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Interview Arnd Schaff: „Die Risiken des Homeoffice werden oft nicht erkannt“

Der Therapeut und Berater spricht über die Folgen des Arbeitens daheim auf die Psyche. Es geht auch um die Kunst, in der Krise gut zu führen.
09.01.2021 - 09:44 Uhr Kommentieren
Die Vorteile werden vielfach überbewertet. Quelle: obs
Homeoffice

Die Vorteile werden vielfach überbewertet.

(Foto: obs)

Arnd Schaff ist als Hochschullehrer, Unternehmensberater und Therapeut an der Schnittstelle von Management und Gesunderhaltung tätig. Am Institut für Gesundheit & Soziales der FOM Hochschule forscht er zu Prozessen des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Er arbeitet zudem an Modellen, die psychische Belastungen in Unternehmen erfassen und vermindern.

Herr Schaff, was macht das Homeoffice mit der Psyche?
Im April hat das Homeoffice mit der abrupten Umstellung bei vielen Mitarbeitern für große Unsicherheit gesorgt. Die tiefgreifende Veränderung vieler Arbeitsprozesse, Arbeitsmethoden und der neue Umgang mit Kollegen – all das hat Stress ausgelöst.

Aber viele Mitarbeiter mögen das Homeoffice, heißt es inzwischen...
Ja, aber grundsätzlich ist der Mensch nicht auf große Veränderung gepolt. Jede massive Veränderung löst Angst aus. Das ist in unserer biologischen Verfasstheit so angelegt. Man erkennt das daran, dass all unsere Sinne auf Veränderung reagieren und sich die Wahrnehmung entsprechend ausrichtet. Wenn Sie zum Beispiel in eine neue Wohnung in die Nähe eines Kirchturms ziehen, können sie dessen Glockenschlag zunächst nicht überhören. Sobald diese Geräuschkulisse nach einiger Zeit keine Veränderung in ihrem Leben mehr darstellt, nehmen Sie das Läuten nicht mehr wahr.

Mittlerweile hat sich im Homeoffice ja vieles eingespielt. Die Unsicherheit lässt nach, auch beispielsweise im Umgang mit neuen Kommunikationsmedien. Ist die Situation dann nicht entschärft?
In Bezug auf die Unsicherheit ja, aber mittlerweile gibt es andere Risiken. Viele Heimarbeiter leiden unter einer Form der Entgrenzung. Privatleben und Arbeit sind miteinander verschmolzen. Räumlich ist dies durch das Homeoffice entstanden. Aber auch zeitlich findet Entgrenzung statt, indem in immer kleineren Intervallen auch am Abend gearbeitet wird, wo früher der Feierabend stand. Dadurch fehlt die Möglichkeit zur Erholung. Hinzu kommt: Jetzt, nach einigen Monaten Homeoffice fühlen sich viele Menschen isoliert.

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    Mit welchen Folgen?
    An erster Stelle: Trübsinn. Das kann bei Menschen mit entsprechender Disposition in Richtung Depression gehen. Im ersten Halbjahr 2020 ist die Zahl der psychischen Erkrankungen laut der Krankenkasse KKH um 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Natürlich nicht nur wegen des Homeoffice. Aber hier spielen die existenziellen Ängste, ausgelöst durch die Coronakrise, eine große Rolle. Beim Selbstständigen die Angst vor der Pleite, beim Angestellten die Angst vor Jobverlust.

    Und der triste Herbst beginnt erst.
    Ja, die Jahreszeit wird die Situation weiter verschärfen. Viele Menschen reagieren auf die Dunkelheit mit Stimmungsschwankungen.

    Wie können sich Mitarbeiter im Homeoffice dagegen schützen?
    Sie müssen versuchen, der Isolation zu entkommen. Jede Gelegenheit für einen persönlichen Kontakt sollte genutzt werden – natürlich unter Beachtung der hygienischen Notwendigkeiten. Denn geschlossene Restaurants, Cafés, Kneipen und Sportklubs verstärken das Gefühl von Isolation zusätzlich. Die Kaffee-Ecke des Büros hingegen kann zumindest ansatzweise durch Videokonferenzen noch ersetzt werden. Im Job gibt es daher in den Kommunikationsformen eine klare Hierarchie: Videokonferenz vor Telefonat vor Mail.

    Wie können Mitarbeiter die Vorboten psychischer Probleme erkennen?
    Symptome sind etwa Antriebslosigkeit, Interessenverlust oder ständiges Bedrücktsein. Homeoffice-Mitarbeiter können für eine erste Selbsterkennung auf entsprechende Fragebögen im Internet zurückgreifen, die auf den Seiten von Krankenkassen zu finden sind.

    Was können Führungskräfte leisten, um ihre Mitarbeiter im Homeoffice zu schützen?
    Zunächst einmal das Gleiche: reden, reden, reden, den persönlichen Kontakt suchen. Mails reichen nicht aus. Gerade bei virtueller Führung ist es ganz wichtig, den direkten Kontakt so weit wie möglich zu halten. Führungskräfte sollten sich bewusst sein, dass alle sonst so selbstverständlichen informellen Gelegenheiten zum persönlichen Kontakt verschwunden sind. Dies gilt es so gut wie möglich zu ersetzen.

