Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis Ein Allzweckschneider für Gene

Sie gelten als heiße Nobelpreis-Kandidatinnen, doch jetzt haben Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna erst einmal einen anderen renommierten Preis abgeräumt – mit einer nicht ganz unproblematischen Entwicklung.
Die Französin gilt als Shootingstar der Wissenschaft. Quelle: ap
Emmanuelle Charpentier

Die Französin gilt als Shootingstar der Wissenschaft.

(Foto: ap)

Frankfurt/Berlin/BraunschweigDas „Time Magazine“ zählte sie 2015 zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt, für das Fachjournal „Science“ war ihre Erfindung der wissenschaftliche Durchbruch des vergangenen Jahres. Nun bekommen Emmanuelle Charpentier (47) und Jennifer A. Doudna (51) den renommierten Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis – für sie eine Auszeichnung unter vielen.

Urkunde und das Preisgeld in Höhe von insgesamt 100 000 Euro werden am 14. März in der Frankfurter Paulskirche überreicht. Ausgezeichnet werden die beiden Frauen für die Entwicklung einer programmierbaren Schere zum Zerteilen von Genen – eine Erfindung, die einige ethische Fragen aufwirft.

Meilensteine der Forschung 2015
Eine Schere für das Erbgut
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Eine Allround-Schere für die Bearbeitung von Genen ist nach Einschätzung des Fachmagazins Science der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2015: Die Crispr genannte Technik ermöglicht es, das Erbgut von Organismen effektiv zu verändern.

Mit Crispr können Forscher Gene ausschalten, defekte durch korrekte DNA-Teile ersetzen oder neue Gensequenzen einfügen. Das einfache und preisgünstige Verfahren ist schon drei Jahre alt. In diesem Jahr hätten nun gleich drei Studien das Potenzial von Crispr verdeutlicht, begründet Science den ersten Platz.

Ein großes Jahr für kleine Planeten
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Gleich zwei Kleinplaneten erhielten in diesem Jahr Besuch von der Erde: Die Sonde Dawn der US-Raumfahrtbehörde Nasa besuchte im März den Zwergplaneten Ceres im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Im Sommer passierte dann die US-Sonde New Horizons den Eiszwerg Pluto (Bild) am Rand unseres Sonnensystems.

Die Sonden schickten Daten und Bilder von Kratern, Gebirgsketten, Eisbergen – eine Fülle von Material, dessen Auswertung noch Jahre dauern dürfte.  

Ein früher Vorfahr der Indianer
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Eine Genanalyse hat in diesem Jahr die Herkunft des etwa 8500 Jahre alten „Kennewick-Mannes“ geklärt, dessen Überreste vor beinahe 20 Jahren im US-Bundesstaat Washington gefunden wurden: Er ist tatsächlich eng mit amerikanischen Ureinwohnern im Fundgebiet verwandt. Seit der Entdeckung im Jahr 1996 streiten Indianer der Region und Wissenschaftler um das Skelett - letztere wollen es erforschen, erstere sehen darin einen Urahnen und wollen ihn rituell bestatten.

Doppelcheck für Psycho-Studien
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Psychologen setzten 2015 zur Ehrenrettung ihres Faches an. Weil sich seit 2011 zahlreiche psychologische Studien als fehlerhaft und nicht reproduzierbar erwiesen hatten, überprüften 270 Psychologen insgesamt 100 Studien. Nur 39 Prozent bestanden den Doppelcheck.

Künftig soll nun ein neuer, verbindlicher Kanon zum Studienablauf solche Schwächen verhindern. Hauptautor Brian Nosek (Bild) gründete mit Kollegen das Center for Open Science, das weitere Forschungsergebnisse prüfen soll.

Foto: Nature

Ein neuer Verwandter des modernen Menschen
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In einem verwinkelten Höhlensystem in Südafrika entdecken Forscher Hunderte Knochenteile einer bisher unbekannten Menschenart. Der zierliche Homo naledi (Sternen-Mensch) hatte lange Beine und Füße, die denen heutiger Menschen ähneln, aber ein nur orangengroßes Gehirn und stark gebogene Finger - vermutlich zum Klettern. Sein genaues Alter ist noch unklar.

Feuer aus der Tiefe des Erdmantels
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Seit Jahrzehnten streiten Geologen darüber, ob große Magmakammern, Plumes genannt, tatsächlich 3000 Kilometer tief ins Erdinnere hinabreichen oder von Reservoirs näher an der Erdoberfläche befüllt werden. Jetzt haben Geophysiker mit Hilfe neuer computergestützter Messtechniken 28 Plumes gefunden, die bis zum Boden des Erdmantels hinabreichen. Sie sind mit bis zu 800 Kilometern dreimal so breit wie zuvor angenommen.

Ebola-Impfstoff
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Die fieberhafte Suche nach Medikamenten und Impfstoffen im Kampf gegen Ebola zeigte 2015 einen Erfolg: Ein Impfstoff, der zumindest in ersten Studien in Guinea zu 75 bis 100 Prozent wirkte. Forscher der Kanadischen Gesundheitsbehörde haben VSV-ZEBOV aus einem ungefährlichen Virus entwickelt, in das sie Ebola-Gene setzten.

Charpentier gilt als Shootingstar der Wissenschaft. Nach Stationen in den USA, Österreich, Schweden und Braunschweig arbeitet die Mikrobiologin seit Oktober 2015 am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. Die US-Amerikanerin Doudna ist Biochemikerin und Professorin an der University of California in Berkeley.

An die Wahl-Berlinerin kommt man nur noch schwer heran. Charpentier lässt sich inzwischen von einer PR-Agentur vertreten, damit ihr die Interviewanfragen aus aller Welt nicht über den Kopf wachsen. In Braunschweig ging das noch: Charpentier kam zum Interview in Jeans, Blazer und Halstuch.

Der Fotograf wollte sie lieber mit Kittel und Bakterienkultur ablichten, aber die Französin weigerte sich. Schließlich sei das Labor nicht ihr typischer Arbeitsplatz. Die Tage, an denen sie selbst Experimente macht, hat sie hinter sich gelassen.

Charmant und witzig ist sie, doch bei ethischen Fragen wird sie schnell sehr ernst. Entschieden lehnte sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa die Anwendung der Genschere bei menschlichen Spermien, Eizellen oder Embryonen ab. „Ich finde das nicht gut. Für mich ist die Frage: Warum? Welchen Zweck hat es, menschliche Keimbahnzellen zu manipulieren?“

In der Tat ist das Werkzeug ethisch nicht unproblematisch. Die Allround-Schere ermöglicht es, das Erbgut sämtlicher Organismen – Bakterien, Tiere, Pflanzen und Menschen – zu verändern. Während zuvor jeweils spezialisierte Werkzeuge kreiert werden mussten, funktioniert das neue Verfahren mit der immer gleichen Schere. Forscher können damit Gene ausschalten, defekte durch korrekte DNA-Teile ersetzen oder neue Gensequenzen einfügen.

Die Konsequenzen sind nicht absehbar
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