Medizin-Dissertationen Promotion um jeden Preis

Ursula von der Leyen wehrt sich gegen Plagiatsvorwürfe. Sie hat in einem Fach promoviert, das unter Beobachtung steht. Dissertationen in der Medizin werden seit längerem von der Wissenschaftsgemeinde kritisch beäugt.
In keinem anderen Fach promovieren so viele Absolventen wie in der Humanmedizin. Quelle: dpa
Begehrter Doktorhut

In keinem anderen Fach promovieren so viele Absolventen wie in der Humanmedizin.

(Foto: dpa)

BerlinNun also Ursula von der Leyen. Die Bundesverteidigungsministerin reiht sich ein in die mittlerweile recht lange Liste von Politikern, deren Dissertationen ins Visier von Plagiatsjägern geraten sind. Ob sie am Ende Konsequenzen ziehen muss wie ihre nach ähnlichen Vorwürfen zurückgetretenen Ministerkollegen Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan, wird sich erweisen, wenn die Medizinische Hochschule Hannover die Doktorarbeit der Ministerin überprüft hat.

Von der Leyens Pech ist, dass sie in einem Fach promovierte, das unter besonderer Beobachtung von Plagiatsjägern steht. Aus Sicht von Gerhard Dannemann schludern Mediziner bei ihren Doktorarbeiten häufiger als andere Wissenschaftler. „Der Publikationsdruck ist oft extrem hoch“, so der Berliner Juraprofessor, der seine Untersuchungen zu Plagiaten in Promotionen regelmäßig auf der Internetseite VroniPlag Wiki veröffentlicht.

Viele Mediziner seien noch sehr jung und müssten oft unter großem Zeitdruck publizieren, da sie ihre Doktorarbeiten in der Regel während des Studiums verfassen. Auch die Betreuer machten es ihnen mitunter leicht, unsauber zu arbeiten. Doktorvätern mit Dutzenden von Doktoranden fehlt häufig schlicht die Zeit und mitunter auch der Wille, jede Arbeit mit angemessener Gewissenhaftigkeit zu betreuen. Dass von den bislang von VroniPlag beanstandeten Doktorarbeiten mehr als die Hälfte auf die Medizin entfallen, überrascht kaum.

Diese Politiker sollen abgeschrieben haben
Ursula von der Leyen
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Auf der Internetseite der Plagiatsjäger „VroniPlag Wiki“ heißt es, es gebe etliche Regelverstöße in der medizinischen Doktorarbeit Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyens. Die Dissertation von 1990 enthalte „zahlreiche wörtliche und sinngemäße Textübernahmen, die nicht als solche kenntlich gemacht sind“. Von der Leyen sagte: „Den Vorwurf des Plagiats kann ich zurückweisen.“ Die Universität in Hannover hat nun entschieden: Die Verteidigungsministerin behält ihren Doktortitel. Es seien zwar einige Plagiate festgestellt worden, es habe aber keine Täuschungsabsicht vorgelegen.

Anette Schavan
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Nach mehrmonatigen Prüfungen entzog die Uni Düsseldorf am 5. Februar 2014 der damaligen Bundesbildungsministerin den Doktortitel. Vier Tage später trat Schavan als Ministerin zurück. Zugleich rief sie - wie andere betroffene Politiker zuvor auch - gegen den Titelentzug die Justiz an.

Karl-Theodor zu Guttenberg
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Wochenlang beherrschte Anfang 2011 die Plagiatsaffäre um den CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg die Schlagzeilen. Mitte Februar tauchten erste Berichte über Täuschungsvorwürfe im Zusammenhang mit seiner juristischen Doktorarbeit an der  Universität Bayreuth auf. Der damalige Verteidigungsminister wies den Plagiatsvorwurf zunächst als „abstrus“ zurück, kurz darauf sprach er selbst von „gravierenden Fehlern“. Ende Februar erkannte die Uni Bayreuth Guttenberg den Doktortitel ab. Am 1. März trat der bis dahin beliebteste deutsche Politiker zurück. Eine Uni-Kommission kam schließlich im Mai nach dreimonatigen Prüfungen zu dem Schluss, dass Guttenberg vorsätzlich getäuscht hatte. Guttenberg hatte dies immer bestritten.

