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Pandemie-App Streit bei der Entwicklung von Corona-App – Einführung verzögert sich

Die Corona-Tracing-App kommt später als geplant. Der Grund: Die Entwickler sind sich nicht einig und Fragen um den Datenschutz bleiben weiter offen.
17.04.2020 - 16:06 Uhr Kommentieren
Die Corona-Tracing-App soll verschlüsselt speichern, welche anderen Smartphones sich länger und in kurzer Distanz zum eigenen Smartphone aufgehalten hat. Quelle: dpa
Bahnsteig im Bahnhof Alexanderplatz in Berlin

Die Corona-Tracing-App soll verschlüsselt speichern, welche anderen Smartphones sich länger und in kurzer Distanz zum eigenen Smartphone aufgehalten hat.

(Foto: dpa)

Berlin, Brüssel, Düsseldorf, Zürich Gesundheitsminister Jens Spahn wischt mit einem Satz alle Hoffnungen vom Tisch, dass eine Corona-Tracing-App schon bald weitere Erleichterungen im Alltag bringen könnte: Es dauere „eher vier als zwei Wochen“, bis alle Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet werden könnten, sagte der Gesundheitsminister (CDU) am Freitagmorgen in der Bundespressekonferenz.

Erst dann könne auch die Frage geklärt werden, wie nah Menschen einander gewesen sein und wie viel Zeit sie in dieser Distanz verbracht haben müssen, damit sie von einer Corona-App gewarnt werden. Dabei schienen diese Fragen zum Großteil schon geklärt.

Die Entwickler, die gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut an der Corona-Tracing-App arbeiten, sind auch Teil der europäischen Initiative Pepp-pt. Das Kürzel steht für Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing. Dabei handelt es sich um eine grundlegende Technologie als Basis für Tracing-Apps, die hohen Datenschutz und Datensicherheit garantieren soll. Sie wurde von mehr als 130 Wissenschaftler und IT-Experten entwickelt und bereits Anfang April vorgestellt. Eine App für Deutschland, so hofften Beobachter, könne bereits in dieser Woche vorgestellt werden.

Also warteten viele gespannt auf die Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Spahn und RKI-Präsident Lothar Wieler an diesem Freitag. Doch schon im ARD-Morgenmagazin sagte der CDU-Politiker, damit die App „wirklich gut" sei brauche es eher drei bis vier als zwei Wochen. Viele hofften danach, dass auf der Pressekonferenz zumindest der Prototyp vorgestellt würde, wie einige gemunkelt hatten. Doch auch das passierte nicht.

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    Grund für die Verzögerung sind offenbar Unstimmigkeiten unter den Entwicklern, technische Schwierigkeiten und offene Datenschutzfragen. Schienen sich am Anfang noch alle einig zu sein, wie die App funktionieren soll, gehen die Meinungen mit steigender Anzahl der beteiligten Institute, Experten, Unternehmen und Behörden auseinander. Der Abstimmungsbedarf und damit die mit Diskussionen verbrachte Zeit stieg deutlich.

    Heftige Diskussion unter Entwicklern

    Allein an der Frage, wie die App erkennen soll, dass zum Beispiel eine Fensterscheibe zwischen den Nutzern ist, sollen sieben Organisationen arbeiten: Vodafone, das Dresdner Forschungs-Spin-Off Zigpos, die TU Dresden, das Barkhausen Institut, das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen und das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik.

    Bei einer grundsätzlichen Frage nach dem Umgang mit den Daten war eine heftige Diskussion mit den Kollegen aus der Schweiz entbrannt. Sie endete damit, dass die Schweizer einen anderen Weg gehen. Grundsätzlich ist die Vorgehensweise erst einmal gleich: Die Apps auf Basis der Pepp-pt-Technologie speichern, welche Smartphones längere Zeit in der Nähe des eigenen Geräts waren. Dafür nutzt sie die Funktechnologie Bluetooth.

    Die App kreiert für jeden Nutzer eine Identifikationsnummer, die nur sagt: „Ich gehöre zu dieser App“. Eine Verknüpfung zwischen App und Nutzer gibt es nicht, er gibt dort keine persönlichen Daten ein. Diese ID sendet die App in regelmäßigen Abständen per Bluetooth, ohne einen speziellen Empfänger zu suchen.

    Es ist, als würde sie piepsen, um zu zeigen, dass sie da ist. Nur Smartphones, auf denen die App auch installiert ist, können dieses Piepsen hören, und sie speichern die ID verschlüsselt auf dem Telefon für 21 Tage. Die Nutzer haben darauf keinen Zugriff.

    Soweit sind sich die Schweizer und die deutschen Entwickler einig. Der Streit entbrennt an der Frage, was passiert, wenn ein Nutzer positiv auf das Coronavirus getestet wurde. In Deutschland haben sich die Entwickler nun darauf geeinigt, dass die App die Daten an einen zentralen, nationalen Server schickt. Von dort aus werden Warnungen an alle App-Nutzer versendet, die sich lange genug in der Nähe des Infizierten aufgehalten haben.

