Medizintechnik Siemens Healthineers bekommt Probleme mit neuer Diagnostikplattform nicht in den Griff

Das Labordiagnostiksystem Atellica ist der Hoffnungsträger bei Healthineers. Jetzt drosselt der Konzern die Erwartungen, der zuständige Vorstand muss gehen.
Update: 29.07.2019 - 16:02 Uhr Kommentieren
Siemens Healthineers korrigiert Erwartungen an neues Laborsystem Quelle: dpa
Firmenzentrale von Siemens Healthineers

Die steigenden Anlaufkosten für das neue Labordiagnostik-System belastet die Umlaufrendite.

(Foto: dpa)

München Als die Siemens-Medizintechnik vor knapp anderthalb Jahren unter dem Namen Healthineers an die Börse ging, war es ein zentraler Teil des Wachstumsversprechens: Die teuer zusammengekaufte, aber lange Jahre schwächelnde Diagnostiksparte sollte mithilfe der neuen Analyse-Plattform Atellica durchstarten.

Healthineers will viele Tausend Systeme verkaufen – und dann das Geld vor allem mit dem Verkauf von Reagenzien verdienen. Das ist so ähnlich wie das Geschäft mit den Rasierern und den Rasierklingen.

Doch die Einführung der neuen Plattform gestaltet sich schwierig. Im laufenden Geschäftsjahr werde Healthineers wohl nur 1800 Systeme ausliefern statt ursprünglich geplanter 2200 bis 2500, sagte nun Vorstandschef Bernd Montag.

Auch das Ziel von 7000 Installierungen bis 2020 wird wohl nicht zu halten sein. Wegen der Anlaufschwierigkeiten, gerade bei Großkunden ist die Installation aufwendig, stehen die Margen im Konzern unter Druck. Der zuständige Vorstand Michael Reitermann muss gehen.

Die Siemens-Tochter profitiert noch davon, dass es in den anderen Sparten besser läuft. In der Bildgebung ist Healthineers seit Jahrzehnten an der Weltspitze. Auch in der Sparte Advanced Therapies lief es zuletzt gut. In der Summe stieg der Konzernumsatz im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2018/19 (30. September) so um vergleichbar 5,8 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro. Die Prognosen für das Gesamtjahr konnte Montag bestätigen.

Doch sind die Probleme in der Diagnostiksparte gravierend. Der Umsatz legte im dritten Quartal nur um vergleichbar ein Prozent zu, das Ergebnis brach um 28 Prozent auf 76 Millionen Euro ein. Das belastet die Profitabilität des Gesamtunternehmens. Die operative Umsatzrendite von Healthineers sank im Quartal von 16 auf 15,2 Prozent. Im Gesamtjahr wird aber weiterhin eine bereinigte Ergebnismarge von 17,5 bis 18,5 Prozent erwartet.

Montag sagte: „Ich glaube fest an Atellica.“ Man habe das Potenzial, mit der Plattform „mit dem Markt und über dem Markt zu wachsen“. Der Vorstandschef übernimmt nun selbst die Verantwortung für die Diagnostiksparte – und steht damit persönlich unter Druck, rasch Erfolge zu zeigen. „Er muss das jetzt in den Griff bekommen“, hieß es in Aufsichtsratskreisen.

Bei Siemens sei man fest davon überzeugt, dass Atellica als Plattform technologisch alles mitbringe, um sich am Markt durchzusetzen. Allerdings habe sich Montag womöglich selbst unnötig unter Druck gesetzt, indem er beim Börsengang Auslieferungsziele für Atellica kommuniziert habe.

Mehr: In der Medizin wird KI immer breiter eingesetzt. Die Hersteller hoffen auf ein Milliardengeschäft. Doch der Datenschutz bremst die Entwicklung.

Startseite
Serviceangebote