich auch, maßvoll zu essen", weiß Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg.

Wechselduschen stärken das Immunsystem
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„Das Wasser ist mein bester Freund und wird es bleiben bis ich sterbe“, sagte einst Sebastian Anton Kneipp, der Erfinder der bekannten Wasserkur. Von Medizinern bewiesen ist zumindest, dass Wechselduschen einen positiven Effekt auf das Immunsystem haben. Eine Studie der Universität Jena kam zu dem Ergebnis, dass Patienten mit chronischer Bronchitis nach einer zehnwöchigen Wasseranwendung nach Kneipp eine um 13 Prozent gestärkte Immunabwehr entwickelt hatten und die Zahl der Infektionen zurückging.

Blutdrucksenkende Medikamente sollten bei allen Patienten mit hohem Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko eingesetzt werden – unabhängig von ihrem Blutdruck, forderten Mediziner kürzlich in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Der Grenzwert von 140 für die Behandlung mit Tabletten sei zu hoch.

Die Wissenschaftler hatten 123 Studien von 1966 bis 2015 ausgewertet, an denen insgesamt mehr als 600.000 Menschen beteiligt waren. Einschränkend merken sie unter anderem an, dass die Studien teils nur bedingt vergleichbar waren.

Nicht alles über einen Kamm scheren

Sehr skeptisch äußerte sich der Leiter des Hypertoniezentrums München, Martin Middeke, über die Meta-Analyse: „Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Die Behandlung des Blutdrucks ist immer eine individuelle Therapie.“

Dass ein erhöhter Blutdruck ab etwa 115/70 mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergeht, sei aus großen Studien schon lange bekannt, erklärt Bernd Sanner, Chefarzt am Agaplesion Bethesda Krankenhaus Wuppertal. „Umgekehrt hat man sich dann gefragt: Wenn man versucht, einen überhöhten Blutdruck zu senken, welcher Zielwert ist dann gesundheitlich sinnvoll?“

Bei der „Sprint“-Studie wurden zwei Behandlungsansätze verglichen: Ein Teil der Patienten erhielt eine intensive Therapie mit einem systolischen Blutdruck unter 120 als Ziel. Der andere Teil bekam die Standardtherapie, die einen Wert von 140 anstrebt. Mehr als 9300 Menschen wurden einbezogen.

Das im „New England Journal of Medicine“ vorgestellte Ergebnis liest sich durchaus beeindruckend: Gut ein Viertel weniger Todesfälle gab es demnach bei intensiver Therapie und ein Drittel weniger kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Koronarsyndrom, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz. Beeindruckend ist allerdings auch die Liste der Einschränkungen – und die der Nebenwirkungen.

Ausgeschlossen wurden Diabetiker, Menschen, die bereits einen Schlaganfall hatten und solche mit symptomatischen Herzkrankheiten, Eiweißausscheidungen und sekundärer Hypertonie, listet Dörffel auf. Das sind Patienten, deren Bluthochdruck auf einer konkreten Krankheit wie Schlafapnoe oder einem Nierenleiden beruht.

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