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Industrie Wie Werksärzte mit dem Virus umgehen

Corona stellt die medizinischen Abteilungen der Betriebe auf die Probe. Mit hoher Flexibilität bewältigen die Gesundheitsmanager die neuen Gefahren.
09.01.2021 - 09:44 Uhr Kommentieren
Wegen Corona gelten für Betriebe neue Hygieneregeln. Quelle: Reuters
Stahlkocher bei Thyssen-Krupp

Wegen Corona gelten für Betriebe neue Hygieneregeln.

(Foto: Reuters)

Köln Als von China bis Europa das Virus um sich griff, wurde Anja Berkenfeld in Essen klar: Ernstfall für den gesamten Konzern. Die leitende Arbeitsschützerin und Betriebsärztin von Thyssen-Krupp
ist maßgeblich eingebunden in die Pandemiepläne für die 104.000 Mitarbeiter weltweit.

„Die betriebsärztlichen Dienste wechselten voll auf Coronamodus. Es ging um Hilfestellung für Führungskräfte und Arbeitnehmer“, erinnert sich Berkenfeld. „Ihr habt akute Fragen, wir sind für euch da – für uns Betriebsärzte ist das Arbeitsschutz und BGM live“, sagt die Medizinerin mit Blick auf das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM).

Schlagartig wechselten die Themen von Tai-Chi und Rückenschule ins Existenzielle: „Gehöre ich zu einer Hochrisikogruppe oder nicht? Muss ich mich komplett abschotten? Die Verunsicherung in den Werken war enorm, gerade in der ersten Phase, wir konnten auch vieles relativieren“, sagt Berkenfeld.

Die Beratungsstunden, überwiegend auch telefonisch beim Werksarzt: rappelvoll. Bis zu 30.000 Angestellte bei Thyssen-Krupp arbeiteten in der Spitze zu Hause. „Nur: Einen Hochofen kann man nicht aus dem Homeoffice steuern. Ich halte viel davon, eine konkrete Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz vorzunehmen, um die Maßnahmen konsequent und passend zum Profil zu definieren.“

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    Neue Risiken, neue Aufgaben: Mit der Pandemie erfahren Betriebsärzte einen Bedeutungszuwachs, auch weil die Regierung sie in die Abwehrstrategie einbezieht. Firmen erhielten den Auftrag, den Beschäftigten eine Beratung zu ermöglichen – zu persönlichen Risiken und Verhaltensregeln.

    Selbst Bauarbeiter im Freien müssen jetzt Masken tragen

    Die in den Schubladen vorhandenen Pandemiepläne mussten Werksärzte stetig anpassen – analog zu Lernkurven und Ländervorgaben. „Die Mitarbeiter sind auch jetzt, in der zweiten Welle, voller Sorgen und Nöte“, sagt Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), der mit 3400 Mitgliedern die größte Vertretung der Arbeitsmediziner hierzulande ist. „Gerade in der trüben Jahreszeit nehmen psychische Belastungen nochmals zu.“

    Oft seien Schlafstörungen erster Gesprächsanlass, häufig verberge sich mehr dahinter, sagt die Fachärztin. Insgesamt erlebe sie eine höhere Achtsamkeit und Sensibilität in den Betrieben – eine positive Begleiterscheinung des Ausnahmezustands. Als Pluspunkt verbucht sie zudem die gewachsene Vertrauenskultur: „Wenn Mitarbeiter mehr Handlungsspielraum bekommen und an Ergebnissen anstatt an Anwesenheit gemessen werden, ist das auch ein Beitrag zur psychischen Gesundheit.“

    Was die sozialen Kontakte angeht, sieht Wahl-Wachendorf Arbeiter in der Produktion oder am Bau sogar im Vorteil. Auch wenn Teams und Schichten strikter zugeordnet sind als zuvor: „Man hat in der Produktion oft noch mehr Gemeinsamkeit und Stabilität. Hinzu kommt der Vorteil der frischen Luft, in der die Aerosolbelastung geringer ist – damit sinkt das Risiko.“

    Nichtsdestotrotz gilt seit 1. Dezember in allen Betrieben eine verschärfte Maskenpflicht – außer am konkreten Arbeitsplatz, wenn mindestens 1,5 Meter Abstand eingehalten werden kann. Selbst Bauarbeiter unter freiem Himmel dürfen nur zum Essen und Trinken kurz die Schutzmaske absetzen.