    Sorge um Daten

    Der Schweizer Ansatz setzt hingegen auf ein dezentrales Modell: Die App schickt die Daten beim Statuswechsel in „infiziert“ an alle Apps in der Region. Die Daten werden dann auf dem Smartphone selbst analysiert, um zu schauen, ob der Nutzer in Gefahr war oder nicht.

    „Ich halte diesen von den Schweizer Kollegen favorisierten Ansatz für unglücklich“, sagte Gerhard Fettweis, Co-Entwickler und Professor an der TU Dresden. Grund: Das Roaming sei schwerer zu realisieren. Zudem können sich die (US-amerikanischen) Anbieter der Betriebssysteme der Smartphones die Daten bei der lokalen Datenanalyse aneignen. „Ich hätte dabei kein gutes Gefühl, wenn so die US-Regierung dank ihrer Notstandsgesetze womöglich an die Daten deutscher Bürger käme“, so Fettweis.

    Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber sagte dem Handelsblatt, dass sowohl die zentrale als auch die dezentrale Lösung denkbar seien, „wenn die Systeme richtig implementiert werden. Aus Sicht des Datenschutzes birgt der zentrale Ansatz allerdings eine höhere Vulnerabilität.“

    Fast alle Smartphones laufen mit den Betriebssystemen von Apple oder Google, also iOS und Android. Damit eine App auf Basis von Bluetooth überhaupt funktioniert, müssen sie in die Entwicklung der Apps miteingebunden werden. Denn die meisten Smartphones stellen Bluetooth nach einer gewissen Zeit automatisch aus, um Strom zu sparen. Damit würde die App nicht funktionieren, diese Ausschaltfunktion muss also ausgestellt werden können.

    Die beiden Tech-Konzerne entwickeln auch gerade die Schnittstellen, die Pepp-pt und andere Entwickler gerne hätten, damit die Apps mit Android und iOS kompatibel sind und sie bei möglichsten vielen Menschen funktionieren. Sobald sie mit der Entwicklung fertig sind, können staatliche Apps darauf zurückgreifen. Die Tech-Konzerne betonten, sie speicherten keine Daten auf ihren Servern.

    Die deutsche App soll aber eigenständig funktionieren, auch weil Google und Apple wahrscheinlich nicht vor Mitte Mai oder Anfang Juni mit der Entwicklung fertig sind. Die Konzerne arbeiten aber an der deutschen Lösung mit, um das Bluetooth-Problem zu lösen.

    Scharfe Kritik

    Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz zeigte sich über das Vorgehen der Bundesregierung entsetzt. „Mir ist absolut unverständlich, warum die Bundesregierung das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer so leichtfertig verspielt“, sagte der Innenpolitiker dem Handelsblatt.

    „Gerade angesichts der Tatsache, dass wir nun bereits seit etlichen Wochen darauf hinweisen, dass eine solche App ein wichtiger Baustein bei der Bekämpfung der weiteren Ausbreitung von Covid19 sein kann, ist ihr Vorgehen kaum zu verstehen.“ Die ungeklärten Fragen hätte die Bundesregierung längst klären müssen.

    Seine Fraktion habe deswegen für die kommende Woche einen Bericht der Bundesregierung im Innenausschuss zum Stand der App beantragt. Kritik übt von Notz unter anderem am Zeitplan der Regierung und des Robert-Koch-Instituts und spricht von einem „intransparenten Vorgehen“.

    Die Frage, wann die App zu Verfügung stehe, sei weiterhin unbeantwortet, sagte von Notz. Hieß es vor Ostern, man würde die App unmittelbar nach den Feiertagen vorstellen, sei nun plötzlich von Mai die Rede. Auch sei die Frage weiterhin unbeantwortet, welches Modell die Bundesregierung und das RKI hätten entwickeln und testen lassen. Ein „gravierendes Versäumnis“ sei auch, dass der Bundesbeauftragte für den Datenschutz nicht in der Lage sei, die App angemessen zu prüfen.

    Der CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge nennt die Verzögerung der App „ärgerlich“. Selbst im Angesicht einer globalen Pandemie sei die Debatte hierzulande nicht von Chancen für den Gesundheitsschutz getrieben, sondern von Datenschutz-Ängsten. „Auch das hat zu Verzögerungen geführt“, sagte Sorge.

    Bleibe Deutschland weiter so zaghaft, „werden wir hierzulande am Schluss einen perfekten Datenschutz haben – aber im Fall der Fälle eben auch längere Kontaktverbote, Reise- und Ausgangsbeschränkungen“, sagte er. Darüber müsse nach der Corona-Krise diskutiert werden.

    Frage der Transparenz

    Chris Boos, Unternehmer und Co-Entwickler von Pepp-pt, betonte in einer Pressekonferenz am Freitag, die Plattform habe keinen Einfluss darauf, wie schnell nationale Apps eingeführt würden. Sie stelle nur die Basis-Technologie zur Verfügung und sei auch transparent für die Prüfung durch die Behörden.

