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Krankenhausmarkt Coronakrise rettet die Kliniken – aber die Pleitegefahr bleibt hoch

Dank Milliardenzahlungen durch den Staat kommen die Kliniken wirtschaftlich ganz gut durch die Krise. Danach droht vielen Häusern aber die Insolvenz.
18.06.2020 - 15:03 Uhr Kommentieren
Ab Mitte März hatten die Kliniken in Deutschland wegen der Corona-Pandemie planbare Operationen verschoben, Betten für die Betreuung etwaiger Covid-19-Patienten freigeräumt und die Kapazitäten in der Intensivmedizin aufgebaut. Quelle: LAETITIA VANCON/The New York Tim/Redux/laif
Krankenhaus in München

Ab Mitte März hatten die Kliniken in Deutschland wegen der Corona-Pandemie planbare Operationen verschoben, Betten für die Betreuung etwaiger Covid-19-Patienten freigeräumt und die Kapazitäten in der Intensivmedizin aufgebaut.

(Foto: LAETITIA VANCON/The New York Tim/Redux/laif)

Frankfurt Die Versorgung der Patienten in der Corona-Pandemie haben die Krankenhäuser in Deutschland bisher gut gemeistert. Und dank des milliardenschweren Rettungsschirms der Bundesregierung dürfte die Branche 2020 auch wirtschaftlich als ein eher gutes Jahr verbuchen.

Denn der Staat unterstützt die Branche in diesem Jahr mit bis zu zehn Milliarden Euro, um die negativen Folgen der Corona-Pandemie abzumildern, schätzen die Autoren des am Donnerstag erschienenen Krankenhaus-Rating-Reports. Gleichzeitig warnen sie: Wenn die strukturellen Probleme der Branche nicht angegangen werden, drohen ab 2022 wieder mehr Klinikpleiten.

„Wir erwarten, dass die Sozialversicherungssysteme ab 2022 massive Probleme bekommen werden und die Beitragssätze erhöht werden müssen“, sagt Studienautor Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ im RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, und spricht sogar von einem „Offenbarungseid“ des Systems.

Denn durch die Rettungsaktionen im Rahmen von Corona würden einerseits enorme öffentliche Mittel gebraucht, auf der anderen Seite fallen als Folge der Pandemie viele Steuereinnahmen weg.

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    „Gelder, die man jetzt in das System einspeist, stehen in Zukunft nicht mehr zur Verfügung“, so Augurzky weiter. Ohne weitreichende Reformen wird sich die Zahl der defizitär arbeitenden deutschen Krankenhäuser innerhalb weniger Jahre verdoppeln und bereits im Jahr 2025 bei über 50 Prozent liegen, erwarten die Autoren.

    Der Krankenhaus-Rating-Report vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institut für Health Care Business analysiert seit 16 Jahren die Lage der Krankenhausbranche, die inzwischen für fast 100 Milliarden Euro Umsatz steht. Bedingt durch die Corona-Pandemie erwarten die Autoren in diesem Jahr einen einmaligen Einbruch der stationären Fälle um sechs Prozent.

    Grafik

    Ab Mitte März hatten die Kliniken in Deutschland wegen der Corona-Pandemie planbare Operationen verschoben, Betten für die Betreuung etwaiger Covid-19-Patienten freigeräumt und die Kapazitäten in der Intensivmedizin aufgebaut. Als finanziellen Ausgleich haben die Kliniken unter anderem für jedes leer stehende Bett eine Tagespauschale von 560 Euro vom Staat bekommen, zudem wurden Zuschläge für Intensivbetten und Materialkosten wie etwa Schutzausrüstung gezahlt.

    Allein die Freihaltepauschale dürfte sich auf einen Wert von sieben Milliarden Euro summieren, den die Branche als Unterstützung erhält, schätzt Augurzky. Da die Tagespauschale ein Durchschnittwert ist, ist sie insbesondere für große Kliniken wie Maximalversorger und Unikliniken nicht ausreichend, weil sie höhere Kosten für die Vorhaltung des medizinischen Angebots haben. Deswegen werden ab Juli neue gestaffelte Sätze gezahlt, die sich stärker an den tatsächlichen Erlösverlusten der einzelnen Krankenhäuser orientieren.

