Implantate Bandscheibenprothese lindert Schmerzen

Viele Menschen leiden unter dauerhaften Rückenproblemen. Häufig ist die Ursache ein Verschleiß der Bandscheiben. Implantate für die Wirbelsäule können die Beweglichkeit erhalten, allerdings nicht in allen Fällen.
  • Hans Schürmann (Handelsblatt)

DÜSSELDORF. Künstliche Bandscheiben könnten hier Linderung bringen. Die meisten Orthopäden in Deutschland sind bei der Behandlung mit den Implantaten aber eher zurückhaltend. Das will die Firma Clinical House aus Bochum jetzt ändern. Das Handelsunternehmen vertreibt die künstliche Bandscheibe Prodisc des Schweizer Herstellers Synthes seit Herbst 2004 in Deutschland und versucht durch intensive Überzeugungsarbeit bei Ärzten und Patienten, die Akzeptanz für das Wirbelsäulen-Implantat zu verbessern.

"Es wird noch viel zu viel versteift", kritisiert der Berliner Neurochirurg Andreas Schmitz, der Orthopäden, Neurochirurgen und Unfallärzte im Auftrag von Clinical House im Umgang mit der Prodisc schult. Bei der Versteifung - auch Fusion genannt - wird die degenerierte Bandscheibe entfernt und die beiden angrenzenden Wirbel werden miteinander verschraubt. Das Implantat dagegen funktioniert wie ein kleines Gelenk und erhält weitgehend die natürliche Beweglichkeit der Wirbelsäule.

"Auch ich habe 2002 noch zu 85 Prozent Fusionen durchgeführt und nur zu 15 Prozent Prothesen eingesetzt. Dieses Verhältnis hat sich jetzt komplett umgedreht", sagt der Berliner Arzt, der zu einem Fan der künstlichen Bandscheibe geworden ist. "Viele meiner Kollegen wissen zu wenig über die Vorteile der künstlichen Bandscheibe", sagt Schmitz. Er wolle zusammen mit dem Medizintechnikhändler aus Bochum Aufklärungsarbeit leisten und dafür sorgen, "dass die mobilitätserhaltende Therapie zu einem Routineeingriff wird."

Dass sich die Alternative zur Fusion bis heute nicht stärker durchgesetzt hat, liegt nach Ansicht von Karin Büttner-Janz, Direktorin der Klinik für Orthopädie am Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain, weniger daran, dass die künstliche Bandscheibe zu wenig bekannt ist. "Es können schlichtweg nicht alle Bandscheibenprobleme damit behoben werden", sagt die Expertin, die in den 80er-Jahren an der Berliner Charité die weltweit erste künstliche Bandscheibe mitentwickelt hat und die Charité-Prothese seit 1987 implantiert. Bei der Entscheidung Fusion oder Implantat komme es auf eine genaue Indikation an.

Das sieht der Düsseldorfer Unfallchirurg Michael Marquardt genauso. "Die meisten Patienten, bei denen die Bandscheibe bei einem Unfall so beschädigt wurde, dass sie heraus genommen werden muss, haben zusätzliche Verletzungen des Wirbels, so dass der Einsatz einer künstlichen Bandscheibe nicht den erhofften Erfolg bringen würde", sagt der Arzt.Es kommt hinzu, dass die Patienten nach der Erfahrung von Büttner-Janz nicht älter als 45 bis 50 Jahre sein sollten, damit sich der Knochen gut an das Implantat anpassen kann.

Die Operation, bei der die beschädigte Bandscheibe durch eine künstliche ersetzt wird, ist recht anspruchsvoll. Hier muss jeder Handgriff gelernt sein. Der Einsatz des Implantats dauert ein bis zwei Stunden. Dabei wird ein zirka sechs bis acht Zentimeter langer Schnitt unmittelbar unter dem Bauchnabel gesetzt. Die Mediziner müssen die großen Bauchgefäße zur Seite halten, um bis zur Wirbelsäule zu gelangen. Anschließend wird der Bandscheibenring geöffnet und die defekte Bandscheibe entfernt. Der Bandscheibenraum wird mit speziellen Instrumenten aufgedehnt, um Platz für die Prothese zu schaffen. Nach Ausmessen und Vorbereiten des Implantatbettes wird die Prothese unter Röntgenkontrolle eingesetzt.

