Medizin Psychologen experimentieren mit Cyber-Therapien

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Auch Essstörungen werden per Internet behandelt

In Leipzig läuft jetzt eine weitere Cyber-Therapie für Menschen mit Essstörungen an. Die Angebote können Betroffene aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nutzen, sagt Kersting. Sie sind gedacht für Menschen, die nicht weit zum Therapeuten fahren wollen oder können, die wenig Zeit haben oder sich aus Scham nicht zum Arzt trauen. Doch genommen wird nicht jeder. Wer unter schweren Depressionen und Selbstmordgedanken leidet, Alkohol- und Drogenprobleme hat und bereits in psychotherapeutischer Behandlung ist, muss direkte Hilfe in Anspruch nehmen. Bei der Auswahl ihrer Patienten verlassen sich die Forscher auf international genormte Diagnosebögen. Im Leipziger Essstörungsprojekt beispielsweise ist rund ein Drittel der Bewerber für die Therapie nicht geeignet. Im Leipziger Trauerprojekt sind zudem von den 240 angenommenen Patienten 40 während der Therapie ausgestiegen.

Ob Lebenskrise, Mobbing oder Traumata - im Netz mangelt es nicht an kostenpflichtigen Angeboten. Was auf den ersten Blick als Beratung angeboten wird, entpuppt sich häufig als Therapie. „Ganz offensichtlich sollen Schwierigkeiten mit der ärztlichen Berufsordnung“, nach der bei Krankheiten die persönliche Untersuchung durch einen Arzt notwendig ist, „umgangen werden“, schreibt der Kölner Autor Rupert Martin. So können Hilfesuchende bei einer Düsseldorfer Gynäkologin unter „psychotherapie-net“ per Mail um „professionelle Online-Beratung“ für eine Eingangsgebühr von 10,72 Euro bitten. Für Angst, Depressionen, Mobbing und Beziehungsprobleme fühlt sich ein Wittenbergener Psychotherapeut unter „onlineberatung-therapie.de“ zuständig. 40 Euro im voraus kostet eine Mail des Therapeuten. Ein österreichischer Psychotherapeut bietet für 150 Euro im Monat „psychotherapeutische E-Mail-Korrespondenz“.

Skepsis bei vielen Experten

Bei vielen Experten stoßen Internettherapien auf Skepsis und Misstrauen. Sie ist „als Ersatz für reguläre Psychotherapie nur bei bestimmten Verfahren und Methoden denkbar“, warnt der Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen, Jürgen Hardt. Die Diagnose beruht allein auf der Selbsteinschätzung des Patienten, bemängelt der Psychologe Martin. „Gerade die nonverbalen Beobachtungen helfen dem Psychotherapeuten, die verbalen Ausführungen des Patienten einzuordnen.“ Eine unzureichende Diagnostik berge das Risiko einer ungeeigneten Behandlung, meint Hardt. Die Unterschiede zwischen „Nicht gut drauf“ und einer ernsthaften Depression würden bei der Selbstdiagnose verschwimmen. Zudem bestehe die Gefahr, dass nicht schnell therapeutisch interveniert werden könne, wo es dringend erforderlich sei.

Professor Kersting sieht noch viel Forschungsbedarf. So müsse geklärt werden, bei welchen Störungen diese Form der Behandlung geeignet sei und wie lange deren Wirkung anhalte. Außerdem sei festzulegen, wie sich die virtuelle Behandlung im Detail von der ambulanten Form unterscheiden muss.

  • dapd
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