    Während es noch einfach ist, einen freistehenden Schreibtisch als Arbeitsplatz zu erkennen, an dem die Maske fallen darf, müssen in Werkhallen die Regeln erst definiert und vermittelt werden. Ein Steuerstand ist eindeutig, ein Bandarbeitsplatz schon nicht mehr.

    Angst vor dem Tönnies-Effekt

    Und was ist mit einem Maschinenarbeitsplatz, bei dem man um die Maschine herumgehen muss? „Solche Fragen diskutieren wir gerade“, sagt Thyssen-Krupp-Ärztin Berkenfeld. Die staatlichen Regeln setzt man auf Basis konkreter Gefährdungsbeurteilungen von Arbeitsplätzen um. Diese werden im Konsens zwischen Meistern, Betriebsärzten, Betriebsrat und Experten der Arbeitssicherheit erarbeitet.

    Auch der niedergelassene Arzt Michael Suchodoll, Leiter der Arbeitsmedizin Aachen, hat dieser Tage viel mit solchen Konzept-Nachschärfungen zu tun. Mit einem Team von Ärzten, Psychologinnen und BGM-Experten bietet er seine Dienste als freiberuflicher Betriebsarzt an. Suchodoll kommt entsprechend viel herum in Betrieben bundesweit – und erfährt Stimmungen.

    „Wir beobachten in Betrieben dasselbe Bild wie draußen: Den einen gehen die Vorkehrungen zu weit, die anderen mokieren sich, weil sie permanent von anderen ihre Gesundheit riskiert sehen. Das birgt natürlich Konfliktpotenzial – es beginnt schon bei der Lüftungsfrage“, sagt Suchodoll.

    Einen gravierenden Unterschied zum Privatleben gebe es freilich: Was der Werkleiter sagt, ist Gesetz. „In den allermeisten Betrieben wird der Coronaschutz sehr gut umgesetzt. Da genügt die Anweisung.“ Suchodoll beobachtet, dass eine enorme Angst vor dem „Tönnies-Effekt“ herrsche: Kein Unternehmen will als Superspreader am Pranger stehen wie der ostwestfälische Fleischfabrikant
    im Sommer.

    Auch bei Thyssen-Krupp lautet die Devise: „Im Zweifel lieber zu vorsichtig als zu lax“, sagt Berkenfeld. Beispiel Kontaktnachverfolgung: „Weil die Gesundheitsämter am Anschlag arbeiten, lassen wir einen Teil unserer BGMLeute jetzt intern die Kontaktnachverfolgung machen – für beschleunigte Klarheit.“ Man habe nicht nur Kontaktpersonen der Kategorie I in Quarantäne geschickt wie die Ämter. „Wir sind, bevor es Schnelltests gab, einen Schritt weiter gegangen und haben auch bei kürzeren Kontakten Maßnahmen getroffen“, sagt Berkenfeld.

    Werksmediziner halten Impfungen in Betrieben für möglich

    Völlig einig sind die Werksmediziner in einem Punkt: Auch Betriebsärzte wären ideal geeignet, um in der Breite den Corona-Impfstoff zu verabreichen. „Man müht sich, Impfzentren in Stadien und an Flughäfen aus dem Boden zu stampfen und sucht händeringend Rentnerärzte – dabei sind wir doch vor Ort“, sagt Suchodoll.

    Das Kühlungsthema sei lösbar. Auch Berkenfeld lässt keinen Zweifel, dass eine Impfung im Betrieb gut möglich sei: „Klar, jederzeit. Wir Betriebsärzte könnten echt effektiv die Interessenten durchimpfen, wir haben das Vertrauen der Leute, die Logistik und könnten helfen. Man muss uns nur lassen“, bemerkt sie.

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    Der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte hat Gesundheitsminister Jens Spahn in einem Brief am 13. November die Dienste des Berufsstands angeboten, sagt Wahl-Wachendorf. „Für uns ist eine Kernforderung, dass Betriebsärzte einen einfachen Zugang zum Impfstoff analog dem Praxisbezug der Vertragsärzte haben“, heißt es im Schreiben, das dem Handelsblatt vorliegt. Noch blieb es unbeantwortet, erklärt Wahl-Wachendorf, doch sie ist zuversichtlich.

    Geht es um das bevorzugte Austeilen der knappen Impfdosen, hat die Medizinerin einen Appell: „Auch Reinigungskräfte sollten mit Priorität bei der Zuteilung des Impfstoffs berücksichtigt werden. Die vergisst man leicht, aber sie sind einem hohen Risiko ausgesetzt“, meint Wahl-Wachendorf.

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