Da die künstliche Bandscheibe sofort bewegungs- und druckstabil ist, dürfen die Patienten schon am Tag des Eingriffs aufstehen. In der Regel ist die Prothese nach etwa drei Monaten fest eingewachsen. Die Prothesenlage wird bei einer Kontrolluntersuchung mittels Röntgenaufnahmen überprüft. Die Kosten für die künstliche Bandscheibe werden von den Krankenkassen übernommen.

Größte Anbieter von künstlichen Bandscheiben für die Lendenwirbelsäule sind neben Synthes die amerikanischen Hersteller Medtronic und Johnson & Johnson. Die Implantate unterscheiden sich im Aufbau und in den verwendeten Werkstoffen (siehe Kasten). Während Medtronic eine Eigenentwicklung vertreibt, vermarktet Synthes mit der Prodisc eine Bandscheibenprothese, die von dem französischen Wirbelsäulenchirurgen Thierry Marnay entwickelt und ab Mitte der 90er-Jahre von der Aesculap AG weiterentwickelt wurde.

Die Johnson & Johnson Tochter DePuy Spine dagegen hat die Charité-Bandscheibe gekauft, die in den 90er-Jahren von Karin Büttner-Janz gemeinsam mit der Hamburger Firma Link optimiert und zur Marktreife gebracht wurde. Die Firma hat als erster Hersteller Ende vergangenen Jahres die Zulassung für die Charité-Bandscheibe auf dem amerikanischen Markt erhalten. Da die USA einen lukrativen Markt versprechen, hoffen auch die anderen Hersteller auf eine baldige FDA-Zulassung. Synthes ist da weiter als Medtronic. Experten rechnen damit, dass die Prodisc ab Frühjahr 2006 auf dem US-Markt eingeführt werden kann.

In der Zwischenzeit arbeiten die Firmen daran, die Prothesen weiter zu optimieren. "Der Bandscheibenersatz entspricht heute noch nicht vollständig den physiologischen Gegebenheiten in der Wirbelsäule", sagt Karin Büttner-Janz. Hier gebe es noch Entwicklungspotenzial für die nächste Generation der Implantate.

Die künstlichen Bandscheiben unterscheiden sich im Design:

Charité-Bandscheibe: Bei der dreiteiligen Prothese, die von DePuy Spine vermarktet wird, sind zwei Metallteile, die aus einer Kobald-Chrom-Molybdän-Legierung bestehen, über zwei Kuppelstellen mit dem Gleitkern aus Polyethylen verbunden. Die einzelnen Elemente der Prothese gibt es wie bei den anderen Herstellern auch in unterschiedlichen Größen.

Maverick: Die künstliche Bandscheibe von Medtronic ist die einzige, die ausschließlich aus Metall besteht. Verwendet wird eine Kobald-Chrom-Legierung. Die Beweglichkeit wird über ein Kugel-Gelenk erreicht.

Prodisc: Die zweiteilige Bandscheibenprothese von Synthes besteht aus zwei Metallplättchen, die ebenfalls aus einer Kobalt-Chrom-Molybdän-Legierung gefertigt werden. Die Metallteile sind nach dem Kugel-Gelenk-Prinzip über einen Kunststoffkern aus Polyethylen verbunden. Eine Beschichtung mit Titan sorgt dafür, dass das Implantat schnell einwächst.

Medizin im Web:

Informationen rund um das Thema "Wirbelsäulenchirurgie" gibt es viele im Internet. Vor allem Kliniken wie die Klinik für Orthopädie in Kiel (www.uni-kiel.de/orthop/wirbelsaeule. html) haben für ihre Patienten umfangreiche Literatur ins Netz gestellt. Hier werden Diagnoseverfahren und Therapien vorgestellt.

Weniger professionell, aber ebenso informativ, ist die Seite der Berliner Charite unter www.wirbelsaeule-charite.de/WS-degen.html. Hier werden verschiedene degenerative Wirbelsäulenerkrankungen und deren Behandlungsmöglichkeiten thematisiert.

Zum Thema "künstliche Bandscheibe" gibt es keine von Herstellern unabhängigen Informationen. Die Seite des Implantate-Händlers Clinical House (www.clinical-house.de) ist zwar ansprechend gestaltet, informiert aber nur einseitig über die Prodisc. Es entsteht der Eindruck, es gäbe keine Konkurrenz. Die Fachartikel und Interviews mit namhaften Experten sind sehr werblich. Künftig soll dort sogar eine Suchmaschine Patienten direkt zum richtigen Arzt und zur richtigen Klinik leiten.

Aktuelle Informationen und Links zur Medizin unter: www.handelsblatt.com/medizin

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