    Die verschiedenen Stützungsmaßnahmen aus dem Covid-19-Gesetz werden nach Ansicht der Autoren zu einem positiven Nettoeffekt für die Branche führen, der jedoch im Jahr 2021 voraussichtlich größtenteils wieder entfällt, sodass spätestens 2022 wieder das „Normalniveau“ erreicht wird. Für einzelne Krankenhäuser könne der Effekt jedoch sehr unterschiedlich sein. Die Autoren erwarten, dass nur etwa 50 Prozent der planbaren Operationen, die im Zuge der Coronakrise verschoben wurden, in diesem Jahr nachgeholt werden.

    Eine Entwicklung, die Rechtsanwalt Rainer Eckert ähnlich sieht. Der Jurist ist in den vergangenen Jahren bei einigen Klinikinsolvenzen als Sachverwalter berufen worden und kennt die Lage der Kliniken gut: „Viele Menschen scheuen weiter den Gang ins Krankenhaus aus Sorge vor Infektionen und werden die Eingriffe eher ambulant durchführen lassen. Diese ausbleibenden Patienten werden die Kliniken auch zukünftig noch schmerzen“, sagt er.

    Dabei war die Lage der Kliniken schon vor Corona schwierig. Die Branche hat in vielen Regionen Überkapazitäten, im Durchschnitt sind nur rund 77 Prozent der Betten belegt. Die wirtschaftliche Situation hat sich seit 2017 kontinuierlich verschlechtert. Denn die Zahl der stationär behandelten Patienten, mit denen die Krankenhäuser vor allem ihr Geld verdienen, geht zurück. Bis 2017 konnten die Krankenhäuser die steigenden Kosten durch eine steigende Zahl von Behandlungsfällen nahezu kompensieren. Auch für die kommenden Jahre gehen die Wissenschaftler des RWI von stagnierenden Fallzahlen aus, weil sich der Trend zu immer mehr ambulanten Behandlungen fortsetzt. Die werden allerdings deutlich schlechter vergütet als stationäre Fälle.

    „Am Rande der Profitabilität“

    Bislang ging die Rechnung für die Kliniken noch auf: Der Umsatz der Krankenhäuser legte nach den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts im Jahr 2018 um drei Prozent auf knapp 97 Milliarden Euro Umsatz zu. Das liegt an den gestiegenen Vergütungen, die die Krankenkassen für die Behandlungen zahlen. Die wachsenden Kosten der Kliniken unter anderem für Personal können viele Krankenhäuser damit aber nicht ausgleichen.

    „Bereits heute arbeitet der deutsche Krankenhaussektor am Rande der Profitabilität“, sagt Sebastian Krolop, Mitautor der Ratingreports. So sanken die durchschnittlichen Gewinne laut der Studie von 2,2 Prozent des Umsatzes im Jahr 2016 auf nur noch 1,2 Prozent im Jahr 2018. 2019 dürfte das Jahresergebnis noch 0,3 Prozent des Umsatzes betragen haben, schätzen die Autoren.

    Im Durchschnitt erwirtschafteten 29 Prozent der Krankenhäuser 2018 einen Jahresverlust. „Das Jahr 2019 war für die Branche noch schwieriger. Wir schätzen, dass die Zahl der Kliniken mit Jahresverlust im vergangenen Jahr auf 48 Prozent gestiegen ist“, sagt Krolop. Für die Untersuchung haben die Autoren die Jahresabschlüsse von mehr als 940 Krankenhäusern aus den Jahren 2017 und 2018 analysiert.

    Bei der Ertragslage gibt es übrigens große Unterschiede zwischen den Bundesländern. In Ostdeutschland ist die Lage weiterhin am besten, weil hier die Krankenhauslandschaft nach der Wende neu geordnet und viel investiert wurde. In Nordrhein-Westfalen, Bayern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland sowie Baden-Württemberg ist der Anteil der Kliniken mit einem Jahresverlust deutlich höher als im Bundesdurchschnitt.