    Wie denn?
    Zum Beispiel durch regelmäßigen informellen Team-Talk als Videokonferenz. Der Chef kann seinen Mitarbeiter aber auch einfach so anrufen, nur um ein bisschen zu quatschen. Wichtig ist auch, dem Mitarbeiter im Gespräch Ängste zu nehmen – etwa wenn es um die Zukunft der Firma oder um dessen Arbeitsplatz geht. Außerdem sollte ein Chef für Mitarbeiter die Möglichkeit schaffen, zumindest teilweise im Büro zu arbeiten, wenn das hygienisch möglich und zu verantworten ist. Dann kann er sagen: „Ehe du im Homeoffice komplett vereinsamst, komm doch wenigstens einen Tag pro Woche ins Büro.“ Das mindert die Isolationsgefahr.

    Viele der Babyboomer sind noch als Leistungsmenschen groß geworden. Arnd Schaff, Berater

    Sollten Chefs auch direkten Bezug nehmen auf die psychische Gefährdung von Mitarbeitern im Homeoffice?
    Ja. Chefs können offen sein für die Befindlichkeit ihrer Mitarbeiter. Sie sollten ruhig auch einfach mal etwas breiter fragen, wie es denn so geht in der neuen Arbeitsform – und auch, ob die häusliche Situation das Arbeiten eigentlich gut unterstützt. Dabei sollte dem Mitarbeiter allerdings auch das Gefühl gegeben werden, Dinge nicht sagen zu müssen, wenn er es nicht will.

    Beherzigen Chefs diese Vorgehensweise oder herrscht Nachholbedarf?
    Neun von zehn Chefs versäumen es, zumal sie in der Krise ja auch neuen Herausforderungen gegenüberstehen. Das Tabu der psychischen Erkrankung ist noch nicht überwunden – vor allem bei älteren Menschen. Die Führungskräfte der Generation X und die der Babyboomer sind noch als Leistungsmenschen groß geworden. Psychische Belastungen sind bei ihnen noch immer nur ein Thema im Hintergrund. Hinzu kommt, dass sie die psychischen und auch die physischen Risiken des Homeoffice oft nicht erkennen. Sie betrachten das Homeoffice stattdessen häufig argwöhnisch als eine Art Corona-Geschenk für die Beschäftigten, das den Weg zur Arbeit erspart.

    Welche physischen Risiken birgt das Homeoffice?
    Es beginnt bei der schlechten Beleuchtung des Arbeitsplatzes. Manchmal ersetzt die rückenfeindliche Couch den ergonomischen Bürostuhl oder ein alter, flackernder Monitor schädigt die
    Augen. Die Notwendigkeit zur Arbeitsplatzsicherheit auch im Homeoffice wird aber weder von den Beschäftigten noch vom Arbeitgeber ausreichend erkannt.

    Kann der Arbeitgeber diese Dinge überhaupt sicherstellen?
    Nein, das würde auch nicht jeder Mitarbeiter wollen, denn es geht ja um Veränderungen in seinem privaten Umfeld. Er kann aber zumindest im Gespräch mit Mitarbeitern abklopfen, ob ein geeigneter Arbeitsplatz vorhanden ist, und dann bei Bedarf reagieren.

    Was können Chefs tun, um Mitarbeiter im Homeoffice für Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu motivieren?
    Das geht nur, wenn im Unternehmen zuvor bereits eine entsprechende Kultur geherrscht hat und die Quote der Teilnehmer hoch war. Wer jetzt glaubt, seine Mitarbeiter erstmals per Videokonferenz für ein gesundes Mittagessen, für Yoga oder eine Rückenschule begeistern zu können, wird scheitern.

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    Bleiben diese üblichen BGM-Instrumente trotz Corona bestehen?
    Ja, sie waren vor der Krise wichtig und werden es nach der Krise wieder sein. Derzeit werden sie an die neue Situation angepasst. Hinzu kommen für Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement zum Beispiel Corona-Maßnahmen zum Umgang mit der Maske, die Umsetzung von Abstandsregeln und die Ausarbeitung von Pandemieplänen. Die Krise treibt also den Aufwand für betriebliches Gesundheitsmanagement.

    Werden nicht die Budgets für betriebliches Gesundheitsmanagement krisenbedingt schrumpfen?
    Hier tut sich aktuell eine gefährliche Schere auf. Unternehmen müssen gerade jetzt in das betriebliche Gesundheitsmanagement investieren. Die Wirtschaft sagt gerne: Der Mitarbeiter ist unser wichtigstes Kapital. Aber: In der Krise ist dieses Kapital gefährdet. Betriebliches Gesundheitsmanagement kann die Mitarbeiter schützen.

    Herr Schaff, vielen Dank für das Interview.

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