Veronica Saß
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Auch sie muss auf den „Doktor“ als Beinamen verzichten. Denn die Dissertation von Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß sei voller Plagiate, teilte die Universität Konstanz mit. Der Absolventin der Rechtswissenschaften wird immerhin eine zweifelhafte Ehre zuteil - die Plattform VroniPlag wurde nach ihr benannt. Hier untersucht die Internetgemeinde Dissertationen, die unter Plagiatsverdacht geraten sind.

Jorgo Chatzimarkakis
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Der FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis hatte sich lange gegen die Vorwürfe gewehrt, dass auch seine Dissertation Plagiate enthalte. Nun ist er das jüngste Beispiel eines Politikers, der seinen Doktortitel abgeben muss. Mehr als die Hälfte seiner Arbeit stamme aus aus fremden Federn, ohne dass dies ausreichend gekennzeichnet sei. So begründet die Universität Bonn ihren Beschluss, den Titel abzuerkennen. Chatzimarkakis reagierte frustriert – seiner Darstellung zufolge hatte er immer Quellen genannt, nur „ohne Gänsefüßchen“ zitiert.

Silvana Koch-Mehrin
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Auch die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin stolperte über Plagiatsvorwürfe gegen ihre Doktorarbeit. Mitte Mai trat Koch-Mehrin als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament und als Vizepräsidentin des Parlaments zurück. Gut einen Monat später entzog die Universität Heidelberg ihr den Doktortitel. Die Uni klassifizierte mehr als 120 Stellen als Plagiate. Wie bei Guttenberg hatten auch in ihrem Fall Plagiatsjäger im Internet die Arbeit unter die Lupe genommen. Für Schlagzeilen sorgte Koch-Mehrin zuletzt Ende Juni, als sie erst nach heftiger Kritik ihren Sitz im EU-Forschungsausschuss aufgab.

Margarita Mathiopoulos
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Die Doktorarbeit der Politikprofessorin und FDP-Politikerin stand sogar zweimal auf dem Prüfstand. Die in den 1980er Jahren vorgelegte Arbeit war schon Anfang der 1990er Jahre in die Kritik geraten. Damals waren zwar handwerkliche Mängel festgestellt worden, die aber nicht zur Aberkennung des Doktortitels führten. Im April 2012 sah die Uni Bonn ein „wissenschaftliches Fehlverhalten“ als nachgewiesen an und entzog ihr den Doktortitel. Mathiopoulos ging gegen die Aberkennung ihres Doktortitels in die Berufung, eine rechtskräftige Entscheidung steht noch aus.

Tatsächlich steht die Praxis der Mediziner-Promotionen seit Jahren unter kritischer Beobachtung der Wissenschaftsgemeinde. Von den rund 28.000 erfolgreichen Promotionsprüfungen im vergangenen Jahr entfielen rund 6300 auf den Bereich Humanmedizin. Damit stellen die Mediziner die größte Gruppe unter den Doktortitel-Trägern.

Doch die Qualität vieler Mediziner-Dissertationen, so die Kritik, bleibt deutlich hinter dem zurück, was in anderen Fächern Standard ist. Als „Pro-forma-Forschung“ bezeichnete der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium hierzulande, schon vor einigen Jahren das, was vielfach im Rahmen medizinischer Doktorarbeiten geleistet wird.

Der Begriff umreißt ein Grundproblem des Fachs: Zwar promovieren hierzulande mehr als zwei Drittel aller Mediziner, doch bedeutet der Dr. med. so gut wie nie den Anfang einer Forscherkarriere. Und Arbeiten, die weniger von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn als von der Aussicht auf den karrierefördernden Doktortitel für Praxisschild und Visitenkarte motiviert werden, sind anfälliger für qualitative Defizite – und mitunter eben auch für bewusste Täuschung.

Ungeliebte Türschildforschung
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