    Dünne Marge

    0,3

    Prozent

    des Jahresumsatzes betrug der Gewinn bei deutschen Krankenhäusern 2019. (Quelle. Krankenhaus-Rating-Report)

    In Baden-Württemberg schreiben sogar 44 Prozent der Kliniken rote Zahlen. Das führen die Autoren des Rating-Reports darauf zurück, dass in reichen Bundesländern die Kommunen etwaige Defizite der Kliniken eher ausgleichen. In Regionen, in denen die öffentlichen Kassen leer sind, arbeiten die Krankenhäuser im Durchschnitt sogar wirtschaftlicher, so die Autoren des Reports.

    Weiterhin gilt, dass Kliniken in freigemeinnütziger und privater Trägerschaft deutlich besser beim Rating und bei der Ertragslage abschneiden als öffentlich-rechtliche Kliniken. Und große Häuser erreichen typischerweise bessere Werte als kleine. Ebenfalls vorteilhaft sind ein hoher Grad an Spezialisierung und die Zugehörigkeit zu einer Kette – außer bei öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern, ermittelt der Report.

    „Die Zeiten werden, insbesondere für kleinere Klinken, eher härter“, sagt auch Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Rainer Eckert. „Denn das den Sozialsystemen zur Verfügung stehende Geld wird auf jeden Fall nicht mehr sein als vor der Pandemie. Es bleibt daher weiter notwendig, dass Kliniken effizient arbeiten müssen.“

    Digitaler Wandel muss beschleunigt werden

    Insbesondere kommunale Kliniken werden seiner Einschätzung nach in Zukunft verstärkt mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. „Die Gründe hierfür sind vielfältig. Ins Gewicht fallen aber vor allem steigende Ausgaben und ein verstärkter Fokus der Kommunalpolitik auf Investitionen in Schulen und Kitas“, sagt Eckert.

    Im Nachgang zur Corona-Pandemie erwartet Eckert eine präzise Analyse, welche Häuser in der Pandemie sinnvoll waren und wo es weniger gut funktioniert hat. Dass es auch mit weniger Betten geht, zeigt seiner Ansicht nach Dänemark. „Dort kamen in der Spitze auf 100.000 Einwohner rund 140 Corona-Fälle, bei uns waren es ca. 180 Fälle.

    Gestemmt wird das Ganze dort allerdings gerade mal mit circa 250 Betten pro 100.000 Einwohner, während wir uns hierzulande immer noch rund 800 Betten leisten“, sagt Eckert und ergänzt: „Der Wirtschaftsweise Lars Feld hat in diesem Zusammenhang zu Recht gesagt, dass er nicht erkennen könne, dass in Dänemark eine schlechtere Versorgung als in Deutschland während der Pandemie geleistet wird.“

    Zu den Strukturreformen, die im deutschen Gesundheitssektor beschleunigt werden müssen, gehört nach Ansicht der Autoren des Krankenhaus-Rating-Reports auch eine bessere sektorenübergreifende Versorgung. Außerdem seien eine weitere Spezialisierung und Zentralisierung des Sektors sowie ein Wandel des Krankenhauses von einem hauptsächlich stationär tätigen Leistungserbringer hin zu einem integrierten Vollversorger unausweichlich – besonders in ländlich geprägten Gebieten.

    Nicht zuletzt müsse der digitale Wandel im System beschleunigt werden. „Die Covid-19-Pandemie hat der Digitalisierung des Gesundheitswesens einen Schub verliehen, den es zu nutzen gilt“, sagt Sebastian Krolop und verweist unter anderem auf die gestiegene Nutzung von telemedizinischen Angeboten.

    Und noch eines muss die Krankenhausbranche leisten, um zukunftsfest zu werden: Sie braucht Risikokonzepte für Katastrophenfälle wie die Corona-Pandemie. „Es muss jederzeit bekannt sein, welche Kapazitäten im Gesundheitswesen vorhanden sind, zum Beispiel Intensivbetten, Beatmungsgeräte, Testkapazitäten und Labors“, so die Studienautoren. Nur so könnten im Krisenfall die politisch Verantwortlichen rasch weitreichende Entscheidungen fällen.

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