    Doch eben diese Transparenz ist ein Streitpunkt: Mit Unverständnis reagierte von Notz auf mögliche Pläne von Pepp-pt, sich gegen den dezentralen Ansatz zu entscheiden. Der wesentliche Vorteil dieser Variante sei die „große Transparenz“. So werde beispielsweise der Quellcode offengelegt – „eine zentrale Bedingung“ für das Vertrauen der Nutzer. „Auch daher erscheint die jetzige Entscheidung fragwürdig“, sagte von Notz.

    Wissenschaftler der Zürcher ETH und der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) werfen Pepp-pt mangelnde Transparenz vor – und warnen vor drohenden Mängeln beim Schutz der Nutzerdaten. „Wir wissen einfach nicht, was Pepp-pt da baut“, sagt Kenneth Paterson, Professor für Kryptografie an der Informatikfakultät der ETH. „Das System könnte voller Bugs sein.“

    Paterson fordert, dass die Pepp-pt-Gruppe die technischen Spezifikationen und den Programmcode offenlegt. Nur so könne man sicherstellen, dass das System fehlerfrei sei und es keine Hintertüren gebe, die etwa von Geheimdiensten genutzt werden könnten.

    Er setzt auf die dezentrale Lösung namens DP-3T. Deren Berfpworter befürchten, dass Pepp-pt den dezentralisierten Ansatz der Schweizer nicht weiter verfolgen will. Entsprechende Infos seien klammheimlich von der Webseite der Pepp-pt-Macher genommen worden.

    Kryptografie-Experte Paterson warnt vor den Folgen: „Wenn Pepp-pt den zentralisierten Weg geht, öffnet es die Türe zur Datenschutzhölle“. Mit einer zentralen Lösung könnten Regierungen etwa leicht nachverfolgen, wer sich in der Nähe anderer Nutzer aufgehalten hat.

    „Das ist genau das, was Sicherheitsdienste in vielen Ländern gerne hätten“, sagt Paterson. Mit mehr Offenheit könne das Pepp-pt-Team solche Bedenken ausräumen, so der Kryptografie-Forscher. Aber: „Sie scheinen nicht gewillt oder in der Lage, das zu tun“, so Paterson.

    Boos entschuldigte sich am Freitag dafür, dass ein Link über den dezentralen Ansatz von der Pepp-pt-Seite ohne Erklärung verschwunden sei. Er kündigte zudem an, alle Codes noch am Freitag offen zu legen. Man habe sich nicht gegen den Ansatz entschieden. Im Gegenteil sei es wichtig, dass sich die einzelnen Ländern für eine Lösung entscheiden könnten.

    Datenschützer befürwortet umstrittenes Modell

    Der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar unterstützt die Pläne der Bundesregierung. Der Bund-Länder-Beschluss für eine entsprechende Warn-App sei eine „Grundsatzentscheidung mit Augenmaß“, sagte Caspar dem Handelsblatt. Sie setze auf Anonymität und Freiwilligkeit, statt auf Zwang.

    Er fordert nun den Quellcode der App „zügig“ zu veröffentlichen, damit aus technischer Sicht Transparenz und Vertrauen geschaffen werden könne. Zudem müssten für eine datenschutzrechtliche Bewertung der Anwendung „genauere Informationen über das Konzept“ vorgelegt werden.

    Auch die EU-Kommission hat mittlerweile Position bezogen. Sie dringt darauf, dass die Apps in den einzelnen Staaten interoperabel sind, um auch Kontakte mit Reisenden aus anderen Ländern erfassen zu können. Die Brüsseler Behörde hat dafür mit den EU-Staaten gemeinsame Anforderungen formuliert, die auch die Einhaltung der europäischen Datenschutzregeln garantieren sollen. So soll die Nutzung der Apps freiwillig sein, die Identität der jeweiligen Kontaktpersonen schützen, Bluetooth statt Geolokalisierung nutzen und abgewickelt werden, sobald die Pandemie vorbei ist.

    Acht Staaten hätten sich bereits fest entschieden, für ihre Lösungen die Pepp-pt-Plattform zu nutzen, sagte Boos am Freitag. Neben Deutschland zählten dazu Frankreich, Spanien und Italien. Die meisten beteiligten Länder planten die Einführung der Apps für Ende April oder Anfang Mai. Weitere 40 Länder auch außerhalb Europas interessierten sich für die Technologie.

    Italien testet App

    Im besonders von der Pandemie betroffenen Italien hat das Start-up Blending Spoons in Abstimmung mit den Behörden bereits eine App mit dem Arbeitsnamen „Immuni“ entwickelt. Diese erfasst neben den Kontakten der Nutzer auch anonymisiert deren Angaben zu ihrem Gesundheitszustand. Die App soll nun zunächst in einzelnen Landesteilen getestet werden. Bis Smartphone-Nutzer sie in den App-Stores herunterladen könnten, würden noch wenige Wochen vergehen, sagt Firmengründer Luca Ferrari.

    Mehr: Viele Anbieter wollen eine App zur Eindämmung der Corona-Pandemie bereitstellen. Diese müssen transparent, freiwillig und verhältnismäßig sein.

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